Von der Freiheit

Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben beinhaltet das Recht auf einen selbstbestimmten Tod.

Auch während der Veränderung vieler moralischer Wertvorstellungen im Laufe meines Lebens blieb dieser Punkt für mich persönlich ethisch immer unangreifbar.

Der frei gewählte Tod ist ein Menschenrecht.
Menschen zu zwingen, auf entwürdigende oder schmerzhafte Art und Weise ihr Leben zu beenden, ist einfach nur grausam.

Wir brauchen Möglichkeiten, Menschen für diese Entscheidung ein sicheres Hilfsmittel an die Hand zu geben. Letzten Endes kann und darf diese Entscheidung nur ein Mensch für sich selber treffen. Seit ich klein war, habe ich die verschiedensten Gründe für diesen Weg gehört. Angst vor dem Altsein oder vor Schmerzen. Auch die Variante, auf dem gefühlten Höhepunkt des Lebens gehen zu wollen, war dabei. Meistens drehte es sich allerdings um das Gefühl, die letzten Jahre seines Lebens nicht in Hilflosigkeit und Abhängigkeit von anderen verbringen zu wollen.

Ich habe an meiner Großmutter schmerzlich erfahren müssen, wie qualvoll sterben sein kann. Über Jahre hinweg. Mit dem offen kommunizierten und ausdauernden Wunsch, bitte doch einfach nur endlich sterben zu wollen.

Wie oft hat sie mich gebeten, ihr zu helfen und ich konnte nicht.
Ich konnte einfach nicht, weil es hier keine Möglichkeit gibt, jemandem diesen Wunsch zu erfüllen, ohne sich selber eines schweren Verbrechens schuldig zu machen.
In Absprache mit dem Arzt habe ich ihr dabei geholfen, diesen Weg hier bei uns im geschützen Rahmen selber zu gehen. Er hat ihr genau erklärt, welche Tabletten für das Fortbestehen ihres Lebens unerlässlich sind und dass niemand sie zwingen kann, diese Tabletten zu nehmen.
Wir haben sie auf diesem Weg begleitet und es war eines der schwersten Dinge, die ich jemals ertragen musste.
Der langsame und qualvolle Verfall, der nur mit Unmengen an Schmerzmitteln erträglich wurde.

Mein Vater hat immer klar kommuniziert, dass er dieses Leben beenden wird, wenn er zu krank ist, um alleine das Leben seiner Wahl zu führen.

Ich kenne die genauen Kriterien für diese Entscheidung und ich weiß, wie er sich das Leben nehmen wird. Ich habe keine Angst davor, weil ich weiß, dass dies der letzte Akt und Ausdruck dessen ist, was er für richtig hält. Der Inbegriff von Freiheit und Selbstbestimmung. Es ist egal, wie ich darüber denke. Es ist nicht mein Leben.
Er lebt alleine, abgeschieden von jeder Zivilisation und Krebs ist ein Thema.
Inzwischen auch ohne ärztliche Begleitung, weil er die ablehnt.
Ich weiß, dass jeder Austausch der Letzte sein kann.

Es macht mich achtsam - und unglaublich dankbar, diese Chance mit ihm noch bekommen zu haben.

Jadekompendium 23.09.2020, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Ein unmoralisches Angebot

Ich habe in meinem Leben viele außergewöhnliche Angebote abgelehnt.
Es gab da allerdings diesen älteren französischen Geschäftsmann, der oft bei uns zu Gast war. Ein charismatischer Mann mit dem Ego eines ruhigen, tiefen Sees.
Alles an ihm strahlte Souveränität, Erfahrung und Männlichkeit aus.

Er plauderte nett mit mir am Telefon, flirtete charmant, kam pünktlich, war höflich und während er mit den ein bis zehn gebuchten Damen verschwand, unterhielt ich mich ebenso nett mit seinen Bodyguards, die bei mir meistens eine Cola tranken, Zigarette rauchten und eine sympathische Schwäche für den neuesten Klatsch aus Königshäusern hatten.

Wie immer ging nach drei Stunden die Tür auf und er sah genauso perfekt aus wie bei seiner Ankunft. Frisch geduscht, mit einem Geruch wie Himmel und Erde gleichzeitig.
An diesem Tag trat er dicht vor mich, sah mir tief in die Augen und flüsterte: Ich würde Ihnen alles bezahlen, was Sie verlangen, wenn ich mit Ihnen schlafen dürfte.

Ich lächelte. Dieser französische Akzent würde mich irgendwann noch mal umbringen. Nein, sagte ich. Ich weiß nicht, ob ich ihm jemals hätte widerstehen können, wenn er mir kein Geld geboten hätte. Ich vermute nicht. Aber so funktionierte seine Welt eben. Ein Telefonat, heute Abend? Nur Sie und ich? Ich lasse Ihnen jetzt das Gleiche da, was ich für mein amusement eben bezahlt habe und dafür erzählen Sie mir heute Abend eine Gute-Nacht-Geschichte? Nichts... Eindeutiges. Nur Ihre Stimme.
Ich habe das Geld genommen. Es war ein Monatsverdienst. Und es war tatsächlich eine Gute-Nacht-Geschichte. Er war immer der perfekte Gentleman. 

Mit der Zeit wurden wir vertrauter miteinander. Wir telefonierten mehrmals die Woche, zusätzlich zu seinen Besuchen im Etablissement. Und nach einigen Monaten offenbarte er mir seinen drängendsten Wunsch: Er wollte mit mir zu Abend essen, ein Candlelight Dinner. Er würde seinen Privatkoch herbringen lassen. Und um uns herum würden Menschen Sex haben. Die Summe, die er mir dafür bot, war genug Geld, um für ein Jahr meinen Lebensstandard zu halten.

Das berufliche Leben dieser Zeit ließ mich in eine ganz andere Welt eintauchen als die, in der ich meinen Alltag lebte und ich genoss jede Sekunde davon. Alles war so lebendig, so intensiv, so sünd- und lasterhaft, eine Parallelwelt neben meiner. Ich hatte die Verbindung dieser beiden Welten durch unsere Telefonate bereits zugelassen, zögerte nun aber, den nächsten Schritt zu gehen. Die immer höher werdende Summe und meine Abenteuerlust ließen mich schließlich ja sagen. 

Und so saß ich am mit Abstand seltsamsten Abend meines Lebens in voller Abendgarderobe, hochgesteckten Haaren, Diamanten um den Hals und einem Glas Champagner in der Hand an einem Tisch, aß das Essen eines Sternekochs, hörte eine Klaviersonate von Mozart und unterhielt mich angeregt mit dem attraktivsten Mann, den ich bis dahin kennengelernt hatte über charmante Belanglosigkeiten, während um uns herum Menschen miteinander Sex hatten.

Als ich diesem Leben den Rücken kehrte, bedauerte ich den Abschied von ihm am meisten.

Jadekompendium 21.09.2020, 10.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Drahtseil

Einmal im Monat klingelt hier das Telefon mit einer Nummer, die mir Schauer über den Rücken jagt. Zwei oder dreimal im Jahr nehme ich dieses Gespräch an.
Heute war so ein Tag. 

Ein Mensch mit meiner schieren Anzahl an Persönlichkeitsstörungen und Diagnosen findet außerhalb von Psychiatrien selten jemanden, der einen ähnlich langen Weg hatte. Schon gar niemanden, der ein auch nur annähernd vergleichbares Leben gewählt hat wie ich.

Sie sind so ein Mensch. 

Ein Gleicher, im schlechtesten Sinne. Und es triggert schon ihre Stimme alle Anteile nach oben. Auch die, die immer unter Verschluss sind. Die Morbiden, die Hässlichen, die Gewalttätigen, die Psychopathischen, die Sadistischen.
Wir haben keine Zeit für Floskeln.
Eine Stunde, maximal eineinhalb Stunden wird auch dieses Gespräch wieder dauern.
Dann bin ich zu erschöpft von der Energie, die es meiner Seele abverlangt, alle Wächter auszuschalten. 

Ich melde mich. Wir schweigen. Wir wissen. Wir sammeln uns. Zwischen uns darf alles ausgesprochen werden. Auch jene Worte jenseits jeden Anstands, jeder Moral und jeder Ethik. Die Welt schrumpft auf den zähen Morast unserer Verbindung. Sie bewegt sich auch im Alltag in einer destruktiven und sadistischen Welt und ist deutlich stärker als ich, einige Dinge auszuhalten. Ich weiß, dass sie jedes Licht in sich aufsaugt, das ich ihr zugestehe. Ich weiß, ich bin gleich leer. Ausgebrannt. Zu Tode erschöpft. Aber auch für einen Moment eins, wo sonst nur 1000 Scherben sind.

Erzähl mir, wie es dir geht. 

