Weiter, weiter?

Irgendwann kommt der Tag, an dem ich das Weiter, weiter! in meinem Kopf einfach ignoriere und stehenbleibe. An dem ich einfach nicht mehr weiter gehe, weil ich schon so viele Jahre eigentlich nicht mehr kann. Irgendwann. Und es wird ein wohliges Gefühl sein, weil ich meine Aufgaben hier erledigt habe und mich endlich zur Ruhe begeben kann. Nie wieder etwas fühlen, nie wieder Schmerz, nie wieder irgendetwas. Der Tod ist verlockend für Menschen wie uns. Ewiger Frieden.

Aber noch ist es nicht so weit. Und so schleppe ich mich seit Wochen durch Nächte, in denen sich der Suizid meines Vaters in Endlosschleife vor meinen Augen wiederholt. Mal bin ich nur dabei, mal bin ich er, mal ist er ich, alles verschwimmt ineinander und in dem Augenblick, in dem ich spüre, dass das Gift wirkt, ist der, in dem ich aus dem Schlaf hochschrecke und lange Momente nach Luft ringen muss, mein Gehirn verzweifelt kontrollierend, ob ich noch atmen kann, mein Herz noch schlägt…

Die Tage sind durchzogen vom Schmerz des Unverständnisses, das mir begegnet. All die Arbeit scheint umsonst, wird klein geredet, nicht so nötig, eigentlich alles nicht so schlimm, nicht so extrem, wie ich es darstelle, nicht so dringend, nicht so wild. Die Suche nach Empathie scheint vergebens, vielleicht ist es auch einfach nicht möglich, vielleicht muss ich einfach auch mal aufgeben können, um mich nicht selber zu zerstören.

In Wut und Schmerz und Trauer und Trauma habe ich eine schreckliche Fehlentscheidung getroffen und habe mich hinreißen lassen, mich selbst zu verletzen. Fataler als geplant, der Fuß ist hin und wie immer in diesen Fällen bestrafe ich mich mit dem Schmerz für die Verletzung. Ich bin es nicht wert, geschont zu werden, es ist nur gerechte Strafe, dass jeder Schritt mir durch Mark und Bein fährt, ich wollte es so, selber schuld, trag die Konsequenzen. Und das tue ich. Und ich merke jeden Vormittag, wie der Schmerz und die Kälte mich übermannen, ich nur noch schlafen will, nach dieser schon nur so geringen Belastung, die ich mir zumute - Gassi, einkaufen, Kinder betüdeln - ich zittere mich vor seelischer Erschöpfung durch die erste Hälfte des Januars und habe dabei nur Verachtung für mich übrig.

Ich kann nichts, ich bin nichts, ich scheitere selbst an der Liebe.

Kati 08.01.2024, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Mein geliebter dunkler Engel.

Wir befinden uns zwischen den Jahren und leben und lieben uns intensiv durch diese Tage.

Volljährig, habe ich im Mai geschrieben und das damals noch so naiv anders gemeint als ich es heute fühle. Wer hätte gedacht, dass wir uns schon jetzt auf diese schwindelerregende Fahrt begeben würden?

Ich nicht. Ich habe wenn überhaupt, erst sehr viel später damit gerechnet.
Wir sind hart aneinander geprallt die letzten Monate. Ich streife gerade die letzten Reste des Harmoniebedürfnisses meiner fruchtbaren Jahre ab und wandle mich nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich zum Kern dessen, was mich ausmacht.

Wir sind längst nicht mehr so sehr daran gebunden, dass nur mein Operating System im Alltag oben ist. Die Kinder sind selbständig und schon verdammt groß und das erlaubt mir mehr Freiheiten, mich in Gänze entfalten zu können. Ich weiß, wie schwierig das für dich mitunter ist. Ich weiß, wie hart ich dich mit dir selber konfrontiere. Der Spiegel, den du mir in aller Liebe in den letzten Jahren so oft vorgehalten hast, damit ich mich weiterentwickeln und finden kann, ruht nun in meinen Händen.

Wann immer ich dieser Tage auf deinen Rücken sehe - den schwarzen gefallenen Engel betrachtend, der demütig und trotzdem unbeugsam dort kniet - verschwimmt das Motiv mit dem Träger. Du hast wieder begonnen zu schreiben. Du hast dein Mitleid für dich selber überwunden. Du stellst dich mir, jeder Konfrontation, jedem Gespräch, jedem Schmerz.
Vor allem dem Schmerz. Ich kenne keinen Menschen, der weniger zurückweichen würde als du es tust, wenn es unangenehm wird.
Du hältst die Wahrheit aus, die wir uns geschworen haben. Immer.

Ich weiß, dass du nicht gut schläfst. Ich kenne die Gedanken, die dich umtreiben. Ich kenne die Zweifel. Und ich weiß, dass ich oft grausam bin. Du willst nicht geschont werden. Und das tue ich nicht.

Ich bete dafür, dass wir eine Balance finden. Seit wir aus der Schwärze unserer Beziehung wieder ans Licht geschwommen sind, arbeiten wir Tag um Tag daran, ein besseres Ganzes zu sein als nur zwei Hälften, die zusammengefügt wurden. 10 Jahre sind es nächstes Jahr und wir sind in diesem Prozess weiter gelaufen als ich jemals für möglich hielt. Du hast mich so oft getragen, wenn ich nicht mehr weiterwollte. Wenn ich keinen Sinn mehr gesehen habe in all dem Kampf gegen mich selbst, die Schuldgefühle, die Last, die auf uns und unserer Erinnerung liegt.

Unsere Beziehung war nie leicht.
Nie unbeschwert, nie frei von großer und schwerer Verantwortung.
Der Wandel, den wir die letzten Monate erlebt haben, wäre vor 5, 10, 15 Jahren nie möglich gewesen.

Es ist wie es ist.
Es bringt nichts, das Was wäre gewesen wenn Spiel zu spielen.
Wir sind jetzt an dem Punkt, an den uns die gesamte Beziehungsarbeit der letzten 18 Jahre getragen hat. Jedes Gespräch, jeder Streit, jede Zärtlichkeit, jede Berührung, alle Liebe hat uns hierhin geführt. Und wir sind bereit für den nächsten Schritt. Ich weiß das und ich glaube an uns, mehr denn je.
Ich liebe dich jeden Tag ein bisschen mehr als gestern und ich würde jeden Tag schwören, dass ich dich nicht mehr lieben könnte als genau heute.

Die große Diagnose, die für dich im Raum steht, treibt dich um. Mir schenkt sie Frieden. Die Jahre, die seit dem ersten Verdacht vergangen sind, haben in mir einen Prozess in Gang gesetzt, der mich mit vielem versöhnt. Ich sehe dich in unseren Kindern, die ich anders auf ein Leben vorbereiten kann, in dem der Großteil der Menschheit nicht ihre Sprache spricht. Ich versuche ihnen mehr Werkzeug in die Hände zu legen als es deinen Eltern für dich möglich war. Ich möchte nicht, dass sie das Potential ihres ebenfalls überragenden Intellekts nur dafür nutzen müssen, zu funktionieren wie ihre Umgebung das von ihnen erwartet. Dir wurde so viel Unrecht getan. Auch von mir. Gerade von mir. Das tut mir unendlich leid, ohne dass ich wüsste, wie ich es hätte anders machen können.

Es ist wie es ist.

Es wird wie es sein soll.

Kati 27.12.2023, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Das vollendete Bild

Etwas fehlte noch. Ich konnte es nicht greifen, aber das Puzzle war noch nicht fertig.
Es klaffte eine Lücke mitten im Bild.

Und als ich mit den Kleinen auf dem Weg zum sehr großen Kind im Auto saß und nach hunderten von Kilometern den charakteristischen Berg hinauffuhr, hinter dem sich die Abfahrt zu dem Heimatort meiner Jugend befand, traf ich eine Entscheidung.

Wie unendlich vertraut die Straßen waren, die Gebäude, alles. Mein Spiegel auf dem Beifahrersitz fragte besorgt, ob alles in Ordnung sei, kaum dass wir den ersten Ort durchquerten. Ich antwortete nicht. Die kurvige Strecke durch die Weinberge, so viele prägnante Orte, so viele Erinnerungen, die mich überschwemmten, ich konnte einfach nichts sagen. Als wir auf die Straße fuhren, die direkt zu meinem Elternhaus führen würde, schnürte sich meine Kehle zu. Ich schaffe das nicht!, hämmerte es in meinem Kopf. Weiter! skandierte es synchron.
Bauch vor Kopf, immer. Aber da war nur noch ein Klumpen aus Angst und Panik und dem unausweichlichen Drang, etwas zu beenden, das ich schon zu lange vor mir hergeschoben habe.

Vor 15 Jahren war ich das letzte Mal hier. 15 Jahre. Es war so viel passiert.

Ich bog in die Auffahrt ein und hielt direkt vor dem Haus an. Musterte die teuren Wagen, die davorstanden. Ich wusste, dass es an eine Familie verkauft wurde, die eine große Firma besitzt. Und dass sie viel verändern wollten, als sie es kauften.

Haben sie nicht.
Das schmiedeeiserne verschnörkelte Tor, das ich in mühevoller Kleinarbeit mit meinem Vater zusammengeschweißt hatte, hing immer noch an der einen Stelle schief, so dass es nicht von den goldenen Römerköpfen gehalten werden konnte, wenn es offen stand. Die Mauer zum Wohnwagenstellplatz hin, die ich gemauert hatte, war schmuddelig und ungepflegt und bräuchte dringend einen Kärcher und danach einen neuen Anstrich. Die Lampen auf den Mauersockeln waren mit Moos bedeckt und unpoliert. Die Büsche schlecht geschnitten. Das Dach müsste vielleicht mal neu gedeckt werden. Die große Weide, in der ich so viele Stunden als Kind verbrachte, war weg und ist dem hässlichen Riesenwacholder gewichen, auf den ich allergisch reagierte.

„Mama?“ 

Ich zuckte zusammen. Wir saßen immer noch im Auto.

„Wo sind wir?“

- Das ist mein Elternhaus. Hier habe ich gewohnt, als ich so alt war wie ihr beide jetzt.

Wir stiegen aus. Halb hoffte ich, es würde jemand aus dem Haus treten, dem ich mich vorstellen könnte, halb fürchtete ich es. Es geschah nichts. Und so stand ich da und wusste nicht so recht, wohin mit mir. Das epische Erlebnis blieb aus. Sollte ich mich geirrt haben? War es gar nicht wichtig, dass ich hierher kam?

„Das Haus ist superhässlich.“

Ich sah mein Kind an. Und dann das Haus. Ich hatte nie auch nur irgendetwas anderes als Bewunderung für dieses Gebäude gehört.

Die Kriegerin sah sich skeptisch um. „Und was hast du hier so gemacht?“

- Meistens bin ich weggelaufen. Hinter dem Haus beginnen die Felder, der Bach und wenn man einige Kilometer querfeldein gelaufen ist, ist da eine gigantische…

„Zeig es uns!“

Der Butz lachte und spurtete los. Ich setzte mich in Bewegung und fühlte mit jedem Schritt, wie sich die Vergangenheit mit der Gegenwart synchronisierte.
Hier.
Hier musste ich hin.
Ich lief schneller. Die beiden Kinder rannten den Weg neben dem Bach entlang Richtung Felder. Kaum dass wir die Häusergrenze hinter uns gelassen hatten, umfing mich die ohrenbetäubende Stille, wegen der ich früher immer hierhin flüchtete. Plötzlich war ich 8, ich war 12, ich war 15, ich war 45, es war Morgen, es war Tag, es war Mitternacht, es war jetzt und vor 30 Jahren, als ich erschöpft vom Laufen im Sommer unter klarem Sternenhimmel zu Boden sank, in die Unendlichkeit des Weltalls blickte und erkannte, wie klein und bedeutungslos wir alle im Vergleich zum großen Ganzen waren. Und trotzdem ein Teil davon. Ich spürte, wie mich der Trost durchströmte, die Kraft, die ich früher an genau diesem Ort gesammelt hatte, um mich dem nächsten Tag zu stellen. Um nicht aufzugeben, um nicht wahnsinnig zu werden.

Hier war ich richtig. Das Haus war gar nicht der Ort, an den ich zurückkehren musste. Wie blind ich war. Hier. Hier waren viel wichtigere Weichen für mein Leben gestellt worden.

Ich zeigte den Kindern den geheimen Übergang über den Bach, der hinter dichtem Bewuchs verborgen lag. Wo ich unter der Brücke in die Maueraussparung gekrochen war, um mich zu verstecken, wo ich geschlafen habe, wenn mich keiner suchte. Wo ich glücklich war.

Wo ich glücklich war…

Diese Worte brachten alles in mir zum Klingen. Hier. Hier war ich früher glücklich. Hier war Hoffnung. Meine Hoffnung. Hier war das Herz grün und voller Zuversicht für meine Zukunft.

Hier war ich frei.

Als wir Stunden später fuhren, wusste ich, dass ich nicht mehr zurückkommen würde.
Das letzte Puzzleteil liegt an seinem Platz.

Kati 10.12.2023, 06.00| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Desillusioniert

Ich sehe nicht, dass es sich rentiert, ein aufrechtes Leben zu leben. Ich sehe die Dinge, Sozialleistungen, Geld, Spenden, Mitleid, Zuwendung, Geschenke, die Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ergaunern und wie sie jenseits jeder Moral und jenseits des theoretisch vorgegebenen zivilisatorischen Konsens von Ethik und Sozialverträglichkeit nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. 

