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Thema: Gedankenchaos

Sie.

Sie ist die Schwester, die ich nie hatte.
Und nun habe ich sie wiedergefunden.

Vor so vielen Jahren haben wir uns aus den Augen verloren, 2005 der letzte lose Kontakt, danach ging sie ins Ausland, ich verließ Mann und Haus und machte mich auf zu neuen Abenteuern und wir sahen und hörten nichts mehr voneinander.

Die Liebe, die ich immer für sie empfunden habe, war von viel Neid geprägt.
Nicht auf das, was sie hatte oder konnte, sondern für das, was sie meiner Mutter war.

Sie ist ein halbes Jahr jünger als ich und meine Mutter liebte sie, wie sie mich nie geliebt hatte. Ich liebte ihre Mutter, wie ich meine nie lieben konnte und so gingen viele Jahre ins Land.

Gemeinsam sind wir aufgewachsen, unsere Mütter waren beste Freundinnen, so viele gemeinsame Urlaube, Besuche, gemeinsame Schritte in Pubertät und Jungs-Sachen.

Sie war der leuchtende Stern, den meine Mutter so gerne als Tochter gehabt hätte.

Sie konnte dieses und jenes viel besser als ich, war anmutig und zierlich und klug und witzig und der Star in der Schule, wollte weder Tätowierungen noch Piercings, liebte Auslandsreisen und man konnte so erwachsen mit ihr sprechen, sie wollte Architektur studieren und bekam ein Stipendium und ging ins Ausland und hatte so viel Erfolg.
Natürlich rissen sich alle Männer um sie und sie hatte einen vernünftigen ersten Freund, der vorzeigbar war und wollte in die Tanzschule und auf den Abiball und war der Stolz ihrer Eltern.

Und der Stolz meiner Mutter.

Wann immer sie mit ihrer Freundin gesprochen hatte, bekam ich unmittelbar danach auf dem Silbertablett serviert, was sie alles wieder erreicht hatte und warum in Gottes Namen meine Mutter nicht eine Tochter wie sie bekommen hatte sondern mich.

Meine Mutter nannte mich insgesamt 8 Jahre meines Lebens hauptsächlich "Kotzbrocken" und "Arschloch".
Ich war am liebsten zuhause in meinem Zimmer, wollte auf ein normales Gymnasium und nicht auf das tolle Elite-Internat, ich liebte meine Tiere und hasste Ausflüge oder Urlaube. Ich hatte Flugangst, Panik vor Schiffsreisen, fuhr nicht gerne lange Auto und sprach nur 4 Sprachen. Mein erster Freund war nicht der nette Junge von nebenan, sondern ein erwachsener Mann, vorbestraft, berühmt und damals 13 Jahre älter als ich. Ich wollte nicht in der Weltgeschichte herumreisen, so wie sie das gerne gemacht hätte, sondern einfach nur meine Ruhe haben.

Meine Fortschritte zählten nicht und meine Erfolge blieben ungesehen.
Natürlich hatte ich auch ein Abitur, aber nicht mit 1,0.
Natürlich war ich auch begabt, aber nicht so lieblich dabei.
Natürlich konnte ich auch Instrumente spielen, war aber nicht so musikalisch.
Natürlich hatte ich auch Freunde, aber nicht so Elitäre und Hochbegabte.
Natürlich konnte ich auch reiten/surfen/kanufahren/klettern/schwimmen/sonstiges, aber mir fehlte die Anmut.
Der Lieblingssatz meiner Mutter war: "Aber bei IHR sieht das alles so leicht aus..."
Kurzum: Egal, was ich tat, ich konnte ihr einfach nicht das Wasser reichen.

Mit unserer Freundschaft hat das erst nicht viel gemacht. Später jedoch, zu Beginn unseres jungen Erwachsenenlebens zog ich mich mehr und mehr zurück, um mir den Schmerz zu ersparen, den die Worte meiner Mutter wie Nadelstiche in meiner Seele hinterließen.

