Tag der Entscheidung

Heute ist es soweit. Heute ist der Tag, bis zu dem das Kind mit seiner Entscheidung Zeit hatte. Ab heute Abend gilt es. Und so, wie es im Austausch mit ihr aussieht, stehen alle Zeichen auf "Neuanfang" in der Ferne. Mir blutet das Herz. Die Umzugskartons stehen oben in ihrem Zimmer und heute Abend hat das Warten endlich ein Ende. Entweder kommt sie nach Hause zurück oder wir können endlich etwas tun - umräumen, abmelden, umstrukturieren. Es tut alles so unendlich weh. Selbst wenn ich versuche, die Entscheidung nicht "gegen" mich, sondern "für" etwas anderes zu werten - es tut einfach alles nur so schrecklich weh. Ich bin so dankbar, dass die Wartezeit heute Abend zuende ist. Dass wir dann eine Entscheidung haben. Alles ist besser als Unsicherheit. Noch 6 Stunden bis zum Telefonat mit ihr. Die Chaoskinder wollen und werden dabei sein und sind in den vergangenen Tagen darauf vorbereitet worden, dass ihre große Schwester eventuell nicht mehr hierher zurückkehrt.
Wie sehr kann so ein Herz weh tun?

Jadekompendium 15.08.2018, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Schockstarre

Es ist jetzt bald drei Wochen her, dass ich den Schwangerschaftstest gefunden habe und das Unheil seinen Lauf nahm. Drei Wochen, seit wir im Dunkeln zu Dritt im Wohnzimmer gesessen haben und Stück für Stück die Wahrheit aus dem Kind herausbrach. Nicht nur die Wahrheit in Bezug auf den Schwangerschaftstest. Auch die Dinge, die vor vielen Monaten ihren Anfang nahmen. Drei Wochen, seit ich am liebsten den Kopf in den Sand gesteckt hätte um nichts mehr sehen, hören oder fühlen zu müssen. Ich habe mein Sportprogramm einfach beendet. Nichts mehr getan. Sitze den ganzen Tag herum obwohl ich weiß, dass das Gift für meine Bandscheiben ist. Starre vor mich hin und überlege, was ich tun kann. Was ich falsch gemacht habe. Mache kaum noch etwas in Haus oder Garten, spüre mich selbst nicht mehr. Esse die falschen Dinge und tue Sachen, die mir nicht gut tun. Das Wissen um all dies sorgt für Selbstvorwürfe und die wiederum führen zu massiven Muskelverspannungen und Schmerzen. Ich steuere auf den nächtsten Totalausfall zu. Langsam aber sicher. Und das will ich nicht. Nicht noch einmal, nicht sehenden Auges. Ich muss mich um mich selber kümmern. Es ist egal, wie sie sich entscheidet. Es ist egal, wie es weitergeht. Ich muss dafür sorgen, dass es mir gutgeht.
Es ist an der Zeit, langsam wieder die Zügel in die Hand zu nehmen und weiterzumachen.

Jadekompendium 10.08.2018, 15.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Der verlorene Kater

Die Tage sind schwer. Wir warten auf die Entscheidung des großen Tochterkindes. Auf eine weitere Entscheidung... Sie hat so viele davon getroffen. Ohne unser Wissen. Oder wollten wir nicht sehen? Die Zweifel sind groß dieser Tage.

Beim Gedanken an die Dinge, die ich bislang erfahren habe, wird mir nach wie vor schlecht. Ich bin - irgendwo ganz weit hinten in meinem Gehirn - dankbar, dass ihr bei alledem nichts passiert ist.

Aber das vorherrschende Gefühl ist stumme Wut. Und weiter gedacht: Ist ihr denn wirklich nichts passiert? Wieviel Schaden haben diese Ereignisse in ihrer Seele angerichtet?
Gar keinen, könnte man meinen, wenn man diese trotzige stolze junge Frau ansieht.
Aber auch das wird nur Fassade sein.
Sie bedaure es, dass sie noch nicht 18 sei. Dass wir noch "in diese Sache mit reingezogen" werden.

Ich kenne diesen Menschen nicht.

Wie lange habe ich nur das Bild von ihr wahrgenommen, das ich hatte? Wann hat sie begonnen, sich so zu verändern? Werden wir jemals die ganze Wahrheit erfahren? Wollen wir das überhaupt? 

Ihr leiblicher Vater lockt mit seinen ewigen Versprechungen "Hier wird alles besser, hier ist alles schöner, hier kannst du neu anfangen".

Wir bleiben stumm.
Wir wollen uns nicht vermarkten.
Wir buhlen nicht.

Die Entscheidung, die sie zu treffen hat, sollte im Innersten getroffen werden. Die rosa-bunte Zuckerwattewelt, die er ihr verspricht, gibt es nicht. Das wird sie vielleicht erst dann erkennen, wenn es zu spät ist.

Bis dahin werden weiterhin Altlasten über Bord geworfen. Der Hase. Der Kater soll nun auch nicht mehr ihrer sein. Kein Interesse mehr.
Wir sind noch über. Aber auch wir passen nicht in ihr neues Leben. Sind spießige Überbleibsel der Welt, aus der sie zu fliehen versucht.

Es tut gerade alles so weh.
Die Liebe, die Enttäuschung, die Hoffnung.
Gefühle, zäh und klebrig wie Honig.

Ich habe Umzugskisten gekauft. Ich gehe davon aus, dass sie befüllt werden.

Jadekompendium 09.08.2018, 13.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Wenn Worte fehlen

Irgendwann muss ich meine Worte wiederfinden. Auch die für das, was passiert ist, aber vielleicht nicht hier. Es ist zu weit jenseits dessen, was ich als möglich klassifiziert hätte.
Und so vergeht Tag um Tag in größter Sommerhitze.

Das angebaute Gemüse verkümmert bis auf ein paar Ausnahmen und selbst die Zuckererbsen schmecken bitter. Die Pflanzen welken vor sich hin, die vor zwei Jahren gepflanzte Hecke schafft es vielleicht nicht - ich kann nicht so viel gießen, wie es nötig wäre.
Und in welchem Verhältnis steht das alles, wenn gegenüber vom Haus am Berg der Wald brennt?
So viele Tage und Nächte.
Das fünfte Feuer ist heute Nacht ausgebrochen, der Sirenenalarm begleitet uns durch den Sommer.

Die Kinder sind im Ferienmodus angekommen, schlafen lange und leben in den Tag hinein.
Aus dem Haus, in den Pool, zum Eisschrank und wieder aufs Bett/in den Sessel/auf die Schaukel. Sie wissen nicht mehr, welchen Tag wir haben, oder welches Datum und das ist gut so. Besuchskinder kommen und gehen, schlafen hier, genießen die Zeit mit uns und wir mit ihnen.