Und ich rede. Zerstörerisch. Alles vernichtend. Da ist keine Liebe. Nur Hass. Nur Schwärze. Worte, die niemals sonst über meine Lippen kämen. Es ist roh, es tut weh. Und sie treffen auf einen Resonanzboden. Da ist kein Urteil, keine Wertung, kein Rat, nur Verstärkung. Sie nimmt mich unbarmherzig auseinander, zwingt mich, meine Beweggründe zu analysieren, reißt mir die wohlformulierende Fratze des Alltags vom Herzen und sticht dort hinein, wo es wehtut. Ich sehe mich nie so klar wie in diesen Momenten. Das kann keine Supervision, keine Therapie, keine Freundschaft, keine Liebe, das kann nur ein Gleicher. 

Meine Kräfte schwinden. Der schlimmste Teil kommt erst noch. Ich höre von der Gewalt in ihren Beziehungen. Zu Männern, Kindern, Frauen. Sich selbst gegenüber. Ich habe keine Möglichkeit zur Dissoziation mehr und jedes Bild wird von mir durchlebt, erlebt. Bin Täter, Opfer, Kind, Mutter, erlebe und tue Unaussprechliches. 
Wir sind eins in diesen Momenten und ich spüre immer deutlicher, dass ich die Verbindung beenden muss, wenn ich wieder zurückwill. 

Ich habe mich vor unendlich langer Zeit für die andere Seite entschieden. 
Sie will dort nicht hin. 
Sie ist ich, ich bin sie, auf unterschiedlichen Ausprägungen eines Lebens, das uns das Furchtbarste angetan hat, das ein Mensch ertragen muss. 
Sie braucht die Dunkelheit wie ich das Licht brauche. Wenn wir uns in der Mitte treffen, erhaschen wir einen Blick auf die jeweils andere Seite unserer Entscheidungen. 

Ich kann nicht mehr
- Ist gut. 
Ich liebe dich, sage ich. Und meine uns alle. 
- Ich liebe dich auch, sagt sie. Und meint uns alle. 
Bis zum nächsten Mal, flüstere ich. 
-In zwanzig Jahren werden wir lachen, flüstert sie zurück. 
Ja, sage ich. 

Und dann legen wir auf.

Jadekompendium 18.09.2020, 11.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

18

Meine Tochter.

Ich habe dich mein ganzes Leben lang ersehnt.
Dich geliebt, lange bevor du geboren wurdest.

Heute wirst du 18.
Volljährig. 

Du bist der schönste Mensch auf dieser Welt, dein Lachen klingt wie Musik in meinen Ohren, dein Herz ist groß und voller Neugier auf und voller Liebe für dieses Leben.

Dein erster Name für deinen Körper bedeutet Anmut – und du tanzt tatsächlich voller Eleganz und Anmut durch dein Leben, willst es zu deinem Beruf machen. 

Dein zweiter Name für deinen Geist bedeutet Weisheit – du vereinst unendlich viel Wissen, Gaben und Talente in dir, besitzt einen hellwachen und scharfen Verstand mit einer großen Portion Mitgefühl.

Dein dritter Name für deine Seele bedeutet Stein, der brennt – und er könnte passender nicht sein. In dir lodert ein Feuer, ganz tief und es brennt hell und heiß, aber nicht alles verzehrend. Niemandem ist es möglich, diese Flamme zu ersticken, vergiss das nicht. 

Was ich dir wünsche? 

Flieg hoch - so hoch du kannst.
Hör immer auf deinen Bauch.
Bereue nichts.


Jadekompendium 04.09.2020, 08.20| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe

Die Luft ist raus

Das Adrenalin auch. Was mache ich nun mit meinen Erkenntnissen? Erstmal in Ruhe durch meine Gedanken bewegen.

Das Bild, das gestern gezeichnet wurde, wirft noch mal ein ganz anderes Licht auf so Vieles, das ich bislang klar erkannt zu haben glaubte.

Ich halte Dinge meiner Großeltern in Händen, für die ich unglaublich dankbar bin. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Dinge, die mit ihnen zu tun haben und die an schicksalhafte Fügungen erinnern, immer zu Zeiten kommen, in denen ich sie tatsächlich brauche, sie mir guttun und mir helfen, nicht durchzudrehen.

Ich kämpfe noch etwas mit der persönlichen Begegnung. Jemand, der meinen Fluchtimpuls auslöst, betritt diesen Ort normalerweise nicht. Es war mit dem Schild in Form des Mannes auszuhalten, aber nicht schön.

So oder so. Es ist vorbei.
Ob der Aufruhr in mir nun wieder in der Versenkung verschwinden darf, werde ich sehen.
Jetzt erst mal durchatmen und nicht mehr 24 Stunden am Tag in Adrenalin baden.
Das ist ja auch schon mal was.

Jadekompendium 01.09.2020, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Dünnes Eis

Die Nerven liegen blank.

Ich bin jedes nur denkbare Szenario im Kopf hundertfach durchgegangen.
Gleichzeitig werden die Erinnerungslücken im Alltag größer.

Irgendetwas ist da massiv getriggert worden und ich komme weder dem Mechanismus noch der entsprechenden Programmierung wirklich näher.
Wie ich es drehe und wende, ich komme nicht heran und auch wenn ich diese großen schwarzen Löcher in meiner Erinnerung kenne, vor denen ich jederzeit stehen kann und die ich weder anfassen, umrunden noch irgendwie deren Inhalt erahnen kann, ist das momentan sehr unbefriedigend.
Manchmal platzt eines auf, das ist aber meistens noch verheerender.

Es gibt einen Grund für unerreichbare Erinnerungen.
Und wann immer ich die die verstörende Erfahrung gemacht habe, dass ein weiterer Teil meiner Vergangenheit plötzlich für mich erreichbar war (die Therapeuten haben dann voller Euphorie davon gesprochen, dass ich nun bereit sei, diese Dinge zu verarbeiten; was mal mehr, mal weniger schlecht funktioniert, wenn man vor Entsetzen entweder nicht mehr handlungsfähig ist oder dieses mit einer weiteren Abspaltung einhergeht), war das rückblickend betrachtet immer etwas, auf das ich gerne verzichtet hätte.
Eine Dinge bleiben besser im Verborgenen und vielleicht ist das gut für mich.
Aber wahrscheinlich nicht für den Teil von mir, der sie erlebt hat.
Ich weiß, dass dieser Aspekt (und gerade die fehlenden Monate und Jahre) einer tickenden Zeitbombe ähnelt, die sich irgendwo mitten in meinem Gehirn befindet und die jederzeit losgehen kann.
Oder eben auch nicht.
Wenn ich Glück habe, bleibt es mir erspart.
Wenn ich Pech habe, auch.

Die jetzige Situation, die auch aus anderen Gründen ohnehin angespannt ist, sorgt für einen holprigen Alltag. Manchmal ist es plötzlich 12 Uhr und ich weiß nicht, was ich bis dahin getan habe, seit die Kinder das Haus verließen. Manchmal wache ich morgens auf und es fühlt sich nicht an, als wäre ich die ganze Zeit im Bett gewesen.
Es ist lange her, dass ich so zerfasert war.
Ich habe Strategien, mich oben zu halten, aber die meisten davon sind schmerzhaft und mit hohem Energieaufwand verbunden.
Ich mache drei Kreuze, wenn sich diese Situation geklärt hat.

Jadekompendium 28.08.2020, 11.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Der süße Teufelskreis

Ich bin ein extrem gewalttätiger Mensch.
Schon immer gewesen.
Ich kann hart, schnell und vernichtend zuschlagen und das ist nicht metaphorisch gemeint.

Vor 18 Jahren trat ungeplant ein Wesen in meine Welt, das alles auf den Kopf stellte, was ich bis dahin kannte. Liebe, bis dahin ein theoretisches Konstrukt, das ich maximal als Deckmäntelchen für missbräuchliche Beziehungen benutzt habe, bekam plötzlich einen Namen und ein Gesicht. Im Augenblick ihrer Geburt wusste ich, dass ich dieses kleine Wesen mit meinem Leben schützen würde.
Auch gegen mich selber.

Da wir nicht in einem rosaroten Film leben, war meine Aggressivität leider nicht einfach weg. Sie ist ein Teil von mir und wird es immer sein. Aber dieser Teil meiner Seele, der in meinem Kind plötzlich außerhalb meiner Selbst existierte, trat in einen unerbittlichen Wettstreit mit mir selbst. Ich wusste, ich würde niemals die Hand gegen diesen Menschen erheben können. Und das habe ich auch nie, gegen keines meiner Kinder.
Das heißt nicht, dass ich niemals das Bedürfnis hatte, es zu tun.
Im Gegenteil. Vermutlich wäre das auch zu einfach gewesen.

