Happy Birthday

Ich habe dir gestern nicht gratuliert. Du wärst 75 geworden, wenn du dich nicht 16 Tage vor deinem Geburtstag getötet hättest. Ich habe versucht, an dich zu denken. Versuche, in Gedanken eine Rede zu schreiben, wie ich sie auf deiner Beerdigung halten würde, es gelingt mir nicht.
Ich bin die Tage wieder ein bisschen aus meiner Starre aufgewacht, habe wieder angefangen, hier im Haus und im Garten etwas zu tun, mich zu bewegen, etwas zu schaffen. Es ist zäher Morast, der an meinen Schuhen klebt. Ich komme nur mühsam vorwärts.
Meine schönste Erinnerung an dich? Ich versuche, eine zu finden, die ganz ohne Häme, blöde Bemerkungen, Demütigungen oder Alkohol auskommt. Es ist schwer - verdammt schwer - eine zu finden.
Die Stunden auf dem Boot sind vorne mit dabei. Das war Zeit, in der wir frei waren. Im Wald. Nachts, in der Dunkelheit unter Sternenhimmel. Es gibt sie, die schönen Momente, die mich geprägt haben. Gespräche, die bis heute kostbare Erinnerungen formen. Aber sie leuchten nicht hell in mir. 

Was werde ich Positives von dir mit in meine Zukunft nehmen? Dass du ein schwieriger Mensch warst? Dass du manchmal so gnädig warst, Menschen nicht völlig zu vernichten obwohl du das gekonnt hättest? Du hast mich oft stolz angesehen. Beim Ergebnis meiner IQ-Tests. Als mehrere tausend Menschen nach meinen Auftritten aufgestanden sind und applaudiert haben. Bei jeder Urkunde, bei jeder Eins, bei jedem arroganten Schritt nach ganz oben aufs Siegertreppchen. Ich glaube aber, da warst du nicht stolz auf mich. Du warst stolz auf deine Leistung, so jemanden geformt zu haben.

Die Form von zärtlichem Stolz, die man für ein geliebtes Wesen empfindet, einfach weil es ist, weil es existiert und sich treu bleibt - ich weiß nicht, ob du das jemals empfinden konntest.

Ich wünsche dir vielleicht heute einfach, dass du jetzt jenes Glück und jenen Frieden gefunden hast, die dir im Leben versagt blieben.
Happy Birthday, Dad.

Jadekompendium 06.08.2022, 23.43| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Die ewige Versagerin

Ich hatte versagt. Ich war 13, 14? und hatte im Training auf ganzer Ebene versagt. Mal wieder. Ich habe geweint. Die Tränen liefen mir die Wangen runter und ich hatte mich mehr als einmal zu einem disziplinlosen Keuchen hinreißen lassen. Der Fuß schmerzte immer noch, wo du mir vor Tagen den Zehennagel rausgerissen hattest.

Blickkontakt. Hart bleiben. Entspannen. Schmerz existiert nicht. Schmerz ist nur ein Gedankenkonstrukt. Ich wartete auf den vernichtenden Schlag. Er kam nicht.

Sollte es einer deiner weichen Tage sein? Wir hatten einige davon. Mit Reden, Lachen, Abenteuer. Ich habe dich vergöttert.
Aber es sollte stattdessen eine Lektion folgen.
Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Gewürgtwerden. War nicht entspannt genug, die Griffe saßen nicht richtig, ich war zu langsam, zu hektisch, zu panisch, zu .. irgendwas. Und dann sagtest du: „Umfass von hinten meinen Hals. Drück zu. Würg mich. Fixier deinen Griff. So wie du es gelernt hast.“

Das war das erste Mal, dass ich etwas üben sollte, bei dem du am Anfang in einer unterlegenen Position sein solltest.
Und das hat mich innerlich so entsetzt, dass ich vor lauter Überraschung einfach Nein sagte.

Der Jähzorn nahm dich sofort mit. Das Gebrüll war infernalisch und ich war so überfordert, dass ich weinend zusammenzuckte.
Das hat dich nur noch wütender gemacht. Meine Mutter kam irgendwann dazu und forderte mich genervt auf, doch einfach zu tun, was du verlangst. Und ich konnte nicht. Da war sie wieder, diese Sperre in mir. Ich konnte einfach nicht.

Luftnot ist meine Nemesis, damals wie heute. Waterboarding, Würgespiele, unter Wasser gedrückt werden, es war immer die größte Herausforderung für mich. Ewiger Versager. Zu hoher Herzschlag, Panik, keine Regulation. Ich kannte die Kritik. Und ausgerechnet dir das Unvorstellbare anzutun, und sei es nur im Spiel - ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht.

Wir brüllten inzwischen alle durcheinander und ich hatte keine Ahnung, wohin das führen würde. Du versuchtest, mich mit Gewalt dazu zu bringen, dich zu würgen und ich hing da an dir wie ein nasser schlaffer weinender Sack und brüllte nur wütend Nein!

Es entbehrt in der Rückschau nicht einer gewissen Komik, dass es ausgerechnet deine eigene Verzweiflung war, die dich immer zorniger hat werden lassen.
Und dann schrie ich aus Leibeskräften die Worte, die alles veränderten. Ich werde dir nicht wehtun, Dad. Ich kann nicht. Ich will nicht.

Die Enttäuschung, die über dein Gesicht zog, werde ich wohl nie vergessen. Es war der Moment, in dem du alle Hoffnung, die du jemals in mich gesetzt hast, aufgegeben hast. Kein Elitekämpfer. Kein Übermensch. Keine perfekt nach deinen Vorstellungen geformte und beliebig programmierbare neue Menschenklasse. Wir hatten beide versagt. Es war der Moment, der für dich wohl den Tiefpunkt deiner Vaterschaft darstellte.

20 Jahre später haben wir uns ausgetauscht und du hast dir immer verbeten, über „emotionalen Mist“ aus meiner Kindheit sprechen zu müssen.

Das Einzige, was du mir geschrieben hast, war, dass du mich einige Jahre geliebt hättest. Dass du große Erwartungen in mich gesetzt hattest. Und dass ich und meine Fehlentscheidungen eine solche Enttäuschung für dich waren, dass du nicht anders konntest, als dich von mir abzuwenden.

Vielleicht konnte mir nichts Besseres passieren.

Jadekompendium 06.08.2022, 14.44| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

14 Tage

Vor 14 Tagen brannte der Wald, stürmte es mitten in der Nacht, setzte irgendwann der Regen ein. Alles bei weit über 35 Grad.
Kurz vor Mitternacht entschied ich, nackt in den Pool zu gehen, fühlte mich eins mit dieser Welt und ihrem Chaos. Die Bären rannten durch den Garten, immer wieder Sirenen im Hintergrund. 

Plötzlich veränderte sich Ludwigs Haltung. Er zeigte an, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war. Direkt danach eskalierten alle drei Hunde. Der Mann ging zum Tor, wo drei uniformierte Menschen in der Dunkelheit standen. Mir war schlagartig eiskalt. Ich stieg aus dem Wasser, warf mir ein Handtuch über, brachte die Bären ins Haus und ging selber wieder nach draußen.

Es goss inzwischen in Strömen. 
Ich wusste bereits, wer dort stand und was sie wollten.

3 Beamte der Kriminalpolizei betraten unseren Garten. „Wollen wir vielleicht hineingehen?“

Nein, sagte ich. Ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre.

