Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Alltag

Herbstferien [Liebe]

Die Herbstferien sind fast vorbei und es macht mich wehmütig, auf die nächsten Tage zu blicken.
Zwei Wochen mit den Kindern liegen hinter mir und ich habe sie sehr genossen.

Irgendwann in der Mitte der ersten Woche saßen wir gemeinsam am Tisch und die große Tochter seufzte: "Es ist so schön gerade. Wie früher."

Und ihre Geschwister stimmten ihr traurig nickend zu.

Mir blieb fast das Herz stehen vor lauter Schmerz.

Ja, es war wie früher. Die Harmonie, die Vertrautheit, die gemeinsamen Unternehmungen, das Verständnis untereinander.
Das ist die Familie, die ich kenne und geliebt habe.

Morgen kommen die Zusatzkinder wieder. Und die Giftigkeiten. Die Kommentare. Die Übergriffigkeiten. Die Urteile. Und ihre Verachtung für alles, für das wir stehen.

Abgrenzung wird wieder unser Thema sein, wo wir zwei Wochen lang einfach nur wir sein durften. Offen und verletzlich, wo nun wieder Schutzschilde hochgehalten werden müssen.

Irgendwann, in vielen Jahren werde ich ihnen sagen, wie unendlich leid es mir tut, dass wir eine derart falsche Entscheidung getroffen haben.
Und wie viele Tränen ich um uns geweint habe.

Und dann kann ich nur noch hoffen, dass sie mir das eines Tages vergeben können.

Jadekompendium 03.11.2017, 13.00 | (0/0) Kommentare | PL

Wenn es knallt, dann richtig...

Der Morgen war nach einer Tagesdosis Schmerzmittel und meinem Gang zum Physiotherapeuten eigentlich nicht mehr so schlecht.
Die Physiotherapeutin war angetan vom Zustand meiner Muskeln und gab mir ein enthusiastisches GO! für mein weiteres Training und stellte mir in einigen Wochen Beschwerdefreiheit in Aussicht, wenn ich so weitermache.
Massage tat heute kaum weh, obwohl diese zwar kleine aber sehr kräftige Person mit ganzem Gewicht in meinen Schultermuskeln hing.
Gutes Zeichen.
Fortschritt, wo ich in meiner tagtäglich gefühlten Isolation zuhause nur Stillstand wahrnehmen konnte.
Es geht weiter. Langsam. Aber weiter.

Zuhause öffnete ich freudestrahlend die Tür, weil ich das erste Mal den Berg zu unserem Haus im Eilschritt hochmarschieren konnte, ohne zu schnaufen oder von Rentnern mit Krückstock überholt zu werden und sah in vier weinende Kindergesichter.
Scheiße.

Zuhause hatte es in meiner Abwesenheit ordentlich geknallt und pubertäres Kompetenzgerangel ist nun mal eine hochexplosive Angelegenheit.
Die beiden Kleinen haben zuerst gepiesackt, als die Großen aneinandergerasselt sind und haben dann später aus Solidarität einfach mitgeweint, weil ihnen die Situation zuviel war.

Meine Enttäuschung war mir wahrscheinlich deutlich anzusehen und als ich alle leise bat, in ihre Zimmer zu gehen, damit ich mich abregen kann, funktionierte das ohne Murren.

Meine Schultern verkrampften schon wieder und ich entschied, trotz des schweißtreibenden Spaziermarschs noch ein paar Übungseinheiten für den Rücken und die Schultern zu absolvieren.
Als ich nach meinem Training nach oben an den Computer ging, lagen dort bereits erste Entschuldigungsbriefe.

Vielleicht ist es ja doch noch möglich, dass wir gleich alle zusammen meinen Geburtstagskuchen vorbereiten, ohne uns gegenseitig umzubringen.

Jadekompendium 24.10.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Sports [kind of]

Das kleinste Kind wurde eingeschult und wie schon bei Kind 1, 2 und 3 läuft ein Erwachsener in den ersten Wochen den Schulweg mit.
Der Schulweg ist 2 Kilometer lang, verläuft ein wenig gerade und viel steil bergauf und bergab (Sauerland halt) und beinhaltet 104 Stufen auf einer Strecke.