Meine Kinder verstehen es meisterhaft, mich innerhalb kürzester Zeit zur Weißglut zu treiben. Wie alle anderen Kinder testen sie Grenzen und pieken instinktiv dort, wo es wehtut. Gewalt ist meine erlernte und früher immer erfolgreiche Antwort, aber keine Lösung innerhalb dieser Mutter-Kind-Beziehungen.

Gleichwohl lodert in mir ein Jähzorn, der ununterbrochenen Fokus und Disziplin benötigt, um nicht unkontrolliert aus mir herauszubrechen. Was als Strategie bleibt, ist eine gewisse innere Distanz, sehr viel schwarzer Humor und ... essen.

Ich habe auch aus anderen Gründen kein normales Verhältnis zur Nahrungsaufnahme, aber hier ist das Prinzip schlicht und einfach: Zucker macht glücklich, viel Zucker macht sehr glücklich und betäubt vor allem den schreienden Hass, der in mir wohnt.

Aus vielen gesundheitlichen Gründen komme ich nun an meine Grenzen, was diesen Lösungsansatz angeht.

Also habe ich beschlossen, dass ich inzwischen über genug Abstand, Fähigkeiten und ausreichend alte Kinder verfüge, dass ich aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann. Ich kann mich aus Situationen herausnehmen, ohne ein hilfloses Kind im Stich zu lassen. Ich kann auch räumlich auf Abstand gehen, ohne dass gleich eine Katastrophe passiert. Ich muss nicht mehr essen, um präsent zu bleiben und dabei niemanden zu verletzen.
Wie alle jahrzehntelang erprobten und für gut befundenen Mechanismen ist auch dieser hier nur schwer zu bekämpfen.

Mein eigenes Arbeitszimmer war ein guter Schritt in diese Richtung.
Ich kann mich in einen ganz eigenen Raum zurückziehen, wenn es mir zuviel wird.
Dort kann ich durchatmen, Abstand gewinnen und mich fokussieren.

Ich habe elementaren Hunger auf mehr als nur Zucker und das ist nach all den Jahren unter gedämpfter Wahrnehmung schwer auszuhalten.
Mein Körper macht das hervorragend, mein Geist kämpft.
Jeden Tag, jeden Moment.

Die Gier nach echter körperlicher Konfrontation, wie ich sie immer geliebt habe, geifert an manchen Tagen fast unerträglich nach einem Opfer.

Ich kann das aushalten.

Und ich werde das aushalten.

Jadekompendium 26.08.2020, 15.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Eiertanz

Innerlich schreiend im Kreis rennen ist etwas, das ich höllisch gut kann.
Die letzten Tage waren ziemlich schlimm in dieser Hinsicht, aber inzwischen habe ich mich soweit sortiert, dass ich fast so etwas wie gespannt bin, was jetzt kommt. Ich habe alle kryptischen Nachrichten entschlüsselt, alles von dem, was nach dem Senden sofort wieder gelöscht wurde, zumindest geistig abgespeichert und der Mann hat Urlaub, damit ich nicht alleine gehen muss, wenn Zeit und Ort übermittelt werden.
Funkstille jetzt. Ruhe. Vor dem Sturm? 

Vielleicht liege ich total falsch, aber ich glaube, zumindest die ungefähre Richtung habe ich. Vor meinem inneren Auge ziehen so viele aufgerührte Erinnerungen vorbei, dass ich mich im Alltag durch massives Hintergrundrauschen bewege. Tausend Eindrücke, Momente, Fragmente schwirren in meinem Kopf herum und ich taste mich wie durch ein Minenfeld an den Dissoziationsauslösern vorbei.

Das Einzige, das ich tatsächlich nicht brauchen kann, ist der Wechsel zu Jemandem, den ich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen habe.

Jadekompendium 25.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Feuer!

Der übereifrige Rauchmelder, der heute Nacht um 02:30 Uhr mal Probealarm auslöste, hat mir einige Flashbacks beschert. Das ist der Gesamtsituation gerade nicht zuträglich.

Und auch, wenn ich natürlich sofort im Hier und Jetzt bin - 60 Sekunden haben wir Zeit: Hund aus Schlafzimmerbox lassen, Kinder beim Namen laut rufen, der Nase einen Moment Zeit geben, sich zu orientieren, den Rauchmelder ausfindig machen, nebenher anziehen und sich währenddessen klar und deutlich mit dem Mann absprechen – so ist doch nach wie vor meine Konditionierung so stark, dass nebenher das Szenario einer Parallelzeit abläuft.

Die Alarme, mit denen ich in meiner Kindheit nachts aus dem Schlaf gerissen wurde, waren ganz unterschiedlich. Feuer, Angriff, Flucht.
In der Sekunde, in der man die Augen aufschlägt, hat das Gehirn schon unendlich viele Informationen verarbeitet.

Griff mein Vater an, um meine Reflexe zu testen? War es Feueralarm? Welcher Weg war offen? Musste ich das Feuer löschen oder wieder übers Dach in den Garten zum Treffpunkt? Wie lautete die Aufgabe? Musste ich auf dem Weg noch Gegenstände mitnehmen, um den Test zu bestehen?
Das alles erforderte vor allem Entscheidungen in Sekundenbruchteilen, etwas, das ich auch heute noch sehr gut kann.

Nichtsdestotrotz ist Feuer eines meiner größten Katastrophenszenarien.
Ich bin in brennenden Räumen gewesen und kenne den Moment kurz vor dem Ersticken zu gut.
Ich kenne Brandwunden und ich kenne ihren beißenden Schmerz, der sich mit nichts anderem vergleichen lässt.

Ich fühle mich nach der Nacht heute entsprechend gerädert, auch wenn gar nichts passiert ist.
Diese Erinnerungen zehren stark an meinen Kräften, die ich momentan für ganz andere Dinge bräuchte.

Jadekompendium 24.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wahl

Je tiefer der Morast wird, je unebener der Weg, je höher die Gipfel, desto mehr Worte braucht es, die Welt zu bändigen. Der Text als formbares Element in einer unformbar wogenden Mischung aus Hilflosigkeit, Erinnerung, Erfahrung, Fähigkeiten und Chaos. Der Alltag als Erdung, jede Pause als Sog in den reißenden Strudel der eigenen Gedanken.

Die Erkenntnis ist der entscheidende erste Schritt. Hier werden meine Programmierungen aufgerufen, hier triggert die Konditionierung. Ich bin wieder das dressierte Äffchen, der Pawlowsche Hund einer Kindheit, in der alles darauf ausgerichtet war, so viel Fähigkeiten, so viel Erfahrungen, so viel Wissen, so viel Funktionalität wie nur irgend möglich zu erreichen.

Mein unperfektes und langweiliges heutiges Leben, das allem entspricht, was ich niemals werden sollte, ermöglicht mir den Schritt zurück und den Blick auf mich selber. Ich kann und darf einfach innehalten und mir die Situation ansehen. Muss mich nicht von Adrenalin überschwemmen lassen, muss nicht funktionieren, muss nicht springen, nur weil das Stöckchen da ist.

Ich habe die Wahl, ob ich zu diesem Treffen gehe. Kann mich frei entscheiden. Muss mich weder an Regeln, die ich nicht selber aufgestellt habe, halten, noch überhaupt irgendetwas tun, was mir nicht gut tut. Muss den Text nicht entschlüsseln, kann das Geheimnis dort lassen, wo es gerade ist und kann auch entscheiden, dass mich das alles überhaupt nicht interessiert.

Und wenn ich gehe, dann nicht allein, wie gefordert.

Ich bin nämlich nicht mehr allein auf dieser Welt.
Ich habe den mächtigsten Wächter der Welt an meiner Seite.
Den einen Menschen, der alles gesehen hat und alles wissen darf.

Ich bin nicht mehr alleine.

Jadekompendium 22.08.2020, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Das gibts nur in Filmen

Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal jemanden, mit dem ich vorher am Tisch saß, in den Nachrichten wiedererkannte.
Ich denke, das muss so Mitte der 80er Jahre gewesen sein.
Natürlich habe ich diese Menschen verwechselt.
Manchmal nicht genau hingesehen, mir das eingebildet oder war wahlweise einfach nur ein dummes Kind, das keine Ahnung hatte.

Ich verstummte zuhause schnell und vertraute mich irgendwann Jahre später meiner besten Freundin an, als wir im Geschichts- und Politikunterricht auch über aktuelles Zeitgeschehen sprachen.
Sie hat mich ausgelacht und mir versichert, dass ich ja immer so unterhaltsam und originell sei. Das war mein Stempel und meine Schublade. Ein Phantast.
Charmant, ja. Charismatisch, ja. Unterhaltsam, sicherlich. Aber leider irre.