„Sind Sie die Tochter von…?“ „Lebt Ihr Vater in Schweden?“ „Wir… also ….“

Er hat sich selbst getötet, nicht wahr? Wann haben Sie ihn gefunden? 
In der Dunkelheit konnte ich die Erleichterung nicht sehen, sehr wohl aber in ihren Stimmen hören, als sie weitersprachen. Es wechselten einige Dokumente die Seiten, der Mann nahm alles an sich und schützte es vor dem Regen. Die dringende Bitte, am nächsten Tag bitte sofort in Stockholm anzurufen.

Es war kurz und schmerzlos. 
Ich weiß seit meiner Kindheit, dass dieser Tag irgendwann kommen würde und sein Gesundheitszustand war mir ebenfalls bekannt.
Der Mann legte die Dokumente von mir ungelesen in die Diele und ich ließ die Hunde wieder raus.
Das würde alles bis morgen warten können. 

Ich ließ mich ins kalte Wasser gleiten und tauchte unter.

Allein. Letzte. Überlebt.

Jadekompendium 04.08.2022, 14.14| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Übrig.

Ich versuche das mit dem Schlafen. Wirklich.
Es gelingt mir nicht.
Meine Gedanken kreisen nicht mal, sie stolpern wild durcheinander, fallen über den jeweils nächsten, bleiben liegen, stehen irgendwann wieder auf, taumeln haltlos herum, schweigen, brüllen, verstummen wieder.

Ich kann nicht mehr.
Ich bin müde.
Ich bin erschöpft.
Ich kann nicht mehr.
Ich will Antworten, die wenigen, die ich vielleicht noch bekommen kann. Muss Geduld haben. Warten.

Die Gefühle sind eingeschlossen, sicher hinter den Gittern meiner Selbstbeherrschung, bis die Eingabemaske offen ist und der Cursor blinkt. Dann gleicht es einem Erdrutsch und mit den Worten kommen die Tränen, kommt der Schmerz, kommt die Verzweiflung. Tief, grenzenlos, bodenlos. Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg und will mich verschlingen. Da ist so viel. So viel Gefühl, so viel Wut, so viel Trauer.

Und der eine Gedanke, noch so winzig, hell pulsierend, da ganz hinten in der Dunkelheit.
Ich habe es geschafft.
Ich bin als Einzige übrig.
Ich habe überlebt.
Ich habe sie alle überlebt.
Alle. Restlos. Ich bin übrig.

Ich habe es tatsächlich geschafft, mich all dem entgegenzustemmen, was mich so nachhaltig hat zersplittern lassen. So lange. Bis heute. Ich habe nichts davon an meine Kinder weitergegeben, ich habe nie die Hand erhoben, ich habe mich nie der sadistischen Grausamkeit hingegeben, die so verlockend in mir ruft.
Nicht ein einziges Mal.

Es ist zuende.
Ich bin die Letzte.

Ich bin der Anfang.

Jadekompendium 27.07.2022, 19.19| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tag3

Hej Dad. Tag3? Tag3.
Ein weiterer Umschlag also.
Für mich.
Kein aktueller.
Einer, der schon vor Jahren deponiert wurde.
Du hast eine treue Gefolgschaft um dich geschart, ich habe nichts anderes erwartet.

Sie werden schweigen, wenn ich nicht genau das tue, was du wolltest, nicht wahr? Ich kann alles haben oder gar nichts. Aber nur nach deinen Regeln. Du würdest lieber alles zerstören als zuzulassen, eine Situation nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Aber soll ich dir was sagen?

Du bist tot. Du spielst das Spiel nicht mehr. Und ich - ich kann mich entscheiden, ob ich das will oder nicht. Ich bin schon lange nicht mehr finanziell von dir abhängig, ich habe ein vollkommen abgesichertes Leben und deine Gier nach Reichtum ist mir fremd.
Alles, was ich noch erreichen will, werde ich auch ohne dein Erbe tun und das war immer mein Maßstab.
Ich weiß, wo dein Geld herkommt.
Ich weiß, wie schmutzig unser Erbe ist.
Seit Generationen.
Ich will es nicht.

Wir hatten den Deal, dass du den Menschen, die dir dort in Schweden etwas bedeuten, zu deinen Lebzeiten ermöglichst, ein sicheres Leben zu führen.
Sie wissen nichts von unserer Vergangenheit und sie haben dich erst als alten Mann kennengelernt, der in der Lage ist, so etwas wie Gefühle zu empfinden, nicht als den Psychopathen, der du eigentlich bist.
Ich weiß nicht, ob das Alter dich wirklich weicher gemacht hat. Ich will daran glauben.
Ich will daran glauben, dass die letzten 4 Jahre Austausch mit mir nach dem Tod meiner Mutter etwas verändert haben.
Du hast dein Haus verschenkt. Dein Grundstück. Deinen Wald. Deinen See.
Ich weiß nicht, ob meine Ablehnung all dessen dir wehgetan hat.
Ob all das vielleicht sogar eine verquere Art von Strafe war, damit ich in anderer Hinsicht zur Besinnung komme.

Die Familie, in deren Eigentum dein Besitz jetzt übergehen wird, lebt schon dort.
Sie wird deine Wahlheimat mehr zu schätzen wissen als ich.
So sehr ich dein Land liebe - mein Zuhause ist hier.

Der Umschlag… Ich werde persönlich mit einem deiner Freunde reden müssen, wenn ich erfahren will, was es damit auf sich hat.
Ich werde eine Nacht darüber schlafen.
Denn ich habe Zeit.

Jadekompendium 24.07.2022, 23.45| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Tag1

Ich weiß nicht, wie es mir heute geht, Dad. Ich weiß auch nicht, ob dich das interessieren würde. Die Briefe… sie treiben mich um. Wie viele gibt es? An wen? Ich habe heute den Inhalt des Einen, des dir anscheinend Wichtigsten erfahren. Und darin befindet sich so viel Liebe, so viel Gefühl. Nicht für mich. Für diesen Menschen. Eine Entschuldigung. Eine gottverdammte Entschuldigung. So viel Schmerz. Ich versuche, nicht in Selbstmitleid zu versinken und trotzdem kreist das Kind in mir um deine Liebe, deine Anerkennung, den Funken des Erkennens, dass ich in den letzten Minuten deines Lebens irgendeine Rolle gespielt habe. Dass es einen Unterschied gemacht hat, dass es mich in deinem Leben gegeben hat. Ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort bekomme. Trauer ist eine egoistische Angelegenheit. Ich muss meine Schilde sehr hoch halten, um durch diese Tage zu kommen. Ich bin erschöpft, ich bin ratlos. Die Tränen laufen ab und zu einfach über mein Gesicht und ich weiß nicht, was es ist. Bemitleide ich mich selbst? Was ist noch Kind, was ist echte erwachsene Trauer? Es kommt von so tief unten, dass ich Angst habe, es freizugeben. Ich fühle diesen unbändigen Schmerz, der alles verzehrt, mit dem er in Berührung kommt. Er darf nicht nach oben, ich halte das nicht aus. Nicht jetzt, nicht hier. Noch nicht.

Jadekompendium 23.07.2022, 03.37| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Nachts

Ich will keine Zärtlichkeit.
Ich will kein Vorspiel.
Ich will dich benutzen.
Will deinen Körper an meinem spüren.
Will Gewalt, Härte, das lodernd brennende Gefühl, noch am Leben zu sein.
Noch zu atmen, noch zu fühlen, wie das Adrenalin durch meine Adern und die Lust durch meinen Körper pumpt.

Ich bin lebendig. Ich bin nicht tot.

Du bist Kryptonit für meine Mauern und ich muss sie heute oben halten.
Meine Seele ist roh und wund und brüllt vor Schmerzen.
Ich brauche dich in der Dunkelheit, ohne Kompromisse, ohne Mitleid, ohne Rücksicht.