Das heißt, ich laufe pro Hinbringen 4 Kilometer (ich muss ja auch noch wieder nach Hause kommen) und pro Abholen ebenfalls.
Das sind pro Tag 8 Kilometer zusätzlich zu meinem Alltag, knapp zwei Stunden Laufzeit, 416 Stufen, bergauf und bergab.

Weil mir das mit schmerzenden Muskeln und einem ziemlich bescheuerten Gicht-Gelenk am rechten Fuß noch nicht gereicht hat, habe ich - keine Ahnung, was mich da geritten hat - beschlossen, den unerzogenen Braunbären mitzunehmen.

Dem kleinsten Kind war es wichtig und ich dachte noch, das wäre ja eigentlich super. Zwei Stunden Extra-Training für den Hund im Bei-Fuß-Laufen.

Haha.

Der Hund, der sich mit seinen 40 Kilo Muskeln bei jedem Schritt in einen Zweikampf mit mir warf und mit dem ich deutlich mehr zu tun hatte als mit dem Fünfjährigen, der (im Gegensatz zum Hund) immerhin schon alle Fußgängerregeln verinnerlicht hatte, brachte mich an meine Grenzen.
Körperlich und auch geistig.
Andere Kinder, andere Hunde, große LKWs, direkt an der Straße, kein Schritt ohne Ablenkung möglich.

Mein Muskelfaserriss bettelte an Tag 2 schon herzerweichend um Gnade, die gesamte Schultermuskulatur tat einfach nur weh und bei der Krankengymnastik fragte meine Physiotherapeutin nur entsetzt, was in aller Welt ich denn getan hätte, als sie mir in die Muskeln griff.

Hätte man sich eventuell überlegen können, das zu verändern, aber ich mache ja keine halben Sachen und hielt es für eine super Idee, das Ganze eine Woche lang durchzuziehen.
Bis ich dann vor dem Wochenende ein wenig zusammengeklappt bin und auch dem Haushalt sah man an, wo meine Kraft blieb.

Diese Woche begann ich dann aufgrund meines fürchterlich schmerzenden Gichtgelenks den Schulweg ohne Hund.

Und es glich einem Spaziergang.
Zwei Kilometer und 104 Stufen später fragte ich mich, wie ich das jemals hatte anstrengend finden können und auch der Rückweg war in der Hälfte der Zeit erledigt und ich musste nicht mal duschen gehen, als ich zuhause ankam.

Sehr erleichtert, dass ich nicht so himmelschreiend unsportlich bin, wie ich mir das letzte Woche eingeredet hatte, habe ich nun beschlossen, die Hundeerziehung wieder in meinem und im Tempo des kleinen Braunbären voranzutreiben und ihn nicht mit Brachialgewalt all den Reizen auszusetzen, die auch einen gut ausgebildeten Hund manchmal noch zucken lassen.

Immer mit der Ruhe.

Jadekompendium 12.09.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Zeugnistag

Letzter Schultag, Zeugnistag.

Die Zeugnisgeschenke sind verpackt und liegen hier.
Nicht für gute Noten, sondern für die täglich absolvierte Arbeit.

Für Pflichtbewusstsein und die Fähigkeit, auch mal an bescheuerten Tagen und ohne viel Lust den Schulalltag absolviert zu haben.

Kind6 mault ununterbrochen, dass es ja nun eigentlich schon ein Schulkind sei und mokiert, noch kein Zeugnis bekommen zu haben.
Dabei fällt mir ein, dass ich ihn mal dazu zwingen sollte, mit mir endlich mal Schulranzen begutachten zu fahren...

Das Zeugnis von Kind5 habe ich schon vor einigen Tagen gesehen, es ist und bleibt wie erwartet ein absoluter Überflieger.
Kann alles, weiß alles, ist beliebt, hat Freunde, hilft und lebt den jähzornigen Dickkopf anscheinend nur hier zuhause in schöner Regelmäßigkeit aus.
Genie und Wahnsinn und so.
Sie ist ein Kind, das sich gerade in Tiere so gut einfühlen kann, dass mir manchmal vor Ehrfurcht die Luft wegbleibt. Das bezieht sich zwar weniger auf den Chaosbruder, aber auf alle anderen Wesen. Sie kann mit bissigen Pferden so gut umgehen wie mit Hasen, Hunden, Katzen, sammelt grundsätzlich jedes noch so zerfledderte Tier ein und hat große Fortschritte darin gemacht, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren.

