Der letzte Atemzug

Es ist heute genau 14 Tage her, dass ich wie jeden Morgen in Uromas Zimmer getreten bin und gehorcht habe, ob das "Gute Nacht, Oma, schlaf gut." am Abend zuvor das Letzte gewesen war.

"Einfach einschlafen und sterben!", war immer genau das, was sie wollte.
Und wie jeden Morgen dieser Tage hoffte ich, dass sie es endlich geschafft haben würde.

Heute war der 7. Tag ohne Flüssigkeit.

Sie schnurchte vor sich hin. Wie jeden Morgen.

Ich begann meine Morgenroutine und die Kinder tropften nach und nach ins Erdgeschoss

 "Wie geht es Uroma?", fragten nacheinander 6 Kinder.

- "Unverändert.", war 6 Mal meine Antwort.

Die Tür zu Uromas Zimmer stand inzwischen immer offen, damit wir jede kleinste Äußerung von ihr auch mitbekommen würden.
Den Notfallknopf an ihrem Handgelenk konnte sie schon seit Sonntag nicht mehr drücken, den hatten wir irgendwann abgemacht.

Um 8 Uhr begann es.
Ich hatte schon viel darüber gelesen, konnte mir aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen.

Rasselatmung.

Ich ging hinein und sofort danach entsetzt wieder aus dem Zimmer, weil ich meine eigenen Körperempfindungen kaum unter Kontrolle hatte.
Ich sammelte mich.

Das Geräusch ist kaum zu ertragen. Ich hatte permanent den Drang, mich zu räuspern, zu husten oder einfach nur weit wegzulaufen.
Es war grauenhaft.
Den Kindern ging es ähnlich.
Ich erklärte ihnen, was in Uromas Körper gerade vor sich ging.

Die Kinder räusperten sich permanent und ich sah, wie unwohl den meisten von ihnen war.

Ich erkannte recht schnell, dass sich die Fähigkeit, an Uromas Seite zu bleiben, nach ihrer Empathiefähigkeit sortierte.
Der sensible Kobold, der ohnehin über viel zu viele Spiegelneuronen verfügt, flüchtete panisch aus dem Zimmer und ich hörte ihn auch zwei Stockwerke weiter oben noch krächzen und husten.

Misstrauisch verbrachte er die nächsten Stunden im ersten Obergeschoss und fragte nur noch vom Treppenabsatz aus, ob "Oma noch so komisch atmen würde".

Der egozentrische kleine Tuk dagegen piekte Oma wie immer in die Seite und befühlte Temperatur und Konsistenz ihrer Hände. "Gutn Moaaaagn, Uaoma!". krähte er und für ihn war alles wie immer.

Es war aber nicht wie immer.

Wir begleiteten nun schon seit einer Woche das Sterben.
Der Tod war schon da.
Es würde nur noch Stunden dauern, bis er sie mitnehmen würde.

Wir waren bereit.
Lange Tage schon.
Wir hatten geweint, wir hatten getrauert, geklagt, gebeten.

Meine Tränen waren versiegt.

"Heute ist Freitag, der 4. August, Oma. Morgen wird Papa 70. Morgen."

Sie schlägt die Augen auf. Wie immer, wenn ich von ihrem Sohn redete. Mir tut es weh. Ganz elementar weh. Da ist so viel Hoffnung, so viel Sehnsucht.

"Es geht ihm gut. Er wird aber nicht hierherkommen. Du darfst gehen, Oma. Du darfst ruhig gehen. Hier ist alles in Ordnung."

Ich weiß nicht, ob sie mich hört. Sie hebt die Arme.
Atmet ruckartig ein.
Und nicht wieder aus.
Ich sehe ihre Halsschlagader pochen. Schnell. Endlose Sekunden vergehen.
Dann atmet sie wieder aus. Rasselnd.
Ich muss mich zusammenreißen, um das zu ertragen.

Der Arzt ruft wieder an.
Wie jeden Tag der vergangenen Woche.
Er erkundigt sich nach ihr, fragt, ob wir ihn brauchen, ob er etwas tun kann.
Ich verneine und schildere kurz ihre Symptome.
"Sie halten sich gut.", sagt er noch zum Abschied.

Am späten Vormittg wird Oma unruhig.

Die Atmung wird unregelmäßiger und ich hole die Kinder alle wieder runter.
Dem Mann schicke ich eine Nachricht und er packt auf der Arbeit zusammen und kommt nach Hause.

"Uroma stirbt jetzt bald.", sage ich und die Kinder stehen alle an ihrem Bett.
Ich erkläre ein weiteres Mal, dass wir nicht wissen, welcher Teil des Körpers zuerst aufhören wird zu funktionieren.
Vielleicht die Atmung.
Vielleicht auch das Herz.
Wir wissen es nicht.
Die Rasselatmung wird deutlich leiser.

Stattdessen schnappt Oma nur noch sachte nach Luft und atmet dann wieder aus.

Das Herz galoppiert an ihrem Hals wie verrückt.

Die Kinder fragen noch einmal nach, ob sie Schmerzen haben könnte, das ist ihnen das Wichtigste zu wissen.
Ich verneine.

Zeige noch einmal auf die hochdosierten Fentanyl-Pflaster auf Omas Arm, erkläre, dass sie heute Morgen erst wieder ganz viel Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat und dass sie überhaupt keine Schmerzen hat.

Ich kann nur zu Gott beten, dass das auch stimmt.

Es ist 11 Uhr.
Der Mann ist endlich da.

Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich
Das große Zusatzkind weint.
Ganz schrecklich.
Ich weiß, dass sie hier gerade heilt.
Sie, die letztes Jahr von ihrer sterbenden Mutter weggehalten wurde und nun das erste Mal in ihrem Leben dem Tod in die Augen sehen darf.

Der Kobold flüstert leise: "Gute Reise, Uroma!"

Das Mottenkind bittet mich, die Fenster weit aufzumachen, damit Uromas Seele gut in den Himmel aufsteigen kann.
Ich erfülle ihr diesen Wunsch.
Wir öffnen im gesamten Erdgeschoss die Fenster und Türen.
Frische Luft weht durch das Zimmer und für einen Moment ist es ganz still.

"Tschüss, Uaomma!", kräht der kleine Tuk und streichelt ihre Hand.

Das große Zusatzkind ist erschöpft und möchte sich einen Moment zurückziehen.
Ich nicke und lächle ihr zu.
"Es ist alles gut.", flüstere ich. Sie nickt.

Die anderen Kinder ziehen sich ebenfalls stumm aus dem Zimmer zurück.
Leise gehen sie nach oben.

Nur das große Tochterkind bleibt dicht an meiner Seite.
Sie hat bislang nichts gesagt.
Keinen Ton.
Der Mann, sie und ich sitzen, stehen an Omas Seite.
Es ist gleich viertel nach 11 Uhr.

Omas Atmung setzt aus.
Wir beobachten die Halsschlagader.
Sie pulsiert.
Langsamer.
Nach einer Minute wieder Atmung.
Mir laufen die Tränen über das Gesicht.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann das alles nicht mehr ertragen.

"Wir sind hier, Oma. Wir sind hier bei dir. Es ist alles gut."
Mit letzter Kraft verlassen die Worte meinen Mund.

"Du darfst gehen, Oma.", sagt der Mann leise. "Machs gut!"

Die Atmung setzt wieder aus. Ich warte. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt.

Das Tochterkind weint leise. "Gute Reise, Uroma."

Wir blicken auf die pulsierende Halsschlagader.

Noch ein Herzschlag.

Noch einer.

Ruhe.

Ich schlinge die Arme um meine Tochter. Wir alle weinen.

Ein kräftiger Windstoß weht durch das Zimmer und die Bäume vor dem Haus rascheln.

Gute Reise, Oma.

Jadekompendium 18.08.2017, 11.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Einäscherung mal anders

"Was meinsu mit: Der Gestatter nimmt Uroma gleich mit, Mami?"

Der närrische kleine Tuk steht wie ein Häufchen Elend vor mir und sieht mich entsetzt an.

Ich bin verwirrt.
"Der Bestatter kommt gleich mit starken Männern und dann packen sie Uroma ein und nehmen sie mit zum Krematorium.
Uroma muss ja auch beerdigt werden. Wir können sie nicht noch länger hierbehalten."


Ich sehe Unverständnis auf seinem Gesicht und merke, dass ich den Kernpunkt seiner Frage anscheinend nicht begriffen habe.

"Aber... Aber..!" Tränen stehen in seinen Augen.

"Butzemann. Was ist denn los?"

"Aber Uroma will doch verbrannt werden!", bricht es aus ihm heraus. Er schluchzt.

Ich sehe ihn verständnislos an.

"Ja. Deswegen kommt ja auch der Bestatter. Im Krematorium kann Uroma dann verbrannt werden."

Er wirft sich verzweifelt in meine Arme und weint.

"Aber... Ich dachte, das könnten wir hier im Garten machen!"

Jadekompendium 10.08.2017, 12.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Zeit hat sich verändert, seit Uroma tot ist.

Sie vergeht nur noch langsam und sie scheint keine Eile mehr zu kennen.

Ich stehe morgens auf und muss mich nicht wappnen gegen das, was ich gleich hören, sehen und riechen werde.
Ich stehe dort, am Fuße der Treppe und lausche in die Stille.

Was kann ich tun?

Was will ich tun?

Eine Frage, die ich mir schon lange nicht mehr gestellt habe.

Was muss ich tun?

Die Frage ist schon vertrauter.

Die Uhr, die seit einigen Tagen wieder an ihrem angestammten Platz hängt, tickt.
Langsam.

Kinder toben an mir vorbei.

"Wir machen uns selber Frühstück!", kreischen sie.
"Mit viel Nutella!!", kräht das kleinste Kind.

Ich spüre, wie das "Pscht, Uroma schläft noch." meinen Hals hinaufkriecht.
Und spüre, wie das schlechte Gewissen hochploppt wie ein Springkastenteufel.
Wie jeden Tag der letzten fünf Monate.

Nichts von beidem hat noch Relevanz.
Uroma schläft für immer und die Kinder können so laut sein wie sie wollen.

Meine Schultern senken sich wieder und ich atme aus.
Die Uhr tickt.

Was muss ich jetzt tun?

Toilettenstuhl, waschen, Windelhose wechseln, saubermachen, umlagern, Essen vorbereiten, pürieren, kochen, dreimal in die Küche zurückbringen, weil es nicht das Richtige ist, von A nach B hetzen, dazwischen noch Termine für 8 weitere Familienmitglieder koordinieren, umlagern, Tabletten vorbereiten, füttern, Trinken anreichen, saubermachen, Bettwäsche wechseln, Kinder ermahnen, umlagern, saubermachen, alles desinfizieren, saugen, putzen, Wäscheberge waschen, putzen, umlagern, Essen machen, sich anmeckern lassen, sich hilflos fühlen, wütend werden, Wut runterschucken, die Ungeduld spüren, umlagern, saubermachen, putzen, Essen machen, saubermachen, aufräumen, saubermachen, Essen machen, saubermachen, umlagern, weinen, warten, dass der Mann abends nach Hause kommt, zusammenklappen, weinen, ins Bett fallen, zu wenig schlafen und fünf Stunden später das Ganze von Vorne.

Ich atme wieder ein.

Was muss ich jetzt tun?

Nichts.

Ich lächle.

Jadekompendium 09.08.2017, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Chaotenkinder

Die beiden chaotischen Mittelkinder prügeln sich durch den Garten.

Natürlich erst, nachdem sie die letzten 10 Minuten damit verbracht haben, sich über die Regeln zu streiten.

Soweit ich erkennen kann, haben sie sich geeinigt und gehen nun mit vollem Körpereinsatz aufeinander los.
Ich sitze mit dem großen Tochterkind auf der Terrasse und betrachte das Schauspiel.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, liegt neben mir und fiept aufgeregt, wird aber von mir angeranzt, dass er liegenbleiben muss.
Ich weiß nur zu gut, wohin es führen würde, wenn jetzt auch noch 40 Kilogramm Muskeln mit Reißzähnen in das Geschehen eingreifen würden.

Der Kobold hat einen enormen Reichweitenvorteil durch seine langen Gliedmaßen.
Er ist untergewichtig, besteht aber nur aus Muskelmasse.
An Schnelligkeit und Wendigkeit ist er ihr weit überlegen.

Die Kriegerprinzessin ist fast so groß wie er, wiegt aber über 10 Kilogramm mehr.
Sie hat Masse und kann sie einsetzen.

An Kraft sind die beiden sich ebenbürtig.

Er kann Seine zwar besser und gezielter einsetzen, nimmt aber auch immer noch Rücksicht auf die vermeintlich kleine Schwester.
Ich habe selber schon mit ihm gerungen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn er mit voller Kraft dabei ist.
Er ist im Moment zwar noch etwas kleiner als ich, aber da muss ich langsam an den Mann abgeben, weil ich ihm kein guter Trainingspartner mehr bin.

Die Kriegerprinzessin nutzt den Vorteil, den sie durch seine Rücksicht hat, hemmungslos aus.
Ich sehe, wie sie ihn zu Boden gedrückt, ihm die Arme auf den Rücken gedreht hat und verschwitzt und mit völlig zerzausten hüftlangen Haaren lautes Triumphgeheul anstimmt.
Der Hund winselt leise vor sich hin.