Und es ist nicht einmal, dass mich das überraschen würde. Oder mich in seinem Ausmaß erschreckte.
Ich bin auch heute noch von Menschen umgeben, die so nah am Bodensatz der Gesellschaft überleben müssen, dass sie natürlich andere Entscheidungen treffen als der Großteil der Bevölkerung treffen müsste. Ich kenne Menschen, die klauen, die sich aus Not prostituieren, den Staat bescheißen, die ihre Kinder oder Partnermenschen schlagen, sie anschreien, misshandeln, die betrügen, und lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Eine meiner Alltagsaufgaben ist es, diesen Menschen genau dann eine Hand zu reichen, wenn sie mir im selben Atemzug nicht die Handtasche klauen und ich kann das gut. 
Ich verurteile das moralisch nicht.
Ich werte nicht. Ich höre und ich sehe und ich kenne den Unterschied zwischen Mensch und Verhalten. 
Ich kenne den Überlebensmodus. 
So anders und doch so gleich. 
Wenn du einen Großteil deines Lebens auf deine Amygdala heruntergebrochen wirst, denkst du nicht mehr nach. 
Du tust Dinge. 
Und ein Wertesystem ist für die moralisch privilegierten. 
Moralisches Privileg entsteht aus Sicherheit.

Und genau hier ist der Punkt, der mich desillusioniert. Wenn sogar die moralisch Privilegierten entscheiden, ihren Neocortex nur dafür zu nutzen, wie sie ihr Leben maximal komfortabel gestalten können, wie sie andere ausnutzen, um Geld erleichtern, wie sie auf Mitleid spielen und persönliche Vorteile aus einem wackeligen Lügengebilde erfahren, wo genau ist der Sinn, dass es einen anscheinend nur verschwindend geringen Teil Menschen gibt, die sich bemühen, genauso nicht zu sein?

Do what is right. Not what is easy.

Es scheint mir immer mehr ein Spruch aus einer Fantasiewelt zu sein, die ich mir zurechtgezimmert habe, weil ich daran glauben wollte, dass es tatsächlich einen nicht unerheblichen Bruchteil an Menschen gibt, die nach dieser Maxime ihr Leben gestalten wollen. Nicht perfekt, aber bemüht. Wenn ich mich in nächster Umgebung umblicke, brauche ich nicht einmal alle Finger einer Hand zum zählen. Und wer weiß schon, welche Leichen im Keller diese Menschen verbergen.

Vertraue niemandem. Alle Menschen lügen. Immer.

Soll ich also in meinem Leben wirklich so weit gekommen sein, um letzten Endes zu erkennen, dass wir als Menschheit unterm Strich genau so sind, wie meine Herkunftsfamilie immer prophezeit hat? 
Korrupt, moralisch verkommen und nur auf den eigenen Vorteil bedacht? 
Und warum sollte ich dann an mein eigenes Verhalten andere Maßstäbe anlegen, wenn es mir doch hierbei nur zum Nachteil gereicht?

Ich kann die Zwischentöne gerade nicht mehr sehen, während alles, was nicht weiß ist, ins Schwarz rutscht. 
So unendlich traurig über Erkenntnisse, die schon immer da waren.

Kati 08.11.2023, 09.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Overload

Menschen nerven mich gerade. Das ist ziemlich schlecht, bin ich doch ununterbrochen von Menschen umgeben.
Aber ich bin zurzeit urteilender als ich den Anspruch an mich stelle.
Bin angefasst, wenn ich angegriffen oder doof angemacht werde, nehme viel persönlich, was ich okayen sollte und fühle mich aktuell mit vielleicht höchstens einer Handvoll Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung richtig wohl, den Rest möchte ich gerne auf den Mond schießen.
Es gibt ein paar wenige Personen, die es leider unter Vorspiegelung irreführender Tatsachen bis in meinen SafeSpace geschafft haben und ich kämpfe hart, das Problem für mich auf gesellschaftlich akzeptablem Weg zu lösen.

Die Stalkinggeschichte der letzten Monate, das Eindringen in unseren höchstpersönlichen Lebensraum hier im Städtchen und „zufällige“ Begegnungen tun ihr Übriges, dass ich manchmal einfach nicht mehr sichtbar sein möchte. Aber das Problem ist nicht meins. Wer nicht genug sozial angemessene Verhaltensweisen verinnerlicht hat und uneingeladen hier auf meiner Grundstückstreppe sitzt oder mich am Tag mit dutzenden Nachrichten bombardiert, ohne dass ich jemals darauf geantwortet hätte - der hat ein Problem.
Und zwar ein Gewaltiges.
Ich übernehme dafür keine Verantwortung.

Aber sicherlich hat es den Schritt beschleunigt, einen 22.000 Follower-Account einfach zurücklassen zu können, ohne allzu traurig darüber zu sein, ein weiteres Kapitel zu beenden. 

Es liegt eine seltsame Faszination darin, mit Großaccounts zu kommunizieren und ich verstehe nicht, welche. Allein der Blick in mein Postfach deckt alle Untiefen menschlicher Absurditäten ab, die man sich nur vorstellen kann. Ich möchte offen für Menschen bleiben, aber ich möchte nicht überfahren werden. Ich kommuniziere ungern konstruiert und schon meine 40 Guten-Morgen-Kati-Nachrichten auf WhatsApp lassen mich innerlich manchmal schreiend davonlaufen. 
Ich halte das aus, weil mir Menschen wichtig sind. 
Wozu ich allerdings nicht bereit bin, ist, dass Menschen, die ich nicht ermutige, insistieren, mit mir eine wie auch immer geartete Form von Gespräch führen zu dürfen, einfach weil ich öffentlich bin und gefälligst verfügbar zu sein habe.

Ein anderer problematischer Aspekt ist der, dass Menschen denken, mich zu kennen, weil sie 1 bis 10 Mal am Tag von mir 140 Zeichen lesen können.
Und das ist wirklich ein richtig großes Problem. Ich bin jeden Tag öffentlich. Manchmal zeige ich einen Ausschnitt meines Tages. Manchmal aus der Vergangenheit.
Fast alles ist auf leichtes Verständnis heruntergebrochen. Manchmal teile ich einen Standpunkt, eine Ansicht, eine Moralvorstellung. Nichts davon ist so heiß, dass ich es nicht ertragen kann, wenn es angegriffen wird. Nichts. Das heißt, alles, was mich emotional wirklich hart anfasst, ist dort eher nicht zu lesen. Alles, was ich formulieren kann, ist soweit abgekühlt, dass ich einen gewissen Abstand habe. 
Und trotzdem denken Menschen, die nur diese Ausschnitte lesen, dass sie wissen, wie mein gottverdammter Tag war oder was mich beschäftigt hat.

Wenn ich mit Menschen kommuniziere, die sowohl mein Twitter/Insta/Blog/Facebook/whatever lesen als auch mich im realen Leben kennen, dann merke ich schnell, wer den Großaccount für das Maß aller Dinge hält und wer tatsächlich die Kati hinter dem Kompendium sehen kann. 
Ich weiß, wie verführerisch und leicht es uns SocialMedia macht, ein Podest für die zu erschaffen, die wir nur so sehen wollen, wie wir das gerade brauchen. 
Und auch hier, einmal mehr: Nicht mein Problem, nicht meine Verantwortung. Ich will keine Projektionsfläche für anderer Leute Idealvorstellungen sein. 

Ich will ich sein und um meiner selbst willen interessant sein und um meiner selbst willen von denen gemocht werden, die mir wichtig sind. Ich vermute, wie jeder Mensch.

Letzten Endes ist gerade eine Plattform wie Twitter ein Darstellungsmedium. 
Und ich liebe das. Ich liebe die Gedankenschnipsel, die unterschiedlichen Themen, den Tellerrand, die Möglichkeit, es als seelischen Mülleimer, als Roleplay, als DailySoap oder als Nachrichtendienst zu nutzen. 

Bedenklich wird es erst, wenn daraus die Theorie konstruiert wird, dass ein solches Medium einen Menschen und dessen Leben komplett abbilden kann. 
Gefährlich wird es dann, wenn sich daraus eine Obsession entwickelt.

Im Mittelpunkt steht man immer allein.

Kati 23.08.2023, 11.28| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Phantomschmerz

Ich war gerade mehrere Stunden beim Zahnarzt und es war eine wirklich unangenehme Sitzung unter erschwerten Bedingungen, aber nichts von alledem beschäftigt mich gerade, sondern es geht um einen anderen Umstand: Ich habe das erste Mal ganz bewusst das Echo einer Panikattacke durchlebt, die gar keine war. Herzschlag, Atmung, alles unauffällig, der Neocortex voll aktiv und trotzdem pumpte in den Tiefen meines Seins etwas vor sich hin. Und das Faszinierende daran ist: Ich hatte das Gefühl, ich MUSS jetzt eine Panikattacke haben, weil das schon immer so war. Das Ausbleiben der Angst erzeugte wiederum Angst und so geriet ich kurz in eine Schleife von Gefühl, in der ich nicht mehr sagen konnte, wo die Erinnerung endete und die Realität begann. Es hallte als dumpfes Pochen in mir nach, aber da war niemand, der gerade wirklich ein Problem hatte. Im Gegenteil. Ich hatte keine Alpträume, ich habe gut geschlafen, wie ich das schon seit längerer Zeit vor Zahnarztterminen schaffe, ich hatte keine Schweißausbrüche, keine Atemnot, keine Flashbacks, nichts. Wir waren heute Morgen sehr versammelt und gut aufgestellt, trotz des seltsamen Starts in den Tag, der allein mich schon außer Gefecht hätte setzen sollen, es aber nicht tat. Und trotzdem war da ein Phantomschmerz aus vergangenen Zeiten, der um der Anerkennung willen beachtet werden wollte. Ich habe aufmerksam in mich hineingehorcht und da war keine Angst. Keine Bedenken. Nichts. Ich vertraue diesem Arzt und das letzte Jahr hat gezeigt, dass alle meine Grenzen geachtet werden. Auch die Unsichtbaren. Die, die nur in meinem Kopf existieren. Das Grauen, das er nicht kennt und trotzdem fühlt, dass es mich von Zeit zu Zeit so sehr lähmt, dass eine Behandlung unmöglich wird. All das auf hochprofessioneller Ebene, auf dem neuesten Stand der Technik und als Arzt, der vor ihm schon allein aufgrund seines jungen Alters für mich nie in Frage gekommen wäre, weil auch seine Jugendlichkeit Unangenehmes hochholt.

Ich habe mein Erleben transformiert und mir fehlen die Worte für die unermessliche Größe dieser Leistung, dieses Sieges über meine Amygdala. Ich habe das gemacht. Ich habe mich all diesen Situationen ausgesetzt, auch als die Schmerzen schon längst verschwunden waren und ich es hätte schleifen lassen können, wie so oft in der Vergangenheit. Habe ich aber nicht. Ich bin in den Zweikampf mit dieser meiner Nemesis gegangen, freiwillig. Und ich habe triumphiert.

Kati 22.08.2023, 16.29| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Hybris

Ich fühle mich dieser Tage, als könne ich vor Schuld und Schmerz keinen Schritt mehr weitergehen. Die quälend schwere Last lähmt mich. Es hämmert in meinem Kopf. Ich kann das nicht ertragen und muss es trotzdem aushalten. Und um wieviel leichter ist denn auch meine Bürde im Vergleich zu ihrer?
Ich würde ohne Zögern mein Leben für diesen Menschen geben und trotzdem habe ich es nicht geschafft, ihn zu schützen. Versagen auf ganzer Linie. Ich habe es weggeschlossen und spüre es vor sich hingären. Es kann dort nicht bleiben, aber ich kann es nicht ansehen ohne mich darin zu verlieren.

Kati 17.08.2023, 10.17| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Plan B bis Z

Die erste Nacht wieder richtig tief und behütet geschlafen.
Was für ein Unterschied in dem Grauen, das die meisten Menschen Morgen nennen. 
Traumlos, vor allem. Was wichtig ist. 

Ich erinnere mich an die Zeit vor 5 Jahren, als nichts mehr ging. 
Als mein Herz in Fetzen im Brustkorb hing, kraftlos auspulsierend, gebrochen. 
Ich hab es mehrere Monate alleine geschafft.
Verbrachte die Tage in dumpfer Dunkelheit, sinnentleert vor mich hinstarrend und ging irgendwann wegen etwas ganz anderem zu meinem Hausarzt, wo es auf seine Frage, wie es mir ging, schwallartig aus mir herausbrach. 
Ich bekam das ganze Programm. 
Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlafmittel. 

Um überhaupt wieder in diese Welt zurückzufinden, musste ich in der Lage sein, sie nachts zumindest kurzfristig zu verlassen. Und gepaart mit meiner ausgeprägten Panik, die Kontrolle abzugeben, brauchte ich jemanden an meiner Seite, der dabei über mich wachen würde, damit ich schlafen könnte. 

Also nahm ich abends mit klopfendem Herzen und voller Skepsis eine dieser winzigen Tablettchen, die mir zwar Ruhe aber auch Kontrollverlust bringen würde. 
Ich kann das nicht gut. Ich muss bereit sein, immer. Was, wenn was mit den Kindern ist, was, wenn was mit dem Mann ist, was, wenn ich das Haus verlassen muss, was, wenn ich Autofahren muss, was, wenn ich den Rauchmelder nicht höre, was, wenn…. Und bei Gott, ist das Zeug geil. Eine Viertelstunde nach der Einnahme gingen mir derart die Lichter aus, dass ich beim Aufwachen 14 Stunden später weder das typische Gefühl hatte, geschlafen zu haben, noch mich an Unruhe oder Träume erinnerte. 

Da war nur samtenes, tiefschwarzes Nichts. Wenn der Tod so aussehen würde - Hallelujah. Das wäre dann wohl der Inbegriff von ewigem Frieden.

Wir haben das nicht oft gemacht.
Es musste für mich stimmig sein, der Mann musste aufpassen, ich musste am nächsten Tag ausschlafen können, ich musste die Panik im Vorfeld bekämpfen können.