Die Bezeichnung Lügner wurde in meiner Familie inflationär benutzt, ohne das Wort jemals auch nur auszusprechen. Ich habe gelogen, wenn ich auf einen Missstand aufmerksam machte, ich habe natürlich auch in der Schule gelogen, als ich meinem Vertrauenslehrer anvertraute, ich würde zuhause bedroht, mein Vater sei ein Soziopath, ein schwerer Alkoholiker und gewalttätig, komische Menschen kämen in unser Haus und meine Eltern stünden kurz vor der Scheidung, weil mein Vater mal wieder eine Affäre hatte.

Der erfolgreiche Mann im Anzug, den jeder kannte und der Unmengen an Geld an die Schule spendete, brauchte sich niemals rechtfertigen. Es reichte, wenn er eine Augenbraue hochzog und fragte, ob ich wieder Geschichten erzählen würde. Ja, natürlich, nickte der Vertrauenslehrer dann mit einem verständigen Blick zu ihm und einem mitleidigen Blick auf mich.

An den meisten Tagen wusste ich selbst nicht mehr, ob ich mir nicht vielleicht doch alles nur einbilden würde.
Das prägt ein Kind.
Und das eigene Selbstbild.
Ich sah Menschen in Fernsehen und Zeitungen, mit denen ich in Restaurants gegessen habe und die mir übers Haar gestrichen hatten.
Ich erklärte mir selber, ich dürfte meiner Wahrnehmung niemals trauen, egal was passiert.
Ich hielt mich für verrückt und hoffte einfach nur, nicht irgendwann Amok zu laufen, weil die Stimme in meinem Kopf so laut das Gegenteil behauptete. 

Es war nicht die Erkenntnis. Es waren mehrere.
Die rasiermesserscharfen Shuriken, mit denen mir als Vorschulkind von der Kollegin meines Vaters das Werfen beigebracht wurde und die sie mir als Geschenk überreichte, bevor sie verschwand und ich sie nie wiedersah.
Die Waffen in unserem Haus.
Der eine Sommer, in dem ich plötzlich aus der Schule genommen wurde, weil unsere gesamte Familie dabei sein musste, als in Stockholm ein wichtiges Treffen war. Wie ich in Stockholm entweder in einem Hotel voller Männer mit Anzügen herumlief oder in Begleitung von 5 gigantischen Männern und meiner Mutter durch die Stockholmer Innenstadt bummelte.
Die Treffen bei uns zuhause, die dunklen Limousinen, die vor unserem Haus parkten.
Die vielen, unendlich vielen Männer in Anzügen, die mir Sätze in ihren Sprachen beibrachten.
Die Tracht Prügel, als ich vergaß, meinen Blick gesenkt zu halten und mich vor unserem Gast zu verbeugen und stattdessen mit hocherhobenem Kinn meine Hand ausstreckte und mich mit meinem Namen vorstellte. 
Mutig., sagte er damals in seiner Sprache und ich verstand das erst, als ich ihn als Erwachsene in der Zeitung wiedersah, weil man seine Leiche gefunden hatte.

Mein Leben kam mir immer wie ein 100.000-Teile Puzzle vor, das ich ohne jede Vorlage zusammensetzen muss.
Ich habe inzwischen einen großen Teil geschafft, aber davon, das Bild zu erkennen, bin ich noch unendlich weit entfernt.

Jadekompendium 21.08.2020, 08.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

4 Jahre Ludwig

Mein geliebter Bär.
Mein Lulu.
Mein Kuschelbaby.
Mein Koloss.
Mein Ludwig. 

Du kamst in einer Zeit des Umbruchs zu uns.
Wir hatten gerade die Zusatzkinder aufgenommen und ich klammerte mich wie eine Ertrinkende an einen Hoffnungszweig, der mir etwas inneren Frieden schenken sollte. Nicht lange vorher haben wir uns schweren Herzens gegen Hundehaltung entschieden, obwohl wir bereits einen Welpen in Aussicht hatten.
Aber nach Monaten im neuen Familiengefüge und mitten in einem größeren Nervenzusammenbruch war klar, dass ich eine Insel im Alltag brauche.

Und dann habe ich dein Foto gesehen. Du warst viel älter, als ich eigentlich wollte, aber es war etwas an dir, das mich nicht mehr losließ.
Also wagten wir den Sprung.

Und dann war unser Zusammenwachsen eine einzige Enttäuschung.
Stress pur.
Wo ich kuscheln wollte, wolltest du beißen, wo ich Ruhe brauchte, sprangst du vehement auf mir herum, hast meine Sachen zerstört, alles vollgepinkelt, warst garstig und unbelehrbar und eine Katastrophe auf vier Pfoten.
Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass das das Einzige war, das mich durch diese Zeit gebracht hat.
Dein Anspruch an mich.
Für dich bin ich das ganze Universum.
Und wannimmer ich weinend auf dem Boden saß und nicht mehr konnte, warst du da.
Vor niemandem sonst konnte ich zusammenbrechen. Nur vor dir.
Und du warst da. Immer. 
Deine feuchte Nase, dein unbelehrbarer Dickkopf, deine Aufmerksamkeit, deine Liebe.
Deine Liebe... 

Ich war vor dir schon Hundehalter, aber diese Seelenverwandtschaft zu einem Tier, die hast erst du mir gezeigt.
Diese Momente, in denen wir in der Arbeit zu einer Einheit zusammenschrumpfen, du mit deinen Antennen für jede meiner Stimmungen, ahnst Befehle oft früher als ich sie geben kann, doch wartest immer geduldig auf den einen Moment, in dem ich dich frei gebe.

Du bist ein Berserker mit einer Zärtlichkeit, die mir den Atem raubt.
Raues Spiel ist dir nur mit mir erlaubt und ich weiß, ich sehe nur einen winzigen Ausblick auf deine wahren Kraft, selbst wenn ich einige Male sehr ungünstig zwischen deinen Kiefern hing.
Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis du dir gewahr wirst, dass du aus Versehen mich mit erwischt hast. 

Deine Liebe zu mir ist unendlich. Meine zu dir auch. 

Du hast lange gebraucht, um erwachsen zu werden und durftest dir Zeit lassen.
Nun, mit 4 Jahren bist du ein unglaublich reifer Hund.
Einer, der nachdenkt, bevor er handelt.
Der auch aus Gründen Gehorsam verweigern kann.
Ich schätze es sehr an dir, dass du nichts versuchst, was du dir selber nicht zutraust.

Du hast einen sehr wachen Beschützerinstinkt.
Ich habe dich einmal im Angriff gesehen und mir gefror das Blut in den Adern.
Einmal nur.
Jemand kam einfach auf unser Grundstück, hat mich und dich überrascht und du bist in vollem Lauf von der obersten Treppenstufe mit maximaler Geschwindigkeit auf diesen Mann zugeschossen.
Es war meine Stimme, die dich gestoppt hat.
Mitten im Sprung hast du abgebrochen.
Gebleckte Zähne, alle Haare aufgerichtet. 

Du bist 40 Kilo pure Gewalt.
Und eine Seele voller Hingabe.
Zu mir. 

Ich weiß nicht, womit ich einen Hund wie dich in meinem Leben verdient habe, aber ich bin jeden Tag unendlich demütig und dankbar für dich.

Ich liebe dich.
So sehr.

Herzlichen Glückwunsch zum 4. Geburtstag, mein kleiner Braunbär, der du mal ein Hund werden wolltest.

Jadekompendium 20.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: auf den Hund gekommen

Schulbesuch, Corona-Edition

Als der kleine Sohn gestern über den Hausaufgaben saß, lief ihm die Nase.

Kein Schnupfen, kein Husten, keine gelbe oder grüne Verfärbung, kein gar nichts, aber ihm lief halt die Nase.
In den Merkblättern der verschiedenen Schulen ist das ein Ausschlusskriterium für den Schulbesuch, bis sich "ein klareres Bild" ergibt. 

Also blieb der Sohn heute zuhause, wir meldeten eine "laufende Nase" an die Schule mit einem Direktor, der sehr klar äußert, sich von der Politik völlig alleingelassen zu fühlen und haben nun die Anweisung, ihn 24 Stunden zu beobachten und wenn dann weder Symptomveränderungen oder neue Symptome oder Fieber hinzukommen, geht er wieder hin.
Als Dauer-HNO-Patient aufgrund seiner Hörschädigung und einiger Probleme in diesem Bereich, die durchaus Symptomen wie Erkältungen ähneln können, sehe ich unruhigen Zeiten entgegen.
Denn weder bringe ich das Kind nun bei jedem Schnott-Tropfen zum Arzt noch vermute ich gleich eine Infektion dahinter, aber im Sinne eines funktionierenden gesellschaftlichen Gesamtschutzes muss er sicherheitshalber zuhause bleiben.
Und wenn es nur die 24 Stunden zur weiteren Beobachtung sind.