Der Kobold keucht und flucht und dreht sich aus ihrer Umklammerung.
Kaum, dass er seine Arme befreit hat, stemmt er sich hoch und steht langsam auf.
Mit ihr auf dem Rücken.
Sie kreischt empört und schlägt von oben auf ihn ein.

"Motte!"
, ermahnt er sie sachte. "Keine Schläge auf Kopf oder Hals!"

Ich grinse.
Regeln sind nun mal Regeln.

Sie schäumt vor Wut, umklammert ihn und lässt sich mit ganzem Gewicht nach hinten fallen.
Beide stürzen zu Boden, beide keuchen auf.
Ein Knäuel aus Gliedmaßen und Haaren rollt über den Rasen und ab und an jault einer der beiden schmerzerfüllt.
Wir haben mal wieder einen Punkt erreicht, an dem keiner der beiden Sturköpfe nachgeben kann.

Das große Tochterkind und ich sind mit unserem Frühstück auf der Terrasse fast fertig und unterhalten uns leise.
"Da heult gleich einer!", stellt sie fachmännisch fest.
Ich nicke.

"So!", rufe ich laut, "Wer räumt mir denn jetzt mal die Geschirrspüle aus?"

Beide drehen den Kopf in meine Richtung.
Sehen sich kurz an und verdrehen die Augen.
"Muss das sein?"

Ich nicke bestimmt.

Beide humpeln murrend ins Badezimmer um sich zu waschen.
Als sie wiederkommen, haben sie sich geeinigt, dass Einer die Unter- und Einer die Oberetage ausräumt.

Die Kriegerprinzessin verkündet lautstark, wieviel Glück der Kobold hätte, dass sie jetzt die Geschirrspüle ausräumen müssten.
Sie hätte sonst bestimmt gewonnen.
Ich lächle milde.
Als sie fertig sind, schmust der Kobold kurz an mir vorbei und flüstert in mein Ohr: "Danke, dass du die Motte gerettet hast. Ich hätte sie ja sonst besiegt. Und dann hätte sie wieder geweint."
Ich muss mir mein Schmunzeln verkneifen und nicke ernsthaft.

Als die beiden lautstark zwei Etagen nach oben turnen, um irgendein neues Projekt zu starten, sieht das große Tochterkind mich grinsend an.

"Du Fuchs!"

Jadekompendium 08.08.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Gelähmt

Wir warten.

Die Wartezeit wird abwechselnd in stoischer Gelassenheit, Wut, Zweifel, Geduld und Verzweiflung begangen.

Es schmerzt, nichts tun zu können.
Es ist unerträglich, auf den Tod zu warten.
Einfach nur zu warten.

Die Marschrichtung ist klar.
Mit jeder Minute, die verstreicht, weicht mehr Leben aus ihr, doch sie ist zäh.

Sie schläft. Meistens.

Manchmal macht sie die Augen auf und blickt mich an.
Aber sie sagt nichts.
Sie reagiert nicht auf meine Bitte um ein Zeichen.
Ein Händedruck, ein Blinzeln, irgendetwas.

Ich bin wütend.
Auf eine Sterbende.

"Papa wird nicht kommen."
, habe ich ihr vor einigen Tagen weinend gesagt.
Denn das wird er nicht.
Nicht für mich und nicht für sie.
Weil er weder mich noch sie jemals geliebt hat.
Ich habe das irgendwann vor Jahren begriffen.
Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben.

Ich bin so wütend.
Auf ihn, auf sie, auf diese Kackwelt.

Sie hat gesummt.
So wie früher, wenn sie es besser wusste.

Ich möchte sie anschreien, wie sie da liegt und so weit weg ist.
Jede Flüssigkeit verweigert, jede Kommunikation, jede Antwort.
Sie will nicht mehr auf dieser Welt sein und ich akzeptiere das.

Aber wir - wir sind noch hier.
Und wir können ihr Sterben weder beschleunigen noch verschönern.
Nur aushalten.

Ich habe mir das anders vorgestellt.

Sie vermutlich auch.

Jadekompendium 03.08.2017, 10.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Sterbewache

Ich bin unruhig.

Ich wasche Uromas Wäsche, was angesichts der Umstände völlig bescheuert ist.
Aber so wichtig für mich.
Ich räume auf, ich sortiere ihre Wäsche in den Schrank - ich habe das Gefühl, so wenigstens irgendetwas unter Kontrolle zu haben.

Um 1 Uhr nachts das letzte Horchen auf ihre Atemzüge, um 6 Uhr morgens das erste.
Sie atmet noch. Anders als gestern, anders als vorgestern.

Wir halten Sterbewache.
Abwechselnd.

Die Kinder suchen sich 5 oder 10 oder 15 Minuten aus und sitzen an ihrem Bett.
Ab und zu setzt die Atmung aus, dann geht es wieder weiter.

Es ist absehbar.
Aber ob wir noch 2 Stunden oder noch einen weiteren Tag wachen, das weiß nur der Tod.

Ich sitze an ihrem Bett, wenn die Kinder ihre Wachen beendet haben.
Ich wünschte, sie würde noch sprechen.
Ich bräuchte das noch.
So dringend.
Aber so bleibt nur, ihr zu versichern, dass wir da sind.

Und wenn ich wieder eine Pause brauche, gehen wir alle aus dem Zimmer.
Es muss auch der Raum und die Zeit da sein, wenn sie alleine sterben möchte.
Wir wissen es nicht.
Wir werden es sehen.
So lange wachen wir gemeinsam.

Gleich bin ich wieder dran.

Jadekompendium 01.08.2017, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Agonie

Ich bin wach.

Deutlich vor meiner Zeit bin ich wach.

Ich betrete leise ihr Zimmer.
Das erste, das mir auffällt, ist der Geruch.
Dem Hund auch.
Leise jaulend steht er in der Tür und fiept mich an.
Er dreht sich um und flüchtet.

Es riecht... süß. Und faulig.
Es ist eine einmalige Kombination, und ich kenne sie.

Uroma schnurchelt leise vor sich hin.
Schnelle Atemzüge.
Augen, Schläfen und Wangen sind eingefallen, die Gesichtshaut fahl.
Aber sie sieht friedlich aus.

Ich lasse sie noch einen Moment schlafen.
Oder wird es mehr als ein Moment sein?

Ein Todeskampf ist das nicht.

Für heute Morgen wünsche ich uns Ruhe.
Einfach nur Ruhe.

Worauf wartet er?
Oder wartet sie?

Jadekompendium 31.07.2017, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

gebären [Warten auf den Tod]

Wir warten.

Er ist schon hier. So greifbar, so spürbar. Überall.
In jeder Bewegung, in jedem Moment, in jedem Atemzug.

Sie keucht mehr als das sie atmet.
Von Zeit zu Zeit gehen die Augen auf.

"Wasser, Uroma?"

Nein. Die Bewegung ist kaum wahrnehmbar.
Aber es ist ein Kopfschütteln.
Sie ist klar in diesen Momenten.
Sie weiß, wohin der Weg führt und sie muss ihn nicht einmal mehr gehen.
Nur warten.

Er sieht uns zu.

Heute Nacht, als ich um halb 2 Uhr in ihr Zimmer geschlichen bin, um zu sehen, ob sie noch atmet, habe ich ihn spüren können.

Nicht kalt, nicht erschreckend.
Nur dort.
So wie er auch während meiner Geburten spürbar war.
Leben und Tod gehören untrennbar zusammen.

Er steht an ihrem Bett und wartet.
So wie wir warten.
Und sie.

Die Kinder gehen abwechselnd in ihr Zimmer.
Das Zusatzkind, das der eigenen Mutter letztes Jahr beim Sterben nicht zusehen durfte, holt hier nach, was ihre Seele braucht.
Heilung.
Sie erzählt. Von Gott und der Welt.
Hält ihre Hand und weint.
So kostbar, diese Tränen.

Das große Tochterkind bricht seinen Urlaub ab und wird gleich mit seinem Vater und der Stiefmutter hier sein.
Und mit uns warten.

Die kleinen Kinder streicheln Uroma, gehen um ihr Bett und horchen auf ihre Atmung.
Horchen auf ihren Herzschlag.
Begreifen den Tod ohne es zu wissen.

Wir warten. Gemeinsam.

Jadekompendium 30.07.2017, 14.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Mein freier Tag

Die drei Chaoskinder sind momentan über Tag alleine mit mir und Uroma zuhause und haben sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Meinen freien Tag.

Nach 15 Jahren Mutterschaft gibt es nur zwei Sachen, die alle meine Alarmglocken gleichzeitig klingeln lassen: Wenn "nichts passiert!!!" ist und wenn ich "nichts machen muss".

Ich bekomme also von dem 11jährigen Kobold, der 9jährigen Kriegerprinzessin und vom 5jährigen närrischen kleinen Tuk eine Liste mit Fragen vorgelegt, in der ich alles eintragen soll, was ich essen und trinken möchte und was getan werden muss.

"Abba nicht Uroma den Popo saubermachen!", kräht das kleinste Chaoskind und ich nicke ernst. "Abba sonst alles!"

Alle 10 Tiere versorgen, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot machen, saugen und aufräumen und die Geschirrspüle aus- und einräumen.
Donnerwetter.
Die Drei hatten einen Plan.

Bislang kannte ich nur halbherzige Bekenntnisse und verschmierte Dinge, die in meinem Bett ausgekippt wurden, weil "alle Mamis lieben Frühstück im Bett, Mami!".
Aber sie hatten sich wirklich Gedanken gemacht.
Einschließlich des Punktes: Mama darf in Ruhe frühstücken wo sie will.

Ich greife mir einen Kugelschreiber und grinse. Das könnte gut werden.

"Und ich darf den ganzen Tag machen, was ich will?"

Drei Köpfe nicken.

"Also - außer, es ist was mit Uroma. Dann kannst du natürlich nicht im Bett liegen oder so."

"Na klar.", sage ich.

Ich fülle das Formular gewissenhaft aus und freue mich ein wenig.

Der freie Tag bricht an und ich falle in der Morgendämmerung erst einmal von Omas Notrufklingel aus dem Bett.

Aber gut, dann ist der freie Tag ja umso länger. Auch nicht schlecht.

Die drei Chaoskinder stehen fertig angezogen und gewaschen mit Leergut und Einkaufstüten und einem Portemonnaie vor mir, als wir aufbrechen wollen.
Der Kobold hakt die Checkliste ab und fragt mit strenger Stimme seine kleinen Geschwister ab:
Leergut? Check.
Tüten? Check.
Geld? Ich reiche lächelnd einen großen Schein in die Runde. Check.
Einkaufszettel? Check.

Wir fahren in unseren Lieblingssupermarkt und ich übe mich in Vertrauen, als ich die Drei völlig planlos durch die Gänge schliddern sehe.
Wir sind dort natürlich sehr bekannt und mir geht das Herz auf, als ich sehe, dass sie sich ordentlich an die Mitarbeiter wenden, wenn sie Hilfe brauchen.

Ich beschließe, noch ein Stück weiter loszulassen.
Ich kaufe mir ein paar Pflanzen, die es heute im Angebot gibt, lasse an der Kasse noch kurz die Information zurück, dass ich heute einen freien Tag hätte und die drei Kleinen gleich allein an die Kasse kommen würden und ich draußen im Auto warten würde, wenn was wäre. Gluckengefühle.

Die Kassiererin lächelt warm und winkt dem kleinsten Kind zu, das gerade mit einer großen Packung Eiscreme an der Kasse vorbeieilt und den Namen des großen Bruders ruft.
"Ihre Kinder sind so wunderbar."
Ich nicke. Ja, das sind sie.

20 Minuten später kommen die Drei endlich aus der Tür und schieben stolz ihren Einkaufswagen zum Kofferraum.
"Wir haben alles bekommen!"

Mir wird ein Berliner und ein heißer Kakao gereicht und bedeutet, ich könne ruhig auf dem Fahrersitz sitzenbleiben und mein Hörbuch weiterhören, während sie einpacken.

Große Liebe.

[geschrieben beim Brunch am Computer mit einem Laugenbrötchen mit Mayonnaise (sehr viel) und Käse (zu wenig), einer Flasche Wasser, weil sie das falsche Getränk gekauft haben und einem weiteren Berliner. Mit Musik und fast ungestört bis auf einen Notfall, als der Hund fast einen halben Liter Cola getrunken hätte und viermal Notfallklingel zwischendurch von Uroma, weil sie immer noch nicht gestorben ist. Läuft.]

Jadekompendium 28.07.2017, 18.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Zerfaserung

Es sind Sommerferien.

Ich erhole mich langsam von meinem Schwindel von vor drei Wochen und arbeite an der Stressreduktion.

Es ist 7 Uhr morgens.

Die Notfallklingel klingelt. Laut.

Ich falle aus dem Bett und hetze zum Empfänger, um ihn auszuschalten, bevor die Ferienkinder davon wach werden.

T-Shirt an, Hose an, bei Uroma rein.
Mit Lächeln auf dem Gesicht.
Es fällt an vielen Tagen inzwischen schwer, aber das muss außer mir ja niemand wissen.