Das große Tochterkind befindet sich derweil schon seit zwei Wochen beim leiblichen Vater. Die nächsten 8 Tage hat sie noch Zeit, darüber nachzudenken, ob sie die beiden Jahre bis zur Volljährigkeit dort verbringen will oder hierher zurückkehrt.
Mir blutet das Herz, aber wir sind an einem Punkt, an dem ich niemals sein wollte.

Das Doppelleben, das sie seit einem dreiviertel Jahr geführt hat, hat uns bis in die Grundfeste erschüttert. Ich bin schon oft betrogen und verraten worden, das bringt mein Alter so mit sich. Aber bis auf eine Ausnahme hat mich nichts davon so nachhaltig bis ins Mark getroffen.

Wir sind über normale Pubertätsrebellion weit hinaus und wenn sie hierher zurückkehrt, dann wird das Miteinander ein Neues werden müssen. Ich bin so enttäuscht, dass sie anscheinend alles verraten hat, was uns ausmacht.

Jadekompendium 07.08.2018, 16.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Sommerferien deluxe

Offizieller Tag 4 der Sommerferien und diesmal ist alles ein wenig anders. Das große Tochterkind hat einen Ausbildungsplatz und fängt in 13 Tagen mit der Arbeit an. Bis dahin sind noch so 3629 Dinge zu erledigen, für die man ein bisschen mehr Zeit hätte, wenn es ein paar Tage vor Ferienbeginn nicht plötzlich gehießen hätte: "Ach, ich mache übrigens doch kein Abitur!" Zusatzkind1 hat nach erfolglosen Gesprächen mit dem Jugendamt, der Psychiatrie, Freunden, Verwandten und Gott weiß noch mit wem erkannt, dass niemand sie hier herausholen wird, so unmenschlich wir auch sind, wenn wir verlangen, dass sie Dinge tut wie ... ihren Teller vom Tisch abräumen. Oder mal das eigene Zimmer saubermachen. Oder ähnliche Dinge, bei deren Kenntnis Amnesty International sofort eine Kampagne zur Rettung privilegierter 16jähriger starten würde. Also lautet ihr aktueller Plan: ausziehen. So schnell wie möglich. Das geht aber leider nur mit Ausbildung. Oder Geld. Und für beides muss man arbeiten. Das Leben ist schon verdammt unangenehm. Immerhin ist das Kind so auch endlich mal mit etwas beschäftigt. Eine Win-Win-Situation also. Kind4, 5 und 6 tun das, was sie am besten können: Chaos verursachen. Sich streiten, sich liebhaben, Abenteuer unternehmen und im Pool plantschen. Läuft. Das autistische Zusatzkind kann wie erwartet mit so viel freier  und unstrukturierter Zeit ohne minutiös ausgearbeitete Tagespläne überhaupt nichts anfangen und steht kurz vor dem Kollaps. Ich versuche, so etwas wie Entspannung in meinen Alltag zu bringen und erfreue mich fürs Erste jeden Tag daran, dass ich erst um 7 Uhr aufstehe. Wird.

Jadekompendium 19.07.2018, 15.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Das verrückte Huhn - eine Liebeserklärung

Bernadette ist so etwas wie die Marianne Dudelhuhn unter den Wachteln, die hier leben.

Als Nachzügler mit etwas Hilfe aus dem Ei geschlüpft, immer ruhig, immer freundlich und voller Vertrauen in sich und die Welt. Ich mache die Stalltür auf, um die Tiere rauszulassen? Bernadette balanciert bereits auf der Kante und sobald sie meine Hand sieht, lässt sie sich vertrauensvoll hineinfallen. Egal, ob aus 5 oder 50 cm Abstand. Ich fang sie schon. Da passiert schon nichts. Ich drehe mich gerade um, um den neurotischen Franz wieder einzufangen? Bernadette hüpft schon mal in den Garten und geht ein wenig spazieren.

Natürlich nicht im Außengehege der Wachteln, das wäre ja langweilig - nein, im Menschengarten. Der Hund schubst sie vorsichtig Richtung Wachtelstall, sie schmiegt einmal kurz den Kopf an seine Schnauze und wandert dann weiter.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, fiept etwas hilflos vor sich hin und verfolgt sie weiter. So sehe ich immerhin, wo sie sich gerade befindet, die Tarnfähigkeit von Wachteln ist nämlich schon enorm. 

Als wir vor einigen Wochen einkaufen waren, hat sie es irgendwie geschafft, aus dem Außengehege auszubrechen und saß erwartungsvoll auf dem Bürgersteig, wo sie darauf wartete, dass jemand sie die Treppe zum Grundstück wieder hinauftragen würde. Einen anderen Tag ist es ihr gelungen, ins Hasengehege einzubrechen. Die Hasen waren wenig begeistert. 

Bernadette indessen interessiert das herzlich wenig. Sie sitzt neben mir auf der Hollywoodschaukel und lässt sich ein wenig hin- und herschaukeln, sie hüpft auf den Hund, wenn der im Weg liegt, findet die Katze höchst interessant und Menschen sowieso. Nur wenn es an der Zeit ist, ein Ei zu legen, dann muss Bernadette in ihre eigens dafür angelegte Kuhle und zieht die Grashalme wie eine schützende Decke über sich, bis nur noch ein wirrer grüner Hügel mit Schnabel zu erkennen ist. 
Dort bleibt sie ein paar Minuten sitzen und bei erfolgreicher Eiablage macht sie ein Geräusch wie ein kaputter Keilriemen, nur in etwas leiser.

Danach geht es auf ins nächste Abenteuer.

Jadekompendium 17.07.2018, 14.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Töten verlernt man nicht

Das Töten ist mir nie sonderlich schwer gefallen. Es gehörte Zeit meines Lebens dazu wie das Atmen. Willst du Fleisch essen, musst du vorher ein Tier töten. So einfach war das. Das Töten selber verlernt man auch dann nicht, wenn Jahrzehnte vergehen. Es sind immer die gleichen Handgriffe. Ein sanfter Griff, eine sichere Hand.
Alles zurechtgelegt, damit es niemals hektisch wird. Die Vorbereitung war immer mein Ritual. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug werde ich ruhiger. Wenn ich alle meine Dinge beisammen habe, sind Herzschlag und Atmung vollkommen im Einklang. Alles muss ordentlich sein, alles ruhig. Es geht um Frieden in diesem grausamen Akt. Alles liegt bereit, alles nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.