Gestern Abend habe ich sie durch Zufall im Internet gefunden.
Sie ist immer noch außergewöhnlich. Anmutig und wunderschön.
Sie ist beruflich äußerst erfolgreich und ihr Lebenslauf liest sich wie ein Bilderbuch.
Von Urlaubsfotos lächelt sie abwechselnd aus türkisfarbenem Wasser, von Sandstränden, aus Safari-Jeeps, von Klettertouren im Himalaya oder aus tiefem Schnee.

Genau wie ich wird auch sie bald 40 Jahre alt und ich habe mich gefragt, ob ich mein Leben heute anders leben würde, wenn ich noch einmal die Chance dazu bekommen würde.
Ob ich tauschen wollte.
Für mehr Glanz und Gloria und ohne Kinder und Mann und eine Visitenkarte, die mindestens in Gold eingefasst wird.

Ich wünsche ihr sehr, dass sie glücklich ist.

Wenn sie es ist, dann haben wir beide das erreicht, was wir schon als kleine Kinder immer wollten.
Ein Leben nach den eigenen Maßstäben leben.

Was meine Mutter angeht... Ich habe lange und intensiv darum getrauert, dass ich keine wirkliche Mutter hatte. Dass sie mich weder geliebt noch je respektiert hat.
Dass sie sich für sexuellen Missbrauch und psychische und physische Misshandlungen entschieden hatte.

Für ihre Anerkennung würde ich heute nicht mehr weit laufen.

Es ist schlicht nicht mehr von Bedeutung, ob sie auch nur irgendetwas aus meinem Leben gut oder schlecht findet.
Oder überhaupt davon weiß.

Der Mauszeiger indessen schwebt noch sehr unentschlossen über der "Nachricht schreiben"-Schaltfläche ihres Profils.

Jadekompendium 07.09.2017, 18.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Enttäuschung

Mehr gehofft, zuviel erwartet und doch richtig geschätzt.
Nein, so eine Beziehung hätten wir nicht. Aber danke für alles.
Es piekt.

Jadekompendium 08.07.2017, 12.34 | (0/0) Kommentare | PL

Muße

Ich brauche Zeit.
Nicht einfach nur mehr Zeit.
Ich brauche Zeit ihrer Selbst wegen.
Ruhe, Muße.
Nicht die zehn Minuten zwischendurch, die ich zwischen Toilettenstuhl, Einkauf, Putzen und Kochen hektisch am PC durch das Weltgeschehen surfen kann um nicht völlig durchzudrehen.
Nicht die fünf Minuten, die mir bleiben, bevor ich eines oder zwei oder drei von sechs Kindern von A nach B oder C bringen muss.
Nicht die halbe Stunde am Abend, wenn endlich alle Kinder im Bett sind und die Küche gemacht ist, bevor ich wieder hoch muss, weil ich eine hilflose bettlägrige Person für die Nacht vorbereiten muss.
Sondern Zeit.
Zeit, die keine Begrenzung kennt, keine Minuten zählt oder auf Stunden hofft.
Zeit, die mir zur Verfügug steht und die ich nutzen kann oder auch nicht.
Die mir nicht zwanghaft mit jedem TickTack in Erinnerung bringt, dass ich jetzt nur noch 20, 15, 10, 5... Minuten zur Entspannung habe bevor dann wieder das Chaos ausbricht.
Ich mag mein Hamsterrad gerade gar nicht.
Wir haben diesen Zustand selbst gewählt und selbst herbeigeführt.
Und wir haben eine Menge Fehleinschätzungen zu verbuchen, die letztendlich dazu geführt haben, dass wir die falsche Entscheidung getroffen haben.
Aus Fehlern lernt man, heißt es.
Ich kann darüber nur noch müde lächeln.
Wir versuchen, an unseren Fehlern nicht seelisch zugrunde zu gehen.

Jadekompendium 04.07.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Wut

Es gibt Tage, an denen so viel Wut hochkocht.
Wut, Hass, Trauer, Frust.
Aber vor allem: Wut.
Wut auf massive Versäumnisse und Erziehungsfehler einer Frau, die keine Antworten mehr geben kann, weil sie tot ist.

Jadekompendium 21.02.2017, 12.00 | PL

Schwere.