Ich bin noch am Leben.
Als Letzte.
Als Einzige.

Ich bin der Anfang.

Jadekompendium 23.07.2022, 03.23| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tag0

Briefe also, hm? Ich höre die Namen, die auf den Briefen stehen. Verschlossene Umschläge. Mit letzten Worten, vermutlich. Noch hat keiner seinen geöffnet.
Habe ich auch einen Brief? Oder steht irgendetwas an mich in deinem Abschiedsbrief, der nun bei der Polizei liegt und als Beweismittel gilt? Irgendetwas?

Ich werde mich noch gedulden müssen und habe keine Ahnung, wovor ich mich mehr fürchte: Vor dem, was du mir als Letztes in deinem Leben mitteilen wolltest oder davor, dass es nichts gibt, das diese Kriterien erfüllen würde.

Hast du an mich gedacht? Hast du mir in Gedanken Lebewohl gesagt? Oder sogar in geschriebenen Worten? Gibt es ein Machs gut, ein Pass auf die Kinder auf, ein Ich bin stolz auf dich, ein Ich liebe dich oder vielleicht sogar ein Verzeih mir?

Bei einem so lange im Voraus und bis in alle Einzelheiten geplanten Tod gibt es keine verpassten Chancen
Wie gehen wir beide hier raus, wenn wir fertig sind?

Jadekompendium 21.07.2022, 13.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Hej Dad

Ich weiß, dass du meine letzte Nachricht noch gelesen hast. Die beiden blauen Haken haben dich verraten.

Um Mitternacht klingelte hier die Kriminalpolizei. Und ja, natürlich wusste ich, was sie mir sagen würden. Es ist vielleicht nicht so ganz das Gespräch geworden, das sie erwartet haben.

Und jetzt kann ich seit 5 Stunden nicht schlafen.
Weil ich wütend bin.
Ich bin so stinksauer auf dich, dass ich statt mit Tränen der Trauer mit Tränen der Wut und Ohnmacht hier sitze.
Ich weiß, dass das nichts ändert.
Ich werde bei Sonnenaufgang meine Rüstung anlegen und wir bringen Anwälte, Dolmetscher und Notare in Stellung.

Ich habe einen Menschen an meiner Seite, der sich vor mich stellen wird, als Schild, als Fels, als Sandsack, als Umarmung, ich werde da durchkommen, irgendwie.

Aber weißt du was? Du und ich. Wir waren noch nicht fertig miteinander. Ich war noch nicht bereit. Du hast das alleine entschieden. Und ich bin so unfassbar wütend.

Jadekompendium 21.07.2022, 05.00| (7/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Meine geliebte Kriegerin.

Du bist eine Naturgewalt.
Für dich gibt es keine Zwischentöne, keine Abstufungen.
Es gibt schwarz und weiß.
Laut und leise.
Alles oder nichts.
Das ist das, was dich ausmacht.
Du bist ein Mensch, der für Superlative erschaffen wurde und lernst gerade erst, mit deinem enormen Potential im Guten wie im Schlechten umzugehen.

Ich habe von dir geträumt, als ich dich noch unter dem Herzen trug.
Ich habe dein Gesicht gesehen – wie es heute aussieht.
Ich habe dich erkannt.
Ich habe die riesengroße Amazone einen Berg hinunterstürmen sehen, mit einem durchtrainierten muskulösen Körper, langen flammenroten Haaren, das Schwert erhoben, bereit zum Kampf und mit gleichzeitig unbändiger Lebensfreude, dass ich aufgewacht bin und deinen Namen kannte.
Da war kein Platz mehr für Zweifel.
Das warst du und nichts anderes würde dir gerecht werden können.
Du trägst den Namen eines ganzen schottischen Kriegerclans und dein Zweitname bedeutet narbenfarben.
Den dritten Namen teilst du dir mit all deinen Geschwistern und ich hoffe, dass euer Band euch später tragen wird, wenn wir nicht mehr sind.

Als meine Wehen stärker wurden, mitten in der Nacht, hörte man immer lauter werdendes Grollen in der Ferne. Das aufziehende Gewitter ließ die Natur im Takt meiner Wehen aufbrüllen.
Der Kreißsaal war dunkel, die Fenster weit geöffnet, der Regen peitschte auf die Erde  - und Blitz, Donner, Sturm und die feste, leise Stimme deines Vaters trieben mich voran.
Immer mit dem Schmerz, jede Wehe ein Ja zu dir, ein Ja zum Leben. Du kannst das, du schaffst das, gleich ist unser Baby da, dazu das Trommeln des Regens auf dem Dach, die kurzen Lichtblitze und das gewaltige Getöse des Donners.

Du bist mitten in den Sturm geboren worden und es hätte keinen passenderen Empfang für dich auf dieser Welt geben können.

Du warst immer schon ein Dickkopf, du hast nie gefragt, du hast dir genommen. Die Welt gehörte dir, von Anfang an. Das tut sie heute noch, auch wenn du gerade strauchelst.
Du spürst die Dunkelheit und weißt kaum, wie du sie bewältigen sollst. Gemessen an dem Licht, das du in dir trägst, muss sie gigantisch sein.
Ich fühle, dass du weder das Eine noch das Andere gerade tragen willst.

Wir sind an deiner Seite. Wir gehen mit dir, wir tragen dich, wenn du nicht mehr kannst, sind wir da. Es fällt dir gerade schwer, das Leben als Geschenk zu sehen und ich versuche, mich von diesem Schmerz nicht zerreißen zu lassen.
Bemühe mich, die Wunden, die du schlägst, nicht als Angriff zu sehen sondern als Verteidigung zu verstehen.

Ich glaube, dass Transformation immer schmerzhaft ist.
Und wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken, dann hoffe ich, dass wir lächeln und verstehen, warum das so sein musste.

Ich liebe dich. Immer.

Jadekompendium 03.06.2022, 08.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Heute

Heute vor 17 Jahren haben wir uns unter klarem Sternenhimmel das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt, das erste Mal geküsst.

Heute vor 16 Jahren hielten wir unseren ersten Sohn in den Armen, den ich in deine Hände geboren habe.

Heute vor 15 Jahren haben wir geheiratet.

Heute vor 14 Jahren trug ich schwer an unserer zweiten Tochter, die in einigen Tagen zur Welt kommen würde. Die Gedanken an ein eventuell weiteres totes Kind überschatteten alles.

Heute vor 13 Jahren hatte ich dich beim schwersten Gang meines Lebens an meiner Seite, als ich die Urne meines Großvaters über den Friedhof trug.

Heute vor 12 Jahren haben wir beschlossen, dass wir es nach all den weiteren Fehlgeburten nicht weiter versuchen würden. Wir waren komplett mit zwei gemeinsamen lebenden Kindern.

Heute vor 11 Jahren trug ich einen kleinen Menschen unter meinem Herzen, den unsere Pläne nicht interessiert haben.

Heute vor 10 Jahren hatten wir die schlimmsten Monate der schwärzesten Depression meines Lebens nach der Geburt vom Butz fast hinter uns. Es war wieder so etwas wie Licht zu erkennen.

Heute vor 9 Jahren waren wir endlich in unserem echten Zuhause angekommen. Ein Haus mit Garten, ein Rückzugsort, perfekt, nur für uns. Unsere Burg.

Heute vor 8 Jahren begannen die dunkelsten Jahre unserer Beziehung. Wir haben aufs Schmerzhafteste all unsere Werte auf den Prüfstand gestellt und sind durch ein tiefes Tal geschritten, in dem sich Wahrheit, Schmerz und Hoffnung blind auf die Liebe verlassen mussten, die uns getragen hat.