Nach kurzer Zeit stellte ich die kleine Dose Tabletten wieder in den Schrank, für Notfälle. Als Backup. Ich liebe Backups. 
Und so half sie mir im Endeffekt im Medizinschrank effektiver als wenn ich sie für den täglichen Gebrauch im Nachtschrank aufbewahrt hätte. Beruhigungsmittel, Antidepressiva, dasselbe. Ich schöpfe unendlich viel Kraft daraus, immer einen Plan B und C und D zu haben.

Und wenn die Zeit auch für sonst nichts gut war, dies habe ich mitgenommen. 
Es gibt etwas nach der Verzweiflung. 
Es gibt Mittel und Wege und Hilfe, wenn ich an dem Punkt bin, an dem es sich so anfühlt, dass nichts davon mehr existiert.

Kati 17.08.2023, 07.13| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Selbstmitleid

Ich suhle mich heute in dem zähen Morast meines fragilen Egos, das sich fragt, ob es überhaupt jemanden gibt, der mich vermisst, sich Sorgen macht, wissen will, wie es mir geht, das ganze Programm. Ich schreibe das auf, um es einzuordnen, brandzumarken und ein weiteres Stückchen zu reifen, erkenne ich doch immer zuverlässiger meine Mechanismen, so schmerzhaft diese Erkenntnisse mitunter auch sein mögen.

Was bin ich wert? ist meine Schlüsselfrage im Leben. Wann bin ich wertvoll? Was muss ich tun? Wieviel muss ich leisten, damit ich gemocht werde? 
Und nebenher entsteht gerade eine ganz zarte Verbindung zu jemand Unerwartetem, die ich mir lange als unsinnig eingeredet habe, obwohl ich da eine gewisse Sehnsucht gespürt habe.
Und auch hier wieder: Bin ich wertvoll genug? Reiche ich? Bin ich eine Zumutung?

Die, die ich in den nächsten Abschnitt mitnehme, werden im Wandel der Jahrzehnte zahlreicher. Und was mir vor 30 Jahren noch nicht wie Egozentrik vorkam, aber im Grunde genau dies war, ist die Formulierungsart der Frage. Wer darf mit? 
Heute lautet sie: Wer will das denn überhaupt?

Klebrig, hier unten in der Badewanne voller Selbstmitleid.

Mir fehlt gerade ein wenig die Zuversicht. 
Die letzte Woche war die emotional Härteste seit jenem Sommer vor 5 Jahren als sie gegangen ist.
Und ich bin wütend, weil ich mich nicht gesehen fühle. Alleingelassen bin in all dem seelischen Aufruhr, der in mir tobt. 
Finde keinen roten Faden in mir, an dem ich mich orientieren, kein Seil, das ich greifen und keinen Vorsprung, an dem ich mich festhalten kann.

Vielleicht ist es auch einfach okay, dass gerade so viel Einsamkeit, Trauer und Schmerz hochschwappen und ich einen Moment davon getragen werde.

Kati 16.08.2023, 12.09| (25/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Nebel [Wabern]

So langsam formt es sich.
Ich kann es noch nicht greifen oder sehen, aber spüren.
Das Trübe, in dem ich fische, fühlt sich allmählich so an, als würde es Gestalt annehmen wollen.

Ich überprüfe Domains, lösche alte Links, fülle meine Offline-Archive, mache Listen und bin gespannt auf den nächsten SocialMedia Abschnitt des öffentlichen Teils meines Lebens. 
Mein Unterbewusstsein wird den Namen irgendwann ausspucken, mein Gehirn gleicht derzeit einer gigantischen Mindmap, auf der das gesamte Vokabular mehrerer Sprachen in Kategorien geordnet und mit Assoziationen versehen wird.

Ich war MamaKati, Gedankenchaos, Cogitabilis, Frau Limette, Synapsenchaos und das Jadekompendium. Das Jadekompendium hat mich am längsten und intensivsten begleitet und es hat mich überrascht, dass es jetzt bereits endet, aber man muss aufhören, wenn die Zeit gekommen ist.

Immer.

Kati 15.08.2023, 17.29| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Übergang [Häutung]

Der Prozess, der seit Monaten in mir stattfindet und mich umtreibt, schlaflos hält, in Frage stellt, gipfelt und manifestiert sich äußerlich jetzt in nur einem einzigen Punkt: Dem Ende.

Das wird der Transformation in keinem Sinne gerecht, aber wie kann man das Innen auf das Außen projizieren, ohne seine Authentizität zu verlieren?
Gewisse Dinge müssen reifen. 
Vor aller Augen verborgen wandeln sie sich und evolvieren sie, bis sie bereit sind, ans Licht zu treten. Und dann scheint es für den Zuschauer vielleicht zunächst wie Willkür oder Zufall oder etwas ähnlich Unplanbares, doch ist es nur der Höhepunkt einer exakt so essentiell nötig abgewickelten Choreografie aus Erleben, Denken und Fühlen und damit der Beginn eines neuen Lebensabschnitts, nicht das Ende.

Die alte Haut abstreifen können hat mich immer fasziniert.
Alles, was sich im Leben transformiert - egal ob nun Larve zu Puppe zu Schmetterling oder das wortwörtliche Häuten der Reptilien, sie alle kommen in einer weiterentwickelten, größeren, glänzenderen Form zurück, um einen neuen Weg zu beschreiten, der ihnen vorher teilweise nicht einmal offenstand.
Das zu Tode abgenutzte und trotzdem immer wieder auferstehende Bild des Phoenix spiegelt die Entsprechung in der Sagenwelt wieder, aber der Teil mit dem in Flammen aufgehen war nie so ganz meins.

Ich mag die Verpuppung, finde den stillen Übergang und die Veränderung sehr viel reizvoller als die theatralische Dramatik des Augenblicks, bevor der Vogel im Grunde wieder genau das ist, was er vorher war.

Es ist wie es ist.
Es wird, wie es sein soll.
Alles bleibt anders.

Kati 14.08.2023, 12.04| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Staub zu Staub



Staub zu Staub

Ein Jahr ist vergangen seit meinem Mitternachtsbad und noch ein paar Tage mehr, seit du meine letzte lange WhatsApp Nachricht gelesen und mir nicht mehr geantwortet hast. Ich habe dieser Tage in unserem WhatsAppChat gestöbert, weil ich mich ein Jahr nicht entscheiden konnte, was ich damit mache, aber diese letzten blauen Haken bleiben im Fleisch stecken.

Es war ein Zukunftsausblick - für uns, für die Kinder - direkt vor der großen Operation des Sohnes, ein Einblick in meine Gefühlslage und du hast dich entschieden, mir nicht mehr zu antworten. 

Mir nichts mehr mit auf den Weg zu geben, kein Revue passieren, keine Wünsche, nichts.
Du hast dich verabschiedet, du hast dich entschuldigt, aber nicht bei mir.
Für mich bleibt als letzte Amtshandlung für dich eine ungewollte Schnitzeljagd, die auch nach einem Jahr noch nicht vollkommen abgeschlossen ist.

Als letzter Gedanke an dich bleibt mir die Gewissheit, dass Worte der Zugewandtheit, des Abschieds, der guten Wünsche auch dann nicht mir galten, wo du deine letzte Wahl zu treffen hattest.

Das ist kein emotionaler Abschiedsbrief. In meinen Gedanken war der letzte Brief an dich ein Paukenschlag der Emotionen, ein letztes Aufbäumen meiner enttäuschten kindlichen Gefühle, eine Liebeserklärung vielleicht, mit geringer Wahrscheinlichkeit ein Akt des Vergebens vor mir selber.

Und nun sitze ich hier und bin nicht wütend. Nicht traurig. Nicht bewegt.
Überlege, wofür ich dankbar bin, dir im Speziellen.
Für Härte, vielleicht. 
Für die Erkenntnis, dass jeder Mensch einen Preis hat. 
Dass es nicht viel braucht, seine Menschlichkeit zu verlieren. 
Für das Wissen, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens bösartig sind.

Ich lehne es aber auch nach 44 Jahren noch ab, dies zur Maxime meines Lebens zu machen. Mein Universum ist zum Bersten gefüllt mit Begriffen, mit denen du nie etwas anfangen konntest. Liebe. Vertrauen. Zuversicht. Hoffnung. Glaube.

Und jetzt löse ich die letzte Verbindung zwischen uns Beiden.

Ich wünschte, ich hätte andere Worte, irgendetwas Bedeutsames zu sagen, eine Essenz aus deinem Dasein und Wirken, die ich mit in meine Zukunft nehmen werde…

Es ist wie es ist.

Ruhe in Frieden.

Kati 20.07.2023, 06.00| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Mein geliebter dunkler Engel,

heute wird unsere Liebe volljährig.
Vor 18 Jahren haben wir uns das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt, das erste Mal geküsst.

Wir sind uns nicht frei begegnet. Das Privileg, sich ungebunden kennenlernen zu dürfen, hatten wir nie. Wir haben uns getroffen, als wir beide in festgefahrenen Bahnen und zutiefst verpflichtet vor der Entscheidung standen, jede Sicherheit zu verlieren, wenn wir unser persönliches Glück wählen.
Wir haben gewählt.
Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Nie. Keine einzige Sekunde. Du bist mehr, als ich mir jemals zu erträumen gewagt hätte, du bist der Inbegriff all meiner Sehnsüchte und Fantasien und erdest mich so sehr wie du mich fliegen lässt.
Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben, was wir haben und trotzdem versuche ich es Jahr um Jahr wieder.

Als du 30 warst, habe ich mich in deine Kraft, deine Beherrschung, deine Zärtlichkeit, deinen Sanftmut, deine Intelligenz und deine Offenheit verliebt. Die Kombination dieser Dinge war für mich immer einzigartig.
Ich weiß, wieviel Körperkraft du besitzt, dass du mich und meine Aggression jederzeit in Schach halten kannst, ohne mir auch nur ein Haar zu krümmen. Es liegt unendlich viel Liebe und Disziplin in jeder deiner Handlungen. Und bei Gott, was habe ich dich getriezt die ersten Jahre. Es war die einzige Art, die ich kannte. Einen Mann so lange zu provozieren, bis er die Beherrschung verliert. Du hast stets standgehalten und vielleicht ist es das, das mir mehr Frieden und Heilung geschenkt hat als alles andere.
Ich habe oft formuliert, dass ich einmal erleben möchte, wie es ist, wenn du innerlich loslässt, aber ich weiß heute, dass diese Selbstdisziplin so untrennbar zu dir und deinem Wesen gehört, dass das in unser beider Welt nicht möglich ist. Und das ist gut so.

Heute sehe ich jeden Tag einen um 18 Jahre reiferen Mann, der sich vielleicht noch nicht zur Gänze selbst gefunden hat, der aber all das, was früher schon so anbetungswürdig war, mit der Weisheit des Älterwerdens noch vertieft. 

Du bist in dir selbst immer sicherer geworden, je älter unsere Kinder wurden, je weiter wir aneinander gewachsen sind. Du hältst nicht nur mir, sondern auch ihnen stand. Du lässt dich nie provozieren, unsere Söhne und Töchter können sich genauso körperlich wie geistig an dir messen und austoben. 
Du bist ein Sparringspartner, der in erster Linie Fels, nicht Gegner ist. Gegen den man auch das hundertste Mal anlaufen kann, wenn man wütend ist. Der nicht zurückweicht, sondern aushält, weil er in seiner eigenen Sicherheit nichts zu befürchten hat.
Unser großer Sohn hat dich an Größe überholt, unsere kleine Tochter ist ihm dicht auf den Fersen. Beide messen sich liebend gerne an dir. Du diskutierst stundenlang mit der Kriegerin und ich könnte mir keinen besseren Vater für gerade sie wünschen. Du weißt, wie man in der Dunkelheit ein Licht entzündet. 
Unser Sorgenkobold ist ein stattlicher junger Mann geworden, der seinen Weg geht, auch wenn dieser mit Steinen und Hindernissen gepflastert ist. Was haben wir uns für Sorgen um ihn gemacht und was haben wir für Angst gehabt, dass er irgendwann einfach liegen bleibt, wenn er gefallen ist. Diese Sorge ist der Zuversicht gewichen, dass er immer wieder aufstehen wird, weil er so viel mehr gelernt hat als wir dachten, dass es ihm möglich wäre. Ich könnte nicht stolzer auf dieses Kind sein, das in jeder nur denkbaren Hinsicht weit über sich hinausgewachsen ist.
Unsere große Tochter ist ein so schöner und selbstwirksamer Mensch geworden und ich bin auch 18 Jahre später noch dankbar, dass du die damals Dreijährige vom ersten Moment an als dein eigenes Kind angenommen hast. 
Unser kleiner Sohn ist die wohl größte Herausforderung für dich und das lässt mich heimlich schmunzeln. Auch wenn du es nicht hören möchtest, er ist dein Abbild in jeder nur denkbaren Hinsicht. Und ich vermute, dass ihr auch deswegen so oft aneinander geratet. Hab Vertrauen, dass es sich fügen wird. Du machst das großartig. Trotz jedem Augenrollen, jeder Endlosdiskussion, jedem empörten Schnauben.
Er könnte kein besseres Vorbild haben als dich.
Das könnten sie alle nicht.

Für mich bist du heute - auch wenn ich das vor 18 Jahren nie für möglich gehalten hätte - eine noch sehr viel verlockendere Version deines 30jährigen Ichs.
Das Älterwerden bekommt dir gut. Reife und Erfahrung haben in Kombination einen Mann geschaffen, den nichts mehr ins Wanken bringt und der zu jeder Zeit sehr genau weiß, was er tut. Du harrst geduldig an meiner Seite, während ich immer noch die Grenzen meiner selbstbestimmten Sexualität austeste, die ich in dieser Form erst bei dir kennengelernt habe. Du kennst meinen Geist und meinen Körper manchmal besser als ich selber. Du treibst mich in schwindelerregende Höhen und hältst mich fest, wenn ich zu fallen drohe. Ich liebe es, dass du auch nach all den Jahren immer noch sofort körperlich auf mich reagierst, wenn wir uns sehen. Du bist ein Geschenk.