"Guten Morgen, was kann ich für dich tun?"

- "Weiß ich nicht."


Gesicht zur Wand gedreht, mehr ein Krächzen als ein Flüstern.
Augen zu.

Es ist wieder einer dieser Tage.

Vor genau einem Monat hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert.
Seit drei Jahren wartete sie auf diesen Tag, weil mein Vater hoch und heilig versprochen hat, er würde sie dann noch einmal besuchen kommen.
Er kam nicht.

Zwei Tage später wurde sie bettlägrig.
Eine Woche später war der Arzt da.
Höhere Medikamentendosierung, Mobilisierung, Physiotherapie, Ergotherapie, weiß der Kuckuck was noch alles.
Verweigerung auf ganzer Linie.
Verweigerung bei der Körperpflege, Verweigerung bei der Lagerung, passive Aggression.
Jeden Tag ein bisschen weniger.
Eine, zwei, drei, vier Wochen.
Nahrungsverweigerung.
Und dann schließlich: Medikamentenverweigerung.

Unser Hausarzt befragt sie und erklärt ihr die Konsequenzen.
Wir klären die rechtliche Lage, die persönliche, die emotionale.
Freier Wille. Ihre Entscheidung.
Und ja, wir begleiten das..

Hier stehen wir nun und sehen dem Verfall zu.
Im Hinterkopf fragt mich eine müde Stimme, warum ich jetzt aufstehen musste.

Ich straffe die Schultern und lächle.

Wie jeden Morgen.

"Oma, du hast gerade geklingelt. Was können wir denn mal für dich machen?"


Schulterzucken. "Will sterben."

"Ja, ich weiß."
, antworte ich.

Sie schweigt.

Wie jeden Tag.

Jadekompendium 27.07.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Mein geliebter Held,

als ich noch klein war, da hast du immer gesagt:

"Wenn Oma mal tot ist und ich ganz alt bin, dann komme ich zu dir. Du kümmerst dich dann um mich."


Und ich sagte jedesmal: "Na klar. Aber jetzt bist du ja noch fit!"

Dann nicktest du und deine großen Pranken schlossen sich wieder sanft um mich.

Jetzt ist 30 Jahre später, Opa.

Du hast dein Versprechen gebrochen.
Du hast gesagt, du stirbst nicht, bevor ich nicht bereit dafür bin.
Und du bist als erstes gestorben.

Oma wohnt jetzt hier.

Als wir vor fünf Monaten die Entscheidung getroffen haben, sie zum Sterben zu uns zu holen, da war es auch der Tribut an dich, der mir diesen Weg so leicht machte.

Ich glaube nicht, dass du Oma allein lassen wolltest.
Aber du bist eben auch schon 8 Jahre tot.

Also beschloss ich, dass ich nun für sie da sein würde.

Sie lag in den letzten Zügen. Hat sich verabschiedet.
Und ja, ihre letzten Tage sollte sie nicht in diesem tristen Heimzimmer verbringen, in dem sie seit einigen Jahren lebte und seit Ende letzten Jahres nur noch vor sich hinvegetierte.
Eine Begleitung auf den letzten Metern. Absehbar.

Das ist nun vier Monate her und ich weiß inzwischen gar nicht so recht, wer hier mit uns lebt.

Es ist nicht die Oma, die ich von früher kenne.
Es ist auch nicht die Oma, mit der du verheiratet warst.
Der wir beide so viele Schandtaten beichten mussten, die meine Kindheit so bunt gemacht haben.

Ich unterhalte mich manchmal mit ihr über dich, aber es scheint, als hätten wir nicht denselben Menschen gekannt.
Als wäre nur ich da, die dich so abgöttisch geliebt hat.
Sie hat es nicht getan.
Wenn sie über dich spricht, zerreißt es mir mein Herz. Das bist nicht du.
Den Mann, der du für mich warst, den kennt sie nicht.

Es ist gerade schwer für mich.

Jadekompendium 15.07.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Zeugnistag

Letzter Schultag, Zeugnistag.

Die Zeugnisgeschenke sind verpackt und liegen hier.
Nicht für gute Noten, sondern für die täglich absolvierte Arbeit.

Für Pflichtbewusstsein und die Fähigkeit, auch mal an bescheuerten Tagen und ohne viel Lust den Schulalltag absolviert zu haben.

Kind6 mault ununterbrochen, dass es ja nun eigentlich schon ein Schulkind sei und mokiert, noch kein Zeugnis bekommen zu haben.
Dabei fällt mir ein, dass ich ihn mal dazu zwingen sollte, mit mir endlich mal Schulranzen begutachten zu fahren...

Das Zeugnis von Kind5 habe ich schon vor einigen Tagen gesehen, es ist und bleibt wie erwartet ein absoluter Überflieger.
Kann alles, weiß alles, ist beliebt, hat Freunde, hilft und lebt den jähzornigen Dickkopf anscheinend nur hier zuhause in schöner Regelmäßigkeit aus.
Genie und Wahnsinn und so.
Sie ist ein Kind, das sich gerade in Tiere so gut einfühlen kann, dass mir manchmal vor Ehrfurcht die Luft wegbleibt. Das bezieht sich zwar weniger auf den Chaosbruder, aber auf alle anderen Wesen. Sie kann mit bissigen Pferden so gut umgehen wie mit Hasen, Hunden, Katzen, sammelt grundsätzlich jedes noch so zerfledderte Tier ein und hat große Fortschritte darin gemacht, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren.

Kind4 hat sein erstes Jahr auf der weiterführenden Schule gut überstanden und mein Sorgenbaby hat es geschafft, vom schulehassenden MotzKobold zu einem in sich ruhenden sensiblen Fast-Teenager zu reifen, der viele gute Freunde hat (die hier mitunter fast wohnen) und der auch in der Schule gut mitkommt. Mal gibt es eine Fünf, mal gibt es Einsen, im Normalfall pendelt er zwischen guter und befriedigender Leistung.
Er behauptet sich auf dem Schulhof auch gegen große Fieslinge und stellt sich aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch vor seine Freunde.
Er ist großartig. Hochsensibel und endlich in seiner Mitte.

Kind3 - Zusatzkind2 - wird auch hier wieder versuchen, nicht aus der Masse hevorzustechen.
Ich erwarte viele Dreien und Vieren und keine besonderen Bemerkungen.
Er ist einer von Vielen und möchte auch nichts Besonderes sein.
Darauf wurde er in seinem früheren Leben programmiert und daran arbeiten wir mit der Familientherapeutin.
An Interesse, Gefühl und dem Gespür für das eigene Ich. Der Weg ist noch lang.

Kind2 - meine strahlende Erstgeborene und Dramaqueen, Giftbeere und Kronprinzessin - ihr Zeugnis wird sie wiederspiegeln.
Einsen, wo ihr Interesse brennt, Dreien, wo sie keine Lust hat.
Und endlich eine Oberstufenschülerin.
Sie besucht eine Schule, deren Anspruch hoch ist und ich bin sehr zuversichtlich, dass sie die letzte Strecke zum Abitur mit Bravour absolviert.
Ihr Freundeskreis ist über die Jahre gewachsen und gefestigt, ich liebe und schätze alle ihre guten Freunde sehr.
Sie kann ihre Bedürfnisse kommunizieren, ist ein absoluter Kopfmensch mit viel Herz.
Sie treibt mich zur Verweiflung und in den Wahnsinn und ihr 10-Jahresplan mit Auszug nach dem Abitur und Studium und Wohnungseinrichtung und Nebenjobs erfüllt mich mit Stolz und Wehmut gleichermaßen. Sie ist doch noch so klein...

Kind1 - Zusatzkind1 - hat einen ähnlich schweren Rucksack zu tragen wie Zusatzkind2.
Sie wird ein absolutes Vorzeigezeugnis mit nach Hause bringen.
Nur Einsen und vielleicht in Sport eine Zwei oder Drei, für die sie sich innerlich zerfleischen wird.
Sie hat die Gabe, schreiben zu können, hoffentlich endlich für sich angenommen und kommt langsam aus sich heraus. Ihr Fokus liegt auf Träumereien und allen Dingen, die nicht Gefahr laufen, Realität werden zu können. Sie ist in der Lage, komplexe Zusammenhänge aus jedem Wissensgebiet schriftlich darzulegen, aber sobald man sie etwas fragt, das auch nur im Entferntesten die Gefühlsebene streifen könnte, verwandelt sie sich in ein kleines schwarzes Mäuschen, das man unter Androhung von Schlägen in einer Fremdsprache nach dem Weg gefragt hat.
Auch hier bin ich dankbar für die Frau, die uns inzwischen schon ein Jahr als Therapeutin begleitet.
Ihr Weg wird deutlich länger werden, auch darum bin ich glücklich über das zusätzliche Jahr, das ihr nächsten Sommer durch den Schulwechsel auf die höhere Schule zu Kind2 geschenkt werden wird.
Es wird sicher nicht immer einfach sein, eine Klasse unter der eigentlich jüngeren Stiefschwester zu sein, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das gut begleiten können.

Ich bin heute sehr dankbar für diesen letzten Schultag.

Ich freue mich darauf, 6 Wochen lang NICHT jeden Tag morgens bis zu 11 Frühstücks- und Mittagsdosen herrichten zu müssen und auch einfach mal bis 7 Uhr morgens liegen bleiben zu können.

Ich war noch nie so urlaubsreif wie dieses Jahr.

Jadekompendium 14.07.2017, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Vom Schwindeln

Vor fünf Tagen wachte ich auf und meine Welt kippte.
Ich öffnete die Augen und hielt mich voller Panik am Bett fest.

Ich hatte das Gefühl, nach oben gezogen zu werden und nach unten zu fallen.
Nichts war mehr in Ordnung.
Einen halben Tag lang konnte ich mir einreden, dass es vielleicht neue Zyklussymtome seien.
Oder einfach nur ein Scheißsonntag.
Wer weiß das schon.

Am nächsten Morgen und mehrere Panik- und Heulanfälle später war ich bereit, zum Arzt zu gehen, wohin mich der Mann auch auf schwankendem Boden verfrachtete.
Ich saß in einem kippenden Wartezimmer und sah nur noch verschwommen und betete, dass es irgendwas Harmloses sei.
Nacken? Schulten? Rücken? Waren die ersten Fragen des Hausarztes und ich verneinte, weil alles nur normal weh tat.
Da hätte es vielleicht schon klingeln können.
Eine halbe Stunde später hatte ich eine Überweisung zum HNO-Arzt und immerhin Tabletten gegen Schwindel, die bewirkten, dass ich todmüde wurde und die Schränke nur noch von links nach rechts schwankten.

Nachmittags saßen wir dann beim HNO-Arzt in der Praxis und ich tastete mich an den Wänden entlang Richtung Behandlungszimmer.
Nach lustigen Spielchen mit einer Brille sagte der Computer, dass mit meinem Gleichgewichtssinn alles in Ordnung sei.
Der Arzt machte noch mehrere Tests und erzählte mir irgendetwas, das ich nicht verstand. Drückte mal hier, mal dort und erklärte mir, dass meine Augen zucken, wo sie nicht zucken sollten, wenn ich etwas fokussiere.
Stress, stellte er mehr fest als dass er fragte.
Ich nickte beklommen. Joah, schon.
Er nahm seinen Daumen und drückte mir zielstrebig in die Halsseiten.
Alle meine Nervenenden schrieen gepeinigt auf.
Ha!, machte er triumphierend und freute sich.
Ich mich nicht so.
Ich wurde in ein anderes Zimmer gebracht und auf einen Stuhl verfrachtet.
Spritzen. Betäubungsmittel für die Nervenstränge, die sich da in meiner total verhärteten Nackenmuskulatur eingeklemmt hatten und dafür sorgten, dass ich liegenblieb, weil meine Welt sonst schwankte.

Die Lektion kommt so lange wieder bis wir sie verstanden haben.


Bei der ersten Spritze dachte ich, ich muss ihm schreiend vom Stuhl springen und dann machte der Muskel plötzlich "ping" und meine Welt hörte auf, sich zu bewegen.
Die Entspannung war kaum zu ertragen.
Er kippte den Stuhl in Liegeposition und sagte: "Genießen Sie es!".

Was folgte, war ein Gespräch über meinen Stress. Nicht, dass ich dieses Gespräch nicht schon jedesmal mit jemandem geführt hätte, wenn mein Nacken oder meine Schultern oder mein Rücken mal wieder bis zur Besinnungslosigkeit wehgetan haben. Aber es war, als würde ich das erste Mal zuhören können.

Meine Welt kippt.

Und ich bin die Einzige, die etwas dagegen tun kann.

Ich kann die Umstände nicht ändern. Ich kann die Probleme nicht wegzaubern.
Aber ich kann entscheiden, mit beidem anders umzugehen als bisher.

Jadekompendium 13.07.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Außer Betrieb

Ich wünschte, ich hätte die Worte für das, was in mir vorgeht.
Ich scheine auch sie verloren zu haben, wie so vieles im Laufe der letzten 12 Monate.
Ich wünschte, ich hätte die Worte, dem Mann zu sagen, wie tief meine Dankbarkeit für ihn geht.
Ich wünschte, ich hätte mich nicht selbst verloren auf dieser Reise, die nicht meine ist.
Ich bin in die falsche Richtung gegangen.
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem es kein weiter und kein vorwärts mehr gibt.
Mein Körper und mein Geist haben die Waffen gestreckt.