Heute vor 6 Jahren standen wir mitten in den Vorbereitungen, zwei völlig entfremdete und hasserfüllte Kinder in unseren Haushalt aufzunehmen.

Heute vor 5 Jahren bestand unsere Familie aus 9 Personen – wir hatten Uroma aus dem Pflegeheim zu uns nach Hause geholt, um die letzten Monate für sie in Würde gestalten zu können.

Heute vor 4 Jahren begann das Lügenkonstrukt des zweiten Kindes über uns zusammenzubrechen.

Heute vor 3 Jahren haben wir Asgard abgeholt. Als Zeichen der Hoffnung, als Trost, als Begleitung aus der Trauer über den Verlust meines großen Kindes.

Heute vor 2 Jahren haben wir die letzten Dinge in die Wege geleitet, um unser Familienleben wieder so zu gestalten, wie das für uns gut ist.

Heute vor einem Jahr haben wir nach unendlich langer Durststrecke das erste Mal auch finanziell wieder Luft holen dürfen. Freiheit spüren.

Heute sind es 17 Jahre. Das ist viel Zeit. Wir haben jede Emotion durchlebt, wir sind jeden Weg gemeinsam gegangen, wir haben jeden Streit ausgefochten und wir sind an einem Punkt, an dem wir keine Masken mehr tragen müssen und das auch schon lange nicht mehr wollen.
Du hast mir gezeigt, was Liebe tragen, aber auch erdulden kann.
Du hast mir gezeigt, wie hoch man fliegen kann, wenn es jemanden gibt, der Zuspruch schenkt.

Du machst, dass ich jeden Morgen aufwache und ein besserer Mensch sein will als am Tag zuvor.
Ich bewundere deine Intelligenz, deine Stoik, deinen Pragmatismus, deine Seelenruhe, deinen Humor und ich bete deinen Körper an. 
Du bist auch 17 Jahre nach der ersten Berührung noch ein Satyr, der mir ohne jedes Tabu jede Form von Freude schenkt, die ich empfinden kann. 

Mein dunkler Engel. Gefallen, wiederauferstanden. 
Die Wahrheit, die wir uns zumuten, ist absolut. 
Ich würde nie wieder anders leben wollen als so. Mit dir.

Ich liebe dich.

Jadekompendium 30.05.2022, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Die Schießbude.

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.
Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.
Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank...
Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.
Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

"Die ist total verzogen." "Die schießt nicht richtig" "Was ist denn das für ein billiges Ding" - ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört.
Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen.
Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.
"Such dir was aus, ich schieß es dir!" ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte.
Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.
Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.
Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf.
400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: "Das war ziemlich beeindruckend, Hase."

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte.
Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.
Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.
Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten.
Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde.
Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir - uns - vorüberging.
Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.
Es war eine Schießbude.

"Süße?"
Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: "Hm?"
Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:
"Such dir mal was aus, ich schieß es dir."

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.
Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.
"Den da bitte.", fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.
"Wieviel Schuss möchten Sie haben?", fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches 'Na, ein Schuss wird ja wohl reichen...' zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: "Ein Schuss wird reichen, meint die Lady."

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen.
Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.
Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen.

Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.
Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.
Blaue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

"Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast...", grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Jadekompendium 07.04.2022, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Elf Tage

Ich habe es geträumt.
Elf Tage sind vergangen, seit ein fremder Mensch aus dem Internet mein echtes Leben betrat und in meinem Vorgarten stand und Fotos von mir, meinem Garten und meiner Burg machen wollte.
Elf Tage, seit ich rausging, ihn bat, vom Grundstück zu gehen und dabei keine Fotos von mir zu machen.
Elf Tage, seit mich ein Schlag an der Schläfe traf und mir die Lichter ausgingen.
Elf Tage Alltag, zwanghaftes Schilde hochhalten, strukturierter Alltag um jeden Preis.
Nicht in die Dunkelheit sinken, nicht dem Schwarz und auf gar keinen Fall dem Rot nachgeben.
Nicht dem Rot, das so verlockend buhlt.
Das tut es immer und es ist seitdem jeden Tag angeschwollen, verführerischer, attraktiver geworden.

Ich habe es geträumt. Es war nicht diese Situation, natürlich nicht. Ich ging auf der Straße, als mich jemand überraschend ans Bein trat. Keine große Sache. Bisschen schmerzhaft. Unverschämt, respektlos, aber im Grunde keine große Sache. Und Sekunden später sah ich nur noch die kurze Eisenstange in meiner Hand. Und ich schlug. Ich schlug und bei meinem Gott, ich genoss jeden einzelnen Schlag davon. Jedes Geräusch, jeden Bluttropfen, jedes Knochenknirschen, jedes Fitzelchen, das in mein Gesicht spritzte. Ich schlug wie von Sinnen und das warme und so weiche Gefühl von früher war da und umfing mich. JA, flüstert es mit einer Inbrunst und einer Intensität, die mich in rote Wolken hüllt und zuhause willkommen heißt.

Blutrausch.
Die absolute Lust an Gewalt.
Das Gefühl, das keinen Vergleich kennt.
Nicht einmal Wollust.
Nur der rote Rausch alles vernichtender Gewalt.

Ich bin schweißgebadet in meinem Heute aufgewacht, habe mich eingesperrt und hangele mich nun von Buchstabe zu Buchstabe, um meinen Neocortex oben zu halten.
Alles, was ich formulieren kann, müssen meine Instinkte nicht regeln.

Mein Leben ist schon so lange Jahre frei von dieser Form von Gewalt und trotzdem bleibt es ein tief verankerter Teil meines Ursprungsselbst.
Als ich aufhörte, Opfer zu sein, wurde ich Täter.
Ich verfüge seit meiner Säuglingszeit über eine unendliche Palette an Erfahrungswerten, was mir wie angetan wurde und was über Jahrzehnte am schmerzhaftesten auszuhalten war und diese Lektion sitzt.
Ich bin ein Monster, das sich jeden Tag bis zur völligen Erschöpfung bemüht, ein Leben zu führen, das niemanden dem ausliefert, was ich ertragen musste.

Und nun ist seit elf Tagen diese Mauer, die nur aus einem zwei Jahrzehnte alten Schwur und meiner Selbstdisziplin besteht, auf eine dünne Decke zusammengeschrumpft, die nichts mehr verbirgt sondern nur noch unzureichend bedeckt. Der Drang, jemandem wehzutun, ist übermächtig, sobald ich meine Schilde sinken lasse.

Mein stärkster Schild heißt Verletzlichkeit.
Solange ich zulassen kann, dass ich verletzlich bleibe, sind meine stärksten Wächter aktiv, die den Zugang zu dem bewachen, zu dem ich imstande bin.

Seit elf Tagen zürnen sie.

Jadekompendium 03.04.2022, 17.00| (10/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Erinnerung

Meine allerfrüheste Erinnerung ist die, wie ich mich an einem schweren Vorhang festhalte.
Schwerer Stoff. Braun.
Ich weiß nur, dass diese Erinnerung wahr ist, weil meine Eltern mich ungläubig und entsetzt angestarrt haben, als ich sie über zwei Jahrzehnte später erzählte.

Ich war noch keine zwei Jahre alt. Ich höre nichts. Gar nichts. Es dringt kein Wort in meinen Kopf, obwohl mehrere Erwachsene sprechen. Ich sehe, wie sie ihre Münder bewegen. Ich sehe sie gestikulieren, ich sehe alles. Ich sehe meinen Vater. Sein Gesicht zugeschwollen, die Augen kaum noch zu erkennen, mehrere Platzwunden an der Stirn, das Blut fließt aus seinem Mund.