Wir haben ein furchtbares letztes Jahr hinter uns. Der Tod meines Vaters hat in uns sehr viel Dunkelheit geschaffen, wo vorher Licht war. Du hast viel getragen und tust es noch. Wir versuchen, uns neu zu ordnen und tasten uns langsam an die Unsicherheit heran, die die Beziehung zu dir für einige von uns bedeutet. 
Ich weiß, dass es gerade nicht leicht ist. Und ich weiß auch, dass wir dem standhalten werden.
Weil wir allem standhalten. Gemeinsam.

Ich liebe dich.

Kati 30.05.2023, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Lieber Opa.

Dein 14. Todestag ist schon über einen Monat her und ich habe dieses Jahr tatsächlich nur ein paar Tage vorher daran gedacht und am Tag selber nicht. Ich nehme an, dass sich die Trauer um dich langsam verändert und das ist okay so.
Die Kirsche blühte dieses Jahr früher als sonst. Ich werde den Baum fällen, seine Zeit ist um. Auch damit habe ich mich mehrere Jahre getragen, aber es ist wie es ist. Wir haben eine Pflaume, die ich gepflanzt habe, als wir die Zusatzkinder aufnahmen und sie trägt jedes Jahr reichlich Früchte. Und ich habe mir Rosen gekauft. Nur rosafarbene. Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn ich an ihnen vorbeigehe und mir vorstelle, wie sehr du darüber schimpfen würdest.

Dad ist tot. Das weißt du natürlich, aber ich habe dir bisher nicht darüber geschrieben. Er hat sich selbst getötet. Ich erinnere mich nicht, dass wir je darüber gesprochen haben, wie du zu Suizid stehst. Ich unterstütze das Recht eines jeden Menschen, sein Leben zu beenden, aber ich wünschte, es gäbe schon die Umsetzung dieses Rechts durch Medikamente, die einen würdevollen Tod ermöglichen. Er musste sich selber etwas zusammenmischen und ich glaube, dass ich zumindest dazu deine Meinung kenne. Das letzte dreiviertel Jahr war hart für mich. Es wird langsam. Ziemlich langsam.

Vorgestern hat mein großer Sohn seinen ersten Anzug in Auftrag gegeben. Und ich musste an dich denken. Den ganzen Tag. „Kind, ein Anzug muss vor allem eines tun: Passen.“
Du hast immer gesagt, dass man sich in etwas, in dem man sich nicht wohlfühlt, automatisch benimmt wie ein Clown und ich versuche, das an die Kinder weiterzugeben.

Und als ich das Foto von ihm gesehen habe, wie er da stand, so hochgewachsen und schlank und schön, in Anzug und Weste, da hat mir jemand gefehlt, dem ich das Foto schicken kann. 
Du. 
Es gibt zwei Menschen, die das Foto gesehen haben, aber das war nicht dasselbe. Ich hätte es gerne dir geschickt.
Hätte dir gerne gezeigt, dass dieses Kind, das dir so ähnlich ist, langsam zum Mann übergeht. Zu einem guten, ehrlichen und anständigen Mann. Ich weiß, dass du wohlwollend genickt hättest, ich weiß es. 
Ich trage dich jeden Tag so allgegenwärtig in mir, in meinem Leben, in meinem Lieben, in meinem Handeln, dass es eigentlich egal ist, dass du tot bist, aber manchmal tut es doch noch ziemlich weh.

Lieb dich. Danke, dass du in meiner Kindheit mein Licht warst. Ich wünschte, ich hätte das früh genug in seinem ganzen Ausmaß erkannt, um es dir persönlich mal gesagt haben zu können.

Kati 26.05.2023, 12.10| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Die goldene Gans

Die Worte stauen sich in mir und ich finde keine Gelegenheit, sie in Form zu gießen, weil die letzten Wochen emotional so dicht und belastend waren, dass ich nicht so weit runterfahren konnte, um mich in einen kreativen Zustand fallen zu lassen. Brauche Zeit und Raum, mich zu sortieren.

Ich „arbeite“ inzwischen jeden Tag mit meinem Geld und ich liebe es genauso wie damals, als ich vor 25 Jahren meine Eltern zur ersten Million investiert habe.
Das Glücksgefühl, das Wissen, die Technik - all das ist noch da und ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben vor der ernsthaften Frage, ob es wirklich so verwerflich ist, dieses Geld für meine Zwecke zu instrumentalisieren.

Die letzten zwei Jahrzehnte mit dem Mann haben mein Weltbild so unumkehrbar verändert - MICH so unumkehrbar verändert, dass es vielleicht Zeit wird, auch diese letzte Überzeugung über Bord zu werfen, dass mich eigener Reichtum zu einem genauso schlechten Menschen macht wie es meine Eltern waren.

Ich kann, wenn ich mein Geld jetzt komplett spende, einer Anzahl x an Menschen helfen, ihr Leben nachhaltig zum Guten zu verändern.

Gleichzeitig ist eine der ersten Grundlagen, die man im Umgang mit Geld lernt, niemals seine goldene Gans zu schlachten.

Welchen Sinn hat es also, wenn ich es weggebe?
Der Umfang dessen, wie ich helfen kann, ist dann äußerst begrenzt.
Gleichzeitig steigen auch meine persönlichen Ressourcen und meine Resilienz mit finanzieller Absicherung in meinem Leben.
Wie sinnvoll ist es also, wenn ich beides wegwerfe? Nach all dem Kampf bis hierhin? Was habe ich dann gewonnen?

Warum behalte ich die goldene Gans nicht einfach in meinem Leben und verschenke die Eier?
Die Anzahl an Eiern kann ich aktiv beeinflussen.
Ich zahle so wenig Steuern wie sonst kaum jemand.
Ein Viertel muss ich dem Staat geben, der Rest gehört mir.

Wenn ich von meiner Gans jeden Tag ein Stück von 1000 Euro abschneide, bin ich in nicht allzu ferner Zukunft pleite.
Wenn ich jeden Tag für den Rest meines Lebens ein Ei von diesem Wert verschenke, kann ich dann nicht so viel mehr erreichen?

Ich kann ein System, das Armut zulässt, nicht verändern.
Nicht allein, nicht so. 
Aber ich kann es zu meinem Vorteil nutzen.

Mache ich mich damit mitschuldig? Ich weiß es nicht.

Kati 08.05.2023, 08.33| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ein Monat

Seit einem Monat bin ich reich.
Nicht, was Menschen in unreflektierten Superlativen unter reich verstehen, aber mehr als abgesichert in jeder Hinsicht.

Ich drehe mich noch. Manchmal ist es mehr ein Winden, ein Finden in einen alten Anzug, an vielen Stellen zu eng geworden, der kneift und völlig aus der Mode gekommen ist.
Ich wurde reich und privilegiert geboren. Materiell hatte ich als Kind alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann.

Meine Familie kannte von allem den Preis und von nichts den Wert.

Mein Gehirn schafft es gerade nicht, die vielen losen Enden miteinander zu verbinden. 

Darf ich reich sein?
Darf ich im Überfluss leben, wenn es anderen Menschen nicht gut geht?
Darf ich meinen Reichtum vermehren?
Darf ich glücklich sein, nach allem, was ich in meinem Leben getan habe?
Wann ist Schuld bezahlt?
Kann man wiedergutmachen, was meine Familie an Unglück und Hass in diese Welt gebracht haben?
Und wie kann ich das tun?

Die letzten Jahre und Jahrzehnte habe ich gegen Windmühlen gekämpft.
Wann immer ich etwas Gutes tat, es hat gefühlt nichts verändert.
Beim leisesten Anflug von Zufriedenheit und dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, lauerte ein noch schlimmeres Schicksal an der nächsten Ecke.
Es nimmt kein Ende, nie. Natürlich kann ich jetzt jemandem ein Haus, ein Auto, Lebensmittel kaufen, einen Hund, eine Katze, whatever sein Leben gerade besser machen würde, aber wie wähle ich diese Menschen aus und was habe ich erreicht, wenn das Geld dann irgendwann alle ist? 

Nichts. Wieder nichts.

Es reicht, wenn du für einen Menschen einen Unterschied gemacht hast…

Was, wenn genau das nicht reicht?
Wenn man einfach gar nichts wirklich und nachhaltig verändern kann?

Kati 14.04.2023, 09.51| (11/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Vorzeichen [Teil I]

Ich bin ein sehr vernunftbegabter Mensch. Nicht ohne Drama, aber doch durchaus vernunftbegabt. Ich weiß, dass es einen Namen für das Universum gibt, in das ich eingetreten bin, wenn ich mit meiner Großmutter mütterlicherseits zu tun hatte und der lautet: Aberglaube.

Nun verhält es sich mit Aberglauben aber so, dass er sich jedem logischen Denken erstmal verweigert. Programmierung von Kindern tut dann noch das Ihre dazu. Viele von uns kennen in der „Light“-Version auch als Erwachsene noch das schlechte Gewissen, wenn uns etwas Schlechtes widerfährt, weil wir als Kinder gelernt haben, dass „Der liebe Gott die kleinen Sünden sofort bestraft“ oder dass „Karma regelt“.

In einer pathologisch mystischen Welt aufzuwachsen, in der grundsätzlich alles ein Zeichen ist, ist maximal schwierig. Der Rabe da oben auf dem Dach? Jemand stirbt. Die schwarze Katze? Tod und Pech. Der Ruf eines Kauzes? Stirb. Eine Frau wünscht dir Glück? Schnell ins Haus verkrümeln. Über einen Kreuzschatten gehen? Um Himmels willen, leg dich gleich ins Grab. Bestimmte Schmetterlinge oder Spinnen? Dito. Mit dem linken Fuß aufgestanden? Nimm dir nichts vor, halt dich von deinem Partner fern. Vollmondtage? Jetzt wird's richtig wild.

Und da sind wir noch gar nicht bei abgebissenen Mausteilen und Eingeweiden zur Behandlung von Krankheiten.

Ich wurde mit einem sehr großen Blutschwamm geboren, der - Überraschung - natürlich ein Zeichen des Teufels war. Ich habe Augen, die in der Sonne fast orange leuchten - auch nicht gut.
Als ich als Kind mal eine Warze am Fuß hatte, die jeder Hautarzt gut hätte behandeln können? Kati wurde bei Vollmond in den Wald geschleppt, mit Tau gereinigt und in mit gegen die Strömung geschöpftem Flusswasser gewaschen, hat an einem Baum geleckt und wurde mit frischem Tierblut eingerieben. Danach wurde die Warze regelmäßig „besprochen“. Es hat sie leider nur nicht interessiert. Das war natürlich meine Schuld, weil mir der Glaube fehlte, also auch dafür wurde ich dann logischerweise mit dem Weiterbestehen der Warze bestraft.

Meine Hautkrankheit wurde mit Maschinenöl behandelt. Das hat nämlich dem Onkel einer verstorbenen Witwe, die damals einem Schäfer begegnet ist und danach ein rothaariges Kind bekommen hat, super geholfen.
Ausschlag bei Viruskrankheiten, die ich ja ohnehin alle ungeimpft durchmachen musste, weil das das Immunsystem stärkt? Wir schneiden einfach die Haut ein und werfen das Kind in kaltes Meerwasser, damit das Salz alles Teuflische wegbrennt.
Fieber? Husten? Lungenentzündung? Eisbaden. Bei Vollmond.

Bei jedem Besuch wurden meine Handlinien ausgiebig gemustert, mit viel Gemurmel und unheilschwangerem Klagen ausgelesen und geweint, warum ich so ein Unglückskind sei.
Das macht was mit Kindern. Bei allem, was mir später widerfahren ist, war mir klar, dass ich für irgendetwas bestraft wurde. Also war es ja auch nicht falsch. Ich wusste zwar nicht, wofür ich bestraft werde, aber ich würde es schon verdient haben. Die grundlegenden Prinzipien von Karma und Zeichen und Vorahnungen und Prophezeiungen wurden mir schließlich von Geburt an nachhaltig eingetrichtert.

Ich habe sehr viele sehr liebevolle Erinnerungen an meine Großmutter und ich bin stolz auf meine Herkunft. Auf diesen Teil hätte ich trotzdem gerne verzichtet. Als sie früh an Krebs starb, war ein Teil von mir froh, dass ich keine Angst mehr vor ihr würde haben müssen.

Je älter ich wurde, desto mehr stellte ich in Frage. Je mehr ich sah, wahrnahm, wie ungerecht und unfair das Leben nun mal ist, desto mehr zweifelte ich. Warum sterben Kinder im Mutterleib? Warum erkranken Babys? Warum müssen unschuldige Kinder leiden? Wenn das einen „Grund“ haben sollte, würde er sich mir nie erschließen. Wenn eine höhere Instanz aktiv dafür sorgte, dass jeder kleine und noch so menschliche Fehler bestraft würde, wäre das keine Instanz, der ich mich freiwillig unterstellen würde.

Noch später schaffte ich einen weiteren gedanklichen Schritt. Wenn doch alles bestraft würde - warum kamen dann oft die grausamsten Menschen mit ihren Taten davon? Warum wurden Verbrecher so alt? Warum blieben Menschen glücklich und gesund, die andere Menschen ins Verderben gestürzt hatten?
Warum werde ich mit einem Unfall dafür bestraft, dass ich vom Kuchen genascht habe und Menschen, die anderen Menschen absichtlich wehtun, leben unbehelligt ihr Leben weiter?