Aber was ist, wenn er tatsächlich eine Infektion hat und die sich dann auch tatsächlich nur in einer laufenden Nase äußert?
Dann schicke ich ihn nach 24 Stunden trotzdem zur Schule, denn die Kriterien sind ja: Wenn es nicht schlimmer wird, Husten oder Fieber dazukommt, ist das Kind schulfähig und verpflichtet, wieder die Schule zu besuchen.
Im asymptomatischen Krankheitsverlauf haben wir dann ein krankes Kind in die Schule geschickt, das alle anderen anstecken könnte.

Was ist die Alternative?
Jedes Mal einen Test zu machen?
Wir verlassen das Haus nur zum Einkaufen, für Arzttermine und Arbeit, halten Abstand, treffen niemanden, tragen Mundnasenbedeckung.
Das steht in keinem Verhältnis zu irgendetwas.
Andererseits haben wir viele Kinder in vielen unterschiedlichen Schulen, die jeden Tag Kontakt mit insgesamt hunderten anderer Menschen haben. 

Ist das das "Restrisiko"?

Ich bin etwas ratlos.

Jadekompendium 19.08.2020, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Émile

Wir haben unerwartet ein neues tierisches Familienmitglied bekommen - einen Angorahasen namens Émile. Ursprünglich war er nur in Urlaubsbetreuung hier, wohnt nun aber dauerhaft bei uns.
Émile bringt als Angoratier ein paar neue Features mit, die ich bislang nicht kenne.
Wir haben mit der Tierärztin erst einmal diskutiert, ob eine Freilandhaltung mit diesem Fell und ohne wärmende Unterwolle überhaupt das Richtige sein kann, aber die Voraussetzungen sind hier alle so, dass wir ihn wohl auch gut über den Winter bekommen.
Das Fell ist leider so ein Thema für sich.

Émile kam hier völlig verfilzt mit Entzündungen unter der Filzmatte und unterernährt an.
Nach fünf Wochen Päppeln haben wir eine kleine Schicht über die Knochen bekommen und gestern wurde er dann ganz nackig gemacht.
Die größten Klumpen an Po und Rücken hatte ich in stundenlanger Feinarbeit schon vorher entfernt, aber gerade an Bauch, in den Beugen und an den Geschlechtsteilen brauchten wir eine leichte Narkose, um ihn zu befreien. Ab jetzt ist dann regelmäßiges Kämmen angesagt. Er muss noch geimpft und kastriert werden und dann stehen wir vor der Entscheidung, mit wem er vergesellschaftet wird.

Er ist ein sehr schlecht sozialisiertes Tier, schon eineinhalb Jahre alt und ich bin mir nicht sicher, ob er in der Großgruppe bestehen kann, die von drei sehr dominanten und sehr schweren Häsinnen geführt wird.
Jede von ihnen bringt in etwa das Sechsfache seines Gewichts auf die Waage.
Einem ernsthaften Kampf - weil er sich zum Beispiel nicht eindeutig unterordnet oder missverständliche Signale sendet - wird er nicht gewachsen sein. Ich bin ganz froh, dass er nach der Kastration noch 8 Wochen alleine leben muss, in denen ich ihn weiter beobachten und er zu Kräften kommen kann.
Sein Verhalten hat sich mit jedem Gramm Gewichtszunahme deutlich verändert und er ist inzwischen ein fröhliches Kerlchen, das sich sehr bemüht. Jedes Imponiergehabe ist ihm fremd. Er bedankt sich für alles mit "Fell"pflege und sein Beißen ist eher ein sachtes Zwicken mit den Zähnen.
An sich gute Eigenschaften, um sich in eine bestehende Gruppe einzufügen.
Vielleicht wird das was.

Jadekompendium 18.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

5 Monate

Am 12. März haben wir beschlossen, die Kinder nicht mehr zur Schule gehen zu lassen, am 13. kam für NRW die Mitteilung über die Schulschließungen ab dem 16. März. 

Das ist nun fünf Monate her.
Fünf Monate Homeschooling mit allen Kindern, Sommerferien, Isolation hier zuhause, um sich nicht zu infizieren oder andere anzustecken.
Und heute? 
Heute ist der erste Tag im neuen Alltag.

Corona ist vielleicht nicht vorbei, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Leider.
Eine unserer größten Stärken verwandelt sich hier in ein unkalkulierbares Risiko.
Urlaubsreisen, Treffen, mangelnde Hygiene, Rundreisen, Sorglosigkeit, Freizeitparks und nicht einmal mehr das Bemühen, es so aussehen zu lassen, als würde man sich noch Gedanken machen.
Ich weiß nicht, wo das hinführt und wie es weitergeht.
Wie wir als Welt aus dieser Aufgabe hervorgehen.
Was das mit uns macht.
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir unterm Strich allzu gut dabei wegkommen.

Und habe ich vor Monaten noch gesagt, wenn diese Krankheit deutlich gefährlicher, tödlicher, stigmatisierender wäre, würden die Menschen anders handeln, glaube ich auch daran inzwischen nicht mehr. Der Großteil von uns ist ja schon völlig unfähig, diese Situation ununterbrochen im Bewusstsein zu halten. 

Die Kinder können nicht mehr aufgrund von Risikopersonen im Haushalt dauerhaft vom Präsenzunterricht befreit werden, also gehen sie zur Schule.
Mit Maskenpflicht im Unterricht. Ich bin gespannt auf die ersten Berichte. 

Meine persönlichen Fäden entwirren sich nur langsam. Ich bin alleine und merke, dass ich freier atmen kann, aber ich bin wie gelähmt. Weiß gar nicht, was ich als Erstes anfassen soll, es sind so viele Dinge und nur so wenig Zeit für diese zwei, vier, sechs? Stunden bis hitzefrei und wer weiß, wie lange die Kinder gehen, wann das Erste mal hustet, Schnupfen hat, 24 Stunden zuhause bleiben muss, wieder schwänzt... er ist noch so unkalkulierbar, dieser neue Alltag.

Vielleicht konzentriere ich mich mal auf das Wesentliche und backe erst mal einen Geburtstagskuchen für morgen.

Jadekompendium 12.08.2020, 09.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Be(An-)bauungsplan

Wir haben einen großen Garten.
Nicht riesig, aber schon groß. 
Das Haus steht mitten darin. 

Nun ist es so, dass wir den Hasen einen ebenfalls wirklich großen Teil des Gartens abgetreten haben und den Raketenhühnchen auch.
Die Kinder haben ihre Bewegungsstrecken und das 5-Meter-Trampolin, die Hunde haben ihre Rennstrecke und Schleichwege und wir haben natürlich Terrasse und Schaukelecke.

Da bleibt dann schon nicht mehr so wahnsinnig viel Platz übrig.
Jetzt habe ich aber die Ambition, möglichst viel Grünfutter für Frühling/Sommer/Herbst und Gemüse und Obst für uns anzubauen und fürs Einfrieren und Einkochen und Marmelade und Co. soll es auch noch reichen.
Und Sonnenblumen.
Es ist kein Garten ohne Sonnenblumen.

Ich kämpfe also um jeden Quadratmeter.

Im Hasengehege habe ich meine Pflanztische (in 1,50m Höhe wegen der Löffelterroristen) und ziehe die Pflanzen vor.
Von dort aus geht es dann auf umkämpftes Gebiet. Wird eine Pflanze geerntet, wird sofort die nächste Jungpflanze auf ihren Platz gesetzt.

In der Gartenerde (Bruchsteinstücke mit Lehm verdichtet auf Fels) geht es auf keinen Fall, dort wächst nicht mal Gras - außerdem darf keine Pflanze so stehen, dass die Hunde sie beim Toben umsemmeln oder schlimmer noch anpinkeln.

Also Hochbeete. (Hatte ich erwähnt, dass ein guter Teil des Gartens auch noch aus einem Hang besteht?)
Ich baue hier ein Hochbeet und dort Eines und habe Pflanzsäcke gefüllt mit guter Erde aus einem der 5 Komposthaufen. Und es ist immer zu wenig Platz. Immer.

Man kann sich jetzt darüber streiten, ob ich wirklich 300 Kohlrabipflanzen brauche oder 200 Kopfsalat oder 70 Kilo Kartoffeln, aber jedes Gemüse, das wir nicht essen oder haltbar machen, landet bei den Kaninchen und spart dort wiederum Futter.
Wer Kaninchen einmal über ein Feld mit Gemüse hat herfallen sehen, dem ist klar, dass es hier ein zu viel nicht gibt und warum diese Tiere abgeschossen werden. Also, nicht bei uns im Garten, aber sonst eben.