Die Polizisten sind zu Viert. Meine Mutter ist da, aber ich kann die Erinnerung an sie nicht greifen. Irgendwann verschwinden sie alle. Irgendwann wird es dunkel. Irgendwann verschwimmt das Bild.
Aber es hat sich eingebrannt. Für immer.

Vielleicht war das die Nacht, in der die Wunder starben.

Jadekompendium 15.12.2021, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Mein geliebtes großes Tochterkind.

Ich schreibe dir hier, weil du es so nicht lesen wirst.
Ich habe in den letzten dreineinhalb Jahren unzählige E-Mails, Briefe, WhatsApps geschrieben. Immer auch um den unendlichen Schmerz in meinem Herzen kreisend, den ich einfach nicht unter Kontrolle bekomme. Worte, auf die du nie antworten wolltest. Du hast dich allem entzogen, was deinem ganz persönlichen Neuanfang nicht dienen wollte.
Ich arbeite daran.
Seit Jahren.
Mit Hilfe.
Allein.
Laut.
Stumm.
Er wird nicht kleiner. Der Schmerz verstummt nur in stiller Resignation zwischen den Tagen, an denen er an die Oberfläche taucht und schier nicht auszuhalten ist. So wie heute. Ich habe gestern die letzte Nachricht an dich gelöscht, die ich geschrieben habe. Dort stand zu viel Herz. Zu viel Schmerz. Will dich nicht bremsen, nicht runterziehen. Du hast mit uns schon längst abgeschlossen – wer bin ich also, dich immer daran zu erinnern, dass der farbenprächtig funkelnde Palast deines jungen Lebens auf den Scherben einer ganzen Familie gebaut ist? Dieser Gedanke ist unfair und ich weiß das. Darum belästige ich dich nicht mehr mit mir, mit meinen Gefühlen, mit meinem Schmerz. Es reicht, wenn ich ihn trage. Die Mutter, die du verlassen hast, bin ich längst nicht mehr. Aber wen interessiert das, nicht wahr?

Was tut man, wenn einer fertig mit der Aufarbeitung ist und der andere nicht? Es gibt keine Lösung. Meine einzige Strategie, dies hier nicht in deinen Rucksack zu packen, ist Schweigen. Das packt ein anderes Gewicht in dein Reisegepäck, aber mir scheint es erwünschter. Ich schreie meinen Schmerz schon lange nicht mehr in die Welt, auch wenn der Sturm tobt. Die Trauer. Ich habe dich verloren und nichts, aber auch gar nichts wird dich zurückbringen. Die Zeit hat das ihre getan und inzwischen bist du erwachsen und die Zeit, die wir verloren haben, ist unwiederholbar. Es bleibt nur Akzeptanz.

Es wird das vierte Weihnachten ohne dich.
Irgendwann wird das nicht mehr weh tun.
Irgendwann.

Jadekompendium 14.12.2021, 08.00| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Dunkel

Im Meer zu ertrinken ist laut.
Es ist dynamisch, es ist Kampf.
Es ist aktiv.
Die Wellen, die dich hochheben, die Brecher, die dich hinunterdrücken. Die Strömung, unbarmherzig, kraftvoll und mitreißend. Das Salzwasser. Alles im Körper ist auf Kampf eingestellt. Jedes Verschlucken treibt dein Adrenalin in die Höhe. Jedes Würgen, jedes Husten pumpt das Blut durch deine Adern. Es ist Überlebenskampf. Es gibt keinen Dialog. Da sind keine Gedanken. Nur das Ringen zwischen Leben und Tod.
Das Meer nimmt sich.

Der See wartet.
Er hat keine Eile.
Kilometerweit vom Ufer entfernt, unter dir nur die Kälte, die darauf wartet, dich in Empfang zu nehmen. Das Wasser ist klar und rein. Es hat nichts Bedrohliches. Es ist still und umfängt dich mit weicher Umarmung. Hier musst du nicht kämpfen, hier ist keine Gewalt, kein Spiel...
Du musst dich nur sinken lassen. Das Pochen deines Herzens wird langsamer, dein Blutstrom pulsiert träge und dumpf durch deinen Körper. Je länger du schwimmst, desto wärmer wird dir. Nicht, weil die Kälte schwindet, sondern weil sie der ewigen Verlockung der Dunkelheit weicht. Bittersüße Gleichgültigkeit streichelt sanft deine Seele. Komm zu mir, flüstert der See leise. Du musst nur loslassen.
Der See wartet.

Jadekompendium 13.12.2021, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Meine Kriegerin.

Deine Tage versinken in Dunkelheit.

Ich sehe dich, ich spüre die Last, die du mit dir trägst, obwohl du sie kaum in Worte fassen kannst.

Das Leben ist nicht mehr schön, es ist nicht mehr lebenswert und die Momente, die wir uns schaffen, tragen dich immer nur kurz.
Ich habe Angst, dich zu verlieren.
Du bist mein Herz, mein Leben, das Salz auf meiner Haut.

Du verkörperst die dunkle Triade wie kein anderer Mensch, den ich kenne.
Manchmal sehe ich mein Spiegelbild so deutlich in dir, dass es mir fast körperlich weh tut.
Ich sehe, dass du kämpfst.
Ich weiß, dass du dich noch gegen die Macht, die damit einhergeht, wehrst.
Und ich kenne den Strudel, der dich erfassen wird, wenn du an den Punkt kommst, dieses Geschenk mit beiden Händen auch ergreifen zu wollen.
Nicht um der Dunkelheit, sondern um des Lichtes Willen, das sich dahinter verbirgt.

Aber um das Licht sehen zu können, muss man sich der Schwärze ganz stellen. Mit allem, was man hat. Mit allem, was man ist. Ganz oder gar nicht. Es ist der Tanz auf dem Vulkan, der auf allen Seiten nur Abgrund kennt.

Aber noch ist es zu groß, zu mächtig, zu angsteinflößend und kaum zu kontrollieren. Deine Hormone fahren Achterbahn, du wirst fast zerrissen zwischen Sehnsucht, Wut, Einsamkeit, Liebe und Hass. Diese Dinge passen nicht gut zueinander für dich und ich würde dir so gerne versichern, dass sie das tun. Aber ich weiß auch, welcher Kampf vor dir liegt. Jeden Tag aufstehen gegen die Versuchung, die in den Schatten liegt.
Du verletzt dich selbst, um all das zu ertragen, um ausharren zu können, um dem alles überwältigenden Drang nicht nachzugeben, anderen Wesen Schmerzen zuzufügen, während du eigentlich nur all deine Wut herausbrüllen und alles vernichten willst.

Du bist größer als das alles.
Du darfst straucheln.
Du darfst fallen.
Und solange du mich lässt, werde ich dir wieder aufhelfen.

Du bist eine Naturgewalt.
Geboren mitten in die Dunkelheit, als nur die Blitze den Kreissaal erhellten, während der Donner im Takt meiner Wehen deine und meine Welt erschütterte.
Kraftvoll, alles verzehrend, einzigartig und ich liebe dich so sehr.

Du bist der Sturm.

Jadekompendium 18.10.2021, 12.00| (5/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Mein geliebtes Kind.

Herzlichen Glückwunsch zum 15. Geburtstag.

Vor 15 Jahren spürte ich, wie meine Fruchtblase riss.
Du wolltest geboren werden, mit aller Kraft.

Ich rief deinen Vater an, der bei der Arbeit alles stehen und liegen ließ und nach Hause eilte. Während der Wehen schaukelte ich deine beiden Geschwister auf dem Schoß, hielt sie fest, hielt mich an ihnen fest, summte ein Lied nach dem anderen, bis dein Vater da war.