Es sollte noch sehr lange dauern, bis ich das sortiert bekommen würde.
In der Zwischenzeit hatte ich Geld im Portemonnaie, falls der Kuckuck rufen sollte, machte Umwege um Leitern, schwarze Katzen, Spiegel und Eulen, machte Dinge lieber mit linken Händen oder rechten Füßen, am liebsten bei Vollmond oder auf gar keinen Fall währenddessen, freute mich über jede Bachstelze, sprach nicht mit ihrem Namen von Verstorbenen, warf Salz über Schultern, spuckte auf Dinge, hielt mich von Blumen auf Friedhöfen fern, legte niemals eine offene Handtasche auf den Fußboden, sah mir grundsätzlich keine Handflächen von Menschen an und klopfte viel auf Holz.

Das Leben im Aberglauben, wenn er so sehr Obsession ist wie das bei meiner Großmutter und ihrer Familie der Fall war, ist kein sehr Entspanntes. Es ähnelt einem Spießrutenlaufen um jedes mögliche Zeichen, um bloß nichts zu übersehen. Weder im Guten noch im Schlechten.

Der kupferne Glückspfennig auf dem Weg, das Hufeisen, das Kleeblatt, das man womöglich übersehen würde, zerbrochene Dinge bitte nur aus Keramik, auf gar keinen Fall aus Glas, sonst wird aus Glück plötzlich Unglück oder im schlimmsten Fall des Spiegels zerreißt es auch noch über Jahre deine Seele in so viele Abbilder wie Scherben - es ist sehr anstrengend, die Omen alle zu sehen und dabei das Schicksal nicht zu verstimmen.

Während ich dies schreibe, überlegt ein Teil von mir, wie wahnsinnig oder zutreffend es ist, diesen Text an einem 13. zu veröffentlichen.

Kati 13.04.2023, 10.46| (5/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wachstum.

Garten. Endlich wieder in den Garten. Gestern kamen die letzten Pflanzen, die ich im Januar vorbestellt hatte und unter anderem auch die vier Rosen, die auf den Gräbern von Kasimir und Schnuppe wachsen sollen.

Das Buddeln im Garten tut so gut.
Endlich wieder Wachstum und Leben nach all dem Tod und Verfall der letzten Monate.

Ich habe lange überlegt, was ich mit dem Geld mache, wenn es erst mal da ist und dachte, ich würde es handhaben wie üblich. Aber ich habe die letzten Jahre Revue passieren lassen und nichts von alledem (bis auf ein paar Ausnahmen) hat mich wirklich befriedigt. Ich liebe helfen, aber ich vermute, ich bin deutlich weniger altruistisch als ich dachte.

Seit 15 Monaten kaufe ich jeden Tag einem fremden Menschen etwas von seiner Wishlist und dieses Jahr wollte ich das fortführen, aber hier menschelt es bei mir gerade deutlich. Darum habe ich es gestoppt. Ich mag kein Riesenbohei, aber ab und an ein Danke wäre nett gewesen oder zumindest das Wissen, dass es angekommen ist oder… ach, die Liste ist lang.

Rechnungen, die ich übernommen habe, egal ob Stromnachzahlung, OP-Kosten für Tiere, Hilfsmittel für alte Hunde, Anwaltssuche… die Tausender, die da über den Tisch gingen, waren die unbefriedigendsten.
Und ich habe den Anspruch an mich selber, dass es reicht, dass ich (vielleicht) einen Unterschied mache, aber ich fürchte, ich habe mehr als nur ein Minimum an Ego in der Hinsicht.
Vielleicht einfach nur die Rückmeldung, dass es nicht egal war.
Aber auch das ist in vielen Fällen zu viel verlangt.
Offensichtlich. Ein Geschenk ist ein Geschenk.
Kein Handel.
Meine oberste Richtlinie.
Aber wenn es doch als Selbstverständlichkeit betrachtet wird - ist es dann überhaupt noch ein Geschenk?
Ich muss an diesem Punkt in mich gehen.

Ich denke, ich habe meinen Beitrag geleistet, was weitestgehend fremde Menschen angeht und die Frage, wie man Schuld sühnen kann, ist immer ein Thema in meinem Leben.
Vielleicht wird es Zeit, sich wieder in kleineren Kreisen zu bewegen. Denn das ist da, wo meine Freude aufleuchtet. Das widerspricht elementar dem Anspruch, dass ein Geschenk keine Gegenleistung erfordert, aber ist es denn wirklich schlimm, wenn ich Zufriedenheit daraus ziehe, dass jemand anderes sich freut?
Was ist noch Empathie, wo fängt der Narzissmus an?
Grau. Ich muss im Grau bleiben.
Vielleicht ist auch das hier nicht schwarz und weiß.

In der Zwischenzeit arbeitet das Geld für mich und ich tue das, was ich gut kann und mir so lange verboten habe: Ich vermehre es. Jeden Tag ein bisschen. Auch das ist vielleicht eine Erkenntnis, die bis heute reifen musste. Ich darf reich sein. Ich darf mich reich fühlen und ich darf Spaß daran haben, mit Geld zu arbeiten und es zu besitzen ohne moralisch gleich der letzte Arsch zu sein.

In letzter Zeit wieder ein paar zu viele spitze Bemerkungen zum Thema Hausfrauendasein gehört, die ich für mich noch verarbeiten muss.
Ja.
Was mache ich schon den ganzen Tag…

Kati 17.03.2023, 10.23| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Öffentlich

In den letzten Wochen war da so viel Häme, so viel offener Hass, so viel Ablehnung, so viel Drohung, dass ich sehr damit gehadert habe, sichtbar zu sein.

Einige nachhaltige persönliche Enttäuschungen, die mir nur ein weiteres Mal gezeigt haben, wie egozentrisch und unsicher Menschen sind und wie schnell sie dir den Rücken kehren, wenn du dich nicht verhältst, wie sie es gerne hätten, wobei sie selber diese Freiheiten natürlich einfordern und sich zweifelsohne zugestehen. Wenn jemand anders verletzt wird, muss er halt damit klarkommen, aber wenn es einen selber mal trifft, dann muss sich bitte die Welt neu ausrichten.
Menschen, die immer gerne alles nehmen, was ihnen zum Vorteil gereicht, aber wehe, es kommt zu irgendeiner Art von Einschränkung der eigenen Bequemlichkeit oder des besteht die Notwendigkeit, mal kurz über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Die offen zur Schau getragene selbstverliebte Bigotterie einiger Menschen macht mich fertig. Vermeintlich unfehlbar zu sein und gleichzeitig auf dem hohen moralischen Ross sitzend alle anderen dafür verurteilen, dass sie es nicht sind.
Ich bin so durch mit Menschen.

Ich weiß nicht, warum jemand mich mögen könnte. Es erschließt sich mir nicht. Ich bin so unperfekt, so strauchelnd, fehlbar, ich sehe weder besonders gut aus noch habe ich für irgendein Problem eine Lösung, auf die nicht schon Millionen Menschen vor mir gekommen wären, ich habe eine problematische Vergangenheit, ich bin innerlich so kaputt, dass ich meiner Umgebung maximal so etwas wie Sensationsgeilheit unterstelle, aber Sympathie?

Man braucht ein dickes Fell, wenn man öffentlich ist und je mehr Leute zuschauen und sich ein Urteil bilden, desto mehr muss man sich abgrenzen. Aber das kollidiert maximal mit meinem Bedürfnis, sichtbar, offen, verletzlich und zugewandt zu bleiben. Was mache ich also?

Ich habe noch keine Antwort gefunden.
Es gibt natürlich die, die vom Drama angelockt werden. Die, die nachfragen, täglich, mehr Informationen wollen. Die, die Geld wollen. Die, die einen Rat wollen, die sich von meiner Größe angezogen fühlen und auch mal mit der supercoolen Jadekompendium interagieren wollen und alles davon macht mich fertig. Ich bin nicht besonders. Ich will keinen Fame, keinen Jubel. Aber ich mag auch nicht nur Projektionsfläche für das sein, was Menschen in mich hineininterpretieren. Die Anliegen, die jeden Tag mein Postfach überschwemmen, überfordern mich.

Dann denke ich an die Menschen, die ich hier kennengelernt habe und auf die das nicht zutrifft. Meinen Elch in der Dose. Mein Holzkreuz. Die Briefe. Die Hummel und der Bär in meiner Handtasche. Die vielen zugewandten und aufrichtigen Worte, die wie Balsam für meine Seele sind. Meinen abendlichen SafeSpace, der aus einigen Menschen besteht, die ich bei einer ZombieApokalypse definitiv an meiner Seite haben wollen würde. Die Echten. Die, die bleiben werden.
Und ich weiß wieder nicht, was ich tun soll.

Der Mann und ich haben die Abmachung, dass wir jederzeit alle öffentlichen Brücken hinter uns abbrechen können und keinerlei qualitative Einbußen in unserem Leben hätten und das ist der Punkt, der mich davon abhält, dem Wahnsinn anheim zu fallen. Ich kann jederzeit alles löschen, verschwinden, neu anfangen oder auch nicht, es macht keinen Unterschied.

Die Wichtigen werden bleiben.

Kati 16.03.2023, 08.04| (8/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Scheideweg

Natürlich weiß ich, was ich tue.
Ich nehme mir ein Stück meiner Außenregulation weg.
Mich öffentlich sichtbar zu machen, mich stetig in meinen Handlungen zu hinterfragen, alles immer von allen Seiten so zu betrachten, dass ich zwar in der Verletzlichkeit und im Grau bleibe, aber nur soweit, dass ich die Maske der Zivilisation noch aufbehalte, hilft mir mein Leben so zu leben, wie es richtig ist. 

Ich habe kein Gefühl dafür, was richtig und falsch ist. Ich habe das mühsam erlernen müssen. Meine moralischen und ethischen Maßstäbe sind ein auswendig gelerntes und stetig intern diskutiertes intellektuelles Konstrukt und ich weiß das gut.
Ich kann den inneren Spott körperlich fühlen, der mich durchflutet, während ich das hier schreibe.

Wir sind alle nur Tiere.
Unser Neocortex ermöglicht uns das, was wir Zivilisation nennen, aber es braucht weiß Gott nicht viel, in einem Menschen nur noch das Stammhirn leuchten zu lassen.

Der Tanz auf meinem ganz persönlichen Vulkan ist, die obere Gehirnregion ein ganz kleines Stück loszulassen, um ins Gefühl zu kommen. Ins echte Gefühl, das nicht gleich von Verzweiflung überschwemmt wird und mich eine Etage tiefer rutschen lässt. Gefühl ist für mich immer auch Hilflosigkeit.

Der morgendliche Ausbruch in Tränen zeigt mir zumindest, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auch wenn ich noch nicht weiß, worum ich weine.

Kati 14.03.2023, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Für mehr Grau

Ich mache das gut.
Ich bin hier.
Ich laufe nicht weg.

Der Drang nach dem Abschluss meines momentanen Lebens und einem Neubeginn in absoluter Anonymität ist aktuell stärker denn je. Ich habe gestern nicht meine Koffer gepackt, unsere Konten leergeräumt, die Hunde und Tourbus genommen und bin nicht einfach weit weg gefahren. Ich habe nicht meine gesamte Internetpräsenz gelöscht, habe nicht die Gilde aufgelöst und meine Notfall-Sicherheitsalternativen aktiviert.

Ich bin noch da.
Der Drang nach dem Schwarz und dem Weiß ist so stark. Es frisst mich auf. Ich muss unterscheiden können, was richtig und was falsch ist, es darf keine Zweifel, keine Zwischentöne, keine Abstufungen, nur diese beiden Extreme geben. Extreme bieten innere Sicherheit, immer. Ist etwas nicht ganz richtig, ist es automatisch falsch. Hat etwas Gutes einen Makel, ist es schlecht.

Ich kenne meine Mechanismen, natürlich. Habe in den vergangenen Wochen erstmals wieder über Medikation nachgedacht, die mich in der verhassten mittelmäßigen Tristesse der tablettenförmigen Gehirnregulierung hält und alles nur noch als mittelschlimm, mittelgut, mittelschlecht empfinden lässt und verglichen mit meinem strukturellen Gefühlsempfinden mein Leben etwa so aufregend wie eine Scheibe Toastbrot erscheinen lässt. Ich weiß aus bitterer Erfahrung, dass gerade diese Regulation mich hoffnungslos macht, weil mein Leben in seiner gefühlt gleichförmigen Glückseligkeit sinnlos erscheint. Ich verschwinde, jeden Tag ein bisschen mehr, bis irgendwann die Teile übernehmen, die darauf nicht ansprechen.

Das Wissen darum, dass ich Ärzte habe, die mir jederzeit alles Vertretbare möglich machen, schafft etwas Erleichterung, immer einen Tag weiter ohne sie zu schaffen. Ohne Schlafmittel, ohne Beruhigungsmittel, ohne Betäubung, ohne Beeinflussung meiner Gehirnchemie.

Fünf Jahre ist es her, dass ich diese Instanz zum letzten Mal betreten habe und es war ein harter Weg, da wieder rauszukommen. Ich fühle mich noch nicht verzweifelt genug dafür.

Aber ich brauche mehr Grau.
Es ist das, was ich am wenigsten will und das, von dem ich weiß, dass ich es am nötigsten brauche.
Es ist okay, wenn es sich gerade alles nicht gut anfühlt.
Es ist okay, wenn ich weglaufen will. Ich muss es nicht tun.
Es ist okay, wenn die schwarzweißen Gedanken kommen, ich muss mich nicht für eine Seite entscheiden.

Ich darf im Grau bleiben.

Kati 14.03.2023, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Stephan.

