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Von Heimat und Wahlheimat

Wir sind vor einigen Tagen, als wir den kleinen Eisbären, der mal ein Hund werden möchte, ausgesucht haben, nach langer Zeit mal wieder in eine Gegend gefahren, die so platt war wie meine ehemalige Heimat.
Wann immer wir bislang nach Norden fuhren - je platter das Land, desto wohler fühlte ich mich.
Berge waren in meinem Leben nie wirklich existent bis ich vor 14 Jahren hierherzog. Und damals dachte ich, ich werde mich niemals an dieses Gefühl des Eingesperrtseins gewöhnen. Überall nur grüne Hänge, Berge, Wände aus Fels und Bäumen, ich rutschte direkt in eine ausgewachsene verzweifelte Depression, weil ich nicht mehr hunderte von Kilometern über die Ebene sehen konnte. Das blieb auch lange Jahre so.
Und als wir die letzten Male gen Norden fuhren, merkte ich schon, dass das hüpfende Herz erst reagierte, als auf dem Rückweg die ersten Berge des Sauerlands wieder zu sehen waren. Diese üppige Vegetation an Felshängen und auf Bergen, das umgebende Grün, kein flaches Ackerland, das mir plötzlich so seltsam trostlos erschien, als es auf der Hinfahrt vor uns auftauchte.
Und genauso war es vor einigen Tagen. Das flache Land ist nicht mehr länger der Auslöser für diese Art von Sehnsucht.
Es ist eine liebe und wertvolle Erinnerung an ein früher geworden, das es heute nicht mehr gibt. Und das ist völlig okay so. Meine Heimat ist nun hier.

Jadekompendium 22.05.2019, 18.00

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Sandra

So platt finde ich es hier gar nicht ;-) Obwohl ich viel "eingekesselter" aufgewachsen bin, als ich jetzt lebe. Also bei mir war das dann wohl andersrum. Aber irgendwie ist es auch nicht die Landschaft, auf die ich ein Heimatgefühl beziehen kann. Es sind die Menschen und die Umstände, mit denen ich in der alten Heimat nicht mehr kann. Ich fühle mich unter den Menschen hier sehr angekommen.

Aber wenn ich weiter über Landschaft nachdenke, gibt es tatsächlich einen Ort, an dem mich ein unerklärliches und total paradoxes Heimatgefühl überkommt, weil ich dort eigentlich nie gelebt habe: in der rauen Landschaft der Bretagne. Ich habe einen guten Freund, der behauptet seit Jahren sehr überzeugt, das könne nur daran liegen, dass ich eigentlich eine keltische Seele habe. Wer weiß?

Du klingst jedenfalls sehr angekommen. Das ist toll!

Liebe Grüße, Sandra


vom 23.05.2019, 09.50
Antwort von Jadekompendium:

Ich habe ja am Rand gelebt und konnte tatsächlich jeden Morgen beim Blick aus dem Fenster über die gesamte Oberrheinische Tiefebene sehen.
Ja, ganz so platt wie im Norden war es natürlich nicht, aber die Hügelchen zählen nicht. :D

Ich kenne das, was du in Bezug auf die Bretagne beschreibst.
Wenn ich am Meer bin, dann fühle ich mich zuhause.
Nicht am kalten Meer wie Ostsee oder Nordsee, sondern in den warmen Dünen zwischen Pinienwäldern mit warmem Wind.
Das ist aber wieder was anderes als das Heimatgefühl von hier.

Es ist kompliziert mit diesem "zuhause"-Gefühl der Seele.

Und ja, wer weiß, wo unsere Seelen herkommen?
Vielleicht zieht es sie mit zunehmendem Alter wieder nach Hause.
Liebe Grüße. <3

1. von Tina

Ich erinnere mich, wie beklemmend dieser Anblick der Berge ringsum bei Euch für mich war.

In meiner Heimat ist auch alles flach. Es gibt viele Felder, Weite und Kiefernwälder und viel Wasser.
Dort wo wir jetzt leben ist es hügeliger. Das ist für mich auch noch immer ungewohnt bzw. merke ich wie sehr ich das Flache vermisse wenn ich Richtung Heimat fahre.

Schön, dass das erst Ungewohnte für Dich jetzt Heimat geworden ist.

vom 23.05.2019, 08.42
Antwort von Jadekompendium:

Ja, dieses Gefühl von Heimat gekoppelt an flaches Land war für mich sehr lange sehr stark. Und die engen Berge manchmal kaum zu ertragen. Ich habe mich oft gefragt, ob sich das wohl jemals ändern wird und eigentlich nicht daran geglaubt. Umso schöner ist es jetzt. Aber das Lieben dieser Landschaft, das musste ich erst lernen.


Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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