Ich habe viele Tiere sterben sehen. Und hören. Viele haben grausam geschrieen, wenn sie herausgezogen wurden, an den Hinterbeinen hochgerissen, bis der Tod als Erlösung kam.

Ich war noch sehr sehr klein, als ich mir geschworen habe, dass kein Tier, das jemals durch meine Hand sterben würde, einen solchen Tod erleiden würde.

Und so kam es. 

Ich habe gegenüber meinem Vater und auch meinem Großvater früh eine Grenze gezogen, dass ihre Art des Tötens nicht die Meine sein würde. 
"Einen stillen Tod gibt es nicht, Kind!", sagte mein Großvater streng zu mir, bis er mir das erste Mal zusah. Danach haben wir nie wieder davon gesprochen

Was erst im Laufe meines Erwachsenenlebens hinzukam, ist die überwältigende Ehrfurcht.
Der Moment mit dem Tier zum Zeitpunkt seines Todes.
Die Intimität.
Die Dankbarkeit.
Demut.

[Nachtrag: Interessanterweise war der Anlass für diesen Beitrag, dass ein Tier von seinen Qualen erlöst wurde. Nicht, um es zu essen.]

Jadekompendium 16.07.2018, 18.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Der Kirschbaum

Vor einigen Wochen, als die Kirschernte begann, sind wir von draußen nach drinnen geflüchtet. Unsere Terrasse befindet sich nämlich genau unter dem großen Kirschbaum in unserem Garten. Rückblickend betrachtet nicht meine allerbeste Idee, aber die Gartenküchentür geht nun einmal genau dorthin auf. Zack, steht man unter dem Kirschbaum. Wo wir seit Monaten sitzen, war nun für einen Monat kein Auskommen mehr möglich. Tausende von Wespen machten sich über die Kirschen her, die unzähligen Früchte, die uns zu Beginn der Kirschernte in Nudeln, Eintöpfe, auf Teller, Köpfe und in Gläser gefallen sind, zähle ich hier gar nicht mit auf. Auch nicht die Vogelkacke der drei Dutzend Amseln und Eichelhäher, die den Baum im Sommer als Buffet nutzen. Die Wespen sorgten dafür, dass wir uns zum Essen wieder in unser Esszimmer zurückzogen. Einige Kilo Kirschen wanderten für die Weiterverarbeitung in meine Küche, der Rest war für die Vögel. Und die Wespen... Die Starkregenschauer der letzten Tage haben nun das Ende der Kirschenzeit eingeläutet, die letzten Reste wurden vom Baum gespült, die Zweige sind fast leer und der Terrassenboden übersät mit Resten. Und Wespen. Es ist abzusehen. Ein Besen und ein Schlauch werden in den nächsten Tagen dafür sorgen, dass die Sommerpause fürs Draußenessen vorbei ist. Und auch der Kirschbaum kann endlich wieder für das genutzt werden, wofür er das restliche Jahr dient: als Kletter-, Sitz- und Lesebaum.

Jadekompendium 12.07.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

OP-Hase

Der große Hasenmops ist neuerdings unser Sorgenkind. Verkapselung unter der Schnauze, gefüllt mit Eiter.
Eiter ist ja bei Hasen immer ein wenig kritisch. 
Also Operationstermin gemacht und alles großzügig weggeschnitten. Im Heilungsprozess bildete sich neben der Wunde eine erneute Verkapselung.
Neuer OP-Termin und diesmal bleibt die Wunde offen. Offen halten, spülen, alle zwei Tage zum Tierarzt.
Ich hoffe so sehr, dass diesmal alles gut geht. Fressen geht anscheinend nun deutlich besser (trotz halbem Lappen, der ihm aus der Wunde hängt), das Tier hat innerhalb von drei Wochen (vor OP 1: 5,3 Kilogramm) wieder sein Normalgewicht von knapp 6 Kilogramm erreicht. Das ist ... sportlich.

Jadekompendium 11.07.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Abschiede

Laut ist es in mir.
So laut, dass ich kaum Worte finde, die nach außen dringen können, um Ordnung in das Chaos zu bringen.
So viele Baustellen gleichzeitig, so viele Umstände, Zustände, Missstände... wir zerreißen uns und doch ist es nie genug.
Nie genug Zeit, nie genug Kraft, einfach nie genug...
Wir sind am Limit dessen, was wir bewältigen können.
Ich finde ein wenig Trost draußen, an der frischen Luft, bei den Tieren, an der Sonne, im Regen, im Grün des Gartens.
Das große Kind entgleitet mir und nicht so, wie ich mir das immer gewünscht habe.
Ich muss auch den letzten Rest noch loslassen und Vertrauen haben in das, was da vielleicht draus erwachsen kann.
In das, was wir gesät haben.
Die Familie verkleinert sich wieder, lange bevor ich dazu bereit gewesen wäre.
Frage mich, wo meine Schuld liegt. War ich zu streng? Zu nachsichtig? Zu... irgendwas?
Oder hat auch das alles gar nichts mit mir zu tun?
Ist das letzten Endes der Lauf der Dinge?
Meine Aufgabe ist es, bei mir zu bleiben.
Bei meinem Leben. Nicht als Mutter oder Frau. Sondern meinem ureigenen Leben als Mensch.
Das geliebte große Kind, das eigentlich noch gar nicht so groß ist, will nun selber erwachsen sein.
Ohne Rücksicht auf irgendetwas oder irgendjemanden.
Und auch hier heißt es: mein moralisches Wertesystem muss nicht Ihres sein.
Sie darf ein eigener Mensch sein. Auch einer, der lügt und betrügt.
Nur auf lange Sicht nicht mehr hier in unserem Haus.
Das ist für uns inakzeptabel.
Und das wird sie genauso akzeptieren müssen wie wir andersherum.