Die Nacht war hart. Alles mit den Träumen der Babys ist hart. Heute war es zwar mein Eigenes, aber es sah aus wie Stephan. Er war es. Und er war es wieder nicht. Ich habe ihn schreien gehört, wie jede Nacht, aber diesmal war das kombiniert mit einer der Feuerübungen, die ich machen musste, ich war also wieder in dem verqualmten Raum in dem schwedischen Haus eingeschlossen, aus dem ich mich befreien musste, weil mein Vater die Abzugsklappe des Kamins im Zimmer nebenan zumachte, dann Feuer entzündete aber statt nur mich selber retten zu müssen, schrie ununterbrochen das Baby, von dem ich nicht wusste, wo es sich befindet.

Die letzte Übung dieser Art ist jetzt fast 3 Jahrzehnte her, Stephan noch mal viele Jahre weiter zurück und trotzdem…
Zumindest die Erinnerungen an den Traum verblassen mit zunehmendem Tageslicht, die Echten bleiben mir erhalten.

Mein Vater liebte die psychischen Versuchsaufbauten. Es faszinierte ihn zeitlebens mehr als jede andere Kategorie. Wie lange hält ein Kind Schmerzen aus, wenn man ihm den Ausweg gibt, es in Ruhe zu lassen, wenn es selber stattdessen einem anderen Wesen Schmerzen zufügt? Wie weit kann man das steigern? Wie lange muss man eine Fünfjährige foltern, deren einziger Ausweg ist, dasselbe einem Baby, einem geliebten Tier, einem Gleichaltrigen anzutun?

Ich weiß nicht, was mit Stephan ist. Aber ich kann seine Schreie hören. Immer.

Kati 13.03.2023, 08.02| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Rückwärts

Vielleicht habe ich inzwischen die Einsicht erlangt, dass mit deinem Tod etwas angestoßen wurde, das ich weder lenken noch aufhalten kann. Und um ehrlich zu sein: Ich möchte das nicht. Ich mag die Erinnerungen nicht sehen, ich mag die Veränderungen in unserer Persönlichkeitsstruktur nicht, ich diffundiere; und dort, wo immer harte Grenzen waren, leuchten nun pulsierende bunte Durchgänge, durch die ich nur gehen müsste, wenn ich wollte. Ab und zu schwappt von einem Raum etwas in einen anderen, was dort überhaupt nicht hingehört und ich bin den Großteil meiner Zeit damit beschäftigt, Lücken im Tagesablauf zu verstehen. Ich möchte das nicht mehr. Zweifelnde und ablehnende Gefühle, die nie meine waren, vermischen sich nun mit der klaren Liebe und Vorstellung meines aktuellen Lebensentwurfs. Umwälzung, von Innen, die meiner Befürchtung nach bald das Außen erreichen wird. Der Kopf weiß um meine Entscheidungen, um 18 Jahre Beziehungs- und Familiengestaltung und doch flammt Abwehr von ganz tief unten auf. Mit jeder Erinnerung, mit jeder meiner Schwächen nimmt sie mehr Raum ein, greift um sich, erobert sich Platz und Macht. Zurück? Ich weiß es nicht. Habe ich Angst um meinen Platz? Ja. Vermutlich. Natürlich. Ich bin das Operating System. Was, wenn ich stürze?

Kati 12.03.2023, 08.27| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Schritt für Schritt. Weiter.

Ich spüre meistens, wenn ein Lebewesen bald stirbt. Selbst wenn ein Tier fit, mobil und symptomlos ist, ist es, als wäre da ein unsichtbarer Schatten im Hintergrund.
Habe mich gestern Abend schon in Ruhe verabschiedet, als ich alleine die Tierrunde machte und trotzdem tat es mir in der Seele weh, den großen Goethe heute Morgen mit seiner besten Freundin kuscheln zu sehen, obwohl sie schon tot war. Ganz dicht lag er neben ihr und schlummerte noch, als ich die Tür öffnete und den Stall betrat.

Es überfordert mich. Die Taktung, vor allem. 
Die aktuelle und inoperable Tumordiagnose beim Uralt-Zwerg schwebt zusätzlich wie ein Damoklesschwert über unserem Kopf und ich spüre, wie ich abwäge, wann ich den Kindern das Einschläfern zumuten kann. Er hat keine Schmerzen, die Probleme sind noch überschaubar, aber wir reden eher von wenigen Wochen als Monaten. 
Ich will so nicht an die Sache herangehen. 

Das Kind, das jeden Moment wieder in den schwarzen suizidalen Strudel gerissen werden kann, bei dem Stabilität an oberster Stelle steht und das unabdingbar die Tiere braucht, um diese emotionale Stabilität zu erreichen, ist zuhause, hat den Braunbären an die Seite bekommen, der sich endlich wieder auf seine Arbeit konzentrieren kann und sie im Hier und Jetzt hält. Versteht. Anzeigt, dass er sieht, wie es ihr geht. Sie anstupst, unermüdlich. Bis sie wieder mit der Welt verbunden ist.

Drahtseil. Abgrund. Überall.

Kati 09.02.2023, 10.58| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Ausgelaugt

Geschafft. Mit schier übermenschlicher Anstrengung Fragen gestellt. Gezittert, gewartet, Panik. Puls auf 200, Atemnot. Fast nicht geschafft, die Antworten zu lesen. Existenzielle Angst, die keiner logischen Betrachtung standhält, aber einfach da ist. Sie ist einfach immer da und sie überrollt mich. Atmen. Runterfahren. Schnell die Lücke in der Deckung wieder schließen, ab in die gut gelaunte Emotionslosigkeit, die mich weitermachen lässt. Immer weiter. Atmen.

Kati 07.02.2023, 12.57| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: ziehen - beziehen - erziehen

Warum?

Warum lösen sich gerade so viele Dinge aus ihren verfickten Ankern? Warum kommen so viele Erinnerungen, gut gesichert und mit jahrelanger Hilfe und beschissen harter Arbeit weggepackt, wieder nach oben geschwommen? Warum immer in den unpassendsten Momenten? Warum kickt ausgerechnet jetzt gerade die Vergangenheit an jedem Tag? Warum ausgerechnet, wenn ich gerade das Gefühl habe, wieder minimal atmen zu können? Warum?
Ich kann und ich will nicht mehr. Ich hab mir das nicht ausgesucht und stehe an manchen Tagen gefühlt nur deswegen auf, um gegen die Erinnerung anzukämpfen, was mir angetan wurde. Ich habs so satt. Ich kann Gefühle kaum noch ertragen. Öffne ich mich einem, kommen sie alle. Ich kann nicht mehr.

Kati 07.02.2023, 12.53| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Der Sabotagefaktor

Ich weiß nicht ganz genau, warum ich misslungen bin. Ich ahne es aber, inzwischen. Nach Jahrzehnten Therapie, Supervision, eigenem Studium, Selbstreflexion.

Und was mich daran fast amüsiert, ist, dass mein Vater, der meine Programmierung so akribisch geplant und überwacht hat, dass keine menschliche Schwäche ihm von außen einen Strich durch die Rechnung machen würde, an genau diesem Punkt scheiterte: An der Schwäche meiner Mutter. 

Ich vermute, dass er Vieles mit eingeplant hat, aber nicht die sein Kind sexuell missbrauchende Ehefrau, die sein Projekt über Jahre heimlich mit ihren eigenen Obsessionen sabotiert hat. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mein innerer Systemaufbau in völlig unkontrollierten Bahnen verlief, die er durch die vermeintlich sichere Umgebung zuhause bei meiner Mutter nie hätte vorhersehen können. 

Meine Mutter, die immer wieder neue Krankheiten, Symptome und Schwierigkeiten erfand, damit ich vor ihren Augen nackt von fremden Ärzten untersucht werden konnte und sie dies zuhause im Rahmen ihrer „Behandlung“ mit mir nachspielen konnte, aber ohne, dass mein Vater etwas davon erfahren würde, er sollte sich ja schließlich keine Sorgen machen. Das ging lange Jahre gut. Sehr lange Jahre. War ich mit meinem Vater zusammen, war ich vor meiner Mutter sicher und egal, was er getan hat, er hat mich nie - nicht ein einziges Mal - in sexueller Weise berührt oder betrachtet. Vielleicht mag das absurd klingen in Anbetracht dessen, was mein übriges Lebenstraining war, aber der Verrat meiner Mutter wog für mich immer so unendlich viel schwerer. 

Es ist schwer für mich, das in Gänze anzufassen, ohne in den Strudel zu geraten, weil so vieles im Verborgenen liegt. 

Das ist okay. Ich habe gelernt, die Angst, was irgendwann hochkommen könnte, auszuhalten. Es ist wie es ist und es wird, wie es sein soll.

Wir waren im Garten, als ich das erste Mal mit meinem Vater über meine Gefühle sprach. Darüber, dass ich nicht mag, wie Mama mich anfasst. Dass ich versuche, sie abzuwehren, aber sie nicht aufhört.
Ich weiß nicht, ob er schon damals verstand, dass sein Projekt scheitern würde und dass dafür zu einem nicht unerheblichen Teil die Frau verantwortlich war, die er nach Intelligenzquotient und genetischer Veranlagung auswählte und für geeignet hielt, seine Gene weiterzugeben. 

Er machte oft Witze darüber, dass sie mit ihren gerade mal knapp über 140 IQ-Punkten das Dummerchen der Familie war, aber er sie ja ausgleichen würde. Aber ihre Olympia-Teilnahme, der Körperbau, die Genetik, das konnte er nicht kleinreden. Das war das Pfund, mit dem sie wuchern konnte.

Dass sie ein pädophile Narzisstin war, gereichte uns vermutlich beiden zum Nachteil.
Ich habe irgendwann angefangen, ihre Hand mit aller mir verfügbaren Kraft wegzuschlagen und wegzulaufen. Habe mich verweigert, wurde dafür mit Schweigen und Verachtung gestraft. 

Als ich weggelaufen bin, nachts frierend und weinend und meinen Traum aus den Büchern träumte, dass man mich suchen und finden und mit Liebe willkommen heißen würde, habe ich nach einigen Tagen und Nächten eingesehen, dass nichts davon passieren würde.
Man hatte keine Polizei verständigt, man hatte sich keine Sorgen gemacht, meine Rückkehr wurde mit verächtlichem Schnauben quittiert.

Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn meine Mutter nicht ihr eigenes „Projekt“ mit mir am Laufen gehabt hätte? Wenn ich bei zwei Menschen aufgewachsen wäre, die weniger Geheimnisse voreinander gehabt hätten und weniger mit ihren eigenen seelischen Untiefen beschäftigt gewesen wären? 

Ich wäre vielleicht genauso perfekt geworden wie H..
Wir mussten so oft gegeneinander antreten, standen uns in nichts nach, aber in ihr entwickelte sich irgendwann das Projekt Elitemensch zum Selbstläufer. In mir nicht.

In mir nicht.

Kati 02.02.2023, 14.40| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Filmspulen

Meine gesamte Kindheit ist auf Film, Dias, entwickelten Bildern und in Tabellenform festgehalten. Minutiös. Ich habe Dokumente, die besagen, wann ich wieviel Milch getrunken habe, wann welches Kindermädchen für mich zuständig war, selbst bei meiner Geburt gab es eine Tabelle zum Ankreuzen, wieviel Zentimeter, wieviel Gewicht und welcher der zwei männlichen und zwei weiblichen Namen nun gewählt wurde. Hinter der Geburtskarteikarte findet man ein gedrucktes Blatt, das mir die Wochentage meines Geburtstags auf 100 Jahre voraussagt. In den Jahren danach häufen sich Gewichts- und Messtabellen, Fähigkeiten, Auffälligkeiten, körperliche Eigenschaften, durchgemachte Kinderkrankheiten mit Fotos vom Krankheitsverlauf, alles immer Ganzkörperfotos, nackt, schreiend, weinend, behandelt werdend. Irgendwann wird diese Dokumentenreihe abgelöst durch IQ-Testergebnisse, Fotos, Zeitungsartikel, Haufenweise Notizbücher mit Tabellen zu Versuchsreihen und Inhalten, die sich mir nicht erschlossen haben.

Eine Besonderheit hierbei sind die Filmspulen. Wir hatten so viele davon. Die Filme haben wir uns bei Dia-Abenden manchmal noch angesehen. Meistens zeigten sie mich in Urlauben, beim Bootfahren, beim Wasserski, beim Angeln, beim Jagen, im Schwimmtraining, im Wald, beim Ausweiden von Tieren, beim Überlebenstraining. Einmal sogar auf einem Spielplatz in Frankreich mit ganz vielen Menschen, die mich offensichtlich kannten und vertraut mit mir umgingen, die ich aber nicht zuordnen konnte.

Als wir ins große Haus zogen, war ich noch deutlich länger alleine als vorher schon und wenn ich mittags aus der Schule kam, dann hatte ich noch 5 Stunden vor mir, bis jemand kam.

Ich durchsuchte vor Langeweile im Laufe der Monate also neugierig unseren gesamten Besitz.
Das meiste davon war nur minder interessant. Die Pornosammlung meiner Mutter, die meines Vaters, die Sexspielzeuge, die Untiefen der Charaktere meiner Eltern.

Irgendwann kruschte ich auf dem Mini-Dachboden des Hausvorbaus herum, ganz hinten, wo die verschlossenen und zugeklebten Kisten standen. Und da waren sie. Kisten voll mit Fotos, mit Dias, mit Büchern, mit Filmspulen. Unbeschriftet. Was in unserem Haushalt ganz und gar ungewöhnlich war. 
Ich fand Bücher über die Entwicklung des Gehirns bei Babys und Kleinkindern, psychologische Abhandlungen über psychische Störungen und Strukturen, für mich damals noch kein Puzzleteil, nur unbedeutendes Zeug.

