Ausgewählter Beitrag

Vielleicht.

Wenn das eigene Verhalten in einer bestimmten Situation nicht dem entspricht, was Außenstehende von Einem erwarten, dann wird man innerhalb kürzester Zeit doch sehr einsam, merke ich. Es ist, als hätte ich kein Recht auf meine Gefühle.
Als wären sie ungehörig, schließlich ist doch niemand tot!
Nein, natürlich nicht.
Meine Großmutter ist vorletztes Jahr gestorben, meine Mutter, meine Ersatzmutter und meine Großtante letztes Jahr, aber die Tochter?

Nein. Die ist doch nur weg!

Du hast doch noch andere Kinder. Die brauchen dich!, höre ich.
Ich höre auch: Sie ist doch nicht verschwunden. Ihr könnt doch Kontakt halten. Das ist heute so einfach!
Gerne auch ungefragt: Sie kommt bald wieder. Sollst mal sehen. Irgendwann steht sie wieder vor der Tür!
Am schlimmsten sind Begegnungen, in denen unterschwellig Vorwurf und Neugierde gleichermaßen mitschwingen: Es hat immer ausgesehen, als hättet ihr eine so gute Beziehung? Ihr wart so eine Vorzeigefamilie.
Waren.
Natürlich.
Irgendwas muss ja dazu geführt haben, dass sie jetzt dort und nicht mehr hier ist.
Und wer könnte dafür besser verantwortlich gemacht werden als ich?
Der Geifer kocht in der puren Lust an der Sensation.
Ich kann sie nicht befriedigen, dachte ich doch selber, dass wir genau das wären, was wir schienen.
Dünne Haut.

Es fällt mir schwer, mein Kind loszulassen. Sie ist ausgerechnet zu dem Mann gegangen, vor dem ich sie immer beschützen wollte.
Ja, natürlich. Mir wurden diese Dinge angetan. Nicht ihr. Schon klar. Ich weiß. Sie ist nicht ich. Ich kenne die Argumentationskette.

Ich habe mein Kind verloren.
Eure Kinder sind nicht eure Kinder!, poltert es in meinem Kopf.
Vorwurfsvoll.
Ich hätte sie in einigen Jahren doch ohnehin gehen lassen müssen...
Auch etwas, das ich oft höre.

Ich bin all dem so überdrüssig.
Der Mann, der ihr jahrelang Gute-Nacht-Geschichten vorlas und zu dem sie Papa sagt? Egal. Geschwister? Egal. Zuhause? Freunde? Tiere? Egal. Ich? Egal.
Egalegalegal. Alles egal.

Ich würde so gerne verstehen.
Ich würde so gerne begreifen, wie ich von liebste Lieblingsmami zur Persona non grata wurde. Warum ich ignoriert werde.
Mein einziger Trost ist manchmal der, dass sie glücklich zu sein scheint. Dort. Ohne uns.

Ja, es ist Trauer.
Und ich arbeite mich jeden Tag durch diesen sumpfigen Morast aus Selbstvorwürfen, unbeantworteten Fragen und Verzweiflung.

Vielleicht wird sie hier eines fernen Tages nicht mehr fehlen.
Vielleicht wird es sich irgendwann nicht mehr anfühlen, als wäre mein Herz einfach kaputt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Kapitel endgültig zu schließen. Mit allen Konsequenzen.

Vielleicht.

Jadekompendium 08.04.2019, 18.00

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Tanja

Ich kann verstehen, dass Du trauerst, denn auch wenn Deine Tochter nicht tot ist so hat sie doch Dein / Euer Leben verlassen. Und wenn man tiefe Gefühle für einen Menschen empfindet, dann trauert man um diesen Verlust. Ich finde das ein völlig normales Verhalten.
Vielleicht werden Deine Fragen irgendwann beantwortet, vielleicht verstehst Du irgendwann die Beweggründe. Vielleicht gelingt es Dir, das Kapitel zu schließen. Vielleicht wird es weder das eine noch das andere. Egal wie - ich wünsche Dir Kraft, diesen Weg weiterzugehen!

vom 10.04.2019, 19.18
Antwort von Jadekompendium:

Danke.


Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.
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