Jadekompendium 11.07.2017, 22.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Enttäuschung

Mehr gehofft, zuviel erwartet und doch richtig geschätzt.
Nein, so eine Beziehung hätten wir nicht. Aber danke für alles.
Es piekt.

Jadekompendium 08.07.2017, 12.34| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Glaubensfrage

"Mamaaaa, wo wohnt Gott noch mal?"

Das kleinste Kind kräht mich noch halb verschlafen beim Frühstück an, weil es gerade über Weltall und Himmel und Wolken und Luft und Sonne und überhaupt sinniert hat.
Dabei kam ihm irgendwie in den Sinn, dass es den Platz für Gott wohl vergessen haben muss.

Bevor ich noch irgendetwas sagen kann, keift ihn das große Zusatzkind mal wieder reflexhaft an und belehrt ihn überheblich: "Es gibt keinen Gott!"

Ich seufze müde. Was hat man diesen Kindern nur angetan, dass sie anderen nicht ihre eigene Sicht der Dinge lassen können?

Das kleinste Kind zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch.
Überartikuliert wendet es sich an die große Stiefschwester:
"Darum habe ich auch nicht dich gefragt,", erklärt es langsam, als würde es es mit einer äußerst ärgerlichen Form von Begriffstutzigkeit zu tun haben, "sondern Mama."

Ich entscheide mich, ihr abfälliges Seufzen und Augenrollen so früh am Morgen zu ignorieren.

"Gott ist überall, Butzemann. In mir, in dir, in allen Menschen, in jeder Blume, in jedem Tier, an jedem Ort. Im Weltall genauso wie hier auf der Erde."


"Das ist so schön, Mami!", freut sich der kleine Sohn und springt auf.

Ja. Das ist es.

Jadekompendium 06.07.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

Vom nach dem Sterben

Der weltbeste Notar und Anwalt öffnet uns die Tür und ich bin wie jedesmal
ein bisschen verliebt.
In das alte Haus, in die Stuckdecken, in seine weißhaarige alte Agentenfilm-Sekretärin und in ihn.
Seine Stimme, seinen Geist und sein enormes Fachwissen, das es nicht geschafft hat,
die Menschlichkeit aus seinem Herzen zu verdrängen.

Die letzten Jahre hat dieser Mann uns bei so vielen Dingen begleitet.
Beim Hausverkauf, beim Hauskauf, in den Auseinandersetzungen mit Exmann und Exfrau um Kindesunterhalt.
Beim Sorgerechtsprozess um die Zusatzkinder, kurz: in allen rechtlichen Belangen.

Und natürlich hat auch er unser Testament verfasst.

Hier leben sechs Kinder, zwei erwachsene Menschen und eine pflegebedürftige Person.
Wir haben drei Kinder. Der Mann hat fünf Kinder. Ich habe vier Kinder.
Zwei der Kinder sind Halbwaisen.
Ein sorgeberechtigter Elternteil lebt nicht in diesem Haushalt.

Es geht um Immobilienbesitz, Erbanteile, Pflichtteilsansprüche, Vorsorgevollmachten und Vormundschaften.

Er hat es geschafft, all unsere Wünsche auf vier Seiten Testament unterzubringen.

Die Unterschrift kommt mir fast bedeutender vor als damals bei der Eheschließung.
Dies hier fühlt sich schwerer an.
Erwachsener.
Der Mann setzt seine Unterschrift unter meine.
Der Notar seine darunter.

Er lächelt uns an:
"Auf dass diese Papiere möglichst lange in der Schublade bleiben!"

So möge es sein.

Jadekompendium 05.07.2017, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Muße

Ich brauche Zeit.
Nicht einfach nur mehr Zeit.
Ich brauche Zeit ihrer Selbst wegen.
Ruhe, Muße.
Nicht die zehn Minuten zwischendurch, die ich zwischen Toilettenstuhl, Einkauf, Putzen und Kochen hektisch am PC durch das Weltgeschehen surfen kann um nicht völlig durchzudrehen.
Nicht die fünf Minuten, die mir bleiben, bevor ich eines oder zwei oder drei von sechs Kindern von A nach B oder C bringen muss.
Nicht die halbe Stunde am Abend, wenn endlich alle Kinder im Bett sind und die Küche gemacht ist, bevor ich wieder hoch muss, weil ich eine hilflose bettlägrige Person für die Nacht vorbereiten muss.
Sondern Zeit.
Zeit, die keine Begrenzung kennt, keine Minuten zählt oder auf Stunden hofft.
Zeit, die mir zur Verfügug steht und die ich nutzen kann oder auch nicht.
Die mir nicht zwanghaft mit jedem TickTack in Erinnerung bringt, dass ich jetzt nur noch 20, 15, 10, 5... Minuten zur Entspannung habe bevor dann wieder das Chaos ausbricht.
Ich mag mein Hamsterrad gerade gar nicht.
Wir haben diesen Zustand selbst gewählt und selbst herbeigeführt.
Und wir haben eine Menge Fehleinschätzungen zu verbuchen, die letztendlich dazu geführt haben, dass wir die falsche Entscheidung getroffen haben.
Aus Fehlern lernt man, heißt es.
Ich kann darüber nur noch müde lächeln.
Wir versuchen, an unseren Fehlern nicht seelisch zugrunde zu gehen.

Jadekompendium 04.07.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Sieben

Noch sieben Mal.

Noch sieben Mal das kleinste Kind morgens in den Kindergarten fahren.

Nur noch sieben Mal.
Im Sommer wird es vorzeitig eingeschult und ich darf, kann.. endlich... nach 12 unendlich langen Jahren mit Kindergartenkindern morgens eine neue Routine anfangen.

Ich bin müde. Und sehnsüchtig.
Die Entscheidung für kein weiteres Kind ist unumstößlich.
So richtig.
Und doch sind sie da, die Momente, in denen ich von dem Mann, der der Mann heute ist, so unglaublich gerne noch einmal schwanger wäre.
Noch einmal in meinem Alter mit der heutigen Erfahrung ein Kind austragen würde.

Obsolet sind sie, diese Gedanken.
Zu viele Argumente sprechen dagegen, zu hart haben wir gekämpft und zu viele Kinder haben wir verloren.
Die Zeit des Kindergebärens ist vorbei.

Sieben Male noch.
Dann habe ich sechs Schulkinder.

Ich fühle mich alt.

Jadekompendium 27.06.2017, 22.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Verwaltungsirrsinn

"Ist der/die Pflegebedürftige orientiert?"

Ich sitze an meinem Schreibtisch an der Seite 4 des Formulars des medizinischen Dienstes, der in Kürze feststellen wird, ob die knapp 90jährige mit Pflegestufe 2, die wir aus dem Altenheim gerettet geholt haben, eventuell nicht plötzlich doch wieder laufen, springen und sich selbst versorgen kann.
Haha.
Der Mann winkt beschwichtigend ab.
"Das müssen die kontrollieren, sonst könnte man ja sonstwas machen."
Achja? Was denn? Sie im Keller anketten und das ach so hohe Pflegegeld kassieren?
Mir fehlt da der Sinn für Humor, um nachvollziehen zu können, warum hier ein bestehender Pflegegrad kontrolliert werden muss.
Zumal es für die Pflegekasse deutlich billiger wird, weil ich ja umsonst arbeite.
Immerhin wird es auf meine Rente angerechnet. Hurra.
Vielleicht komme ich - nachdem ich seit 15 Jahren 6 Kinder großgezogen und eine Großmutter gepflegt habe - ja sogar auf 200 Euro Rente im Monat.
Später, wenn ich alt bin. Hossa, da freue ich mir aber einen Ast.
Mein Lebensmodell rentiert sich für alle, aber nicht für mich.

Zurück zu Frage 27.

Orientiert? Hm.

Als ich sie vor vier Tagen geweckt habe, hat sie Adolf Hitler ein Geburtstagsständchen gesungen.
Ja, sie weiß, welcher Tag da war.
Den Todestag meines Großvaters am Tag zuvor hatte sie vergessen.
Nach dem aktuellen Jahr fragt sie öfter mal, kann mir aber genau sagen, was das amerikanische Staatsoberhaupt für ein Arschloch ist.
Mit genau diesen Worten.
Ich werde entweder mit dem Namen meiner Mutter oder dem Namen meiner ältesten Tochter angesprochen.
Als meine große Tochter letztens ins Zimmer kam, wollte sie für ihre Physiotherapie unbedingt einen blauen Seidenblouson anziehen und fragte meine Tochter, warum sie denn nicht zum Termin gekommen sei.
Gestern hat sie mir eine halbe Stunde etwas von Harald erzählt.
Und was sie mit ihm besprechen möchte, wenn er gleich nach Hause kommt.
Nach ungefähr 20 Minuten habe ich gemerkt, dass sie von meinem Exmann redet, von dem ich seit 10 Jahren geschieden bin.
Ist die Frau orientiert?
Ich kann "Ja" ankreuzen oder "Nein".
Mehr nicht.

Ich verkneife mir gerade noch, beide Antworten durchzustreichen und in Großbuchstaben eine unflätige Bemerkung auf das Formular zu schreiben.

Jadekompendium 24.04.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Kaffeekränzchen mit dem Tod

"Kind, vielleicht sterbe ich heute. Ich bin schon seit Tagen so müde und könnte nur noch schlafen."

Ich sehe sie skeptisch an.

"Und Hunger habe ich auch ü-ber-haupt keinen. Nicht mal Appetit."


Ich schiebe die Schale mit Erdbeeren zur Seite und fange an, das Mittagessen abzuräumen.

"Die Erdbeeren nicht. Die lass mir mal für nachher noch da."

Ich grinse in mich hinein. "Und das Sterben?"

Sie blickt irritiert. "Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es gar nicht das Sterben. Vielleicht bin ich ja doch nur müde. Ich bin ja noch nie gestorben, wer weiß schon, wie sich das anfühlt..."

Die Kriegerprinzessin kommt herein und hört ihre letzten Worte. "Stirbst du heute schon?" Sie beißt von ihrem Muffin ab und wartet auf Antwort.

Uroma beäugt den Muffin. "Was isst du da?"

"Einen Kaffeemuffin von Papa, warum?"

Ich ahne schon, was kommt.

"Dann hol mir auch mal einen."

Ich nehme den leergegessenen Teller vom Tablett. "Möchtest du einen Kaffee zu deinem Muffin, Oma?"

"Ach, eigentlich habe ich ja überhaupt keinen Appetit. Aber bevor er mir so trocken im Halse stecken bleibt und ich dann daran sterbe... Das ist ja auch kein schöner Tod."

Als sie mit Kaffee und Kuchen in ihrem Bett sitzt, uns huldvoll  herauswedelt weil sie ihre Ruhe haben möchte und wir das Zimmer verlassen, flüstere ich dem kleinen Tochterkind zu: "Ich glaube, heute stirbt Uroma eher nicht."

Sie zwinkert mir zu:
"Naja. Zumindest nicht, so lange wir ihr genug Kaffee und Süßkram bringen..."

Jadekompendium 05.04.2017, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Der vorletzte Umzug

Interessiert sehen die älteren Damen mich an, als ich einen Umzugskarton nach dem nächsten aus Uromas Zimmer durch den Flur an ihnen vorbeitrage.

Sie sitzen auf den Sesseln im Empfangsbereich der zweiten Etage und blicken mir wortlos nach, als ich Karton um Karton in den Fahrstuhl trage.
Als ich kurze Zeit später mit den ersten Möbeln auf einem Rollwagen vorbeikomme, fasst sich eine von ihnen ein Herz und spricht mich direkt an.

"Hat sie's endlich geschafft?"

Mit anteilnehmender Miene und gleichzeitig voller Neugierde wartet sie auf meine Antwort.
Ich bin irritiert.
"Hat... was geschafft?"
, frage ich verwirrt.
Ich bin es ja gewohnt, dass hier andere Regeln für zwischenmenschliche Kommunikation gelten, doch die Dame vor mir macht eigentlich einen geistig recht fitten Eindruck.

"Na, ihre Großmutter. Hat sie es endlich geschafft? Mein Beileid."


Der Groschen fällt.
"Nein."
, grinse ich sie an. "Sie zieht nur um. Zu uns nach Hause. Das Heim ist einfach nichts für sie."

Es geht ein kollektives Seufzen durch die Sesselreihen neben mir.
Langsam tätschelt die alte Frau meinen Arm.
"Gott segne sie. Wir würden alle lieber zuhause sterben. Aber unser nächster Umzug ist der zum Friedhof."
Sie lächelt mich traurig an und mein Herz fließt fast über vor lauter Mitgefühl.

Die Sehnsucht nach einem Zuhause wohnt uns allen inne.
Und wenn es ans Sterben geht, dann sollte man an einem Ort Abschied vom Leben nehmen dürfen, der diesen Namen auch verdient.

Als ich wieder in Uromas Zimmer zurückkehre, wo sie mit dem großen Tochterkind bereits die nächste Kiste gepackt hat, blickt sie mich an und lächelt leise.
Ja.
Es war die richtige Entscheidung.

