Ausgewählter Beitrag

Totengräber. Eine Liebeserklärung an den Tod.

Ich habe in meinem Leben schon so viele Tiergräber ausgehoben.
So unendlich viele. 
Ich habe beim Schaufeln versucht, die Tiere zu zählen, die mich in meinem Leben bis zu ihrem Tod begleitet haben. Es sind weit über 50 Namen geworden und einige mehr fallen mir immer noch ein. 

Als ich klein war, bin ich den letzten Gang mit ihnen immer alleine gegangen. 

Ich erinnere mich an die schrecklichste Nacht, als ich abends – mit Gipsschienen seit Wochen an beiden Armen – entdeckte, dass mein Kaninchen tot war.
Es fror seit Tagen, der Boden war steinhart.
Meine Eltern boten mir als Alternative wie immer den Müll an.
Ich trug dieses steife Tier im Arm, konnte es nicht richtig greifen, nicht halten, nicht mehr kuscheln, weil der Gips jede Umarmung unmöglich machte.
Es war dunkel. Ich holte mir den Spaten, konnte ihn nicht umfassen, weinte, allein in der Dunkelheit und Kälte. Mit der Spitzhacke habe ich unbeholfen ein wenig Erde abhacken können, nicht genug für ein Grab. Ich setzte mich irgendwann mit meinem toten Tier verzweifelt auf den Boden und heulte. Ich konnte nicht mehr. Und ich konnte dieses Tier nicht einfach wegwerfen.

Durch das gigantische Panoramafenster konnte ich meine Eltern im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen sehen. Unbekümmert. Lachend.

Bei allem, was ich bis dorthin bereits erlebt hatte, hatte ich mich noch nie so allein gefühlt. 

Irgendwann kam die Wut. Heiß. Lodernd. Alles verzehrend. Ich schlug mir die Gipsschienen an den Steinen auf und riss sie mir von den schwachen Handgelenken. Alles in mir brannte vor Hass. Ich griff zum Werkzeug und arbeitete mich Zentimeter für Zentimeter durch den gefrorenen Boden. Ich spürte weder Schmerz noch Tränen noch Kälte. Nichts mehr. Das Verlangen nach einem würdevollen Abschied, nach einem Grab, nach dem letzten Gang gemeinsam mit meinem Tier war so stark, dass ich mich völlig verausgabte.
Irgendwann kauerte ich mich mit ihr auf den Boden und wiegte uns summend hin und her, bevor ich sie in ihre letzte Ruhestätte bettete.

Was ich mir in diesen Stunden schwor, brannte lange in mir.
Die Zeit hat das flammende Inferno aus Hass in ein helles Leuchten verwandelt, wie ich dem Tod begegnen will.
Nicht in Kälte, nicht in Dunkelheit, nicht allein. 

Ich denke an meinen Großvater, zu dem ich mich in den Sarg gekuschelt habe, während mein Sohn fröhlich Gummibärchen mampfte. Die Küsse, die ich auf seiner Stirn verteilt habe, so wie er das in meiner Kindheit bei mir getan hatte. An seine Beerdigung, auf der ich seine Urne getragen habe. An meine drei ganz in weiß gekleideten Kinder, die im Sonnenschein über die Friedhofswiese getanzt sind.

Ich denke an meine Großmutter, die wir hier nach Hause geholt haben. An den sonnig-windigen Augusttag, als sie das letzte mal ausatmete, während ich ihre Hand hielt. Als mein Kind sagte, wir müssen die Fenster weit aufmachen, damit ihre Seele fliegen kann. Als wir sie als Familie alle gemeinsam gewaschen und angezogen haben, damit sie vom Bestatter abgeholt werden kann. An das Lachen, an das Winken hinter dem Leichenwagen her, an das Lebewohl. 

Ich denke an meinen ersten Hund, den wir im Sterbeprozess jeden Tag auf eine Wiese getragen haben, wo wir einfach nur saßen und warteten, dass er bereit war zu gehen. An den Tag, an dem der Mann ihn auf seine Arme nahm und er ein allerletztes Mal seine Nase hoch in den Wind reckte, als wolle er den ganzen Himmel einatmen, bevor er dann im Arm des Mannes gestorben ist. 

Ich denke an meine Tochter, die die Ärzte im Krankenhaus „entsorgen“ wollten. Wie ich mich zum Mann umwandte und mit fester Stimme sagte: „Wir gehen jetzt.“ Wie ich einen Tag später, mit Nachwehen und gerade von einem toten Kind entbunden, mit einem Säugling vor der Brust und dem Mann an der Hand zu unserem Fluss ging, zu unserer Insel, und unser Baby mit Blumen und einem letzten Schlaflied der Erde zurückgegeben habe. 

Ich denke an unzählige Tiergräber, vor denen wir mit unseren Kindern standen. An Blumen, an Sonnenschein, an Tränen und Lachen, an Kuscheln mit toten Tieren und Umarmungen, die so weh und so gut tun.
An Grabsteine, selbst beschriftet und bemalt, an Kerzen, an selbstgebastelte Holzkreuze. 

Morgen gehen wir diesen Weg wieder. Ich begleite den dicken Hasenbären auf dem letzten Weg, er darf auf meinem Arm in einer Decke einschlafen und dann nehme ich ihn wieder mit nach Hause. Das Grab haben wir heute alle gemeinsam ausgehoben, wir haben uns drumherum gesetzt, erzählt, gelacht, gegessen, die Sonne genossen. Morgen werden wir ihn auf Blumen betten und gemeinsam von ihm Abschied nehmen. 

Und wir werden weinen. Gemeinsam.

Jadekompendium 24.03.2021, 16.00

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Tanja

Mein aufrichtiges Beileid.
Es sind "nicht nur" Tiere, es sind Familienmitglieder die es verdient haben, genauso liebe- und würdevoll von uns zu gehen und doch bei uns zu bleiben wie jeder Mensch auch. Der Tod ist Teil des Lebens, er gehört von Anfang an dazu. Man sollte ihn nicht freudig willkommen heißen, man muss ihn aber auch nicht fürchten.
Wirklich tot ist jemand erst dann, wenn wir uns nicht mehr an ihn / sie / es erinnern und über ihn sprechen. Ein Teil meiner Großeltern starb relativ früh, ich war gerade mal 4 bzw. 7 Jahre alt - und trotzdem habe ich noch lebendige Erinnerungen an die beiden. Weil immer noch von ihnen erzählt wird, sie immer noch bei uns sind.
Und der große Hund tappt hier auch immer noch durch die Wohnung uns ist überall mit dabei, hier war ich so sehr dankbar über die Möglichkeit eines Tierfriedhofs um für sie einen schönen letzten Platz zu haben an dem ich sie besuchen kann.

vom 25.03.2021, 07.54
Antwort von Jadekompendium:

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Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.
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