Jetzt kam ich dank Pinterest auf die großartige Idee, meine großen Pflanzen (Gurke, Zucchini, LuffaGurke) nicht eingeschränkt hochranken zu lassen, sondern ein Drahtgestell in zweieinhalb Meter Höhe über Teilen des Kaninchengeheges zu bauen und ihnen für den Sommer quasi ein Schattendach wachsen zu lassen. Sie kommen nicht an, die großen Pflanzen bekommen ihren Platz, spenden dafür Schatten und wir können bequem unter durch laufen und Gemüse ernten.

Eine zweite Gartenetage.

Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin!

Jadekompendium 07.06.2020, 18.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Schnitte

Ich habe heute die Funkien geteilt.

Nicht, dass das irgendetwas Besonderes gewesen wäre, das ich an anderen Tagen nicht tue, aber heute hat es mir ein Stück inneren Frieden geschenkt.
Nicht nur ein bisschen, nicht den allgegenwärtigen „Ich bin im Garten und so dankbar für Haus und Natur drumherum und das Wetter ist schön“-Frieden, sondern tiefes Glück. Das, das man spürt, wenn man mit sich und der Welt im Einklang ist. Wenn man geerdet ist. Viele dieser Redewendungen kommen völlig zu Recht aus der Natur.

Ich habe also aus einigen wunderbaren großen starken Pflanzen jeweils 4-6 „neue“ Pflanzen gemacht, wobei das ja gar nicht stimmt. Alles ist eins. Man gräbt den recht dichten und schweren Wurzelballen aus – ich habe das heute gemacht, weil es so viel geregnet hat und schön kühl ist – und lässt sich überraschen.

Es gibt zwei Arten von Pflanzen.

Die, die schon beim Ausgraben auseinanderfallen und bei denen man sich nur noch durch das Gewirr an Wurzeln schütteln muss, bis man ein halbes Dutzend neue Pflanzen in der Hand hält.
Sie sind perfekt. Jede Einzelne. Jede hat reichlich Blätter, schöne Wurzeln und ist an keiner Stelle mehr mit der ursprünglichen Pflanze verbunden.

Und dann gibt es die anderen. Der Wurzelballen ist so fest, so dicht verwachsen, dass selbst große Steine darin festgehalten werden. Das sind die Pflanzen, die ich am liebsten sofort wieder einbuddeln würde. Dort fällt nichts auseinander. Alles ist verbunden, dicke, saftige Rhizome ziehen sich von Pflanzenteil zu Pflanzenteil und es gibt nur eine Möglichkeit, diese Pflanzen zu teilen: Mit einem möglichst scharfen Messer.

Natürlich sieht man, wo sich die einzelnen Pflanzenteile voneinander trennen wollen, und genau dort schneidet man. Das ist für mich nie ein gutes Gefühl. Ist doch auch die Wahrscheinlichkeit, die Pflanze so zu verletzten, dass sie eingeht, sehr viel höher als im ersten Fall.
Und dann täte es mir um all die Jahre leid, die ich die Pflanze schon begleite – vom Samen bis hin zur prächtigen, ausladenden Staude.

Nur, weil so ein Depp wie ich plötzlich auf die Idee kommt, ein fest zusammengewachsenes Gefüge teilen zu wollen und dabei aus Unachtsamkeit einen Teil einfach tötet.

Aber ja, auch das ist Wachstum.
Das Trennen von (auch noch durchbluteten) Lebensadern.

Auf dass jeder einzelne Teil auf sich allein gestellt eine noch größere und noch prächtigere Pflanze werden kann, als es ihm im Verbund jemals möglich gewesen wäre.

Jadekompendium 06.06.2020, 20.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Qual

Es sind Nächte wie die vergangene, auf die Tage wie heute folgen.
Voller Hass, Selbstzweifel, Trauer und Wut.
Voller Hätte und Wenn und Wäre.
Voller Trauer vor allem.
Wenn ungeweinte Tränen aus zwei Jahren in die Augen steigen und man nichts dagegen tun kann.
Außer weinen. Was man sich geschworen hat, wegen diesem Menschen nie wieder zu tun.
Auch wenn es das eigene Kind ist.
War?
Ach, ich weiß es ja nicht.

Die Zweifel sind groß und die kleine Menge der Menschen, die zum tausendsten Mal die tragische Geschichte meines Verlusts anhören wollen, tendiert inzwischen gen Null. Was ich sogar verstehen kann. Ich kenne alle Es ist jetzt schon lange hers, alle Sie ist ja nicht aus der Welts und vor allem alle Das wird irgendwann schon wieders.

Und ich zerbreche allein beim Gedanken an einen weiteren Allgemeinplatz, eine weitere Floskel, eine weitere sensationslüsterne Nachfrage. Ich kann das nicht mehr und ich will das nicht mehr.

Natürlich haben wir das aufgearbeitet. Dutzende Stunden mit und ohne Supervision darauf verschwendet, die Lage und jedem nur denkbaren Gesichtspunkt zu beleuchten und zu zerkauen. Intellektuell ist alles gesagt.

Das Herz schreit immer noch. Laut. Verzweifelt. Es gibt keinen Trost.
Will in den Arm nehmen, festhalten, nie wieder loslassen.
Will die Zeit zurückdrehen und irgendetwas anders machen.
Egal was.
Alles, wenn es nötig sein sollte.
Es ist müßig. Sie kommt nicht zurück. Ich kann sie nicht zu Kontakt zwingen. Zu Antworten schon gar nicht. Zwei Jahre ohne mein Kind. Ohne zu wissen, wie es ihr tatsächlich geht. Nur mit der Ahnung, mit hingeworfenen Brocken von Jahr zu Jahr, mit Bruchstücken aus Polizeiberichten, und mit ganz viel vorgespieltem Alles in Ordnung. Mit Schweigen. Vor allem mit Schweigen.

Und einem in unendlich viele Stücke zersprungenen Mutterherz, das kaum noch in der Lage ist, irgendetwas zu empfinden.

Jadekompendium 01.06.2020, 07.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: ziehen - beziehen - erziehen

Geburtstag mal anders

Seit die Kinder 5 Jahre alt sind, geben sie Geburtstagspartys, die an Größe und Aufwand kaum zu überbieten sind.
Einfach, weil wir das lieben und es für uns etwas Großartiges ist.

Dieses Jahr ist alles anders. 
Normalerweise wäre ich Anfang Mai schon mitten in Vorbereitungen, Aufbauten, Spielkonzepten und Materialbeschaffung oder -ordnung.
Nicht dieses Jahr.
Wir feiern nicht.

Da die Kinder noch nie weitere Familie hatten (ich habe keine Geschwister, der Mann hat keinen Kontakt, unsere Mütter sind tot, die Väter wohnen weit weg), war immer klar, dass ein Geburtstag etwas ist, das man mit seiner Wahlfamilie - nämlich all seinen Freunden feiert.

Es ist spannend, zu erleben, was der Verzicht darauf in diesem Jahr mit uns macht. Ich habe sehr viel freie Energie und Zeit, die ich anderweitig investieren kann und genieße das mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Die Partyplanung für so viele Kinder war immer fester Bestandteil meines Jahresablaufs und letzen Endes natürlich auch ein Teil meines Geschenks an das jeweilige Kind.

Die Kinder nehmen auch diesen Aspekt mit eher stoischer Gelassenheit hin. Genau wie all die anderen Einschränkungen, denen sie gerade unterliegen. Ich werte es als positives Zeichen, dass sie sich auch in diesen stürmischen Zeiten kaum aus der Ruhe bringen lassen und im Grunde genommen doch all das hier haben, was sie brauchen.
Die Kanäle, über die sie mit ihren Freunden kommunizieren können, sind dieser Tage gefühlt immer offen und das fängt viel auf.
Das wird an ihren Geburtstagen ebenfalls tragen, dass die Menschen, die ihnen nahestehen, zwar nicht anwesend, aber da sind.

Jadekompendium 05.05.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Mai

Unbeeinflusst von dem Wahnsinn, der draußen tobt, erlebe ich hier im Garten gerade eine ganz wunderbare und friedfertige Zeit.
Ich habe Raum, Zeit und Muße, mich um meine Pflanzen und um die Gartenplanung zu kümmern. Und so verbringe ich bei passendem Wetter jede freie Minute draußen.
Die Setzlinge erfreuen mich jeden Tag, die Obstbäume haben einen außergewöhnlich reichen Fruchtansatz und auch die baulichen Veränderungen im Garten gehen voran. Der Garten geht gerade riesige Schritte auf dem Weg zu dem, wie er in meinem Kopf schon seit vielen Jahren aussieht. Und das ist ganz wunderbar.
Die Hecke hat inzwischen die zwei Meter überschritten - dieses Jahr wird das erste sein, in dem die Nachbarn nicht mehr mühelos von ihrem Stellplatz ins Hasengehege blicken können. Es ist eine grüne dichte Mauer, die so voller Leben ist, dass ich mich daran gar nicht sattsehen kann.
Die Gemüsepflanzen haben endlich einen hasen- UND hundesicheren Platz, es nimmt alles allmählich Form an. Ich bin durch das gute Wetter perfekt im Aussaatplan und habe einen ganzen Kopf voller Ideen und auch die gesundheitliche Verfassung, sie alle umsetzen zu können.
Große Gartenliebe. Im Mai sowieso. Einer der besten Monate des ganzen Jahres!