Aber die Filmspulen. Die musste ich mir ansehen. Zu meinem Erstaunen waren es Filme mit dem Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war. „Katinka, Katinka!“, konnte ich ihre Stimme förmlich hören, als die Bilder zu laufen begannen, selbst ohne Ton. Wir waren die ersten Jahre unseres Lebens jeden Tag zusammen gewesen, in jedem Urlaub, mehr als beste Freundinnen, mehr als Schwestern, mehr als Gefährten. Sie war ich, ich war sie.

Und es war noch jemand auf den Spulen zu sehen. Jemand, der aussah wie ich.

Ein Mensch, der exakt mein Aussehen besaß und fremder nicht hätte wirken können.
Nach dem ersten Ansehen legte ich alles ordentlich weg, baute die Apparatur zurück, nahm die Leinwand ab, verschloss die Kisten sorgfältig wieder und verdrängte, was ich gesehen hatte.

Einige Jahre später habe ich die Kisten wieder geöffnet. Aber es wurde nicht vertrauter. Dieser Mensch sah aus wie ich.
Aber er war nicht ich. Er hatte Spaß am Quälen. Er hatte Spaß am Leid anderer. Er zuckte nicht zusammen, als die Peitsche kam. Nicht, als der Stock kam. Nicht, als die anderen gequält wurden. Das Gesicht, das ich jeden Tag im Spiegel sah, flimmerte dort völlig ausdruckslos über die Leinwand. Ich konnte weder so schnell rennen noch konnte ich so präzise schießen. Ich wäre beim unter Wasser drücken schon längst in Panik geraten, ich hätte schon geweint, als ich das kleine Tier gesehen hätte, das war definitiv nicht ich.

Das war ein Monster.

Aber es war in meinem Körper.

Kati 01.02.2023, 17.38| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Nur warten.

Im Verlauf der letzten 6 Monate zeichnete sich ab, dass der schwedische Nachlassverwalter und ich eine deutlich differierende Vorstellung vom Wort schnellstmöglich haben, so viel ist inzwischen klar.

Alle Unterlagen sind eingereicht, es wird von Staatsseite noch ein bisschen herumgekaspert, welches Land nun wieviel Anteil an welchem Vermögen haben möchte und bevor nicht alle Beteiligten zufrieden sind, kann Norvid, der Nachlassverwalter leider auch nicht seine eigene Rechnung stellen und damit schon mal gar nichts an mich auszahlen. Soweit, so gut. Zwischendurch war Norvid aber auch mal schlimm krank und konnte dann 6 Wochen lang nicht mal über diesen Umstand informieren, nutzt in jeder seiner Mails das Wort schnellstmöglich und allmählich habe ich den Eindruck, dass er google translate einfach auch nicht benutzen kann.

Das letzte Jahr war zermürbend für uns, auch in finanzieller Hinsicht. Die Aufenthalte und Begleitungen des Sohnes in Krankenhäusern, Spezialkliniken und Reha haben Unmengen an Zusatzkosten verschlungen, wir kämpfen mit Preiserhöhungen, alten Rechnungen, neuen Zuschlägen und theoretisch wäre es jetzt ein wahrer Segen, wenn die Nachlassangelegenheit in Gang käme. Nicht nur für mein Seelenheil, auch für unser Konto.
Ich weiß ungefähr, was auf mich zukommt. Es ist nur noch ein winziger Bruchteil dessen, was meine Herkunftsfamilie mal besessen hat, aber alle Schulden wurden bezahlt, alles Land, alle Gebäude, alle Fahrzeuge wurden verschenkt oder überschrieben, ich bekomme den Rest einer jahrzehntelangen Reise, die allen Beteiligten nicht gut zu Gesicht stand und werde in eine Zukunft investieren, die nichts mehr davon erahnen lässt.

Bin trotzdem dankbar, dass mein Vater sich an fast alle unsere in den letzten fünf Jahren getroffenen Abmachungen gehalten hat und ich jetzt nicht persönlich durch die Weltgeschichte gondeln muss, um rechtliche Dinge zu klären.

Ich muss nur warten.
Und das zerreißt mich.

Kati 31.01.2023, 10.42| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Umwälzung

Ich muss weg von Menschen, wenn der destruktive Zynismus überhandnimmt. Will sie demütigen, beschämen, kleinmachen. Kann nichts Positives mehr beitragen, will sie auf ihre Angst reduzieren, um mich besser zu fühlen. Es ist schwer, den Teil von mir willkommen zu heißen, der so viel Zerstörungspotential birgt. Nicht die Kontrolle verlieren, nicht nachgeben, zusammenhalten, was mit aller Kraft seine Spaltung offenbaren will. Ich merke seit Monaten, dass ein unumkehrbarer Prozess in Gang gesetzt wurde, der alles auf den Prüfstand stellt, was ich als in Stein gemeißelt betrachtet habe. Ich will das nicht. Ich mag keine Umwälzungen, ich mag keine Veränderungen, ich liebe den Status Quo, ich mag Berechenbarkeit, Stabilität und Vorhersagbarkeit. Über alle Maßen. Und nun rüttelt ausgerechnet das Innen an den Mauern meiner Festung. Bin nur ich es, die mein Leben als ideal betrachtet? Wem tue ich Unrecht, wenn ich meinen Alltag so lebe, dass er mir gut tut? Wir haben Regeln, aber wessen Regeln sind es? Wo endet meine Macht über ein System, das sich niemandem mehr beugen muss?

Kati 30.01.2023, 09.41| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Das große Sterben

Es war zu erwarten.
Sie sterben.
Alle.
Die Zeitspanne, die ein Kaninchen lebt, ist überschaubar.
So große Tiere, wie wir sie haben, haben oft nur eine geringe Lebenserwartung. Kasimir war mit seinen 8 Jahren schon weit jenseits von Gut und Böse und auch wenn seine Art gerne vergessen ließ, dass er schon ein sehr altes Tier war, war er nun mal genau das.

Wir nehmen keine neuen Tiere mehr auf und züchten nicht, also wird das nun so weitergehen. Es ist erst wenige Wochen her, dass das Klößchen gegangen ist. Ich bin nicht bereit dafür, wirklich nicht. Es sind so viele unserer Kaninchen gerade am oberen Ende ihrer Lebenserwartung und ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.
Die Babykekse und die Kleinen haben immer geholfen, dass man die Hoffnung nicht verliert und nach vorne sieht, weil das Leben weitergeht, aber ein sich stetig leerender Stall bringt mich an meine Grenzen.

Meine Herztiere sind fast alle gegangen. Ich bin müde.

Machs gut, Miro. Du warst ein Ausnahmecharakter.

Kati 25.01.2023, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Erschöpft

Ich brauche mehr Zeit.
Ich fühle, wie alles in mir heilen will, sich dem stellen will, was mich die letzten Monate zerrissen hat, aber ich brauche dafür Zeit in meiner Einsamkeit.
Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, hier wirklich alleine zu sein.
Aber alles in mir drängt danach, im Schutz meiner Mauern loszulassen, abzugeben, mich fließen zu lassen.
Ich darf nicht.

Das enge Zeitfenster von einigen Stunden am Morgen wird durch den Alltag boykottiert, schrumpft auf einen Bruchteil dessen, was ich benötige, um überhaupt funktionieren zu können. An Tagen, an denen Kinder später das Haus verlassen, früher nach Hause kommen, frei haben, ist es kaum möglich, mich rechtzeitig wieder einzusammeln, also bleibe ich im Alltagsmodus, sehnsüchtig an ein Quäntchen weniger Disziplin im Gehirn denkend.
Ich schaffe nicht viel.
Ich bin damit beschäftigt, mich zusammenzuhalten.
Dem Drang zu widerstehen, alles kurz und klein zu schlagen, zu wüten, mein Leben einfach hinter mir zu lassen und aufzubrechen.
Irgendwohin, wo mich niemand kennt, mir niemand wehtun kann, ich niemanden liebe, nicht in dieser verdammten Verletzlichkeit bleiben, sondern einfach nur noch existieren muss.

Kati 24.01.2023, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Von Körpern, vom Altern, von der Liebe

Ich war fünf, als ich das erste Mal meine Mutter weinend im Keller fand.
Und ich wusste mit dem gesamten Instinkt eines Kindes, worum es geht. Es wurde nie ausgesprochen. Ich hab sie geliebt. Pia. Eine so herzensgute Frau, die mich durch die Chemielabore der Universität führte und auf mich aufpasste, wenn mein Vater beschäftigt war. Schwarzer Wuschelkopf, dunkelbraune Augen, die Anmut und Eleganz in Person und dabei so unglaublich zugewandt. So warmherzig. Alles, was meine Mutter nie war.

Ich kann mutmaßen, warum er sich in sie verliebt hatte. Aber ich weiß es nicht. Denn wir sprachen ja nicht über diese Dinge. 35 Jahre später sollte ich von meiner Großmutter erfahren, dass „das junge hübsche Ding mit den schwarzen Locken“ dafür verantwortlich war, dass wir damals so weit weg zogen. Mal wieder.

Ich bin inzwischen in dem Alter, in dem meine Mutter mit ihren Schönheitsoperationen begann. Nach endlosen Diäten, die ich allesamt mitmachen musste, begannen mit meiner Pubertät ihre Besuche bei führenden Schönheitschirurgen.
Ich war überall dabei.
Der unnachsichtige schwarze Edding auf der nackten Haut meiner Mutter kombiniert mit den kühlen Bemerkungen über Ästhetik und Machbarkeit ließ mich schnell begreifen, dass eine Frau vor allem dünn und straff zu sein hatte.
Das Ideal meines Vaters, dem sich die gesamte Welt unterordnen musste.

Meine Mutter nahm ab und nahm wieder zu und wieder ab, es war ein täglicher und endloser Kampf um Kalorien, in den vor allem ich mit einbezogen wurde.

Ich habe eine Tante - die Schwester meiner Mutter - die immer unglaublich dick war. Ihr Mann - mein Onkel - ist ein muskulöser Mann, der seine Frau und ihren Körper vergöttert. Alles, was ich in Kindheit und Jugend im Positiven über sexuelle Anziehungskraft gelernt habe, habe ich in dieser Beziehung sehen dürfen.
Dieser Blick, wie er nur Augen für meine Tante hatte, sie anhimmelte und bewunderte und ihr immer und zu jedem Zeitpunkt zu verstehen gab, dass sie körperlich und geistig seine absolute Traumfrau sei.

Bei längeren Aufenthalten der Beiden bei uns führte das zu einer nicht unerheblichen Menge an Spannungen.
Eines Abends, als mein Vater schon wieder einiges getrunken hatte, wurde ihm die Turtelei der beiden zu viel und er stand schnaubend auf.

Geklapper aus dem Arbeitszimmer und er kam kurz darauf mit einem Stapel Playboys wieder, den er vor der gesamten Familie auf den Wohnzimmertisch knallte. „SO!“, brüllte er, „SO SEHEN RICHTIGE FRAUEN AUS! NICHT WIE DIE FETTBERGE, DIE HIER GERADE SITZEN!“.

Ich kannte die abfälligen Bemerkungen über meinen pubertären Körper, den mal dünnen, mal dicken Körper meiner Mutter und den immer kompromisslos weichen Körper meiner Tante, aber dieser Moment hatte eine Intensität, die im Laufe der nächsten Jahre noch zunahm.
An diesem Abend zerbrach sehr viel in sehr vielen Menschen.

Ich bin 44, übergewichtig, habe Falten, meine Brüste hängen, ich habe 9 Kinder in meinem Körper getragen, er hat zahlreiche Narben, hat meine Verletzungen und Brüche heilen lassen und gibt all meinen Anteilen ein Zuhause.
Er ist kräftig, stark und er trägt mich.

Mein Mann lässt seit 18 Jahren keinen Zweifel daran, dass ich die schönste, attraktivste und erregendste Frau dieser Welt für ihn bin. Ich lege meine Hand generell nicht für Menschen ins Feuer, aber diese körperliche Anziehungskraft zwischen uns ist etwas, das so unumstößlich in meiner Selbstbetrachtung verankert ist, dass ich nicht zweifle.

Als meine Mutter 44 war, waren nach Bauchdecke und Oberschenkeln gerade die Brüste dran. Ich musste die Wundversorgung zuhause machen und ihre körperliche Übergriffigkeit nahm durch die bei der medizinischen Versorgung notwendige Nähe wieder zu. Mein Vater kommentierte das ganze Operationsprozedere in denkbar destruktivster Weise und war in dieser Zeit mit seiner Sekretärin äußerst beschäftigt.

Ich erinnere mich nach den depressiven Tiefpunkten, in denen sie mich sexuell überhaupt nicht in Ruhe ließ, an sehr euphorische Phasen, als alles schön hochgeschnallt und verheilt am Körper stand - denn hängen konnte ja nichts mehr - und ihre exhibitionistische Ader völlig aus dem Ruder lief, egal, ob es sich um Väter von Freundinnen, Lehrer oder um den Obstverkäufer handelte.

Das war dann auch die Phase, in der ich mit ihr alleine auf Reisen gehen musste. Wir durchquerten ganz Europa. Und egal, ob Italien, Frankreich oder Monaco, die zur Schau gestellte verzweifelte Körperlichkeit einer alternden reichen Frau lockt nicht die Art von Männern an, denen man abends im Dunkeln begegnen möchte

Ich weiß noch gut, wie wütend sie wurde, als ich am Mittelmeer von einem erwachsenen Mann massiv sexuell belästigt wurde, weil ich doch schließlich nicht so attraktiv war wie sie. Wie konnte er es wagen, mich zu belästigen, wenn doch sie da war?
Der Hass, mit dem sie mich anklagte, kokettiert zu haben, um SIE auszubooten, öffnete eine ganz neue Dimension an Schuldzuweisungen.
Der Absurdität waren in diesen Jahren kaum Grenzen gesetzt.