Jadekompendium 03.04.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Das taube Kind

Es ist jetzt bald vier Jahre her, dass der schrecklichste HNO-Arzt der Welt mit gleichgültiger Stimme verkündete: "Das Kind ist taub. Operiere ich selber, nächste Woche, mal sehen, ob er dann hören kann oder blöde bleibt. Ist halt keine schöne Sache."

Es ist auch bald vier Jahre her, dass wir statt im Hinterhof des HNO-Arztes in einem großen Zentrum für HNO/Pädaudiologie alle zusammen um 6 Uhr morgens auf den Chirurgen warteten, der den närrischen kleinen Tuk zur ersten Operation seines Lebens abholen würde.

Erst ein Jahr ist es her, seit die letzte Operation vorgenommen wurde und das dumme taube Kind endlich ein einem gesunden Kind gleichgestelltes Hörvermögen bekam.

Wo die meisten Menschen abschalteten, weil sie sein Gelalle nicht verstanden haben, hatten wir an den richtigen Stellen Menschen, die gelernt haben, sein Gelalle zu deuten und ihn zu verstehen.

Eine beste Kindergartenfreundin, die über ein Jahr lang jedes Lallen in vollständige Sätze für die anderen Kindergartenkinder verwandelt hat. Weil sie ihn verstand.

Erzieherinnen, die Zeichensprache nutzten, Fortbildungen auf Gehörlosenschulen besuchten und geduldig jede Äußerung seinerseits interpretierten, bis sie wussten, was er meinte. Inklusive regelmäßiger Anrufe, dass er sich gerade "sehr doof fühlen würde", weil ihn niemand verstünde und bei denen ich kurz mit ihm sprechen konnte, bis es wieder ging.
Seit einem Jahr eine Logopädin, die in den ersten beiden Stunden so ratlos war wie selten in ihrer Laufbahn, wie sie mir versicherte.
Die heute Morgen, nach insgesamt nur 38 Stunden Logopädie sagen musste: "Unsere Wege trennen sich jetzt."

Auf unserem Weg lagen auch sehr sehr viele wohlmeinende Menschen mit sehr viel Meinung für sehr wenig Wissen.
Aber die zählen nicht.

Aktuell liegen all seine Testergebnisse weit über 90 %.
Er wird in diesem Jahr vorzeitig eingeschult.
Hat ein extrem großes Faible für Buchstaben und Zahlen.
Zählt im 10.000er Raum, rechnet im Hunderterraum, buchstabiert, liest und schreibt.
Und das ist nicht im letzten Jahr passiert, seit er hören und sprechen kann.
Das war schon immer in ihm.

Und dass wir seinen Weg mit Menschen gegangen sind, die ihm geholfen haben, diese Fähigkeiten auch ausdrücken zu können - lange, bevor er sprechen konnte - dafür sind wir jeden Tag so unglaublich dankbar. Und voller Demut.

Jadekompendium 28.03.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

89 Jahre ohne Nutella

Eine Woche ist sie nun schon bei uns.
Eine Woche inklusive Schimpfwörter, wie nur fast 90jährige sie von sich geben können, eine Woche Kriegserzählungen, eine Woche Anderswelt für die Kinder.
Eine Woche Arbeit, Stress und Sich-finden-müssen.
Eine Woche, die gut war.

Der Kobold hört sich tapfer alte Kriegsgeschichten an, Sirenen, die von Bombenangriffen künden, zerbombte Häuser, erfrorene Kinder, tote Fallschirmjäger, die in den Bäumen hängen.
Hitler, der plötzlich lebendig wird und so sehr im Kontrast zu dem geschildert wird, was in der Schule trocken in Büchern steht.
Erlebte Geschichte.

"Uroma, das ist ja alles supergruselig.", verkündet er.
Ich vergesse manchmal, dass ich von Klein an damit aufgewachsen bin und meine Kinder dieses Vorwissen nicht haben.
Alles ist neu, alles groß und erschreckend und auf erschreckende Weise auch faszinierend.

Wir sitzen beim Abendbrot.
Der Kobold hat natürlich Nutella auf seinem Platz stehen und natürlich schmiert er sich ein halbes Kilogramm davon auf sein Brot.
Wie könnte es auch anders sein.
Uroma sieht aus, als würde sie die Augenbrauen hochziehen, wenn sie noch welche hätte. Hat sie aber nicht.
"Dieses Nougatding hatten wir ja auch nie."

Der Kobold erstarrt.
Er versucht zu begreifen, was sie ihm da gerade erzählt. "Was meinst du damit?"

Uroma verkündet, dass sie noch nie in ihrem ganzen Leben Nutella probiert hätte und ich kann sehen, wie dem Kobold alles aus dem Gesicht fällt.
Fassungslos und entsetzt starrt er sie an und bemüht sich, die ganze Tragweite ihrer Aussage zu erfassen.
Langsam sickert es in sein Gehirn.
Er erschauert. Fast ehrfürchtig stellt er die Frage.

"Du meinst - du hast jetzt 89 Jahre lang ohne Nutella leben müssen?"


 Ich sehe, wie der Schrecken der vorangegangenen Kriegsgeschichten langsam der völlig verstörenden Erkenntnis weicht, dass es einen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung gibt, der fast 90 Jahre lang auf Nutella verzichtet hat.
Neunzig.
Jahre.

Während ich am nächsten Morgen das Frühstück vorbereite, kommen sechs Kinder nacheinander zu mir in die Küche und animieren mich dazu, Uroma doch auf jeden Fall ein kleines Brot mit Nutella zu schmieren.

[Es schmeckt ihr]

Jadekompendium 27.03.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Wut

Es gibt Tage, an denen so viel Wut hochkocht.
Wut, Hass, Trauer, Frust.
Aber vor allem: Wut.
Wut auf massive Versäumnisse und Erziehungsfehler einer Frau, die keine Antworten mehr geben kann, weil sie tot ist.

Jadekompendium 21.02.2017, 12.00| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wie ich einmal einem Internettroll die Stützstrümpfe hochzog

Es passiert ja eher selten, dass Oma sprachlos ist.

Aber als die neue Zimmernachbarin im Krankenhaus laut schimpfend und um sich schlagend in einem Rollstuhl ins Zimmer gefahren wurde, blieb selbst ihr der Mund offen stehen und sie hörte mitten im Satz auf zu reden.

"Ich kann nicht hierbleiben! Ich muss an meinen Computer!"


Die große Frau, die im Rollstuhl saß, hatte wirres graues Haar, eine dicke Warze und eine Lesebrille auf der Nase, einen babyblauen Strickpullover, eine Windel und Stützstrümpfe an.
Sonst nichts.

"Ich.muss.an.meinen.Computer.", erklärte sie dem Pfleger, als wäre dieser geistesgestört. "Sie hatten einen Schlaganfall. Sie müssen jetzt im Krankenhaus bleiben und sonst nichts. Wir rufen ihre Angehörigen an, die können ihren Computer ja ausschalten.", antwortete er freundlich und es war, als hätte er in ein Wespennest gestochen.

"Sind Sie WAHNSINNIG???", brüllte die alte Frau ihn an. "Ich habe meine Texte von heute noch nicht abgeschickt!"

Der Pfleger hob sie mit einer Kollegin ins Krankenbett und mir wurde klar, dass das Tochterkind, Uroma und ich gerade sehr unhöflich starrten, als wären wir Schaulustige bei einem Autounfall.

Ich räusperte mich.
"Oma, wir gehen mal kurz raus, damit die Frau sich hier einrichten kann."
Oma sah mich entgeistert an.
"Dann verpasst du doch das ganze Schauspiel hier, Kind!"


Es muss schön sein, sich mit 90 keine Gedanken mehr über Umgangsformen machen zu müssen, denke ich so bei mir und schiebe das Tochterkind kurzerhand aus dem Zimmer.

Als immer mehr Schwestern und Pfleger ins Zimmer eilen und ich immer lauteres Gebrüll von drinnen höre, überlege ich kurz, ob ich Oma vielleicht retten sollte, aber das würde sie mir im Leben nicht verzeihen.
Nach einer viertel Stunde ist Ruhe. Ich sehe Klinikpersonal leicht derangiert aus dem Zimmer kommen und durchschnaufen.
Ich lächle den Pfleger aufmunternd an, der mir zunickt, wir könnten jetzt gerne wieder zu Oma gehen.

Leise und vorsichtig betreten wir das Zimmer.
Die Frau liegt in ihrem Bett, Bettwäsche und Kissen liegen im Zimmer verstreut. Sie scheint sie wütend rausgeworfen zu haben.
"Dieser Saftladen.", murmelt sie mit ihrer herben, dunklen Stimme vor sich hin. Allerdings schon längst nicht mehr so laut wie vorhin. Ob sie ihr ein Beruhigungsmittel gegeben haben? "Ich werde denen schon zeigen, was ich davon halte. Die werden schon noch sehen...", brummelt sie und scheint in einen Dämmerzustand zu wechseln.

Ich sehe Oma an.
Missbilligend schüttelt sie den Kopf. "Wie kann man sich mit 91 Jahren nur so aufführen?"

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

Oma thront in ihrem Zuhälter-Bademantel aus Leopardenplüsch und Fellbesatz an Kragen und Ärmeln in ihrem Bett und hat ihrer anderen Zimmernachbarin, die immer nur schläft, anscheinend wieder den Joghurt geklaut.
Sie löffelt gedankenverloren vor sich hin. "Schlimm, schlimm."

---

Einige Stunden später sind wir wieder im Krankenhaus.

Die Frau neben Oma ist wach - sehr wach - und hat Besuch. Ihr Sohn, vermute ich.

Die Art, wie sie den geschätzt fast 70jährigen durchs Zimmer scheucht, spricht Bände.

"Manfred. Du musst dir aufschreiben, wie die Leute hier heißen. Dann kann ich Beschwerden schreiben. Ich muss wieder an den Computer. Im Internetz kann man das machen. Ich brauche Namen!" Sie sieht erschöpft aus. "Namen, Manfred! Hörst du?"
Der Mann hat hochrote Wangen und sieht aus, als würde er sich extrem unwohl fühlen. "Du musst auch deinen Kindern Bescheid geben. Sie können mich heute Abend besuchen. Hörst du? Ich kann nicht lange hierbleiben! Ich muss unbedingt bald wieder nach Hause an den Computer."

Der Mann reicht ihr eine Tupperdose mit geschälten Äpfeln, die sie mit einer Zange herausnimmt und sich in den Mund steckt. "Das Essen hier ist so furchtbar. Ich muss nach Hause. Muss..."

Oma ist derweil nicht in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie völlig fasziniert starrt. Und ab und zu den Kopf schüttelt.
 
Der Mann versucht mehrfach, sich zu verabschieden. "Du willst mich doch nicht unglücklich machen, und schon gehen, oder Manfred?" Er sieht sich hilfesuchend um. Fängt aber nur Omas Blick auf, die ihn neugierig ansieht.

Nach einer weiteren halben Stunde schafft er es endlich. Er hat noch einen Termin. Einen wichtigen. Und ja, er wird sich gleich die Namen der Schwestern aufschreiben. Und ja, auch die des Pflegers, der sie so grob misshandelt hätte.

Als er geht, ist es kurz still im Zimmer.
Die Frau fängt wieder an zu brummeln und mit sich selbst zu sprechen. Dass sie nicht hierbleiben könne. Und dass sie dem Krankenhaus mehrere schlechte Bewertungen schreiben würde. Die würden schon sehen, was sie davon haben.
Sie wälzt sich im Bett herum und strampelt die Decke weg.
Einer ihrer Stützstrümpfe ist heruntergerutscht und sie versucht, ihn mit steifen Armen wieder hochzuziehen.
Es klappt nicht.
Sie fängt an zu weinen.
Oma boxt mich sehr entschlossen in die Seite und schubst mich. "Geh mal helfen, Kind. Du siehst doch, dass sie das nicht schafft."

Ich sehe sie skeptisch an. Aber ihr Blick duldet keine Widerworte. Also gehe ich ein Bett weiter und warte, bis ich die Aufmerksamkeit der Frau habe. "Darf ich Ihnen helfen?", frage ich vorsichtig und mache mich darauf gefasst, dass sie etwas nach mir wirft.

Stattdessen strahlt sie mich an. "Das ist ja sehr nett von Ihnen. Sie sind doch keine Schwester hier, oder?"
Ich schüttle den Kopf. "Nein."
"Ja, dann machen Sie mal."
Ich ziehe ihr vorsichtig den Stützstrumpf hoch und sie lächelt erleichtert.
"Hach, das ist schön. Können Sie die Decke noch aufschütteln?"

Im frisch aufgeschüttelten Bett lässt sie sich in die Kissen sinken und wendet sich uns zu.

"Hier werden alle noch bereuen, dass sie mich so behandeln." Sie blickt Oma an. "Sind Sie auch im Internetz unterwegs?"

Oma antwortet, dass sie mit dem neumodischen Kram nichts am Hut hat.
Sie würde Fernsehen kucken.
Die alte Frau schüttelt den Kopf.

