Ausgewählter Beitrag

Chaos

Die Mauern werden dünner, tiefer, rissiger. Die Trauer ist eine wabernde Masse, die durch mein Herz, mein Hirn, meine Seele wandert, ihre Farbe wechselt. Von tiefschwarz zu wutrot zu leuchtendweiß. Vor ein paar Tagen durchzuckte mich das erste Mal die Angst, jetzt einfach auch zu sterben. So weit gekommen zu sein, nur um dann durch ein Unglück, einen Fehltritt, einen blöden Zufall einfach tot umzukippen. Jedes Rumpeln im Körper, jedes Verschlucken, jedes Husten, jedes Organstolpern - das alles nimmt unverhältnismäßig an Bedeutung zu. Ich miste mein Haus aus, mein Leben, meinen Besitz und - meine Erinnerungen. Vieles davon wird plötzlich nach oben gespült, kommt mit aller Wucht an die Oberfläche, wenn ich etwas in Händen halte, ein Bild betrachte oder einen Geruch wahrnehme. Es ist zu Ehren eines Todes ein Frühjahrsputz der Seele. Oder vielleicht eher Sommer, wenn ich mein Lebensalter so betrachte. Ich bin im tiefsten Winter geboren worden. 10 Tage nach meiner Geburt lag ich in einem dunklen, abgeschlossenen Zimmer. Alle vier Stunden kamen bezahlte Menschen mit einer Milchflasche zu mir, fütterten mich, wickelten mich, sicherten mich und ließen mich wieder allein. Ich habe die Bücher und die Bilder in meinen Erinnerungskisten. Logbücher, wer wann wie lange im Haus war, was er am Kind getan hat. Sechs unterschiedliche Schriften. Keiner blieb länger als nötig. Nicht mal beim Schreiben finde ich heute meinen roten Faden, die Gedanken springen von einem zum nächsten. Muss Unterlagen fertigmachen, die Gefühle in Schach halten, den Alltag bewältigen und möchte doch nur die Zeit anhalten und einfach nur existieren dürfen. Möchte schreien, so laut, dass es die gesamte Menschheit für einen Augenblick verstummen lässt, meine Wut herausbrüllen über die Ungerechtigkeit, die sich mein Leben nennt und fühle gerade so wenig Dankbarkeit für das, was ich habe, wie nur selten. Nehme mir Dinge zu Herzen, die normalerweise an meinem Panzer abprallen würden. Trage nun schon eine Woche Worte mit mir herum, die mir jemand, den ich bis dahin als reflektiert betrachtet habe, in seiner unermesslichen Arroganz selbstgefällig vor den Latz knallte und kann sie nicht abschütteln, auch wenn ich sie psychologisch einordnen kann. Natürlich weiß ich, wie Menschen auf mich reagieren. Natürlich weiß ich, wie ich wirke. Natürlich weiß ich um die Widersprüche, um das, was ich hervorrufen kann. Natürlich… Aber letzten Endes: Ich muss dieses Leben leben. Sonst keiner. Und ich tue das so, wie es mir möglich ist. Das muss niemandem gefallen. Es muss außer mir nicht mal irgendjemand ertragen. Jeder kann sich meiner Geschichte entziehen. Nur ich kann das nicht. Ich muss damit weiterlaufen.

Jadekompendium 22.08.2022, 12.57

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Kommentare zu diesem Beitrag

3. von Elisabeth

Frau Jadekompendium.
Demütig und fassungslos lese ich oft ihre Worte, dankbar und ehrfürchtig. Warum gerade Sie diese Lebensgeschichte haben? Ich weiß es nicht. Mein Mitgefühl dafür. Und alles was ich kann ist respektvoll Kraft zu wünschen. Und das "allerbeste" für ihre Familie, was auch immer das für Sie bedeutet.
Danke für das was sie mitteilen und preisgeben - es beeindruckt mich sehr und lässt mich teils sehr nachdenklich zurück - und unterhält mich auch oftmals (womit ich natürlich die geteilten Chaosgeschichten meine). Es ist schwer auszudrücken was mich bewegt und ich hoffe mit evtl. nicht sorgsam genug gewählten Worten niemand zu verletzen, aber immer nur still mitlesen wollte ich auch nicht. Danke für diesen Blog und Twitter. Sie sind ein sehr besonderer Mensch mit einer großen Seele.
Elisabeth


vom 24.08.2022, 00.17
2. von Ute

Ja, alle außer dir, können gehen. Deshalb wünsche ich mir, dass du bald wieder mehr von dem fühlen kannst was dir gut tut.
Für mich bleibt derzeit am Ende deiner Berichte immer nur eins:
du bist der Anfang.

vom 22.08.2022, 22.45
1. von Diana

Liebe Kati,
Deine Texte und die darin geschilderten Dinge die du ertragen musstest berühren mich sehr. Ich bewundere dich für deine Stärke, deine Kommunikationsstärke und deine Hilfsbereitschaft für alle Anderen. Vergiss dich nur selber nicht. Ich wünsche mir für dich, dass es dir jeden Tag ein wenig besser geht und dass du viel Freude an deiner Familie und deinen geliebten Tieren hast. So gerne, wie ich deine Texte auch lese, viel lieber würde ich deine tollen Videos ansehen. Lieben Gruß Diana

vom 22.08.2022, 13.32



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.


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