Was macht das also heute mit mir? Manchmal betrachte ich meinen Körper und sehe Gemeinsamkeiten, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Nicht nur, dass ich ihr im Gesicht äußerst ähnlich sehe, auch mein Körper weist einige Ähnlichkeiten auf. Ich sehe jeden Tag meinen eigenen Täter im Spiegel.

Ich bemühe mich, mich in diesen Momenten durch die Augen des Mannes zu betrachten und das bedeutet, so viel Liebe in meinen Blick zu legen, dass die Erinnerung an Macht und Ekel verliert.

Körperlichkeit bedeutet in unserer Familie Geborgenheit, Liebe, Wärme.
Ein Körper muss keine bestimmte Form haben, nicht auf eine bestimmte Art und Weise aussehen, nichts leisten, um dafür wertgeschätzt zu werden, dass er uns durchs Leben trägt.

Ich musste das erst lernen und der Weg war mühsam.
Bei mir selber gelingt diese Betrachtungsweise noch nicht immer, aber besser, je älter ich werde.

Ich werde meinen eigenen Weg finden, so zu altern, dass ich - und nur ich - damit gut leben kann.

Kati 23.01.2023, 15.02| (5/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wochenendnachlese

Das Wochenende war emotional so dicht, dass ich vermutlich einige Zeit benötigen werde, mich von den Eindrücken zu erholen. Es ist ein unfassbar großes Geschenk, erwachsene Kinder Entscheidungen treffen sehen zu dürfen und es erfüllt mich mit Ehrfurcht, dass das Baby, das ich gestern in meinen Armen hielt, im Hier und Heute mit beeindruckender Reife selbstwirksame Dinge tut. Ich kann nur schauen und staunen und bewundern und versuchen, mit meinem Stolz und meiner Liebe nicht am Boden zu halten, was fliegen muss.
Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten oft gefragt, ob richtig ist, was ich tue. Bei jeder Entscheidung hadert man als Mutter, ob es wirklich das Richtige ist und man weiß, dass man erst Jahre oder Jahrzehnte später Antworten oder ein ehrliches Feedback erhalten wird, und das auch nur, wenn man ganz viel Glück hat.

Und ich hätte mit vielem gerechnet, aber nicht jetzt schon mit diesem geistig anmutigen und reflektierten Wesen, das genau und respektvoll benennen kann, was gut getan hat und was nicht. Es offenbart auch in diesem Alter schon eine Erfahrungs- und Gefühlstiefe und Weitsicht, die mich schier sprachlos macht.

Wie kann ein Mensch von innen und außen nur so schön sein?

Kati 22.01.2023, 21.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: ziehen - beziehen - erziehen

Vom Gras in Azeroth

Ich war vor 15 Jahren der Vergelterpaladin in Lederrüstung mit Schwert und Schild.
Der, der Beweglichkeit als Mainstat hatte, weil das irgendwie cool klang. Mit einer kleinen Intelligenzverzauberung, weil Intelligenz ja nicht so verkehrt sein konnte.
Der, über den man sich sehr oft lustig gemacht hat, weil er falsch geskillt war. Der, dem man mit jedem (Rat)Schlag ja „nur helfen wollte, damit er endlich besser spielt“.

Nach einigen Jahren kam der Punkt, an dem ich mich fragte, warum einige Dinge nicht gingen und wie ich das eventuell verändern kann.
Und vor diesem Punkt drang kein Ratschlag zu mir durch.
Weil man die Entwicklung von Menschen nicht beschleunigen kann.
Niemals.

Ich nehme diese Erkenntnis für mich genauso in Anspruch wie ich sie für andere verteidige.
In meiner Gilde sind Menschen willkommen, keine gut gespielten Avatare. Es geht niemals um Leistung oder Wettbewerb, es geht immer um den Menschen. Es gibt keine Rollen, die „benötigt“ werden, es gibt keine Vorgaben, wie man seine Zeit im Spiel verbringt, es ist verdammt noch mal Freizeit. Und ich habe so gut wie jedem Mitspieler der Gilde vor der Einladung die gleiche Antwort gegeben: Es gibt keinen Zwang.

Die Jagdgesellschaft besteht zu einem großen Teil aus Menschen, die im täglichen Leben alles geben und auch alles geben müssen.
Menschen mit so viel Gepäck im Rucksack, dass andere darunter zusammenbrechen würden.
Menschen, die unter hohem Druck jeden Tag Außergewöhnliches leisten UND funktionieren müssen.

Azeroth ist nicht so. Azeroth ist Zuflucht.

Und wenn wir sagen, wir machen einen Gildenraid, bei dem wir gemeinsam versuchen, etwas zu erreichen, dann heißt das in letzter Konsequenz genau das: Dass wir den Vergelterpaladin mit Schwert und Schild und Beweglichkeit und Intelligenz in Lederrüstung mitnehmen, weil er genau so Teil unserer Gilde ist, wie wir ihn aufgenommen haben und den Mensch dahinter mögen. Und solange er nicht um Rat fragt, braucht er auch keinen. Sobald ER SELBER nicht mehr zufrieden ist und um Rat oder Hilfe bittet, bekommt er alles, was er möchte, zur Verfügung gestellt.

Wenn wir stattdessen einen Leistungsraid planen würden, dann stecken wir vorher die Kriterien dafür ab und kommunizieren klar und angemessen, was erwartet wird.

An Gemeinschaft selber werden keine Bedingungen gestellt. Sobald mein Wert als Mensch oder Spieler daran geknüpft ist, wie nützlich ich bin, entziehe ich mich dem.

Ich mag kompetitives Spiel. Es gibt einige wenige Spieler, an denen messe ich mich gerne und ostentativ, weil das zwischenmenschlich passt. Ich erwarte von niemandem, meinen Spielstil zu mögen und kritisiere im Gegenzug auch niemanden für seinen. Wenn ich höre, dass ich zu viel herumkaspere, dann nehme ich das zum Anlass, lieber mit Gruppen zu gehen, die ähnliche Vorstellungen von einer gut verbrachten Zeit haben wie ich oder mich mittragen, so wie ich ihre Eigenarten mittrage.

Denn es ist ganz natürlich, dass es dazu kommt, dass Menschen unterschiedliche Zielvorstellungen entwickeln. Dass ihr Anspruch an Dinge steigt, die für andere vielleicht gar nicht wichtig sind.

Die Jagdgesellschaft besteht aus Menschen, die seit fast 20 Jahren raiden und aus solchen, die fragen, wie man das Zauberbuch öffnet und jenen, die sich irgendwo dazwischen bewegen. Dass es aufgrund dessen Diskrepanzen in der Spielweise gibt, ist in meinen Augen nicht erwähnenswert oder gar diskussionswürdig. Denn auch hier gilt: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Und nicht jeder Golfrasen möchte die Höhe von Pampasgras erreichen.

Sobald also Spieler mehr erreichen wollen, als es gildenintern zu diesem Zeitpunkt möglich ist, steht ihnen die Welt offen, sich für das Erreichen dieser Ziele Gleichgesinnte zu suchen. Gründet eine gildeninterne oder gilden/extern gemischte Progressraidgruppe oder tretet einer bei - ich unterstütze das von ganzem Herzen mit allem, was ich habe und freue mich über jeden Erfolg, jeden gelegten Raidboss, jede Meldung im Gildenchat.

Ich bin die, die mit PomPoms vor dem Raideingang steht und euch zujubelt, weil es ganz großartig ist, wenn Menschen sich Ziele setzen und dafür kämpfen, sie zu erreichen.
Go for it!

Was wir allerdings in der Jagdgesellschaft niemals tun: Menschen ausschließen, weil sie sich den Ansprüchen Anderer nicht unterordnen können oder wollen.
Egal, wie ihre Gründe sind.

In den letzten Tagen haben mir einige Menschen geschrieben, dass sie gerade beginnen, ingame genau diesen Druck fühlen, der im realen Leben auf ihnen lastet und in aller Deutlichkeit: Es gibt keinen Grund dafür.

Eine Kette ist vielleicht nur so stark wie ihr vermeintlich schwächstes Glied.
Aber eine Gemeinschaft ist keine Kette.
Eine Gemeinschaft lässt Raum für Stärken und Unterschiede
Eine Gemeinschaft ermöglicht tragen und getragen werden.

Das ist, wie ich lebe.
Das ist, wie ich spiele.

Kati 16.01.2023, 10.21| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Azeroth

Weiter.

Ich sitze im Garten unter dem Regenschirm und versuche, mich in die Dunkelheit fallen zu lassen. Nasskalte Luft einzuatmen, immer ein und wieder aus.
Der Brechreiz ist unerträglich.
Ich kann das.
Ein und wieder aus.
Ich versuche, das Migränemedikament drin zu behalten und in meinem Gehirn kreisen chemische Zusammensetzungen von Medikamenten und Giftstoffen und Beipackzettel und Obduktionsbericht.
Ein.
Und wieder aus.
Ich kann das.
Ich versuche, meine Gedanken zuzulassen, aber nicht festzuhalten. Alles im Fluss. Spüre, wie mein Magen sich zusammenkrampft. Er ist eine faszinierende Sache, unser Geist, selbst in solchen Momenten.

Der große Bärenkopf auf meinem Schoß wird schwerer und schwerer. Der Druck wird höher, intensiver - hallo, hier bin ich, bleib auch du bei mir. Das hat er schon als Baby gemacht und nun als erwachsener Rüde hat er die Reife und Erfahrung hinzugewonnen, zu wissen, ob das reicht, oder ob er mich anders zurückholen muss. Ich würge. Er entscheidet sich, meine Haut unter der Hose zwischen seine Zähne zu nehmen und sacht daran zu knibbeln. Feine Nadelstiche, Schmerz, der mich durchflutet, aber auf die gute Art. Die, die zeigt, dass man lebendig ist, ohne davon zerrissen zu werden.

Einatmen.
Ausatmen.
Ich lege die Hand auf seinen Kopf und er brummt bestätigend.
Das habe ich wohl gut gemacht.
Immerhin.

Die Kinder sind inzwischen wach und geistern durchs Erdgeschoss. Zwei Köpfe erscheinen in der Haustür und fragen, wie es mir geht, ob ich Kopfschmerzen und Zyklus habe. Ich bejahe. Man bringt mir einen Kakao und eine Pizzaschnecke.

Hier ist Liebe.
Ich bin nicht allein.

Ich sitze nicht in Schweden auf einer Veranda und habe mich vergiftet, ich bin zuhause und habe eine angemessene Dosis von einem Schmerzmittel genommen, das ich vertrage und werde irgendwann sterben, aber nicht jetzt.

Der braune Bär vor mir wedelt inzwischen, ich bin wieder da.
Ich schiebe ihm die Pizzaschnecke in die Schnute und stehe auf.

Weiter.

Kati 12.01.2023, 07.58| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Hej.

Ich habe wieder von dir geträumt. Von uns. Seit der Obduktionsbericht da ist, kreist mein Herz darum. Jeden Abend vor dem Einschlafen wälze ich deine letzten Momente im Leben hin und her. Worte im Gehirn, Risse in der Seele. Mitleid. Mitgefühl. Zum Bersten gefüllt mit Emotion. Es tut mir so unendlich leid. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Frieden - ich glaube, der einzig Echte, den wir beide jemals hatten - genau dort stattfand, wo wir Leben genommen haben. Beim Jagen, beim Fischen. Ich habe so viele Lebewesen sterben sehen und gehört. Vor allem gehört. Und ich habe so viele davon selber getötet. Stolz war das, was in deinen Augen dabei aufblitzte. Qualvolle Pein, was ich empfand.

Aber die Jagd - nie waren wir uns näher als hier. Die endlose Ruhe in uns beiden, perfekt aufeinander abgestimmte Bewegungen, absolute Stille, nur Natur um und der Himmel über uns. Glück. Pures Glück. Es gibt einen Akt der Milde, den ich dir nie vergessen werde. Eine Lüge, die ich nur zu gerne geglaubt habe.

Ein Tier ist mir schwer verletzt entkommen und ich bin panisch schreiend und in Tränen aufgelöst vor dir auf die Knie gesunken, während der Schmerz in mir implodierte. Die Schuld, die Teile von mir schon als kleines Kind fast erdrückt hat, die Grundfähigkeit zur Empathie, die alles, was du von mir je verlangt hast, nur darin gipfeln ließ, dass die Trennung in mir so unumkehrbar erfolgte, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, die Bruchstücke meiner Selbst zu finden und mit dem Rest Liebe, der mir bleibt, willkommen zu heißen und in Sicherheit zu wiegen, wie es dir und euch nie möglich war.

Aber an diesem einen Tag, als ich mich nicht beruhigen konnte, als ich nicht aufhören konnte, zu schreien, als die Spiegelneuronen in mir explodierten und mein gesamtes Sein nur aus diesem verletzten und blutendem Wesen im Wald bestand, so dass ich dachte, ich muss an dieser Schuld selber sterben, da hast du mich angelogen.

Es war eine so alberne und barmherzige Lüge, wie nur Kinder sie glauben können, weil sie wollen. Ich hab sie nicht hinterfragt. Als wir zusammenpackten, zum Boot gingen und ich mich darin schluchzend zusammenrollte und einschlief, warst du in meiner Nähe und ich spürte dich. Als Mensch. Du hast mich nicht umarmt, nicht berührt, das hast du nie getan, aber da war Menschlichkeit. Ein Funken Verletzlichkeit. Das eine Mal.
Ich denke noch heute, so viele Jahrzehnte später, oft an dieses Tier und diesen Moment. Und an dich, wie du in diesem einen Augenblick warst.

Kati 09.01.2023, 07.58| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe




Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.


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Do what is right. Not what is easy.