"Im Internetz ist es viel lustiger, als ständig vor der Röhre zu hängen. Ich bin den ganzen Tag da drin. In unserem Alter haben wir ja Zeit, nech? Morgens mache ich mir einen Kaffee und dann schreibe ich Kommentare. Auf Forummen. Auf Homm-Päitsches! Auf Blocks! Das ist so lustig! Niemand weiß, wer ich bin. Und dann regen sich alle auf und ich habe den ganzen Tag was zu lesen!"

Sie strahlt überglücklich und ich sehe sie fassungslos an.

Ich habe mich meine gesamte Internet-Zeit über gefragt, was Internettrolle wohl für Menschen sind.

Jetzt weiß ich es.

Jadekompendium 15.02.2017, 09.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Neun?

Natürlich haben der Mann und ich überlegt, ob wir sie nicht einfach hierher holen können. Auch unter diesem Aspekt beobachte ich sie während der Tage, die wir in der großen Stadt sind.

Schätze ab, wieviel Hilfe sie benötigt. Ob ich das leisten könnte.
Zusätzlich zu den eigenen vier Kindern, den zwei Zusatzkindern, Haus, Garten, Tieren und Ehrenamt.

Ich springe ins kalte Wasser. Ausziehen, anziehen, umziehen, waschen, zur Toilette bringen. Ich habe vorher Youtube-Videos angesehen, wie man das macht. Für irgendwas muss das ja gut sein.
("Die machen Tutorials für ALLES, Mama!", erklärte mir das große Kind professionell und so ist es tatsächlich)

Es ist überschaubar, aber fordernd. Wenn sie aktiv ist, ist sie es im wahrsten Sinne des Wortes. Aufstehen, zum Tisch, auf den Stuhl, einmal essen, trinken, Tabletten, zur Toilette, waschen, wieder zurück. Über das Weltgeschehen diskutieren, über Donald Trump herziehen, die Flüchtlingssituation erörtern, großer Bogen zum zweiten Weltkrieg,  als sie im Februar des letzten Kriegsjahres die Weserbrücken zerbombt haben. Zurück in die Gegenwart und in den Krankenhausalltag.

Wenn sie dann erschöpft ist, dann kippt ein Schalter um, der sie in den Dämmermodus versetzt. Zack. Noch kurz ins Bett, winken, bis später.
Dann gehen das Tochterkind und ich für drei Stunden in die Innenstadt, essen, bummeln und haben Spaß und finden sie beim Ankommen im Krankenhaus genau so, wie wir sie verlassen haben.

Das ginge dann auch nicht mehr.
Wenn sie hier zuhause wäre.
Oma kann nicht alleine bleiben.

Können wir das leisten? Wir haben eine absolut belastende Situation mit den Zusatzkindern hier und sind aus-gelastet. Andererseits läuft für Oma die Zeit. Ich will nicht, dass sie auf Dauer wieder ins Heim zurück muss. Wir würden denselben Zyklus von Depression, Verfall und Aufpäppeln im Krankenhaus doch immer wieder erleben. Alleine leben kann sie auf gar keinen Fall mehr. Zu viel ist vorgefallen.

Der Mann und ich sind ratlos, alle beide.
Auf der einen Seite steht der Kopf, auf der anderen Bauch und Herz.
Wer wird Recht behalten?
Für das Richtige plädiert bei uns keiner mehr.
Das ist letztes Jahr schon schief gegangen.

Jadekompendium 14.02.2017, 09.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Der Tod lässt ausrichten, er sei verhindert

"Ich werde jetzt sterben. Habt Dank für alles und macht es gut."

Das waren die letzten Worte, die wir von ihr hörten. Altenheim und Ärzte bestätigten die Situation.
Depressionen, Nahrungsverweigerung, massiver Gewichtsverlust, absoluter Verfall, Krankenhaus.

Das Tochterkind und ich fuhren also auf große Fahrt in die Stadt, die so weit von uns entfernt ist. Zumindest noch persönlich Lebewohl sagen, einmal noch in den Arm nehmen, einmal noch die Hand streicheln, einmal noch...
Es sollte anders kommen.

Die Fahrt dorthin war grauenhaft. Halb rechnete ich damit, dass uns unterwegs der Anruf erreichen würde, dass sie gestorben sei, dass wir zu spät kämen und der Tod schon vor uns da gewesen sei.
Wettlauf gegen die Zeit mit dem Tod.
Großes Lebenskino.

Nur schnell ein paar hundert Kilometer fahren, schnell ins Hotel, schnell die Sachen aufs Zimmer bringen, Schlüssel einstecken und ab ins Krankenhaus.

Wir stürmten halb ihr Zimmer und auf einem riesigen Krankenhausbett saß klein, schrumpelig und weiß, in einem viel zu großen Nachthemd mit lila Punkten darauf: meine Großmutter.

"Wir sind es!", stellte ich das Offensichtliche fest und nahm sie in den Arm.

"Ich will dir mal eins sagen, Kind!", zeterte sie als Begrüßung los: "Der Tod will mich anscheinend nicht!"

Ich schnaufe ein wenig amüsiert, als ihre Bettnachbarin zusammenzuckt und murmelt: "Das sagt man doch nicht..."

"Die ist noch grün hinter den Ohren. Erst 86. Hier!"
, fuchtelt Oma mit ihrer Leberwurststulle vor meiner Nase herum. "Setzt euch und erzählt mir, warum ihr hier seid!"

"Ähm. Oma. Du hast gesagt, du stirbst jetzt einfach? Das geht doch nicht ohne tschüss zu sagen..."  Sie lacht.
Das Tochterkind sammelt sich ob einer sehr fidelen und motzigen Urgroßmutter, die weit von dem entfernt ist, auf das ich sie auf der Fahrt hierher schonend vorbereitet habe.

Sie isst. Trinkt. Bewegt sich.
Es scheint besser zu gehen als im Heim, in dem sie sich auch nach drei Jahren noch nicht eingelebt hat.
Trotz Medikation gegen ihre Depressionen, trotz Ablenkung. Es ist nicht ihres.
Sie hat es sich nicht ausgesucht, von meinen Eltern dort hineingesteckt zu werden und dann nichts mehr von ihnen zu sehen.

Sie will seit langen Monaten nur noch sterben, ich weiß das.
Wir sprechen jedes Telefonat darüber, doch es klappt einfach nicht.

Doch noch nie war es so ernst wie dieses Mal.
Sie hat alles verschenkt, alles geregelt, sich von allen verabschiedet.

Ein hellwacher Geist in einem langsam verfallenden Körper.
Es ist ein Alptraum, der sie nicht mehr loslassen wird.

"Ich gehe nicht mehr zurück ins Heim.
Kuck mal, ob man die Fenster öffnen kann. Das ist doch der 6. Stock, oder?"

Ich seufze. "Du kommst doch nicht mal aufs Fensterbrett, Oma."

"Ach Scheiße!"
, flucht sie laut und ihre Zimmernachbarin starrt sie mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an. 

Jadekompendium 13.02.2017, 13.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Vom Ziehen lassen

Der kleine Sohn streitet sich mit dem großen Bruder.
Wir haben mal wieder eine Phase der absoluten Vergötterung gepaart mit kontinuierlichem Sägen am Stuhl des Großen.

Also habe ich hier morgens zwei sehr sportliche, sehr mobile und laute Wettkämpfer, die durch mein Erdgeschoss toben, wüten, schreien, springen und spielen. Der große Sohn übt Nachsicht und lächelt milde, als der kleine Bruder zum wiederholten Male aus dem Hinterhalt angreift und auf seinen Rücken springt.
Ich liebe ihn sehr für dieses Lächeln.

Die Schulzeit naht und während sich der große Sohn seine riesigen Schuhe schnürt, ist der kleine Sohn mal wieder beim "Du hast aber...!"-Spiel angekommen. "DU hast aber gesagt, dass...", brüllt es in piepsiger Stimme durch die Diele und als Anwort kommt nur noch ein beruhigendes "Nein, das habe ich nicht gesagt, mein Süßer." vom großen Sohn, dessen bester Freund schon vor dem Gartentor steht und auf ihn wartet, damit sie gemeinsam zum Bus gehen können.

Das Nesthäkchen holt zum vernichtenden Schlag aus:
"Wohl! Dein linker Fuß hat das gesagt!"


Der Große sieht mich erst entgeistert an und grinst dann sein verschmitztes Lächeln, in das ich mich auch bei seinem Vater sofort verliebt habe.
"Mama, da fällt mir jetzt leider auch nichts mehr zu ein, das musst du jetzt mit ihm klären."

Spricht es, umarmt mich, küsst mich so beiläufig auf die Wange, wie wohl nur pubertierende Jungen es tun können und ich ahne, welch großartiger Mann mein Sohn einmal sein wird.

Der Kleine springt ihn von der Seite an und jault ein wehklagendes "Bis heute Nachmittag!" in sein Bein, während ich ihn vorsichtig von seinem großen Bruder löse und auf den Arm nehme.
Er weint, als wir hinter ihm herwinken und jammert - wie jeden Morgen - "Ich will nicht, dass er jetzt geht!" in meine Halsbeuge.

Und ich verstehe ihn so gut.
Nichts in diesem Leben tut so weh wie das Loslassen geliebter Menschen.
Und nichts ist wichtiger.

Jadekompendium 07.02.2017, 09.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Therapeutisches Reiten

Yoga.
Ist mit einem so jungen Menschen aber eher schwierig. Sagt unsere Familientherapeutin.

Oder Reiten. Reiten wäre sogar noch besser.

Das eine Zusatzkind hat große Probleme in seinem Rucksack mitgebracht und spürt weder sich selbst, noch seine Bedürfnisse noch seinen Körper. Da ist einfach nichts.
Kein Gefühl, kein Ahnen, nichts.
Das macht es natürlich auch sehr schwierig, andere zu spüren.

Übergriffigkeit, Taktlosigkeit, fehlende Distanz und Gewalt sind Auswüchse aus diesem Problem.
Nichts, womit man innerhalb einer Familie wirklich leben kann oder will.

Die beste Reitlehrerin unserer Kinder hat dankenswerterweise eine therapeutische Ausbildung. Also Einzelstunden nur für das Zusatzkind an einem separaten Termin. Nur er und das Pferd. Zum Spüren.
Zum Üben, wie man mit einem anderen Lebewesen umgeht. Und wie nicht.

Zeit, seinen eigenen Körper zu spüren und dadurch vielleicht irgendwann in ferner Zukunft so etwas wie Bedürfnisse in sich entdecken zu können.

Um dann - ganz später - auch Empathie zu lernen.
Weil man erfahren hat, wie man sich selber fühlt. Und dadurch vielleicht auch irgendwann erkennen kann, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt.
Dass andere nicht nur zur eigenen Belustigung oder Befriedigung da sind.

Die Hoffnung bleibt.

Jadekompendium 14.01.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

Training

Vielleicht habe ich ein ganz klein wenig vergessen, wie zeit- und fokusintensiv es ist, einen Junghund auszubilden. Vielleicht.

Es ist eine angenehme Erschöpfung, die sich in mir ausbreitet, wenn der kleine Braunbär, der eigentlich ein Hund werden wollte, und ich nach einer anstrengenden und erfolgreichen Trainingseinheit erschöpft aufs Sofa sinken und 15 Kilogramm Temperament plötzlich ganz weich und anschmiegsam werden.
Wenn der schwere Hundekörper sich an mich drückt und so lange in meinem Arm herumrakt, bis er wie ein Baby dort hängen kann und seine warme Schnauze genau in der Beuge zwischen Hals und Schulter zu liegen kommt.
Ein wohliges Seufzen, ein tiefes Ein- und Ausatmen und dann ist der kleine Kerl auch meistens schon im Land der Träume verschwunden.
Ich spüre sein Herz an Meinem und seinen Atem auf meiner Haut.

Zuhause. Einen kostbaren kurzen Moment lang.

Jadekompendium 13.01.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: auf den Hund gekommen

Vegetarisch

Es zeichnete sich ab. Lange schon.
Schon als die Kriegerprinzessin klein war, behagte ihr das von mir immer offen kommunizierte Prinzip von "Wir müssen ein Tier töten, wenn wir Fleisch essen wollen" nie.
Gleichzeitig gibt es kein Familienmitglied, das so gerne Fleisch isst wie sie.

Nach weit über 8 Jahren stand vor zwei Wochen ihr Entschluss dann endlich fest.
"Ich möchte kein Fleisch mehr essen, Mama."
Die Tränen schossen ihr in die Augen.
"Ich lieb das so, Fleisch zu essen."

Ich nickte verständnisvoll.
"Aber ich kann das einfach nicht mehr, Mama."

Ich lächelte ihr zu.
"Dann machen wir das so, Motte. Ich helfe dir dabei."

Sie nickte stumm. Erschöpft.

Ich sehe den Zwiespalt in ihr. Jeden Tag.

Wir haben uns in den vergangenen Wochen auf die Suche nach Alternativen gemacht und ich fühle, wie schwer es im Alltag für sie ist.
Sechs von acht Familienmitgliedern essen Fleisch.
Der große Lieblingsbruder steht völlig fassungslos vor dieser Entwicklung und kommuniziert das auch unbarmherzig. "Aber Motte, du liebst doch Fleisch! Das willst du alles nicht mehr essen?"
Und schon sind sie wieder da, die Tränen.