Jadekompendium 10.07.2018, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Puzzleteile

Die Kriegerprinzessin ist seit einer Woche am Meer auf Klassenfahrt. Und zusätzlich zum "es fehlt ein Kind" und "ich vermisse mein Kind", fehlt sie mir ganz besonders. Sie ist das Kind, das mir am ähnlichsten ist. Auch das, mit dem ich am häufigsten aneinander rassle, das liegt wohl in der Natur dieses Umstands.
Und sie ist das Kind, das die meisten meiner eigenen Leidenschaften teilt. Allen voran Tiere. Und so fehlte sie mir, als die neuen Küken geschlüpft sind, sie fehlte mir, als ich mit einem der großen Rammler zum Tierarzt musste, sie fehlt mir bei der abendlichen Fütterungsrunde und beim Erzählen der vielen großen und kleinen Begebenheiten, die den ganzen Tag so passieren. Egal, ob der Hund wieder ins Wachtelgehege eingebrochen ist, die Katzen Mist gemacht haben oder ich über Stallumbauten nachdenke. Keines der anderen Kinder hat auch nur annähernd so viel Interesse an anderen Lebewesen wie dieses Eine. Tiere, Pflanzen, Menschen - alle. Keines, das sowohl um das Wohl von Insekten besorgt ist als auch bissige Pferde hätschelt. Aus purer Liebe zu dieser Welt und allem, was darin lebt.
Das große Tochterkind findet alles niedlich, so lange es klein und flauschig ist und sie Abstand davon halten kann, der große Sohn hat Angst vor den meisten Tieren - wenn auch ein großes Herz für sie, der kleine Sohn liebt Eier sammeln und mit dem Hund spielen, ist aber noch zu klein für echte Verantwortung und dem autistischen Zusatzkind fehlt jede Art von Fähigkeit, sich mit Gefühlen oder Bedürfnissen anderer Wesen auseinanderzusetzen.
Ich bin sehr dankbar, dass dieses eine Puzzleteil am Ende der Woche wieder bei uns ist.

Jadekompendium 21.06.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Spätzchen, die zweite

Der Spatz, den die Kriegerprinzessin vor einiger Zeit mit aus der Schule gebracht hat, hatte sich innerhalb zweier Tage wieder so berappelt, dass er nicht mehr umfiel, in unserem Haus umherflatterte und endlich lautstark nach seiner Mutter rief.
Also haben wir ihn dorthin gebracht, wo sie ihn gefunden hatte und innerhalb von Sekunden holte ihn seine Mutter ab und sie flogen gemeinsam auf den nächsten Ast.

Das ist ein Glücksgefühl, das für mich kaum zu toppen ist. Wann immer die Kriegerprinzessin nun während der Pausenzeiten die Spatzen sieht, die um ihre Schule herum leben, muss sie an ihren Felix denken, sagt sie. Und ist froh, dass er seine Mama wiederhat.
So darf das sein.

Jadekompendium 20.06.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

gescheitert

Es sind vielleicht die bittersten und zugleich erlösendsten Worte, die Eltern aussprechen können, wenn sie müssen. "Wir sind gescheitert." Gescheitert... woran? An dem Anspruch, ein Kind auf das Leben vorzubereiten. An dem Anspruch, aus einem Kind ein soziales Mitglied der Gesellschaft zu machen. An dem Anspruch, ein Kind dazu anzuleiten, sich selbst versorgen und glücklich machen zu können. Die "Krisenintervention", die hauptsächlich dazu diente, ein angeblich hochsuizidales Kind für 48 Stunden wergzusperren und uns dann mit allem wieder alleine zu lassen, hat viel in Bewegung gesetzt. In dem Kind, in uns, in der Familie. Wo vorher schon Unwohlsein war, ist jetzt offene Ablehnung. Das schale Gefühl, von einer narzisstischen 16jährigen einfach nur an der Nase herumgeführt worden zu sein, bleibt. Seit dem ist Vieles zerbrochen, von dem ich vorher nicht dachte, dass es schon angeschlagen sei. Ich habe mich geirrt. Mal wieder. Wir haben zwei Jahre lang versucht, einen psychisch anscheinend schwer gestörten Menschen in eine Familie zu integrieren, die gar nicht zusammenwachsen konnte, weil das auf mehr Ebenen sabotiert wurde als ich mir hätte vorstellen können. Jetzt sind die Fronten klar. So viel Bedauern über so viel vergeudete Lebenszeit und Energie.
Wir gehen weiter.

Jadekompendium 18.06.2018, 12.00| PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Ein Lebewohl auf Vorstandsebene

Die letzten Nächte waren schlecht, die Tage nicht besser. Die Schritte aus dem Gebäude - der Abschied - die letzten Worte - die waren leicht. Beschwingt. Schwerelos, fast. Ich habe alle meine Posten geräumt, meinem Nachfolger alles Gute gewünscht und alle Aktenordner voll mit Unterlagen einfach dagelassen. Gezweifelt habe ich an der Richtigkeit dieser Entscheidung im letzten Herbst nie, nur die Gedanken an die letzte Zusammenkunft, die ich heute leiten muste, waren schwer. Jetzt ist alles Schall und Rauch. Und das fühlt sich gut an.

Jadekompendium 15.06.2018, 17.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

"vermutlich gutartig"

Die Worte "vermutlich gutartig" mit dem Nachsatz: "also schon wahrscheinlich harmlos" sind nicht besonders gut dazu geeignet, mein Kopfkino zu beruhigen. Das große Tochterkind hat am Knochen "vermutlich gutartige" Wucherungen von "irgendwas", was man aber genauer leider erst herausfinden kann, wenn man das operiert. Das machen wir morgen früh um eine sehr unchristliche Zeit und da das Tochterkind mit einer ganzen Palette von Besonderheiten aufwartet (Herzfehler und ähnliche Spässchen), bin ich etwas aufgeregt.
Sie nicht so.
Nebenher läuft der Alltag weiter - Klassenfahrten, Berufsberatung, Hobbies, Sport, Psychotherapie und der ganz normale Wahnsinn.
Noch genau ein Monat bis zu den Sommerferien, die die Kinder und ich weiß Gott dringend nötig haben. 

Jadekompendium 13.06.2018, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Mein erster Hummelstich

Inzwischen bin ich fast 40 Jahre auf diesem Planeten und bin schon von so ziemlich jedem Tier mal gebissen oder gestochen worden, das es hier in Europa so gibt.
Seit gestern Nacht, als ich eine pummelige kleine Hummel aus dem Wassernapf des Tochterkaters gerettet habe, kann ich auch den Stich einer Hummel dazuzählen.

Die Hummel mochte den Deckel, auf dem ich sie gerettet habe, leider gar nicht und kletterte schnurstracks auf meine Hand.
Auch nicht schlimm, ich transportiere Bienen und Hummeln auch ohne Probleme direkt auf der Hand, das ist noch nie schiefgegangen, aber diese hier war irgendwie motzig und als ich sie draußen in den Nachthimmel hielt, stach sie als Abschied einmal beherzt zu.

Und scheiße, tat das weh.
Bienen und Wespenstiche sind ja ein Dreck dagegen.