Jadekompendium 04.05.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in:

Lieber Opa,

es ist gerade etwas seltsam hier.
Vor 11 Tagen habe ich noch mehr als sonst an dich gedacht, weil wir da den ersten Geburtstag des kleinen Eisbären, der mal ein Hund werden möchte, gefeiert haben und dieser so schicksalsträchtig auf deinem Geburtsdatum liegt.
Der Kirschbaum war an diesem Tag voller Knospen, wie jedes Jahr.
Und wie jedes Jahr wird er in 5 Tagen - an deinem Todestag - in voller Blüte stehen.
Du bist in diesem Jahr 11 Jahre tot und immer noch so lebendig für mich wie du es immer warst.

Ich würde dir so gerne von deinem Sohn erzählen und davon, wie er seinen Frieden findet und wie ich meinen Frieden mit ihm mache, aber das weißt du vermutlich längst. 

Der psychopathische Mann im Anzug, vor dem du mich beschützt hast, aber nie retten konntest, der ist schon lange weg. Wir schaffen gerade etwas Neues, das ich bislang nur aus der Beziehung mit dir kenne. Ich frage mich, wie er so viele Jahrzehnte ein Leben leben konnte, das anscheinend so wenig seinen innersten Bedürfnissen entsprochen hat.
Und ich glaube, da liegt viel in deiner Verantwortung. Nicht Schuld. Aber Verantwortung.

Du warst immer so stolz darauf, dass er sein Leben lang verleugnet hat, was er wirklich wollte: Natur, Abgeschiedenheit und seine Ruhe. Natürlich hat ihn die Chemie interessiert, aber eher das Bombenbauen. Nicht der Teil mit Anzug, Vorstandsetage und internationalen Verhandlungen.

Den wolltest nur du für ihn. Und darauf warst du mehr als stolz. Das bessere Leben, das du immer für ihn wolltest, das hat er gelebt. Mit Luxus, Reichtum, Ansehen, perfekter Familie. Und es hat ihn unglücklich gemacht.

Inzwischen lebt er allein im Wald. Mit minimalen sozialen Kontakten. Mitten in der Natur. Versorgt sich selbst, hat seine Ruhe und ist ... glücklich. Ich wünschte so sehr, du könntest ihn so erleben. Und ich frage mich, ob dich das stolz machen würde. Oder ob das bessere Leben, das du für ihn wolltest, diesen Aspekt nie vorgesehen hatte. 

Er war in all seinem Unglück ein sehr schlechter Vater. Und ich glaube, du warst ihm auch einer.

Jadekompendium 14.04.2020, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe

Danke.

Wir haben in den vergangenen Jahren viele schmerzhafte Lektionen gelernt.

Ich glaube, ich habe mich nie richtig bei dir dafür bedankt, dass du um uns gekämpft hast, als ich uns schon fast aufgegeben habe.
Dass du ausgehalten hast.
Mich.
Dich.
Uns.
Den Schmerz. 
All meinen Hass, die Wut und die Dunkelheit. 

Dass du dich jeden Tag der schmerzhaften Auseinandersetzung mit mir gestellt hast, ohne jemals dein Rückgrat zu verlieren.

Du hast dort gestanden, aufrecht, stark, unbeugsam und ... demütig.

Wir sind andere, als wir davor waren und das ist etwas Gutes.
Wir haben es geschafft, unser Licht vor der Dunkelheit zu bewahren.
Das ist zum größten Teil dein Verdienst.

In all der Zeit hast du niemals an uns gezweifelt. Bist nie auch nur einen Schritt zurückgewichen. Egal, wie sehr ich getobt habe.
Und dafür bin ich dir unendlich dankbar. 

Man sagt, die besten Männer erwachsen aus ihren größten Fehlern. 

Danke, dass du da bist. Dass du zu mir gehörst. 

Ich liebe dich.

Jadekompendium 25.03.2020, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: ziehen - beziehen - erziehen

Corona

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Menschen es schaffen, mein Bild von dem, was wir so euphemistisch "Zivilisation" nennen, noch weiter nach unten zu korrigieren.

Ich bin zurzeit so fertig mit meinen Mitmenschen und meine Nächstenliebe ist weit über das normale Maß hinaus erschöpft. Die angespannte Situation fordert ihren Tribut, die Nerven der meisten Leute liegen blank und ich bin so unendlich dankbar, dass ich meine Kinder hier bei mir haben kann und sie nicht rauslassen muss.

Ich bin dankbar für Haus und Garten und ganz ganz viel Abstand zu den vielen Irren, die da draußen anscheinend nur noch von ihrem Reptiliengehirn gesteuert werden.

Jadekompendium 16.03.2020, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Die Tüte am Tor

Wir haben eine Nachbarin, von der niemand von uns weiß, wie sie heißt, wo genau sie nun "oben auf dem Berg" wohnt oder wie ihre Lebensumstände sind.

Wir wissen nur, dass sie früher auch einmal Kaninchen hatte und beim Anblick unserer Tiere im Garten, wenn sie hinten über den Zaun schaut, viel Wehmut verspürt.
Es ist Jahre her, dass wir das erste Mal über die Tiere gesprochen haben und sie mich fragte, ob sie denn von Zeit zu Zeit ein paar Grünabfälle bringen dürfte - für die Tiere. Oder trockene Brötchen. Ihre hätten so gerne trockene Brötchen gegessen. (Unsere tun das natürlich auch liebend gern.)

Und aus "von Zeit zu Zeit" wurde schnell "regelmäßig ein bis zweimal die Woche" und ich freue mich von ganzem Herzen jedes einzelne Mal, wenn ich die Haustür öffne, und eine kleine Tüte am Tor hängt.
Mal sind es nur die Schale und die Blätter von einem Kohlrabi, mal getrocknete Brötchen, manchmal aber auch ein halber Salat und ein halber Blumenkohl. Ich verspüre sehr viel Zuneigung für diese Form von Zwischenmenschlichkeit.

Manchmal habe ich das Glück, sie rechtzeitig zu sehen und wir reden eine wunderbare Weile über Gott und die Welt, aber in den meisten Fällen hängt da nur diese Tüte, die Sinnbild für so vieles ist, was ich an diesem Leben liebe.

Jadekompendium 10.03.2020, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

Stolpern

Die wohl umfassendste Erkenntnis dieser Tage ist jene, dass ich Menschen lieben kann, ohne sie zu mögen. Liebe ist für mich persönlich ein existenzielles Gefühl von Zuneigung und Zärtlichkeit, das anscheinend in keinster Weise mehr davon beeinträchtigt wird, dass man dem Verhalten eines Menschen, seinen Wert- und Moralvorstellungen und seinen Entscheidungen ablehnend gegenübersteht.
Und diese Erkenntnis erlöst von der schier unmenschlichen Aufgabe, das, was ein Mensch mit diametralem Wertesystem tut, mit der Liebe für ihn unter einen Hut bringen zu müssen. Dass diese zwei Gefühlsstränge unabhängig voneinander exisiteren können, ist mir neu.
Ich bin ein Mensch, der die Dinge am liebsten schwarz und weiß betrachtet. Entweder oder. Alles oder nichts. Sieg oder Tod. Das sind die Dinge, an denen ich mich seit 4 Jahrzehnten orientiere.
Mein Wandlungsprozess der letzten Jahre macht Dinge möglich, die ich für unvereinbar hielt.
Und ich finde das momentan nicht einmal schlimm. Im Gegenteil. Ich erfreue mich an einer Liebe und an meiner Zuneigung für Personen, während ich mich gleichzeitig von ihnen abgrenze. Ein Paradoxon, das mir gerade den Weg öffnet, in Liebe weitergehen zu können, ohne meine eigenen Grundwerte zu verraten.

Jadekompendium 02.03.2020, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: ziehen - beziehen - erziehen

Der Kiosk

Als ich hier vor 15 Jahren ankam, mit nur einem Kind, einem Hund und so viel Gepäck, Habseligkeiten und Möbeln, wie in einen kleinen Honda passte, da war der Kiosk noch eine Tankstelle.
Er sollte in den Jahren danach noch Pizzeria sein, Frittenbude, Privatwohnung, Dönerstand und war zwischendurch immer mal lange Monate verlassen.