Doch, natürlich will sie.
Und genau das macht die Größe und Tragweite dieser Entscheidung aus.

Jadekompendium 11.01.2017, 11.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Therapiehund

Als die Züchterin uns begrüßte, hatte ich eigentlich nur Augen für das Welpengewusel hinter ihr. Und war sehr gespannt auf "unser" Baby. Wir konnten ihn uns nicht aussuchen, sie hatte ihn ausgewählt, nachdem sie hörte, dass wir eine achtköpfige Familie sind, mit Katzen, Hasen, großem Haus und Garten. Ich gebe zu, ich wollte einen süßen, verträumten, tapsigen Welpen.
Nur für mich, ganz alleine.
Das hatte ich mir verdient nach dem Alptraum der letzten Monate.

Sie kam mit einem kleinen Tornado auf dem Arm wieder und drückte ihn mir an die Brust. "Das ist Ihrer."
Ich war heilfroh, Kontaktlinsen und keine Brille zu tragen, denn die wäre kaputt gewesen. Für Entsetzen oder Enttäuschung hatte ich kaum Zeit, denn das wilde kleine Ding biss mir erst vor lauter Aufregung ins Gesicht, versuchte dann, mit dreckigen und nassen und kratzigen Pranken meine Haut am Hals aufzubuddeln, während es an meinem Ohr kaute.
Das flauschige Erlebnis, das ich wie beim ersten Hund damals vor 20 Jahren erwartet hatte, blieb aus. Stattdessen setzte ich das Energiebündel auf den Boden, um es mir in Ruhe ansehen zu können. Mit Milch-Reißzähnen am Ohr ging das schließlich nur schwer.
Ich redete mit ihm und nach ca. 2 Sekunden Aufmerksamkeit wetzte es davon. Raste einmal unter dem Tisch durch, nahm Decken, Schuhe und Vorleger mit, sprintete zum Sofa, riss ein wenig an dem Kuhfell, das auf dem Boden lag und versuchte dann, in den Kamin zu klettern.
Als ich in die Hocke ging, es ansprach und die Arme ausbreitete, schoss es wie von der Tarantel gestochen auf mich zu, schnappte nach meiner Hand und riss mich fast zu Boden.
So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Ich sollte in den folgenden Wochen und Monaten lernen, mit welcher Berechtigung die Züchterin ausgerechnet diesen Hund für uns ausgesucht hatte. Hochintelligent, schnell von Begriff und lässt sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen.
Die Kinder, die nun alle auch schon ein gewisses Alter haben, dass sie nicht mehr unbeholfen mit Tieren umgehen, lernten sehr schnell, dass auch Milchreißzähne fest zubeißen können, wenn man Mist mit dem Hund macht. Dass Gekreische und Gehampel den Hund aufdrehen und dazu führen, dass man seine Beine und Füße in Sicherheit bringen muss.
Und - dass ein Tier kein Spielzeug ist. Gerade mit dem Hang des einen Zusatzkindes, Tiere sehr übergriffig zu behandeln, ein Segen.

Mich dagegen zwingt der Hund, mein eigenes Handeln immer auf Ruhe, Logik und Konsequenz zu überprüfen. Was macht er, wenn ich mich wie verhalte? Er ist ein Spiegel und Regulativ meines Verhaltens gleichermaßen. Ich merke, je angespannter ich werde, desto gestresster reagiert er. Wenn meine Nerven zum Zerreißen gespannt sind, dann macht er eben alle fünf Minuten eine Pfütze in den Flur, obwohl er stubenrein ist. Ich brauchte einige Zeit, um diesen Zusammenhang zu realisieren. Inzwischen verordne ich den Kindern Zimmerzeit, bevor es soweit kommt.
Schnappe mir den Hund und trainiere mit ihm, kaspere mit ihm herum oder lausche nur seinem Herzschlag an meinem.
Je trauriger ich werde, desto näher kommt er. Stupst mich mit seiner großen Schnauze an oder knabbert mir zärtlich am Arm.
Er ist ein guter Gradmesser, wo ich mich in meiner Depression gerade befinde. Je besser es mir geht, desto weiter kann er sich von mir entfernt hinlegen. Je schlechter es mir geht, desto näher versucht er, sich an mein Herz zu kuscheln.
Und er erdet. Immer und überall.
Da ist kein Platz für Panikattacken, für Angst, für Zweifel.
Immer nur für das Hier und Jetzt. Und für das Atmen.

Jadekompendium 04.01.2017, 11.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: auf den Hund gekommen

Zersetzung

Als ich so darüber nachdachte, wie ich die momentane Familiensituation hier beschreiben würde, waren meine ersten Gedanken: Es ist weder gut noch schön, aber es läuft einigermaßen. Und noch vor einem Jahr wäre alles in mir auf die Barrikaden gegangen, dass das kein Maßstab für ein Zusammenleben im Schutzraum Familie sein dürfte, aber ich bin müde geworden. Habe mich müde gekämpft. So viele Illusionen verloren. Gemeinsam mit dem Mann so viele Gespräche geführt, so viele Tränen geweint, so viel Reue empfunden. Wir bemühen uns. Womit wir nicht gerechnet haben: Dass wir unsere Kinder schützen müssen. Vor Lügen. Vor Manipulation. Vor sexuellen Übergriffen. Vor Gewalt. Wir sind müde. Wir gehen zu einer Familientherapeutin, wir versuchen, unsere Kinder stark zu machen, wir versuchen, sie zu schützen, uns zu schützen vor dieser Situation, die uns mehr abverlangt als wir geben können. Wir versuchen nur noch zu überleben. Und das ist etwas, wo ich nie wieder hinwollte. Der Mann und ich haben so viele Jahre in den Aufbau eines sicheren Rückzugortes investiert und müssen nun zusehen, wie er langsam vergiftet wird.

Jadekompendium 02.01.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Psychologensitzung beim Zahnarzt

Ich warte, dass die Betäubung wirkt. Normalerweise verlässt der beste Zahnarzt dieser Welt währenddessen den Raum, damit ich mich noch einmal etwas beruhigen kann und die wunderbarste Zahnarzthelferin des Universums kramt hier und dort etwas um mich herum, streichelt meinen Arm, über meinen Kopf, murmelt beruhigende Worte oder verwickelt mich in ein Gespräch über Belanglosigkeiten. Nicht so diesmal. Der große russische Bär, der nebenberuflich mein Zahnarzt ist, bleibt sitzen. "Jetzt erzählen Sie mal." Abwartend blickt er mich an. Flüssig schildere ich die Fakten, wie in den letzten sechs Monaten so häufig. Ich kenne mein Verslein. "Nein!", unterbricht er mich. Er tippt mir auf die Brust. Ein erbostes "Da!", kommt in schleppendem russischen Akzent aus seinem Mund. "Können Sie das DA tragen? Oder ist zuviel?" Mir schießen die Tränen in die Augen, wie so oft, wenn mich jemand tatsächlich sehen kann. "Ich versuche es.", flüstere ich und beschließe, auf gar keinen Fall vor meinem Zahnarzt zu heulen. Die beste Zahnarzthelferin reicht mir Taschentücher, die eigentlich für die Behandlung gedacht waren und streichelt mir über den Arm. Nach einem langen Gespräch sind mein Kiefer und meine Lippe längst taub, als er sich brummend an die Arbeit macht und ich merke, wie ich innerlich zusammensacke. Es ist selten, dass wir mit jemandem offen darüber sprechen können, was diese Situation für unser Leben bedeutet. Die normale Reaktion unseres Umfeldes ist ein "Och, also ich könnte das nicht." oder ein wohlwollendes "Ihr schafft das schon.". Wirklich wissen, welchen Preis wir zahlen, will kaum jemand. Als er fertig ist und ich mit halb taubem Gesicht in den Spiegel blicke, nickt er entschlossen. "Wir machen Termin mit allen Kindern. Ich sehe mir Kinder und Zähne an. Dann wir sehen weiter." Ich grinse schief und muss wie jedesmal an meinen Großvater denken, dem dieser Mann und diese Situation sicherlich völlig normal vorgekommen wären.

Jadekompendium 21.12.2016, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

Vom Lügen

Natürlich habe ich eigentlich keine Zeit. Und natürlich habe ich etwas anderes vor. Und natürlich liegt ihr Zuhause nicht auf meinem Weg. Nicht mal ein bisschen, nicht einmal fast. Aber als ich die Tränen in ihren Augen sehe, ihre Hilflosigkeit, ihren Trotz, ihre Wut, ihre Trauer und die Unfähigkeit, eine gute Tat auch einfach als Geschenk anzunehmen, lüge ich. Es ist wie eine zweite Haut, ich kann das gut, auch wenn ich mich vor langen Jahren dagegen entschieden habe. "Wirklich?", fragt sie mit erstickter Stimme und ich nicke lächelnd. Es ist mir egal. Und so fahre ich Kilometer um Kilometer in eine Richtung, in die ich nicht fahren wollte, dränge die Gedanken um den kleinen Braunbären alleine Zuhause zur Seite und höre zu. Niemand sollte bei einem Nervenzusammenbruch alleine sein. Niemand mit Angst, niemand in Not. Schon gar nicht, wenn es um die existenzielle Angst geht, ein weiteres Kind zu verlieren. "Der Tod hat doch schon eins!", bricht es trotzig aus ihr heraus. Ich kann nichts sagen. Nur zuhören. Als wir schon längst vor ihrer Haustür stehen, sitzen wir noch eine weitere Stunde nebeneinander, in der sich die Worte, die Tränen und all der Schmerz aus ihr in meine Welt ergießen. "Danke", flüstert sie leise, während sie ihre Maske wieder aufsetzt. Das laute Knallen der Beifahrertür durchbricht meine Gedanken. Ich fahre los. In die Richtung, aus der ich gekommen bin. Vielleicht hat das Leben einen Plan. Aber wer weiß das schon.

Jadekompendium 19.12.2016, 11.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Schwere.

Es ist zwei Jahre, drei Monate und 19 Tage her, seit das kostbare, zart schimmernde und zerbrechliche Gefäß namens Sicherheit und Vertrauen in meinem Herzen implodiert ist. Lange Zeit. Kurze Zeit. Eine Zeit voller Schmerz, Hass und... Liebe. Vor allem Schmerz und vor allem Liebe. Aber das negiert nicht den Hass. Das Gefäß ist im Laufe dieser zwei Jahre wieder zusammengeklebt worden. Immer und immer wieder ausgebessert. Es füllt sich nicht mehr so gut wie vorher. Es sind an vielen Stellen kleine Löcher geblieben, deren Scherben wohl unwiederbringlich verloren gegangen sind. Die Klebe- und Bruchstellen geben unter Druck nicht mehr so leicht nach wie noch vor einem Jahr oder einem halben, aber das Gefäß ist nicht mehr das, was es vorher war. Die Aussicht darauf, dass es das auch niemals mehr sein wird, bringt mein Herz an manchen Tagen schier zum Zerreißen.
Wissen kann man nicht zurückgeben.

Jadekompendium 05.12.2016, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Stille

Es ist still im Auto. Es ist der einzige Moment des Tages, an dem in meinem Leben wirkliche Stille herrscht. Alle großen Kinder in der Schule, das Kleinste im Kindergarten, der Mann bei der Arbeit. Der Einkauf liegt hinter mir und ich sitze in meinem Auto. Vor mir liegt die Adventsausgabe unserer Kirchenzeitschrift. "Hoffnung braucht Nahrung" schreibt dort unsere Pfarrerin über die Adventszeit und das, was uns die Dinge aushalten lässt. Ich lese mich durch die Texte und beiße ab und an von meinem Brötchen ab, das ich mir gerade gekauft habe. Im Kofferraum liegt der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte und dann doch irgendwo falsch abgebogen ist. Er schläft.
Ich kenne meine To-Do-Liste für den Tag. Ich kenne jede Aufgabe, jede Sprosse meines Hamsterrades. Aber dieser Moment gehört mir.
Ich sitze hier und genieße es, die geschäftigen Leute um mich herumeilen zu sehen. In den Supermarkt, aus dem Supermarkt, zur Caritas, auf den Parkplatz, mit dem Hund spazieren, den Kinderwagen schiebend, ein oder mehrere Kinder hinter sich herziehend oder vor sich herscheuchend und in meinem Auto höre ich nichts davon. Die Welt schrumpft auf mich, mein Brötchen und ab und zu ein leises Babyschnarchen des Hundes zusammen. Es geht mir gut.
Fünf Minuten später ist es eiskalt im Auto. Das Brötchen aufgegessen, die Zeitschrift durchgelesen und der Hund aufgewacht. Es geht weiter.
Bis morgen. Morgen früh wird dieser Moment wieder mir gehören. Ich freue mich darauf und halte mich verzweifelt daran fest, während der Tag wieder meinen Namen schreit.
Ja. Hoffnung braucht Nahrung.

Jadekompendium 28.11.2016, 11.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Von der Sehnsucht

Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir, bevor ich ihn hörte. Und ich musste mich umdrehen.
Musste sehen, musste fühlen, dass nicht er es war, sondern ein anderer.

Ich hörte das tiefe, volle, tönende Lachen und ich sah in ein lachendes Gesicht. Er ist es nicht., flüsterte eine atemlose Stimme in mir. Er ist tot. Lange schon. Geh weiter.
Aber ich konnte nicht. Ich sah.