Kind4 hat sein erstes Jahr auf der weiterführenden Schule gut überstanden und mein Sorgenbaby hat es geschafft, vom schulehassenden MotzKobold zu einem in sich ruhenden sensiblen Fast-Teenager zu reifen, der viele gute Freunde hat (die hier mitunter fast wohnen) und der auch in der Schule gut mitkommt. Mal gibt es eine Fünf, mal gibt es Einsen, im Normalfall pendelt er zwischen guter und befriedigender Leistung.
Er behauptet sich auf dem Schulhof auch gegen große Fieslinge und stellt sich aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch vor seine Freunde.
Er ist großartig. Hochsensibel und endlich in seiner Mitte.

Kind3 - Zusatzkind2 - wird auch hier wieder versuchen, nicht aus der Masse hevorzustechen.
Ich erwarte viele Dreien und Vieren und keine besonderen Bemerkungen.
Er ist einer von Vielen und möchte auch nichts Besonderes sein.
Darauf wurde er in seinem früheren Leben programmiert und daran arbeiten wir mit der Familientherapeutin.
An Interesse, Gefühl und dem Gespür für das eigene Ich. Der Weg ist noch lang.

Kind2 - meine strahlende Erstgeborene und Dramaqueen, Giftbeere und Kronprinzessin - ihr Zeugnis wird sie wiederspiegeln.
Einsen, wo ihr Interesse brennt, Dreien, wo sie keine Lust hat.
Und endlich eine Oberstufenschülerin.
Sie besucht eine Schule, deren Anspruch hoch ist und ich bin sehr zuversichtlich, dass sie die letzte Strecke zum Abitur mit Bravour absolviert.
Ihr Freundeskreis ist über die Jahre gewachsen und gefestigt, ich liebe und schätze alle ihre guten Freunde sehr.
Sie kann ihre Bedürfnisse kommunizieren, ist ein absoluter Kopfmensch mit viel Herz.
Sie treibt mich zur Verweiflung und in den Wahnsinn und ihr 10-Jahresplan mit Auszug nach dem Abitur und Studium und Wohnungseinrichtung und Nebenjobs erfüllt mich mit Stolz und Wehmut gleichermaßen. Sie ist doch noch so klein...

Kind1 - Zusatzkind1 - hat einen ähnlich schweren Rucksack zu tragen wie Zusatzkind2.
Sie wird ein absolutes Vorzeigezeugnis mit nach Hause bringen.
Nur Einsen und vielleicht in Sport eine Zwei oder Drei, für die sie sich innerlich zerfleischen wird.
Sie hat die Gabe, schreiben zu können, hoffentlich endlich für sich angenommen und kommt langsam aus sich heraus. Ihr Fokus liegt auf Träumereien und allen Dingen, die nicht Gefahr laufen, Realität werden zu können. Sie ist in der Lage, komplexe Zusammenhänge aus jedem Wissensgebiet schriftlich darzulegen, aber sobald man sie etwas fragt, das auch nur im Entferntesten die Gefühlsebene streifen könnte, verwandelt sie sich in ein kleines schwarzes Mäuschen, das man unter Androhung von Schlägen in einer Fremdsprache nach dem Weg gefragt hat.
Auch hier bin ich dankbar für die Frau, die uns inzwischen schon ein Jahr als Therapeutin begleitet.
Ihr Weg wird deutlich länger werden, auch darum bin ich glücklich über das zusätzliche Jahr, das ihr nächsten Sommer durch den Schulwechsel auf die höhere Schule zu Kind2 geschenkt werden wird.
Es wird sicher nicht immer einfach sein, eine Klasse unter der eigentlich jüngeren Stiefschwester zu sein, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das gut begleiten können.

Ich bin heute sehr dankbar für diesen letzten Schultag.

Ich freue mich darauf, 6 Wochen lang NICHT jeden Tag morgens bis zu 11 Frühstücks- und Mittagsdosen herrichten zu müssen und auch einfach mal bis 7 Uhr morgens liegen bleiben zu können.

Ich war noch nie so urlaubsreif wie dieses Jahr.

