Ausgewählter Beitrag

Neun?

Natürlich haben der Mann und ich überlegt, ob wir sie nicht einfach hierher holen können. Auch unter diesem Aspekt beobachte ich sie während der Tage, die wir in der großen Stadt sind.

Schätze ab, wieviel Hilfe sie benötigt. Ob ich das leisten könnte.
Zusätzlich zu den eigenen vier Kindern, den zwei Zusatzkindern, Haus, Garten, Tieren und Ehrenamt.

Ich springe ins kalte Wasser. Ausziehen, anziehen, umziehen, waschen, zur Toilette bringen. Ich habe vorher Youtube-Videos angesehen, wie man das macht. Für irgendwas muss das ja gut sein.
("Die machen Tutorials für ALLES, Mama!", erklärte mir das große Kind professionell und so ist es tatsächlich)

Es ist überschaubar, aber fordernd. Wenn sie aktiv ist, ist sie es im wahrsten Sinne des Wortes. Aufstehen, zum Tisch, auf den Stuhl, einmal essen, trinken, Tabletten, zur Toilette, waschen, wieder zurück. Über das Weltgeschehen diskutieren, über Donald Trump herziehen, die Flüchtlingssituation erörtern, großer Bogen zum zweiten Weltkrieg,  als sie im Februar des letzten Kriegsjahres die Weserbrücken zerbombt haben. Zurück in die Gegenwart und in den Krankenhausalltag.

Wenn sie dann erschöpft ist, dann kippt ein Schalter um, der sie in den Dämmermodus versetzt. Zack. Noch kurz ins Bett, winken, bis später.
Dann gehen das Tochterkind und ich für drei Stunden in die Innenstadt, essen, bummeln und haben Spaß und finden sie beim Ankommen im Krankenhaus genau so, wie wir sie verlassen haben.

Das ginge dann auch nicht mehr.
Wenn sie hier zuhause wäre.
Oma kann nicht alleine bleiben.

Können wir das leisten? Wir haben eine absolut belastende Situation mit den Zusatzkindern hier und sind aus-gelastet. Andererseits läuft für Oma die Zeit. Ich will nicht, dass sie auf Dauer wieder ins Heim zurück muss. Wir würden denselben Zyklus von Depression, Verfall und Aufpäppeln im Krankenhaus doch immer wieder erleben. Alleine leben kann sie auf gar keinen Fall mehr. Zu viel ist vorgefallen.

Der Mann und ich sind ratlos, alle beide.
Auf der einen Seite steht der Kopf, auf der anderen Bauch und Herz.
Wer wird Recht behalten?
Für das Richtige plädiert bei uns keiner mehr.
Das ist letztes Jahr schon schief gegangen.

Jadekompendium 14.02.2017, 09.00

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.











Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Sandra

Ach wer weiß schon wirklich, was wann das Richtige ist? Ich kann ja grundsätzlich meinen Kopf bei schwierigen Entscheidungen nicht Ernst nehmen. Meist höre ich auf Herz und Bauch. Zum Leidwesen des Mannes, der gegensätzlicher nicht sein könnte ;-)

"Deine" Menschen haben eine wundervolle Frau an ihrer Seite...

Alles Liebe
Sandra

vom 19.02.2017, 05.08
1. von Tanja

Ich ziehe den Hut davor, dass Du diese Gedanken überhaupt in Erwägung ziehst - lese ich doch aus Deinen Texten immer wieder heraus, dass es bei euch schon im normalen Alltag mehr als anstrengend zugeht.

Gedankenanstöße:
Unterstützung bei euch zu Hause durch eine externe Pflegekraft, die euch stundenweise entlasten kann. Damit könnt ihr aus dem Haus und es wäre trotzdem jemand da.

Unterbringung in einem Heim in eurer Nähe, so dass ihr viel Zeit mit ihr verbringen könnt (sie ggf. auch tagsüber zu euch holen könnt), aber die Versorgung trotzdem nicht auf euch lastet?

Deine Oma (und der Rest deiner Familie) hat mehr von Dir, wenn Du Zeit für sie hast, die Du mit ihr verbringen kannst ohne dass die Pflege Dich auffrisst.

vom 14.02.2017, 12.08
Einträge ges.: 48
ø pro Tag: 0,1
Kommentare: 55
ø pro Eintrag: 1,1
Online seit dem: 21.04.2016
in Tagen: 490