20 Minuten und sämtliche erste-Hilfe-Maßnahmen später konnte ich meine linke Hand bis zum Unterarm überhaupt nicht mehr spüren, erst kribbelte alles, dann wurde es taub.
Und tat dabei furchtbar weh.
Jetzt, eine Nacht später, fühlt es sich nur noch nach einem Zwischending zwischen "mir ist jemand mit einem Laster über die Hand gefahren" und "ich habe meine Hand 5 Minuten in kochendes Wasser gehalten" an.

Und ich fürchte, ich werde Hummeln wohl nie wieder als die flauschigen kleinen Pummelchen sehen können, die sie bislang für mich waren.

Jadekompendium 09.06.2018, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Daten werden gelöscht...

Eine öffentliche Person zu sein, war nie mein Ziel.
Es hatte viele Vorteile und Annehmlichkeiten und mindestens genauso viele Nachteile.
Das Erkanntwerden ist nicht meins. Und jetzt, wo ich Ehrenamt, Engagement und Präsenz in der Öffentlichkeit aufgegeben habe, muss ich mir jeden Zentimeter Boden, auf dem ich beinahe unerkannt laufen darf, hart erkämpfen.
Es wird nicht mehr lange dauern, da werde ich in den Köpfen der Menschen in der Annonymität der Vergangenheit verschwinden, aber der Weg dorthin ist unangenehm.
Noch so viele Menschen, die der Meinung sind, mich zu "kennen", noch so viele, die da anknüpfen wollen, wo ich niemals echt war - das ist ein steiniger Weg und manchmal denke ich, es ist der Preis für diese Zeit. Sie hatte ihre Berechtigung und nun ist sie vorbei, weil mir klar wurde, wie sehr diese Öffentlichkeit an mir gezogen hat.
Mich verzogen hat.
Das Handy löscht gerade einen dreistelligen Teil meiner eingespeicherten Kontakte und das fühlt sich einfach nur großartig an.
Ein Stück Freiheit.

Jadekompendium 08.06.2018, 15.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Spätzchen

Die Kriegerprinzessin kam heute ziemlich aufgelöst aus der Schule.

In der Hand hielt sie ein Bündel Tier.
Ich dachte zuerst wieder an einen Frosch, eine tote Ratte, eine Maus, was auch immer dieses Kind normalerweise mit nach Hause bringt, aber es war ein Vogel.

Da sie genau weiß, wie fatal es ist, vermeintlich unbeaufsichtige Jungvögel mitzunehmen, war ich auf die Geschichte gespannt.

Der kleine Kerl ist vermutlich aus dem Nest geplumpst und hat sich dann in einem Drahtgitter verfangen. Dort hing er fest und lag entkräftet in der Sonne. Die Kriegerprinzessin befreite ihn vorsichtig und überprüfte dann, ob er schon fliegen kann. Konnte er nicht. Außerdem kippte er immer wieder um. In einem Stadtviertel, das vor streunenden Katzen nur so wimmelt, auch eher schlecht. So hat sie sich dann entschieden, ihn mitzunehmen.

Also wohnt hier jetzt ein kleiner Spatz, der alle halbe Stunde von seiner neuen Ziehmami gefüttert wird und inzwischen schon wieder ganz wach seine Umgebung beobachtet.
[und auf den ich morgen während der Schulzeit natürlich aufpassen muss...]

Jadekompendium 06.06.2018, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

WMDEDGT 06/2018

Es ist der 5. des Monats und jeden 5. heißt es bei Frau Brüllen drüben: "Was machst du eigentlich den ganzen Tag?".

Der Tag beginnt relativ ungünstig mit migräneartigen Kopfschmerzen, die mich zweimal im Monat heimsuchen und bevor der Mann sich um 6 Uhr morgens zur Arbeit aufmacht, reicht er mir vorher noch zwei Tabletten ins Bett. Ich habe noch 10 Minuten, in denen ich hoffe, dass die Medikamente wirken (ein Hoch auf die Pharmaindustrie!), bevor ich aufstehen muss. Die Kinder dürfen aus Gründen erst ab 6:30 Uhr ins Erdgeschoss kommen und für das autistische Zusatzkind bedeutet "frühestens" eben jeden Morgen "exakt dann". Als ausgeprägter Morgenmuffel habe ich ganz gerne noch einige Minuten für mich alleine, bevor ich einem zwanghaften Tischdeck-Ritual beiwohne, das mich wahnsinnig macht. Ich sinke in die Kissen zurück, überlasse mich den Schmerzmitteln und kann 15 Minuten später tatsächlich einigermaßen aus den Augen kucken. Eine Etage über mir rumort es schon seit einiger Zeit.
Der närrische kleine Tuk ist dazu übergegangen, neueste Fußballtricks zu üben und ich höre von den anderen 3 Kindern, die mit ihm im Obergeschoss wohnen müssen, energische Zurechtweisungen.

Als Antwort schießt er mit der Nerfpistole auf Geschwister, die aus ihren Zimmern kommen. Ich höre Gekreische.
Ich stehe auf, hole den kleinen Braunbären, der mal ein Hund werden wollte, aus seinem Bett und wanke ins Untergeschoss. Der hochmotivierte Hund holt seine Frühstücksschüssel, scheppert damit an die Heizung, rast wie bekloppt einmal durch die Diele und rennt mich dann über den Haufen. Ich fülle sein Frühstück in die Schüssel, gebe ihm das Kommando, dass er es essen darf und rette mich ins Badezimmer. Ich höre bereits die ersten Kinder im Kinderbadezimmer oben und möchte einfach nur schlafen. Und keine Kinder haben.

Das Frühstück verläuft relativ undramatisch, die Kriegerprinzessin nimmt heute ihre Geburtstagsmuffins mit in die Schule, das autistische Zusatzkind bekommt den Auftrag, sich für diese Woche noch zu verabreden und wir üben noch ein paar Konversationsvarianten ein, der närrische kleine Tuk hat einen kurzen Heulanfall, weil er seine neue Deutschland/WM-Fußballkleidung nur im Sport und nicht gleich zum Unterricht anziehen darf und Zusatzkind1 hat anscheinend einen furchtbaren Tag, so wie immer. Ich überprüfe kurz, ob irgendwo neue Schnittverletzungen an ihr zu sehen sind und mache drei Kreuze, dass wir heute wieder Psychotherapiesitzung haben und nur noch 3 Wochen bis zur stationären Aufnahme zu überbrücken sind. Der Kobold tropft irgendwann mal wieder viel zu spät ins Esszimmer, starrt verliebt auf sein Handy, an dem anscheinend seine Freundin gerade wieder ein Herzchen geschickt hat, rennt gegen den Türrahmen und hat noch genau 10 Minuten für Tabletten, Frühstück, Anziehen, Zähneputzen und fertigmachen.
Der Heuschnupfen hat inzwischen seinen Höhepunkt erreicht und der arme Kerl kann kaum noch atmen.
Nebenher habe ich alle Butterdosen für den heutigen Tag fertiggemacht und die Kinder haben wie die Heuschrecken den Frühstückstisch leergegessen.
Nacheinander verabschieden sie sich und das Haus wird ruhiger.