Jadekompendium 14.07.2017, 12.00 | (3/3) Kommentare (RSS) | PL

Glaubensfrage

"Mamaaaa, wo wohnt Gott noch mal?"

Das kleinste Kind kräht mich noch halb verschlafen beim Frühstück an, weil es gerade über Weltall und Himmel und Wolken und Luft und Sonne und überhaupt sinniert hat.
Dabei kam ihm irgendwie in den Sinn, dass es den Platz für Gott wohl vergessen haben muss.

Bevor ich noch irgendetwas sagen kann, keift ihn das große Zusatzkind mal wieder reflexhaft an und belehrt ihn überheblich: "Es gibt keinen Gott!"

Ich seufze müde. Was hat man diesen Kindern nur angetan, dass sie anderen nicht ihre eigene Sicht der Dinge lassen können?

Das kleinste Kind zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch.
Überartikuliert wendet es sich an die große Stiefschwester:
"Darum habe ich auch nicht dich gefragt,", erklärt es langsam, als würde es es mit einer äußerst ärgerlichen Form von Begriffstutzigkeit zu tun haben, "sondern Mama."

Ich entscheide mich, ihr abfälliges Seufzen und Augenrollen so früh am Morgen zu ignorieren.

"Gott ist überall, Butzemann. In mir, in dir, in allen Menschen, in jeder Blume, in jedem Tier, an jedem Ort. Im Weltall genauso wie hier auf der Erde."


"Das ist so schön, Mami!", freut sich der kleine Sohn und springt auf.

Ja. Das ist es.

Jadekompendium 06.07.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Vom nach dem Sterben

Der weltbeste Notar und Anwalt öffnet uns die Tür und ich bin wie jedesmal
ein bisschen verliebt.
In das alte Haus, in die Stuckdecken, in seine weißhaarige alte Agentenfilm-Sekretärin und in ihn.
Seine Stimme, seinen Geist und sein enormes Fachwissen, das es nicht geschafft hat,
die Menschlichkeit aus seinem Herzen zu verdrängen.

Die letzten Jahre hat dieser Mann uns bei so vielen Dingen begleitet.
Beim Hausverkauf, beim Hauskauf, in den Auseinandersetzungen mit Exmann und Exfrau um Kindesunterhalt.
Beim Sorgerechtsprozess um die Zusatzkinder, kurz: in allen rechtlichen Belangen.

Und natürlich hat auch er unser Testament verfasst.

Hier leben sechs Kinder, zwei erwachsene Menschen und eine pflegebedürftige Person.
Wir haben drei Kinder. Der Mann hat fünf Kinder. Ich habe vier Kinder.
Zwei der Kinder sind Halbwaisen.
Ein sorgeberechtigter Elternteil lebt nicht in diesem Haushalt.

Es geht um Immobilienbesitz, Erbanteile, Pflichtteilsansprüche, Vorsorgevollmachten und Vormundschaften.

Er hat es geschafft, all unsere Wünsche auf vier Seiten Testament unterzubringen.

Die Unterschrift kommt mir fast bedeutender vor als damals bei der Eheschließung.
Dies hier fühlt sich schwerer an.
Erwachsener.
Der Mann setzt seine Unterschrift unter meine.
Der Notar seine darunter.

Er lächelt uns an:
"Auf dass diese Papiere möglichst lange in der Schublade bleiben!"

So möge es sein.

Jadekompendium 05.07.2017, 12.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Sieben

Noch sieben Mal.

Noch sieben Mal das kleinste Kind morgens in den Kindergarten fahren.

Nur noch sieben Mal.
Im Sommer wird es vorzeitig eingeschult und ich darf, kann.. endlich... nach 12 unendlich langen Jahren mit Kindergartenkindern morgens eine neue Routine anfangen.

Ich bin müde. Und sehnsüchtig.
Die Entscheidung für kein weiteres Kind ist unumstößlich.
So richtig.
Und doch sind sie da, die Momente, in denen ich von dem Mann, der der Mann heute ist, so unglaublich gerne noch einmal schwanger wäre.
Noch einmal in meinem Alter mit der heutigen Erfahrung ein Kind austragen würde.

Obsolet sind sie, diese Gedanken.
Zu viele Argumente sprechen dagegen, zu hart haben wir gekämpft und zu viele Kinder haben wir verloren.
Die Zeit des Kindergebärens ist vorbei.