Es war keine Zeit mehr für das Krankenhaus, ich gebar dich in meine eigenen Hände und du warst so winzig und unendlich perfekt.

Meine größte Angst war, dass du in der Kälte würdest sterben müssen, aber dein Herz hörte bereits in der Geborgenheit und Wärme meines Körpers auf zu schlagen.
Das war der letzte Dienst, den ich dir erweisen konnte und für mich der Wichtigste.

Dein Leben im Schutz meines Körpers dauerte nur wenige Monate und du warst geliebt, ersehnt, von ganzem Herzen gewollt.

Du trägst drei Namen, wie alle unsere Kinder.
Auch du teilst dir den dritten Namen mit allen deinen Geschwistern.

Deine Geburtsurkunde in unserem Familienstammbuch zeigt klar und deutlich, dass du da warst.

Du warst da. Und du hast tiefe Spuren in unseren Herzen hinterlassen.

Ich wünschte nur, man hätte uns ein wenig mehr Zeit geschenkt.

Jadekompendium 28.09.2021, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Bleibt alles anders

Die Diagnosen kamen unerwartet.

Wenn man sein Kind regelmäßig zu allen Vorsorgeuntersuchungen schleppt und der Arzt aufgrund von Vorerkrankungen kein Fremder ist, dann... ja was eigentlich? Dann erwartet man irgendwie, dass man eine neue Diagnose am Anfang erwischt, oder?
Nicht schon im Stadium: Oh, das ist jetzt kritisch, hier, ihr Behindertenausweis.

So eine Diagnose hat uns vor einigen Wochen erwischt und seitdem steht unsere Welt Kopf.

Vor allem unser Alltag, der seit 18 Monaten ohnehin keiner mehr ist.
Und hier kommt meine Baustelle hinzu: Wut.

18 Monate lang haben wir uns an alle Beschränkungen gehalten.
Wir haben seit 18 Monaten keinen Freund mehr getroffen, keinen Menschen mehr umarmt, nichts. Keiner von uns.
Als Haus, das immer mit Menschen voll war, die hier einfach vorbeikommen, mitessen, mitfeiern, mit uns sind... war das doppelt hart.

Wir haben keinen Geburtstag gefeiert, wir sind nicht rausgegangen, nicht essen, nicht ins Kino, nicht auf Partys, nichts.
Wir haben uns impfen lassen, als es möglich war und tun trotzdem immer noch nichts, um die Ungeimpften zu schützen.

Dann war am Ende der Sommerferien dieser Lichtblick auf Alltag da.
Ein paar Stunden am Tag für mich, die Akkus wiederaufladen, die seit 15 Monaten dunkelrot blinken. Dauerhaft.

Und dann tastet man bei einer Umarmung des Kindes etwas, das da so nicht hingehört und hat eine Woche später eine Diagnose, die den gesamten Alltag umkrempelt.

An diesem Punkt kommt die Wut. Wut ist in diesem Fall eigentlich nur Trauer, in eine Form gegossen, die man aktiv bewältigen kann, statt passiv an ihr zu verzweifeln. Und das macht sie so wichtig.
Weil man weitermacht.
Jeden verdammten Tag.
Jeden weiteren Schritt.

Die stundenlangen Fahrten zu Fachärzten, die Termine jeden Tag, die neuen Diagnosen, die dazukommen, die Aussicht auf monatelange Trennung vom Sohn, der Aufenthalt in der Klinik weit weg... all das ist mit Wut sehr viel besser zu bewältigen als mit Verzweiflung.

Wut hat den Vorteil, dass sie nicht erschöpft, solange sie brennt.
Man darf nur nie aufhören, nie innehalten, nicht ausruhen.

Sonst fällt alles in sich zusammen.

Auch dafür wird es eine Zeit geben.
Aber die ist nicht jetzt.

Jadekompendium 16.09.2021, 08.00| (4/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Stachel

Ich bin es gewohnt, dass die Geschichten aus meinem Leben angezweifelt werden und ich kann Menschen keinen Vorwurf daraus machen.
Die meisten von ihnen können sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was ich erlebt habe und welche Absurditäten Teil meines ganz normalen Alltags waren oder immer noch sind.

Aber wenn ein Freund, dem man schon länger einen durchaus sehr persönlichen Einblick ins eigene Leben gewährt, und den man unterstützt, wo man kann, andeutet, dass er viele Erzählungen für schlichtweg erfunden hält, dann piekst das einen kurzen Moment so wie früher, als es so wichtig gewesen wäre, dass man mir geglaubt hätte, als ich um Hilfe gerufen habe.

Heute bin ich darauf nicht mehr angewiesen und muss keine Kompromisse mehr eingehen.
Und will es auch nicht mehr.

Wer einen großen Teil meines Alltags anzweifelt, hat darin dann tatsächlich auch nichts mehr zu suchen.

Jadekompendium 06.09.2021, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Lieber Schwiegervater,

als wir uns das erste Mal trafen, war ich 18 Jahre alt und hatte gerade heimlich deinen 26jährigen Sohn geheiratet. Ich war ein Akt des Aufbegehrens gegen dich, das habe ich später verstanden.
Und was für einer.
Wir fochten von Beginn an auf einer ganz eigenen Ebene. Ich stand für alles, was deine gutbürgerlichen Pläne für deinen Sohn vereiteln würde und das hast du mich deutlich spüren lassen. Einer deiner ersten Sätze zu mir lautete: „Dein Platz ist in der Küche.“. Und ich sagte: „Nein.“ Und du hast mich fassungslos angestarrt. Weil das etwas war, was nicht sein durfte in deiner Welt.
Und ich hielt deinem Blick stand.
Immer.
Trotzig, provozierend, arrogant und voller Leidenschaft.
Jeden deiner Hiebe habe ich pariert und im Laufe der Jahre wich unsere Härte gegeneinander einer leisen Form von gegenseitigem Respekt. Ob wir Augenhöhe erreicht haben, wage ich zu bezweifeln. Aber ich habe mich bemüht.

Als ich deinen Sohn endgültig verließ, standen wir nachts in der Dunkelheit und schwiegen gemeinsam.
Du wandtest dich zu mir um, hieltst die Arme auf und fragtest: „Ein letzter Tanz?“.
Als unsere Körper sich berührten, ahnte ich für einen winzigen Moment, wie sich erwachsene Männlichkeit anfühlen würde. Selbstsicherheit, Führung, Wissen.
Die Luft brannte.
Es war, als würde sich der jahrelange Kampf zwischen uns in diesem einzigen Moment entladen. Wir tanzten auf der schmalen Schneide zwischen unseren Sehnsüchten und unseren Verpflichtungen.
Du warst es, der nach einer gefühlten Ewigkeit zurücktrat und Lebewohl sagte.

Nun geht deine Reise weiter.

Heb mir einen Tanz auf, wenn wir uns wiedersehen.

Jadekompendium 01.08.2021, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Du.

Vor 16 Jahren durfte ich das erste Mal die andere Hälfte meiner Seele berühren. Wir sind uns nachts das erste Mal begegnet, Dunkelheit um und den klaren Sternenhimmel über uns.

Vor 14 Jahren haben wir unser Versprechen aneinander auch offiziell gemacht.

Wir haben schon so unendlich viel erlebt.
Schönes.
Unschönes.
Sind miteinander erwachsen geworden.
Es gab Zeiten, in denen ich dich so tief gehasst habe wie ich dich liebte.

Wir haben gute Entscheidungen getroffen und auch schlechte. Jeder für sich, miteinander, manchmal Rücken an Rücken, mal Seite an Seite, aber immer beieinander.