Ich beginne meine Tierversorgungsrunde, füttere die Wachteln, suche nach Eiern, reiche ein paar Mehlwürmer an und lasse die Hasengruppe in den Garten. Der Hund weicht mir nicht von der Seite, bis er ein Stück Hasenapfel bekommt, den er dann empört wieder ausspucken kann. Jeden Tag das gleiche Spiel.
Der Kater des großen Tochterkindes hat inzwischen sein Frühstück beendet und geht wieder jagen. Meine alte Katzendame, die in unserem Schlafzimmer wohnt, sieht vom Fenster aus zu und maunzt laut.

Nach einer heißen Dusche, die den Rest Kopfschmerzen vertreibt, begrüße ich das Tochterkind, das verschlafen im Nachthemd die Treppe herunterkommt, weil es Dienstags nur von der 5. bis zur 10. Stunde Schule hat und fahre einkaufen.
Eine Stunde später lade ich die Einkäufe aus, verräume sie, stelle die 3. Waschmaschine und die 2. Geschirrspüle des Tages an und bereite das Mittagessen vor.
Dabei bespreche ich mit dem Tochterkind ihre Operation nächste Woche und ihren aktuellen Wochenplan. Sie hat sich vor drei Tagen endgültig entschieden, die Schule in vier Wochen zu beenden und das Abitur nicht zu machen und nun ... ist es doch sehr knapp mit Ausbildungsplätzen.
Ich möchte nicht mit ihr tauschen, war während der gesamten Diskussion "Team Abitur", weil ich weiß, wie gut mir gerade die letzten beiden Jahre vor dem Abi getan haben, aber hey, ihr Leben, ihre Entscheidung. Wird halt hart jetzt, aber sie muss da nicht alleine durch.
Ihr leiblicher Vater versucht gerade, ihr Steine in den Weg zu legen, wo es ihm möglich ist, das ist eine zusätzliche Belastung, die eine knapp 16jährige auch nicht mal eben wegstecken kann.
Auch da gibt es viel Gesprächsbedarf und mir wird einmal mehr klar, warum ich mich vor 14 Jahren von diesem Mann getrennt habe.
Achja, nebenher fällt ihr noch ein, dass sie vergessen hat mir zu sagen, dass sie morgen mit der Schule nach Köln fährt.

Ich mache unsere Buchhaltung - wie jeden Tag - und stelle meine Budgetplanung auf die neuen Umstände wegen der Ausbildung des Tochterkindes um.
Irgendwann verlässt dieses dann auch endlich das Haus, es ist 11 Uhr, eine der Schulen ruft an. Der Kobold könne unmöglich weiter am Unterricht teilnehmen, seine Augen seien so geschwollen, dass er nichts mehr sehen könnte.
Ich lasse alles stehen und liegen und setze mich ins Auto, fahre die 8 Kilometer zu seiner Schule und muss mich bemühen, beim Betreten des Sekretariats nicht laut loszulachen.
Der Kobold und zwei seiner besten Freunde - allesamt hochgewachsene kräftige Kerle in der Pubertät, die der ein oder anderen Prügelei nicht abgeneigt sind - sitzen da auf der Bank wie ein Häufchen Elend und halten sich Taschentücher an die tränenden Augen. 
Ich nehme Meinen mit und fahre nach Hause.
Dem großen zeternden Sohn verabreiche ich die Notfall-Augentropfen, die wie bescheuert brennen und verfrachte ihn bei geschlossenen Türen und Fenstern ins Wohnzimmer, bis sich alles beruhigt hat.

Wieder ins Auto - den närrischen kleinen Tuk abholen. Normalerweise läuft das Kind die zwei Kilometer, heute wird es wegen Psychotherapie des Zusatzkindes zu knapp. 
Spontan entscheide ich, den kleinen Sohn beim Kobold zu lassen, der ja jetzt ungeplant zuhause ist.
Dann muss das arme Kind nicht wieder eine Stunde mit mir im Auto unterwegs sein und eine weitere Stunde in einem Wartezimmer sitzen. 
Ich liefere den kleinen Sohn beim großen Sohn ab, gebe letzte Anweisungen bezüglich Hausaufgaben und fahre das Zusatzkind1 von seiner Schule abholen.

Um 11:50  Uhr steigt es ins Auto, um 12 Uhr stehen wir bei dem Mann vorm Büro und fahren zu dritt zur Psychotherapie.
Nach 15 Kilometern und einer halben Stunde Fahrzeit durch die Baustellen der Nachbarstadt kommen wir an.
Dass das Zusatzkind suizidal ist, ist bekannt, da leben wir jetzt schon einige Zeit mit, und als es dann erklärt, wie es sich in den Kopf schießen will, sehe ich mein Bauchgefühl bestätigt, dass es massiv schlimmer wird und bin froh, den Mann gebeten zu haben, heute mitzukommen. 

Eine Stunde später sitzen wir im 5 weitere Kilometer entfernten Krankenhaus in der psychiatrischen Notaufnahme und führen ein Gespräch mit einer furchtbar jungen aber recht kompetent erscheinenden Ärztin, die eine Aufnahme befürwortet.
Das Kind nickt erleichtert, wir nicken erleichtert, die nächsten 48 Stunden dürfen alle Seiten mal zur Ruhe kommen, mehr sieht diese Krisenintervention erst einmal nicht vor. 

Der Mann bleibt als allein Sorgeberechtigter mit ihr vor Ort, ich fahre 20 Kilometer nach Hause, sammle die 4 Kinder ein, die gerade dort sind (und sich alle ordentlich was zu essen und Hausaufgaben gemacht haben - ein Hoch auf größere Kinder!) und packe Sachen in eine Tasche.

Weil heute eine Freundin des großen Tochterkindes alleine vorbeikommt, wenn das Tochterkind noch in der Schule ist und diese dann vor verschlossenen Türen stehen wird (und ich auch keine Handynummer von ihr habe), packe ich Essen und Trinken in eine Kühlbox und schreibe einen großen Zettel, dass wir im Krankenhaus sind und sie es sich auf der Schaukel bequem machen soll bis die Tochter kommt. Der Hund wird noch einmal durch den Garten gejagt und dann werden alle Kinder ins Auto gepackt. 