Sieben Male noch.
Dann habe ich sechs Schulkinder.

Ich fühle mich alt.

Jadekompendium 27.06.2017, 22.00 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

Das taube Kind

Es ist jetzt bald vier Jahre her, dass der schrecklichste HNO-Arzt der Welt mit gleichgültiger Stimme verkündete: "Das Kind ist taub. Operiere ich selber, nächste Woche, mal sehen, ob er dann hören kann oder blöde bleibt. Ist halt keine schöne Sache."

Es ist auch bald vier Jahre her, dass wir statt im Hinterhof des HNO-Arztes in einem großen Zentrum für HNO/Pädaudiologie alle zusammen um 6 Uhr morgens auf den Chirurgen warteten, der den närrischen kleinen Tuk zur ersten Operation seines Lebens abholen würde.

Erst ein Jahr ist es her, seit die letzte Operation vorgenommen wurde und das dumme taube Kind endlich ein einem gesunden Kind gleichgestelltes Hörvermögen bekam.

Wo die meisten Menschen abschalteten, weil sie sein Gelalle nicht verstanden haben, hatten wir an den richtigen Stellen Menschen, die gelernt haben, sein Gelalle zu deuten und ihn zu verstehen.

Eine beste Kindergartenfreundin, die über ein Jahr lang jedes Lallen in vollständige Sätze für die anderen Kindergartenkinder verwandelt hat. Weil sie ihn verstand.

Erzieherinnen, die Zeichensprache nutzten, Fortbildungen auf Gehörlosenschulen besuchten und geduldig jede Äußerung seinerseits interpretierten, bis sie wussten, was er meinte. Inklusive regelmäßiger Anrufe, dass er sich gerade "sehr doof fühlen würde", weil ihn niemand verstünde und bei denen ich kurz mit ihm sprechen konnte, bis es wieder ging.
Seit einem Jahr eine Logopädin, die in den ersten beiden Stunden so ratlos war wie selten in ihrer Laufbahn, wie sie mir versicherte.
Die heute Morgen, nach insgesamt nur 38 Stunden Logopädie sagen musste: "Unsere Wege trennen sich jetzt."

Auf unserem Weg lagen auch sehr sehr viele wohlmeinende Menschen mit sehr viel Meinung für sehr wenig Wissen.
Aber die zählen nicht.

Aktuell liegen all seine Testergebnisse weit über 90 %.
Er wird in diesem Jahr vorzeitig eingeschult.
Hat ein extrem großes Faible für Buchstaben und Zahlen.
Zählt im 10.000er Raum, rechnet im Hunderterraum, buchstabiert, liest und schreibt.
Und das ist nicht im letzten Jahr passiert, seit er hören und sprechen kann.
Das war schon immer in ihm.

Und dass wir seinen Weg mit Menschen gegangen sind, die ihm geholfen haben, diese Fähigkeiten auch ausdrücken zu können - lange, bevor er sprechen konnte - dafür sind wir jeden Tag so unglaublich dankbar. Und voller Demut.

Jadekompendium 28.03.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Wie ich einmal einem Internettroll die Stützstrümpfe hochzog

Es passiert ja eher selten, dass Oma sprachlos ist.

Aber als die neue Zimmernachbarin im Krankenhaus laut schimpfend und um sich schlagend in einem Rollstuhl ins Zimmer gefahren wurde, blieb selbst ihr der Mund offen stehen und sie hörte mitten im Satz auf zu reden.

"Ich kann nicht hierbleiben! Ich muss an meinen Computer!"


Die große Frau, die im Rollstuhl saß, hatte wirres graues Haar, eine dicke Warze und eine Lesebrille auf der Nase, einen babyblauen Strickpullover, eine Windel und Stützstrümpfe an.
Sonst nichts.

"Ich.muss.an.meinen.Computer.", erklärte sie dem Pfleger, als wäre dieser geistesgestört. "Sie hatten einen Schlaganfall. Sie müssen jetzt im Krankenhaus bleiben und sonst nichts. Wir rufen ihre Angehörigen an, die können ihren Computer ja ausschalten.", antwortete er freundlich und es war, als hätte er in ein Wespennest gestochen.

"Sind Sie WAHNSINNIG???", brüllte die alte Frau ihn an. "Ich habe meine Texte von heute noch nicht abgeschickt!"