Du kennst meine dunkelsten Geheimnisse.
Den tiefsten Schmerz, meine ungezügelte Wut.
Das Kind in mir genau wie den Wolf, der mir das Überleben erst ermöglicht hat.

Du erträgst den Abstand, den ich brauche. Bietest mir Nähe, ohne sie jemals zu fordern.
Bist stark genug, mir ein echter Gegner zu sein.
Souverän genug, meine Dominanz und meinen Besitzanspruch auszuhalten.
Weich genug, mich zu trösten.

Dein Verstand reibt sich an meinem, dein Körper antwortet nur mir.
Du treibst mich zur Weißglut, zu Wollust, zur Verzweiflung, in den Wahnsinn.
Kennst alle meine Knöpfe und drückst sie trotzdem nur, wenn ich das erlaube.

Du bist mein dunkler Engel.
Mein Wächter auf der Mauer.
Der Einzige, der auf beide Seiten sehen darf. 

Ich liebe dich.

Jadekompendium 30.05.2021, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Lieber Opa,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

94 Jahre würdest du heute alt werden.

Der Kirschbaum hat wie immer an deinem Geburtstag die ersten Blütenknospen, um an deinem Todestag in 16 Tagen in voller Blüte zu stehen.

Ich vermisse dich. Immer noch. Ich weiß nicht, ob das jemals besser wird.
Niemand, der geliebt wird, ist wirklich tot. Und du wirst geliebt. Du bist lebendig. In meiner Erinnerung, in meinen Erzählungen, in dem, was ich den Kindern weitergebe. Und doch vermisse ich dich so sehr.

Vor zwei Jahren trat ein weiterer Hund in mein Leben, der Trottelige, du weißt schon. Ich wünschte, du hättest ihn noch erleben können. Du hast Hunde so verehrt, auch wenn du dir nie einen erlaubt hast.
In dem Moment, in dem ich gesehen habe, an welchem Tag er geboren wurde, wusste ich, dass er für mich ist.
Und er erinnert mich jeden einzelnen Tag so sehr an das, was du mir vermittelt hast. Dass das Leben nicht planbar ist. Nicht berechenbar. Dass man es nehmen muss, wie es kommt. Dass man Feste feiert, wie sie fallen. Dass Spaß ein Grund ist, etwas zu tun. Dass Liebe nichts mit Leistung zu tun hat. Das. Vor allem das ist etwas, das ich nur durch dich gelernt habe.

Ich wäre nicht der Mensch, der ich sein wollte, wenn es dich in meinem Leben nicht gegeben hätte.
Du warst so unperfekt, so fehlerhaft, so menschlich.
Und du hast mich geliebt. Unendlich. So wie ich dich geliebt habe. Das war lange Jahrzehnte die einzige Sicherheit, die es in meinem Leben gab.

Wenn ich aus meiner Kindheit und Jugend irgendetwas benennen sollte, das den entscheidenden Unterschied gemacht hat, dass ich nicht zu dem irren Psychopathen wurde, zu dem ich gemacht werden sollte, dann würde ich deinen Namen sagen.
Du warst meine Insel.
Die Burg in meinem Inneren, in der mein Kind Zuflucht fand.

Ich liebe dich.

Jadekompendium 03.04.2021, 16.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Totengräber. Eine Liebeserklärung an den Tod.

Ich habe in meinem Leben schon so viele Tiergräber ausgehoben.
So unendlich viele. 
Ich habe beim Schaufeln versucht, die Tiere zu zählen, die mich in meinem Leben bis zu ihrem Tod begleitet haben. Es sind weit über 50 Namen geworden und einige mehr fallen mir immer noch ein. 

Als ich klein war, bin ich den letzten Gang mit ihnen immer alleine gegangen. 

Ich erinnere mich an die schrecklichste Nacht, als ich abends – mit Gipsschienen seit Wochen an beiden Armen – entdeckte, dass mein Kaninchen tot war.
Es fror seit Tagen, der Boden war steinhart.
Meine Eltern boten mir als Alternative wie immer den Müll an.
Ich trug dieses steife Tier im Arm, konnte es nicht richtig greifen, nicht halten, nicht mehr kuscheln, weil der Gips jede Umarmung unmöglich machte.
Es war dunkel. Ich holte mir den Spaten, konnte ihn nicht umfassen, weinte, allein in der Dunkelheit und Kälte. Mit der Spitzhacke habe ich unbeholfen ein wenig Erde abhacken können, nicht genug für ein Grab. Ich setzte mich irgendwann mit meinem toten Tier verzweifelt auf den Boden und heulte. Ich konnte nicht mehr. Und ich konnte dieses Tier nicht einfach wegwerfen.

Durch das gigantische Panoramafenster konnte ich meine Eltern im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen sehen. Unbekümmert. Lachend.

Bei allem, was ich bis dorthin bereits erlebt hatte, hatte ich mich noch nie so allein gefühlt. 

Irgendwann kam die Wut. Heiß. Lodernd. Alles verzehrend. Ich schlug mir die Gipsschienen an den Steinen auf und riss sie mir von den schwachen Handgelenken. Alles in mir brannte vor Hass. Ich griff zum Werkzeug und arbeitete mich Zentimeter für Zentimeter durch den gefrorenen Boden. Ich spürte weder Schmerz noch Tränen noch Kälte. Nichts mehr. Das Verlangen nach einem würdevollen Abschied, nach einem Grab, nach dem letzten Gang gemeinsam mit meinem Tier war so stark, dass ich mich völlig verausgabte.
Irgendwann kauerte ich mich mit ihr auf den Boden und wiegte uns summend hin und her, bevor ich sie in ihre letzte Ruhestätte bettete.

Was ich mir in diesen Stunden schwor, brannte lange in mir.
Die Zeit hat das flammende Inferno aus Hass in ein helles Leuchten verwandelt, wie ich dem Tod begegnen will.
Nicht in Kälte, nicht in Dunkelheit, nicht allein. 

Ich denke an meinen Großvater, zu dem ich mich in den Sarg gekuschelt habe, während mein Sohn fröhlich Gummibärchen mampfte. Die Küsse, die ich auf seiner Stirn verteilt habe, so wie er das in meiner Kindheit bei mir getan hatte. An seine Beerdigung, auf der ich seine Urne getragen habe. An meine drei ganz in weiß gekleideten Kinder, die im Sonnenschein über die Friedhofswiese getanzt sind.

Ich denke an meine Großmutter, die wir hier nach Hause geholt haben. An den sonnig-windigen Augusttag, als sie das letzte mal ausatmete, während ich ihre Hand hielt. Als mein Kind sagte, wir müssen die Fenster weit aufmachen, damit ihre Seele fliegen kann. Als wir sie als Familie alle gemeinsam gewaschen und angezogen haben, damit sie vom Bestatter abgeholt werden kann. An das Lachen, an das Winken hinter dem Leichenwagen her, an das Lebewohl. 

Ich denke an meinen ersten Hund, den wir im Sterbeprozess jeden Tag auf eine Wiese getragen haben, wo wir einfach nur saßen und warteten, dass er bereit war zu gehen. An den Tag, an dem der Mann ihn auf seine Arme nahm und er ein allerletztes Mal seine Nase hoch in den Wind reckte, als wolle er den ganzen Himmel einatmen, bevor er dann im Arm des Mannes gestorben ist. 

Ich denke an meine Tochter, die die Ärzte im Krankenhaus „entsorgen“ wollten. Wie ich mich zum Mann umwandte und mit fester Stimme sagte: „Wir gehen jetzt.“ Wie ich einen Tag später, mit Nachwehen und gerade von einem toten Kind entbunden, mit einem Säugling vor der Brust und dem Mann an der Hand zu unserem Fluss ging, zu unserer Insel, und unser Baby mit Blumen und einem letzten Schlaflied der Erde zurückgegeben habe. 