Wieder 20 Kilometer durch die Baustellen zum Krankenhaus, wo das Kind schon auf Station ist und der Mann die vergangene Stunde an der Straße wartete.
Als wir zu ihr auf die Station gingen, um ihr eine ruhige Zeit und alles Gute zu wünschen, unterhielten sich Sohn1 und Zusatzkind2 lautstark über das Verbot von Schnürsenkeln und das Fehlen der Fenstergriffe im Gebäude und ich war kurz davor, die Hälfte der Kinder in unser Auto zu sperren.

Unser Erscheinen und das ihrer Geschwister löste prompt wieder einen großen Stressschub aus und so verabschiedeten wir uns recht zügig von ihr. 

Auf dem Nachhauseweg bekomme ich einen Anruf des großen Tochterkindes, was denn passiert sei.
Ich erkläre kurz, was los ist dass wir jetzt noch kurz etwas essen fahren würden und dann in einer Stunde da wären.
Sie bekommt einen hysterischen Lachanfall.
Sie hätte ihren Schlüssel vergessen. Ich wünsche viel Spaß im Garten und wenn sie mal müssten - vor dem Rhododendronbusch könnten sie gehen...

Eine Stunde später sind wir zuhause und zwei hibbelige Mädchen empfangen uns schon am Tor. 

Wir haben noch 5 Minuten, bis sie zum Kampfsport müssen und der Mann hat immer noch alle seine Sachen in seinem Büro liegen, weil er ja eigentlich nur während der Mittagspause mitgefahren ist und nach der Therapiestunde weiterarbeiten wollte.
Der Mann kommt gerade noch rechtzeitig, bevor das Gebäude geschlossen wird und kaum wieder zuhause, fährt er die Mädchen (die inzwischen frisch gemacht, satt und nicht mehr durstig sind und ihre Sportklamotten gepackt haben) zum Dojo.

Ich ziehe die allabendliche Tierrunde ein paar Stunden vor, verfrachte alle Tiere in die passenden Ställe, verteile Futter und frisches Wasser, wir scheuchen die Kinder durch die Dusche, Hunger hat keiner mehr und dann schieben wir sie in ihre Zimmer. Für heute ist Schluss.

Nicht für uns. Der Mann backt sich noch Brot für morgen, ich falte noch ein bisschen frische Wäsche weg.
Wir haben jetzt noch die Vorbereitung für die morgige Kassenprüfung vor uns und dann gibt es entweder noch einen Film oder einen gemütlichen Abend im Garten auf der Hollywoodschaukel.

Ein bisschen Redebedarf habe ich bezüglich des heutigen Tages nämlich auch noch.

Jadekompendium 05.06.2018, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Gebundene Hände

Es ist endlich soweit. Post vom Anwalt und Notar ist da - das Amtsgericht hat den Erbschein ausgestellt.

Knapp 10 Monate nach dem Tod von Uroma. 
Aufgrund seines Wohnsitzes im Ausland hatte mein Vater 6 Monate Zeit, das Erbe auszuschlagen und hat diese Zeit auch genutzt. 

Den Rest der Zeit verbrachten wir mit eidesstattlichen Erklärungen vor einem Notar, Anträgen, Einreichungen, Beantragung meiner Geburtsurkunde bei einem Standesamt, das es gar nicht mehr gibt, dem Bezahlen von Gebühren, dem Hinterhertelefonieren hinter unseren Anträgen und ... Warten. 

Warten, warten, warten.

Nun der erlösende Brief, mit dem wir Omas rechtliche Seite bearbeiten dürfen.
Jetzt darf dieses Kapitel nach langer Zeit zu seinem Abschluss kommen. Auch wenn es hauptsächlich darum geht, alle Außenstände bezahlen und Omas gesammelte Aktenordner endlich schließen zu dürfen. Was lange währt...

Jadekompendium 25.05.2018, 13.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Pfingsten

Mir ist aufgefallen, dass ich keine einzige Pfingstrose in meinem Garten habe. Darum muss es heute das Bild einer Blüte eines meiner Rhododendren tun. Der Garten meines Großvaters war voller Pfingstrosen. (Und Rhododendren.) (Und aller anderen Pflanzen, die im Laufe ihres Lebens eine Blüte hervorbringen.) Meine Großmutter liebte Schnittblumen über alles und so pflanzte er über die Jahrzehnte hinweg alle ihre Lieblingsblumen in seinen Garten. Meinem Vater brachte er bei einem seiner Besuche bei uns einmal eine seiner Pfingstrosen mit. Eine Sorte mit riesigen dunkelroten gefüllten Blüten. Sehr beeindruckend und ich vermute, mein Vater hasste sie. So wie er alles andere auch hasste, was schön war oder von meinem Großvater kam. Mein Großvater schnappte sich unbeeindruckt der Einwände meines Vaters einen Spaten und grub sie einfach in unserem Garten ein.

Der Gedanke, dass sie vielleicht immer noch dort steht, wo er sie vor so vielen Jahren hingesetzt hat, ist ein schöner.

Jadekompendium 23.05.2018, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wenn Träume platzen

Ich möchte nie wieder ein Tier haben. Ich verkrafte ihren Tod einfach nicht. Wenn dann in kurzem Abstand auch noch zwei von ihnen sterben - meine Liebsten - dann möchte ich einfach gar keine Tiere mehr halten. Nie wieder.

Jadekompendium 22.05.2018, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Der Autismus-Spaziergang

Ich zweifle inzwischen sehr an der Tauglichkeit unseres neuen Kinderarztes. Mein liebster Lieblingskinderarzt schloss vor zwei Jahren seine Praxis und seitdem sind wir zu unserem Kardiologen gewechselt, von dem ich immer sehr begeistert war, wenn ich mit allen meinen Herzfehlerkindern einmal im Jahr dort auftauchte.
In der täglichen Praxis lerne ich ihn leider von einer ganz neuen Seite kennen. So habe ich mir im Beisein des autistischen Zusatzsohnes heute Morgen angehört, dass "sein" Autismus ja ohnehin kein "richtiger Autismus" sei, wo die "Leute so sabbern und so". Und dass er dann ja eine "Insel-Hochbegabung" hätte. Das sei doch super. Dann würde er eben später was mit Programmierung machen.