Der Pfleger hob sie mit einer Kollegin ins Krankenbett und mir wurde klar, dass das Tochterkind, Uroma und ich gerade sehr unhöflich starrten, als wären wir Schaulustige bei einem Autounfall.

Ich räusperte mich.
"Oma, wir gehen mal kurz raus, damit die Frau sich hier einrichten kann."
Oma sah mich entgeistert an.
"Dann verpasst du doch das ganze Schauspiel hier, Kind!"


Es muss schön sein, sich mit 90 keine Gedanken mehr über Umgangsformen machen zu müssen, denke ich so bei mir und schiebe das Tochterkind kurzerhand aus dem Zimmer.

Als immer mehr Schwestern und Pfleger ins Zimmer eilen und ich immer lauteres Gebrüll von drinnen höre, überlege ich kurz, ob ich Oma vielleicht retten sollte, aber das würde sie mir im Leben nicht verzeihen.
Nach einer viertel Stunde ist Ruhe. Ich sehe Klinikpersonal leicht derangiert aus dem Zimmer kommen und durchschnaufen.
Ich lächle den Pfleger aufmunternd an, der mir zunickt, wir könnten jetzt gerne wieder zu Oma gehen.

Leise und vorsichtig betreten wir das Zimmer.
Die Frau liegt in ihrem Bett, Bettwäsche und Kissen liegen im Zimmer verstreut. Sie scheint sie wütend rausgeworfen zu haben.
"Dieser Saftladen.", murmelt sie mit ihrer herben, dunklen Stimme vor sich hin. Allerdings schon längst nicht mehr so laut wie vorhin. Ob sie ihr ein Beruhigungsmittel gegeben haben? "Ich werde denen schon zeigen, was ich davon halte. Die werden schon noch sehen...", brummelt sie und scheint in einen Dämmerzustand zu wechseln.

Ich sehe Oma an.
Missbilligend schüttelt sie den Kopf. "Wie kann man sich mit 91 Jahren nur so aufführen?"

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

Oma thront in ihrem Zuhälter-Bademantel aus Leopardenplüsch und Fellbesatz an Kragen und Ärmeln in ihrem Bett und hat ihrer anderen Zimmernachbarin, die immer nur schläft, anscheinend wieder den Joghurt geklaut.
Sie löffelt gedankenverloren vor sich hin. "Schlimm, schlimm."

---

Einige Stunden später sind wir wieder im Krankenhaus.

Die Frau neben Oma ist wach - sehr wach - und hat Besuch. Ihr Sohn, vermute ich.

Die Art, wie sie den geschätzt fast 70jährigen durchs Zimmer scheucht, spricht Bände.

"Manfred. Du musst dir aufschreiben, wie die Leute hier heißen. Dann kann ich Beschwerden schreiben. Ich muss wieder an den Computer. Im Internetz kann man das machen. Ich brauche Namen!" Sie sieht erschöpft aus. "Namen, Manfred! Hörst du?"
Der Mann hat hochrote Wangen und sieht aus, als würde er sich extrem unwohl fühlen. "Du musst auch deinen Kindern Bescheid geben. Sie können mich heute Abend besuchen. Hörst du? Ich kann nicht lange hierbleiben! Ich muss unbedingt bald wieder nach Hause an den Computer."

Der Mann reicht ihr eine Tupperdose mit geschälten Äpfeln, die sie mit einer Zange herausnimmt und sich in den Mund steckt. "Das Essen hier ist so furchtbar. Ich muss nach Hause. Muss..."

Oma ist derweil nicht in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie völlig fasziniert starrt. Und ab und zu den Kopf schüttelt.
 
Der Mann versucht mehrfach, sich zu verabschieden. "Du willst mich doch nicht unglücklich machen, und schon gehen, oder Manfred?" Er sieht sich hilfesuchend um. Fängt aber nur Omas Blick auf, die ihn neugierig ansieht.

Nach einer weiteren halben Stunde schafft er es endlich. Er hat noch einen Termin. Einen wichtigen. Und ja, er wird sich gleich die Namen der Schwestern aufschreiben. Und ja, auch die des Pflegers, der sie so grob misshandelt hätte.