Und ich stand mittem im Gang eines Supermarktes, starrte diesen Mann an und konnte mich nicht rühren. Er sah mich. Fragend, wundernd sah er mich an. Lächelte.
Ich lächelte zurück und sah ihm hinterher, wie er an mir seinen Wagen vorbeischob und sich lauthals mit seiner Frau über die Angebote unterhielt.
Dieselbe Stimme. Dieselbe Haltung. Ähnliches Aussehen. Und diese Liebe. In allen Worten diese Liebe.
Heiße Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich dem Regal mit Schokolade zu, wo ich blinzelnd versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

Eine halbe Stunde bin ich hinter ihm und seiner Frau hergeschlichen.
Habe mir beim Einkaufen Zeit gelassen und habe jedes Lachen, jedes Necken, jedes Wort in mein Herz geschlossen.
Ich kam mir albern vor. Gestört. Verstört. Verstörend. Aber ich konnte nicht anders.
Als wir an der Kasse waren, warf ich einen langen letzten Blick auf ihn und winkte innerlich ein leises Lebwohl.
Wie damals schon.

Du fehlst mir. So sehr. Auch nach all den Jahren noch.

Jadekompendium 25.11.2016, 11.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Alb.

Die Träume sind wieder da.

Seit einigen Wochen nun schon setzen sie sich dunkel, verstörend und destruktiv in meinen Nächten fest.
Nächte, die nicht mehr erholsam sein können. Nächte, die gefürchtet sind, wenn die Stunde naht. Träume, aus denen ich schweißgebadet aufwache, voller Panik, Angst und Hass. Schwärend.

Vor vier Tagen ist nun mein geliebtes Tier gestorben, das mir in den Stunden mit der Nase in seinem steingrauen Fell so viel Frieden schenken konnte, seit unser Leben nicht mehr unseres ist.

Immer noch oben drauf, immer noch mehr, immer schwerer, immer tiefer.

Seit vier Tagen brennt die Kerze ununterbrochen.
Trotz Sturm, Regen und Hagel.
Vier Tage, seit wir ihn in sein nasses, dunkles Grab gelegt haben.
Vier Tage schon.
Vier Tage erst.

Ich mag nicht mehr in den Stall zu den anderen Tieren gehen.

Mir fehlt das Grau.

Jadekompendium 19.11.2016, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Auf den Hund gekommen

Seit drei Wochen ist er nun hier.

Der kleine Kerl, nach dem der Mann und ich uns schon so lange sehnten und den wir uns wegen "der Umstände" so lange verboten haben, bereichert nun unser Leben und schafft es, meinen Fokus ganz spielerisch von all den Problemen wegzulenken, die mich immer tiefer in den schwarzen Abgrund ziehen.

Zwischen Kinderpsychiatrie, Supervision, Angst und Überforderung und einem Alltag, der für acht Menschen erst einmal organisiert werden will und in unserem speziellen Fall auch durch viel Morast bewältigt werden muss, ist der kleine braune Schokokeks mein Licht, das mich nach oben sehen lässt.

Loslassen ist meine größte Herausforderung.

Und wenn ich morgens weinend in der Küche stehe und für einen weiteren Tag weder ein noch aus weiß, dann sitzt da jemand, der - meistens mit einem meiner Schuhe in der Schnauze - ganz unmissverständlich fordert:

Ich bin hier. Komm du auch zurück ins Hier und Jetzt.

Jadekompendium 18.11.2016, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: auf den Hund gekommen

Supervision [Hoffnung. Erleichterung.]

Gestern war es soweit. Der Mann und ich hatten unsere erste Supervision.

Wir sind jetzt nach drei Monaten am Ende unserer Kräfte und ehrlich genug, das auch einzusehen.
Die Therapeutin lauschte uns gestern über eineinhalb Stunden lang, bis wir alles einmal auf den Tisch gepackt haben.

"Das ist viel."
, sagte sie. "Sehr viel."

Was jetzt folgt, sind Hilfen, die wir von außen bekommen.
Für das, was die Kinder mitgebracht haben, stehen große und furchtbare Worte im Raum.
Und all das ist inzwischen zu groß für unser Zuhause, für uns als Paar, für unsere Familie, für unsere Kinder.

Wir wollen Eltern sein.
Keine Trainer, keine Psychotherapeuten, keine Verhaltenstherapeuten, keine Freunde, kein Fachpersonal.
Eltern.

Ich freue mich über die Wege, die uns aufgezeigt wurden.
Nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns.

Für mehr Zeit zu Zweit, um unser neues Leben zu sortieren, zu ordnen und vielleicht sogar mögen zu lernen.

Jadekompendium 29.09.2016, 10.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Gute Reise

Ach, ich habe so lange überlegt, was ich dir schreiben soll.
Ob ich dir schreiben soll.
Ich habe mich dagegen entschieden.
Du warst mir auf den ersten Blick sympathisch.
Ich dir nicht.
Jetzt ziehst du weg.
Ich bin in deinem neuen Zuhause nicht willkommen.

Vielleicht hören wir uns noch einmal.
Vielleicht auch nicht.
Es ist ja nicht so, dass du jemals etwas über mich wissen wolltest.
Nimm die Lügen, die du über mich geglaubt hast, mit.
Es ist wie es ist.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dort glücklich wirst.
Leb wohl.

Jadekompendium 23.09.2016, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Das andere Ende

"Kind, ich bin soweit, dass ich jetzt sterben kann. Aber das Leben lässt mich ja nicht."

Sie seufzt. Ich seufze mit. Was soll ich auch schon sagen?

Oma, ich möchte nicht, dass du stirbst? Wie bescheuert.
Natürlich möchte ich nicht, dass sie stirbt, aber wer bin ich, dass ich mich darüber erhebe, was für sie das Richtige ist?
Das Leben ist für sie nicht mehr lebenswert und das ist ihre ganz persönliche Sache, die ich respektiere. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod.
Ja. Leider geht das nicht immer so, wie man sich das vorstellt.

"Meine Nachbarin, die ist ja einfach gesprungen. Natürlich haben sie uns gesagt, es war ein Unfall. Aber wie unbeabsichtigt kann man über ein Geländer klettern und aus dem Fenster springen? Naja, ist auch nicht verkehrt. Aber ne Riesensauerei." Ich muss schmunzeln. Ja, das ist eher nichts für meine Großmutter. Alles, was mit einer Sauerei verbunden ist, scheidet schon mal aus.

"Aber jedesmal wenn ich mich hinlege und mir vornehme, ich sterbe jetzt - was glaubst du, was dann passiert? Genau. Ich wache einfach am nächsten Morgen wieder auf. So ein Schiet."
Ich lache laut los.
Wir diskutieren ausführlich über verschiedene Sterbearten und über das Altwerden im Allgemeinen und über ihre grauenhaften Mitbewohner im Heim.

Das Übliche und ich spüre, wie ihre Stimmung sich etwas aufhellt. Sie fragt nach den Kindern.
Ich erzähle aus unserem Alltag und von unseren Problemen und den Fortschritten, die wir machen.
Sie lauscht andächtig, fragt zwischendurch immer wieder nach und ich höre, wie sehr sie Anteil nimmt.

Es ist so furchtbar, dass sie soweit weg wohnt.
Wir haben so viele Möglichkeiten durchdacht, aber wir schaffen es einfach nicht, sie hierhin zu holen.
Ein Heim in der Nähe wäre nicht das Richtige und ein Platz hier zuhause ist kaum realisierbar.
Selbst wenn wir es emotional schaffen würden, was in unserer momentanen Situation auch schon fraglich ist - der Umbau wäre zu umfangreich, um ihn bezahlen oder selbst realisieren zu können. Der mangelnde Platz ist ein weiteres Problem.

Ich seufze erneut. Sie seufzt mit. "Ach Kind."

"Ach Oma.", sage ich und sie summt ein bisschen, wie ich es schon aus Kindertagen von ihr kenne.

Mir tut das Herz weh. Ich weiß, worauf sie wartet.
Sie wartet auf meinen Vater.
Und ich weiß, dass sie vergeblich auf ihn warten wird.

Jadekompendium 22.09.2016, 07.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Alles hat seine Zeit

Das Leben hat ein verdammtes Scheiß-Händchen für Bühnenbild und Beleuchtung.
Es ist früh, es ist kalt, wir stehen auf einer Bergspitze inmitten all unserer Kinder unter freiem und strahlend blauem Himmel.
Der Ausblick ist atemberaubend und die Sichtweite endlos.
Es ist das Leben. Pur, klar, rein.
Und in all dem Gekreische und Gejohle schrumpft unsere Welt plötzlich auf unsere beiden Augenpaare zusammen.
Ich sehe in Augen, wie ich sie grauer und schmerzerfüllter noch nie gesehen habe.
"Du hast zwei Kinder dazubekommen?" Ich nicke.
"Sie hat es nicht geschafft?" Ich schüttle stumm den Kopf.
"Ich muss auch bald sterben", sagt sie leise und ich kann sie nur fassungslos anblicken.
Das Blut rauscht durch meine Adern und ich höre nur noch meinen Pulsschlag und sehe nur noch ihre Tränen.
"Nein.", ist das Erste, das ich sage, "Deine Zeit ist noch nicht gekommen."
Ich kenne diese Frau nicht. Nicht wirklich.
Ich öffne die Arme und drücke diesen zierlichen kleinen Menschen an mich.
Das darf nicht sein, das kann einfach nicht sein. Nicht schon wieder.
Und so stehen wir dort und weinen.
Jeder für sich und doch miteinander. Die Worte, die wir wechseln, kommen und gehen von Herz zu Herz.
Es gibt nur wenig, das den Kontakt zwischen zwei Menschen ehrlicher macht als der Tod.

Viel später wandern meine Gedanken zu der Frau, die ich so viel besser und so viel weniger kenne.
Was macht das Leben da?

Jadekompendium 21.09.2016, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Freundschaften [Unterschiede]

Der Sohn hat seit mehreren Tagen seine beiden besten Freunde hier.
Das bedeutet im Wesentlichen: leerer Kühlschrank, verwüsteter Garten, viel Geschrei, blaue Flecken, Blut und zwei Stunden xBox zur freien Verfügung am Tag.

Gerade spielen alle drei gemeinsam mit seiner kleinen Schwester ein Spiel, in dem sie deutlich besser ist als er.
Der Sohn hat in dieser Hinsicht eine eher geringe Frustrationstoleranz und meckert und motzt sie an, was das Zeug hält.

Sie kennt ihn ihr Leben lang und weiß das ganz gut zu nehmen.
Grinsend versetzt sie ihm einen weiteren Schlag und kichert.
Er wirft wütend seinen Controller auf Sofa.

Besuchsfreund1 sieht ihn interessiert an und sagt beruhigend:
"Lass dich doch nicht ärgern! Das ist alles Fleiß, Übung, Spaß und schlussendlich ist es sowieso nur ein Spiel."

Besuchsfreund2 schubst ihn fassungslos vom Sofa und brüllt:
"Alter! Lass dich doch nicht so abziehen! Da kannst du ja gleich sterben gehen!"


Ich lieb sie.
Alle miteinander.

Jadekompendium 12.08.2016, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Vom Großwerden

Das wunderbare große Kind macht heute sein zweites Praktikum und ich sehe ehrfürchtig auf dieses hochgewachsene wunderschöne Menschenkind, das ich doch erst gestern neugeboren in meinen Armen hielt.
Es geht mir zu schnell und gleichzeitig genieße ich sie so sehr, wie sie sich verpuppt und schon bald aus ihrem Kokon schlüpfen wird, bevor sie dann die Flügel ausbreitet und in die Welt davonfliegt.
Sie strahlt von innen heraus und ich könnte manchmal einfach nur dasitzen und ihr zusehen und sie dabei anhimmeln.
Natürlich reiben wir uns aneinander, natürlich findet sie mich manchmal doof und ich sie mindestens genauso, aber ohne diese Ablösung wäre ein Verpuppen ja auch gar nicht möglich.
Also genieße ich einfach jeden Tag mit ihr und beobachte mein erstes Kind, wie es sich langsam auf den Weg macht.
Meine geliebte kleine Giftbeere.

Jadekompendium 04.07.2016, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

You'll never walk alone...

Es ist ein wunderschöner Tag heute.
Kalt, sonnig.
Strahlend blauer Himmel.

Heute ist deine Beerdigung.

Wo ich meine Kinder gerade mit einem Kuss, einer Umarmung und einem Ich liebe euch verabschiedet habe, stehen deine Kinder heute ein achtes Mal ohne Mutter auf.

Ich wünschte... Ich wünschte vor allem, dass du mehr Zeit gehabt hättest.
Egal, was war.
Das ist ein Gedanke, der mich die zweieinhalb Jahre, die du nun gekämpft hast, nie losließ.

Ich wünschte, du hättest deine Kinder ins Erwachsensein begleiten können.
Ich wünschte, du hättest mehr Zeit gehabt.

Und ich wünschte, ich könnte mehr Verständnis für deine Entscheidungen aufbringen.

...don't be afraid of the dark.

Machs gut.

Jadekompendium 21.04.2016, 07.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

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