Der Zusatzsohn sah mich verstört an und ich schüttelte unmerklich den Kopf. Keine Panik hochkommen lassen, ich kenne das Kind inzwischen seit zwei Jahren und sehe, wenn sich etwas festsetzt. Womit wir dann auch noch Monate später zu kämpfen haben, wenn der liebe Herr Doktor leider nicht dabei sein kann, wenn das Kind innerlich kollabiert.
Ich habe die darauffolgende halbe Stunde Fahrzeit damit zugebracht, ihm zu erklären, dass er auf gar keinen Fall "was mit Programmierung" machen muss, sondern natürlich bei seinem Berufswunsch bleiben darf. Das hat ihn auch noch beschäftigt, als ich ihn vor der Schule abgesetzt habe. Vielen Dank.

Vielleicht lade ich unseren Arzt einfach mal ein, wenn der 14-jährige das nächste Mal einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil es zu warm oder zu kalt ist, das Kuscheltier weg ist, ich die falsche Seife gekauft habe, das Badezimmer um "seine" Duschzeit besetzt ist oder er das nächste Mal denkt, er hat einen Gehirntumor, wenn er Kopfschmerzen hat oder querschnittsgelähmt ist, wenn er sich in den Finger geschnitten hat.

Oder ich wechsle einfach den Kinderarzt.

Jadekompendium 15.05.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Autismus

Im Nebel stochern

Es gibt Tage, an denen frage ich mich, warum ich das alles mache. Tage, an denen es nur so wenig Hoffnung gibt und alles nur um dieses eine Thema kreist. Und die Gedanken laut werden, dass das eigentlich gar nicht mein Problem sein sollte.

Jadekompendium 14.05.2018, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Muttertag

Seit zwei Jahren Mutter zweier Kinder, die sich jeden Tag wünschen, dass ich anstelle ihrer Mutter tot wäre. Und mich das auch spüren lassen. Das ist etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe und mit dem ich trotzdem leben muss. Weil die Entscheidung damals ... richtig... ? war.
Manche Tage sind schwerer als andere.
Muttertag heißt aber auch: Seit 16 Jahren Mutter der wundervollsten Kinder, die ich mir jemals wünschen konnte. Erden- wie Sternenkinder. So gesegnet.

Jadekompendium 13.05.2018, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Von Kindheitsträumen

Mein geliebter Großvater hat - seit ich denken kann - Kaninchen gezüchtet. Nicht diese winzigen Viecher mit Schlappohren, sondern Deutsche Riesen zur Fleischgewinnung. Und jeder der seltenen und wunderbaren Besuche bei meinen Großeltern war geprägt von der Versorgung seiner zeitweise über 100 Tiere. Der Gang am frühen Morgen zu den Ställen, seine beruhigenden Lockrufe, wenn er nach den Jungen sehen wollte und eine garstige Mutter ihm den Weg versperrte, seine Erzählungen, was die Tiere für Eigenheiten haben - das war meine Welt, da war ich glücklich, da war ich zuhause. Seit ich 10 bin, halte ich selber diese Tiere. Und ich liebte und liebe jedes Einzelne davon. Große Kaninchen sind für mich Seelenbalsam. Inzwischen in ein großer Traum in Erfüllung gegangen, seit wir das Gesindehaus komplett zum Stall umgebaut haben und eine Kaninchengruppe dort lebt. Wenn ich früh morgens diese Tür öffne und unsere Kaninchen in den Garten hoppeln und ich von ihnen neugierig begleitet werde. Das ist das Allerschönste, das ich mir für meinen Garten vorstellen kann.

Jadekompendium 10.05.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Von der Selbstverständlichkeit der Mithilfe

Wir machen gerade Holz und ich liebe es, mit welcher Unermüdlichkeit die Kinder ihren Beitrag leisten. Selbst der närrische kleine Tuk schnappt sich jeden Tag seine Lieblingssäge und sägt seine zwei oder drei Stücke Holz in passende Abschnitte, damit das Holz gespalten und gelagert werden kann. Und so gehen wir jeden Tag den großen Holzstapel im Garten von den Baumfällungen an und tragen ihn ein Stückweit ab. Die Großen wie die Kleinen. Diese Dinge funktionieren einfach nur gemeinsam.

Jadekompendium 09.05.2018, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: erziehen und ziehen lassen

Mehr Eier

Die neuen Küken sind am Wochenende geschlüpft und auch diesmal haben wir Einige verloren. Diesmal spielte der Kater dabei leider eine entscheidende Rolle. Die übrigen 14 Stück sind mobil, laut und hüpfen freudig in der Gegend herum. Zwei Sorgenküken sind noch dabei, die nächsten Tage werden zeigen, ob sie sich durchkämpfen. Natürlich hoffen wir auf möglichst viele weibliche Tiere, denn darum haben wir ja noch einmal gebrütet.
Unsere beiden großen Hähnchen sind mit der aktuellen Anzahl an Damen nicht wirklich ausgelastet und setzen ihnen doch sehr zu, da müssen wir etwas aufstocken.
Außerdem reicht die Eimenge für einen 8-Personen-Haushalt zurzeit noch nicht aus.

Jadekompendium 08.05.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Warten

Ich warte.

Ich warte auf die Kinder, dass sie mittags nach Hause kommen, ich warte auf den nächsten Brief von meinem Vater, ich warte auf das Eintreffen der Monatsbestellungen für diese achtköpfige Familie, ich warte, dass mein Körper weiter verheilt, ich warte auf meine langersehnte Schaukel, ich warte abends auf den Mann, ich warte...

In diesem Warten nicht das Agieren zu verlernen, sich nicht nur als Spielball äußerer Umstände zu begreifen ist dieser Tage die wahre Kunst.
Und so schaffe ich mir kleine Inseln in dem Meer von Ereignissen, auf deren Eintreffen ich warte, die dem reinen Selbstzweck dienen.
Dinge, die nur ich lenke, die nur ich bestimme, unabhängig von Zeit und Raum.

Der kleine Braunbär, der einmal ein Hund werden wollte, ist stets an meiner Seite. Beschnüffelt neugierig jedes neue Werkzeug, das ich in die Hand nehme, steht im Weg, setzt sich zu mir, stuppst mich an, lässt sich kraulen, ist Gefährte und Trost gleichermaßen. In der kleinen Pause, die mir noch bleibt, bis die ersten zwei Kinder wieder zuhause eintreffen und ich kochen, abwaschen, Hausaufgaben begleiten, erzählen, erklären und zuhören muss, teilen wir uns ein belegtes Brot.
Mit viel Curryketchup, so wie er es mag und mit viel Salat, so wie ich es mag.

Er spuckt den Salat wieder aus und blickt mich vorwurfsvoll an.
Ich seufze und lasse mich in den Moment fallen.

Ich höre das erste Kind den Weg zum Haus hinauf kommen. Singend.

Was für ein Glück. Was für eine Bürde.

Jadekompendium 09.04.2018, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

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