Als er geht, ist es kurz still im Zimmer.
Die Frau fängt wieder an zu brummeln und mit sich selbst zu sprechen. Dass sie nicht hierbleiben könne. Und dass sie dem Krankenhaus mehrere schlechte Bewertungen schreiben würde. Die würden schon sehen, was sie davon haben.
Sie wälzt sich im Bett herum und strampelt die Decke weg.
Einer ihrer Stützstrümpfe ist heruntergerutscht und sie versucht, ihn mit steifen Armen wieder hochzuziehen.
Es klappt nicht.
Sie fängt an zu weinen.
Oma boxt mich sehr entschlossen in die Seite und schubst mich. "Geh mal helfen, Kind. Du siehst doch, dass sie das nicht schafft."

Ich sehe sie skeptisch an. Aber ihr Blick duldet keine Widerworte. Also gehe ich ein Bett weiter und warte, bis ich die Aufmerksamkeit der Frau habe. "Darf ich Ihnen helfen?", frage ich vorsichtig und mache mich darauf gefasst, dass sie etwas nach mir wirft.

Stattdessen strahlt sie mich an. "Das ist ja sehr nett von Ihnen. Sie sind doch keine Schwester hier, oder?"
Ich schüttle den Kopf. "Nein."
"Ja, dann machen Sie mal."
Ich ziehe ihr vorsichtig den Stützstrumpf hoch und sie lächelt erleichtert.
"Hach, das ist schön. Können Sie die Decke noch aufschütteln?"

Im frisch aufgeschüttelten Bett lässt sie sich in die Kissen sinken und wendet sich uns zu.

"Hier werden alle noch bereuen, dass sie mich so behandeln." Sie blickt Oma an. "Sind Sie auch im Internetz unterwegs?"

Oma antwortet, dass sie mit dem neumodischen Kram nichts am Hut hat.
Sie würde Fernsehen kucken.
Die alte Frau schüttelt den Kopf.

"Im Internetz ist es viel lustiger, als ständig vor der Röhre zu hängen. Ich bin den ganzen Tag da drin. In unserem Alter haben wir ja Zeit, nech? Morgens mache ich mir einen Kaffee und dann schreibe ich Kommentare. Auf Forummen. Auf Homm-Päitsches! Auf Blocks! Das ist so lustig! Niemand weiß, wer ich bin. Und dann regen sich alle auf und ich habe den ganzen Tag was zu lesen!"

Sie strahlt überglücklich und ich sehe sie fassungslos an.

Ich habe mich meine gesamte Internet-Zeit über gefragt, was Internettrolle wohl für Menschen sind.

Jetzt weiß ich es.

Jadekompendium 15.02.2017, 09.00 | (3/0) Kommentare (RSS) | PL

Therapeutisches Reiten

Yoga.
Ist mit einem so jungen Menschen aber eher schwierig. Sagt unsere Familientherapeutin.

Oder Reiten. Reiten wäre sogar noch besser.

Das eine Zusatzkind hat große Probleme in seinem Rucksack mitgebracht und spürt weder sich selbst, noch seine Bedürfnisse noch seinen Körper. Da ist einfach nichts.
Kein Gefühl, kein Ahnen, nichts.
Das macht es natürlich auch sehr schwierig, andere zu spüren.

Übergriffigkeit, Taktlosigkeit, fehlende Distanz und Gewalt sind Auswüchse aus diesem Problem.
Nichts, womit man innerhalb einer Familie wirklich leben kann oder will.

Die beste Reitlehrerin unserer Kinder hat dankenswerterweise eine therapeutische Ausbildung. Also Einzelstunden nur für das Zusatzkind an einem separaten Termin. Nur er und das Pferd. Zum Spüren.
Zum Üben, wie man mit einem anderen Lebewesen umgeht. Und wie nicht.

Zeit, seinen eigenen Körper zu spüren und dadurch vielleicht irgendwann in ferner Zukunft so etwas wie Bedürfnisse in sich entdecken zu können.

Um dann - ganz später - auch Empathie zu lernen.
Weil man erfahren hat, wie man sich selber fühlt. Und dadurch vielleicht auch irgendwann erkennen kann, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt.
Dass andere nicht nur zur eigenen Belustigung oder Befriedigung da sind.

Die Hoffnung bleibt.

Jadekompendium 14.01.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

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