Ich denke an unzählige Tiergräber, vor denen wir mit unseren Kindern standen. An Blumen, an Sonnenschein, an Tränen und Lachen, an Kuscheln mit toten Tieren und Umarmungen, die so weh und so gut tun.
An Grabsteine, selbst beschriftet und bemalt, an Kerzen, an selbstgebastelte Holzkreuze. 

Morgen gehen wir diesen Weg wieder. Ich begleite den dicken Hasenbären auf dem letzten Weg, er darf auf meinem Arm in einer Decke einschlafen und dann nehme ich ihn wieder mit nach Hause. Das Grab haben wir heute alle gemeinsam ausgehoben, wir haben uns drumherum gesetzt, erzählt, gelacht, gegessen, die Sonne genossen. Morgen werden wir ihn auf Blumen betten und gemeinsam von ihm Abschied nehmen. 

Und wir werden weinen. Gemeinsam.

Jadekompendium 24.03.2021, 16.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Parallelwelten

In meiner Freizeit spiele ich ein MMORPG, dem mein ganzes Herz gehört - seit nunmehr über 12 Jahren.

Angefangen alleine, dann mit dem Mann gespielt, dann eine Gilde gegründet.
Mit Internetzmenschen.
Bis es irgendwann eskaliert ist, ich von einem auf den anderen Tag den Account gelöscht und einen Neuen erstellt habe, auf dem mich niemand findet.
Viele Jahre vergingen und zumindest ich hütete dieses Geheimnis meiner Zufluchtswelt, in der alles bunt ist, auch wenn meine Welt in Dunkelheit versinkt.
Jahre, in denen ich ausschließlich alleine oder mal mit dem Mann spielte. Gruppen nur mit fremden Spielern bildete, die ich nie wiedersehen würde.
Dann kam eine sehr lange Verletzungspause, in der ich so gut wie gar nicht spielen konnte, weil mein Körper streikte.

Seit einigen Monaten ist alles anders.
Da sind wunderbar liebenswerte Menschen aus Blogs und aus Twitter und aus meiner Vergangenheit, die sich alle bei uns versammelt haben, um mit uns zu spielen.
Irgendwie hat das sehr schnell Fahrt aufgenommen und setzt sich erst langsam.
Und was ich merke: Ich stehe vor demselben Problem wie schon vor 9 Jahren. Menschen.
Vor 9 Jahren wurde ich - wannimmer ich im Spiel eingeloggt war - angeflüstert, ob ich denn gar keinen Haushalt zu erledigen hätte, wer sich denn um meine Kinder kümmern würde, ob mein Mann wüsste, wie viel ich spiele... ein absolut übergriffiges Verhalten.
Am Abend war ich dann wieder gut genug dafür, Menschen durch Instanzen zu ziehen, ihnen Taschen oder sonstiges zu schenken oder andere Dinge zu tun, während gleichzeitig versucht wurde, hinter meinem Rücken meinen Mann anzugraben und vornerum unschuldig zu tun. Seitenhiebe inklusive.

Das staute sich über Monate hinweg in mir, bis ich dann an einem Tag einfach implodiert bin, alle Spieler aus der Gilde geworfen, einen kurzen Abschiedsbrief verfasst habe, weg war und nie wieder darüber geredet habe. Das hat leider auch die getroffen, die gar nicht so waren. Aber ich konnte einfach nicht mehr.

In der darauffolgenden Zeit musste ich erst wieder lernen, das Spiel zu lieben, das mir so viel bedeutet. Erst als der Stress wegfiel, merkte ich, wie sehr mich der Umgang mit diesen Menschen aufgerieben hat.
Heute ist vieles anders.
Ich bin nicht mehr dieselbe wie vor 9 Jahren.
Ich bin eine Andere.
Und ich kann anders auf diese Dinge reagieren, mit denen ich konfrontiert werde.

Ich spiele, wann und wieviel ich will.
Mein Leben, meine Regeln.
Ich spiele einen Großteil dieses Spiels als Wirtschaftssimulation und bin entsprechend lange auch einfach nur online, um nebenher von Zeit zu Zeit mal ins Auktionshaus zu sehen. Ich muss niemandem darüber Rechenschaft ablegen.
Ich arbeite im Spiel für mein Gold. Ich bin niemandem etwas schuldig. Kein Gold, keine Gegenstände, nichts.
Wer Geschenke erwartet oder neidisch darauf ist, wenn ich jemand anderem etwas schenke, der hat selber ein gewaltiges Problem.
Ich entscheide, für wen ich mein Gold ausgebe, mit wem ich meine Freizeit verbringe, für wen ich etwas tue. 

Ein besonderer Punkt: Freizeit. Es ist meine Freizeit. Auch wenn viele Menschen es nicht glauben oder mir gerne unter die Nase reiben, dass sie im Gegensatz zu mir ja ach so früh aufstehen und arbeiten müssten, es ist meine Freizeit und davon habe ich nicht allzu viel.
Wenn ich im Spiel eingeloggt bin, bin ich darum nicht einfach verfügbar.
Ich möchte genauso gefragt werden wie jeder andere auch.
Wenn ich etwas tue, fühle ich mich nicht verpflichtet, alle Spieler, die online sind, mitzunehmen. Ich bin kein Reiseunternehmen. Ich spiele gerne mit anderen zusammen, aber ich muss mir deswegen weder Seitenhiebe noch blöde Bemerkungen noch passiv aggressive Vorwürfe anhören, wenn sich jemand ausgegrenzt fühlt, nur weil ihm nicht der Hintern hinterhergetragen wird. 

Wir sind alle erwachsen, jeder ist für seinen Spaß selbst verantwortlich.

Jeder spielt anders.
Ich spiele gerne nach dem Leistungsprinzip.
Ich mag auch chillige Runs und wipen ist nicht mein Problem, wenn der Rahmen klar ist.

Wenn ich aber auf der einen Seite nach jedem Kampf gerne warte, bis jeder sein Spielzeug ausgepackt, sein Tier gewechselt, drei Screenshots gemacht und seine Ausrüstung andersrum angezogen hat, dann erwarte ich auf der anderen Seite auch, dass akzeptiert wird, dass ich durchaus abschätzen kann, dass Menschen, die sich weder um Bufffood, Stärkungszauber, Fläschchen Spielmechaniken, Bosstaktiken und Co. kümmern und Instanzen nur als netten Ausflug einer vor sich hinstolpernden Ansammlung von Gelegenheitsspielern betrachten, im Endcontent nichts zu suchen haben, ich ihn aber trotzdem spielen möchte.
Nur dann eben ohne sie.
Die Vorwürfe dazu kann jeder dort stecken lassen, wo sie hingehören.

Es ist wie im wahren Leben: Wer immer nur alles geschenkt bekommen will, ohne auch nur ansatzweise etwas dafür zu tun, der wird unweigerlich enttäuscht werden.

Ich liebe meine Mitspieler und ich schätze ihre Unterschiedlichkeit und auch ihre Andersartigkeit, wenngleich ich viele Verhaltensweisen und Befindlichkeiten auch nicht nachvollziehen kann.
Aber das muss ich ja auch gar nicht.

Respekt reicht in den allermeisten Fällen völlig aus.

Am dicken Fell werde ich auch weiterhin arbeiten, denn es ist mein Spiel und es ist meine geliebte bunte Welt.
Die lasse ich mir kein zweites Mal kaputt machen.

Jadekompendium 19.01.2021, 15.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Azeroth




Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.


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