Es ist zwei Jahre, drei Monate und 19 Tage her, seit das kostbare, zart schimmernde und zerbrechliche Gefäß namens Sicherheit und Vertrauen in meinem Herzen implodiert ist. Lange Zeit. Kurze Zeit. Eine Zeit voller Schmerz, Hass und... Liebe. Vor allem Schmerz und vor allem Liebe. Aber das negiert nicht den Hass. Das Gefäß ist im Laufe dieser zwei Jahre wieder zusammengeklebt worden. Immer und immer wieder ausgebessert. Es füllt sich nicht mehr so gut wie vorher. Es sind an vielen Stellen kleine Löcher geblieben, deren Scherben wohl unwiederbringlich verloren gegangen sind. Die Klebe- und Bruchstellen geben unter Druck nicht mehr so leicht nach wie noch vor einem Jahr oder einem halben, aber das Gefäß ist nicht mehr das, was es vorher war. Die Aussicht darauf, dass es das auch niemals mehr sein wird, bringt mein Herz an manchen Tagen schier zum Zerreißen.
Wissen kann man nicht zurückgeben.

Jadekompendium 05.12.2016, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Stille

Es ist still im Auto. Es ist der einzige Moment des Tages, an dem in meinem Leben wirkliche Stille herrscht. Alle großen Kinder in der Schule, das Kleinste im Kindergarten, der Mann bei der Arbeit. Der Einkauf liegt hinter mir und ich sitze in meinem Auto. Vor mir liegt die Adventsausgabe unserer Kirchenzeitschrift. "Hoffnung braucht Nahrung" schreibt dort unsere Pfarrerin über die Adventszeit und das, was uns die Dinge aushalten lässt. Ich lese mich durch die Texte und beiße ab und an von meinem Brötchen ab, das ich mir gerade gekauft habe. Im Kofferraum liegt der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte und dann doch irgendwo falsch abgebogen ist. Er schläft.
Ich kenne meine To-Do-Liste für den Tag. Ich kenne jede Aufgabe, jede Sprosse meines Hamsterrades. Aber dieser Moment gehört mir.
Ich sitze hier und genieße es, die geschäftigen Leute um mich herumeilen zu sehen. In den Supermarkt, aus dem Supermarkt, zur Caritas, auf den Parkplatz, mit dem Hund spazieren, den Kinderwagen schiebend, ein oder mehrere Kinder hinter sich herziehend oder vor sich herscheuchend und in meinem Auto höre ich nichts davon. Die Welt schrumpft auf mich, mein Brötchen und ab und zu ein leises Babyschnarchen des Hundes zusammen. Es geht mir gut.
Fünf Minuten später ist es eiskalt im Auto. Das Brötchen aufgegessen, die Zeitschrift durchgelesen und der Hund aufgewacht. Es geht weiter.
Bis morgen. Morgen früh wird dieser Moment wieder mir gehören. Ich freue mich darauf und halte mich verzweifelt daran fest, während der Tag wieder meinen Namen schreit.
Ja. Hoffnung braucht Nahrung.

Jadekompendium 28.11.2016, 11.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Alb.

Die Träume sind wieder da.

Seit einigen Wochen nun schon setzen sie sich dunkel, verstörend und destruktiv in meinen Nächten fest.
Nächte, die nicht mehr erholsam sein können. Nächte, die gefürchtet sind, wenn die Stunde naht. Träume, aus denen ich schweißgebadet aufwache, voller Panik, Angst und Hass. Schwärend.

Vor vier Tagen ist nun mein geliebtes Tier gestorben, das mir in den Stunden mit der Nase in seinem steingrauen Fell so viel Frieden schenken konnte, seit unser Leben nicht mehr unseres ist.

Immer noch oben drauf, immer noch mehr, immer schwerer, immer tiefer.

Seit vier Tagen brennt die Kerze ununterbrochen.
Trotz Sturm, Regen und Hagel.
Vier Tage, seit wir ihn in sein nasses, dunkles Grab gelegt haben.
Vier Tage schon.
Vier Tage erst.

Ich mag nicht mehr in den Stall zu den anderen Tieren gehen.

Mir fehlt das Grau.

Jadekompendium 19.11.2016, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

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