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Warten

Ich warte.

Ich warte auf die Kinder, dass sie mittags nach Hause kommen, ich warte auf den nächsten Brief von meinem Vater, ich warte auf das Eintreffen der Monatsbestellungen für diese achtköpfige Familie, ich warte, dass mein Körper weiter verheilt, ich warte auf meine langersehnte Schaukel, ich warte abends auf den Mann, ich warte...

In diesem Warten nicht das Agieren zu verlernen, sich nicht nur als Spielball äußerer Umstände zu begreifen ist dieser Tage die wahre Kunst.
Und so schaffe ich mir kleine Inseln in dem Meer von Ereignissen, auf deren Eintreffen ich warte, die dem reinen Selbstzweck dienen.
Dinge, die nur ich lenke, die nur ich bestimme, unabhängig von Zeit und Raum.

Der kleine Braunbär, der einmal ein Hund werden wollte, ist stets an meiner Seite. Beschnüffelt neugierig jedes neue Werkzeug, das ich in die Hand nehme, steht im Weg, setzt sich zu mir, stuppst mich an, lässt sich kraulen, ist Gefährte und Trost gleichermaßen. In der kleinen Pause, die mir noch bleibt, bis die ersten zwei Kinder wieder zuhause eintreffen und ich kochen, abwaschen, Hausaufgaben begleiten, erzählen, erklären und zuhören muss, teilen wir uns ein belegtes Brot.
Mit viel Curryketchup, so wie er es mag und mit viel Salat, so wie ich es mag.

Er spuckt den Salat wieder aus und blickt mich vorwurfsvoll an.
Ich seufze und lasse mich in den Moment fallen.

Ich höre das erste Kind den Weg zum Haus hinauf kommen. Singend.

Was für ein Glück. Was für eine Bürde.

Jadekompendium 09.04.2018, 15.00

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