Vor einigen Jahren nun zog eine türkische Familie hierher, die sich des Kiosks angenommen hat. Morgens um 6 Uhr werden die Monoblocks vor die Tür gestellt, der Tisch kommt in die Mitte und dann holt man sich von der gegenüberliegenden Bäckerei erst einmal Frühstück.
Wenn ich zum Sport gehe, stehen bereits einige Aufsteller draußen und die Familie ist zu Kaffee und Zigaretten übergegangen.

Innen ist der Kiosk ein Kiosk, wie ich ihn aus meiner frühesten Kindheit kenne.
Eng, vor allem.
Man muss aufpassen, dass man beim Drehen nicht die halbe Ladenenrichtung herunterreißt, überall stehen Bonbongläser, Zigaretten, Zeitschriften und billige Spielsachen. Für meine Kinder ist dieser kleine Ort eine Goldgrube.
Man bekommt grundsätzlich bei jedem Besuch einen Lolli geschenkt - egal ob man nun etwas gekauft hat oder nicht.
Wenn man nicht genug Geld dabei hat, dann werden schon mal ein paar Cent erlassen und alles in der warmherzigsten Atmosphäre, die man sich nur denken kann. Unterricht im Grundwortschatz Türkisch inklusive.
Die Kinder kommen regelmäßig mit den weißen Papiertütchen voller Süßigkeiten von dort wieder, die auch ich noch aus meiner Kindheit kenne. Ich war einige Male mit, wurde mit offenen Armen empfangen, die Kinder liebevoll sofort mit ihren Lieblingssüßigkeiten versorgt und ich hätte mich am liebsten zu der Familie um den Tisch inmitten von Aufstellern mit Vuvuzelas und Merchandizing-Artikeln von 2006 dazugesetzt.

Ich hoffe, dass dieser Kiosk, der mit soviel Liebe und Herzblut betrieben wird, einmal einen besonderen Platz in den Kindheitserinnerungen meiner Kinder haben wird.

Jadekompendium 27.01.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Gute Reise

Heute hat uns ein ganz wundervolles Tier verlassen.
Unsere Ausbrecherkönigin, unsere Abenteurerin. "The Explorer" hat der Mann sie immer genannt und es hätte wohl keinen besseren Namen für sie geben können. 

Als die Kinder ihre ersten "eigenen" Tiere bekommen haben, war sie ganz vorne mit dabei.
Das große Tochterkind suchte sie aus und sie und ihre beiden Kaninchenschwestern zogen bei uns ein.
Jahre später war sie die tollste Mutter für den allerschönsten Babykeks auf diesem Planeten. Und es ist schön, dass ein Teil von ihr mit ihrer Tochter hierbleibt.

Als ich sie heute Morgen im Stall gefunden habe, schon steif und kalt, aber noch bekuschelt von ihrer Gruppe, da suchte ich nach Krankheitsanzeichen, aber da war nichts. Alles sauber, alles entspannt. Sie muss im Schlaf gestorben sein und vielleicht war es in ihrem Alter einfach an der Zeit. Wer weiß das schon... 

Ich bin traurig. Aber versöhnt mit ihrem Leben hier bei uns. Es war rund und gut, wie es war. 

Und so saß heute Mittag die Kriegerprinzessin mit wütenden Tränen und einem toten Tier im Arm neben mir in der Küche und vergrub ihr Gesicht in dem weichen duftenden Fell, während ich Suppe für uns kochte. 

Leben und Tod sind manchmal so eng beieinander, dass es mich fast körperlich schmerzt, diesen nur scheinbaren Widerspruch auszuhalten und zu ertragen.

Die Unfähigkeit, das Leben festzuhalten, macht mich auch heute noch hilflos. 
Aber nicht mehr so hoffnungslos wie noch vor Jahren.

Jadekompendium 21.01.2020, 16.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Nachlass

Ein Tagebuch ist etwas zutiefst Persönliches.

Und wenn man ein Fremdes in Händen hält, ist es eine ebenso persönliche Gewissensfrage, ob man wirklich erfahren möchte, was darin steht. Es gibt mitunter Dinge, die man vielleicht lieber nicht gewusst hätte.
Und Wissen kann man nicht zurückgeben, das ist das einzig Tragische daran.

Ich habe wie geplant meine Tagebücher (die, die ich nicht weggeworfen oder gelöscht habe, weil sie irgendwann zu belastend für mich selber wurden) Korrektur gelesen, mit einigen wenigen fehlenden Bildern versehen und in vernünftige Buchform gebracht.

Im Moment kommen sie alle nach und nach aus der Druckerei und wandern in meine Nachlasskisten.
Dort finden sich für jedes Kind einzigartige Erinnerungsstücke, Mutterpässe, Briefe, die ich seit Jahren schreibe und nun eben auch meine gedruckten und nach Jahren sortierten Tagebücher.

Ich versuche so zu leben, dass ich meine Kinder jeden Tag mit Geschichten aus ihrem und meinem Früher und mit bleibenden Erlebnis-Erinnerungen versorge, aber vielleicht ist es irgendwann gut, wenn man etwas zum Anfassen hat, an dem man sich auch mal festhalten kann.
Oder es ungelesen verbrennt.
Aber das liegt dann nicht mehr in meinen Händen.

Jadekompendium 14.01.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vom Leben und Sterben

Das Türplakat

An der Haustür ist bei uns viel Platz für Kalender, Stundenplände, Fotos, etc.

Nachdem es letztes Jahr für die Kinder schon so gut geklappt hat, mit einem großen Türkalender den Überblick über das "große Ganze" im Jahr nicht zu verlieren, habe ich mich dieses Jahr für die noch umfangreichere Variante entschieden.
Wozu groß, wenn man es auch gigantisch machen kann?

Also habe ich ein Plakat mit den Maßen 90x120 cm gestaltet, auf dem nicht nur ein Kalender mit Beschriftungsmöglichkeiten aufgedruckt ist, sondern auch noch freie Flächen für Familienunternehmungsfotos, Eintrittskarten, Andenken.

Meine Kinder neigen dazu, bei jeder Gelegenheit zu behaupten, wir würden ja "nie" was machen und bei Erinnerung an die letzten Erlebnisse, sind diese für die Kinder "schon ewig her", also hilft es uns (also den Kindern...) auch, uns im richtigen zeitlichen Zusammenhang zu erinnern.

Mit vielen Menschen und vielen Interessen und ebensovielen Freunden und eigenen Freitzeitvorstellungen als Familie etwas gemeinsam zu unternehmen, ist eine Herausforderung, die ich auch in diesem Jahr wieder gerne annehme.

Mindestens eine große Familienunternehmung jeden Monat, Platz ist noch für einige mehr.

Jadekompendium 09.01.2020, 19.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

Testosteron am Tier

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden möchte, hat neuerdings ein paar hormonbedingte Unarten entwickelt.
Das Pöbeln und manipulative Weinen sind nur zwei davon.
Grundkommandos? Ach, das ist doch Schnee von gestern...

Leider ist man selber auch nicht gegen diese Art der umgedrehten Konditionierung gefeit und so heißt es üben, üben, üben.
Wir haben wieder Alltag und ich damit auch die Zeit, mit den beiden Bären in aller Ruhe und ohne Hektik zu üben, wie wir auch in der Öffentlichkeit ein harmonierendes Dreiergespann bilden können.

In letzter Zeit habe ich die Variante bevorzugt, mit nur jeweils einem Hund fürs Training unterwegs zu sein, weil ich mich alleine doch teilweise sehr überfordert fühlte, aber das kann ja auch nicht ewig so bleiben.

Der erste Schritt ist getan und wie immer steht und fällt alles mit meiner Grundhaltung.
Da ich heute anscheinend noch eine ganze Menge Unsicherheit zeigte, musste ich mit den aufgeregt um mich herumhopsenden Hunden noch eine geschlagene Viertelstunde im Kofferraum sitzen und sie erst zu Tode (und damit zur Ruhe) langweilen, bevor wir überhaupt loslegen konnten. Hat aber alles gut geklappt.

Bis auf den größenwahnsinnigen Eisbären, der versuchte, eine komplette Schulklasse aus 9.-Klässlern zu verbellen und dafür für 5 Minuten in die Autobox wanderte, waren wir erfolgreich.

Wir haben mit einer guten Leistung aufhören können und ich habe mich weder in den Leinen verheddert noch mich auf die Nase gelegt. Ich schaff das!

Jadekompendium 08.01.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: auf den Hund gekommen

Bonbonladen

Da die bürokratischen Grenzen bezüglich meiner finanziellen Bewegungen jetzt doch wesentlich weiter gefasst sind, als wir das bislang dachten, komme ich mir momentan noch vor wie ein Kind im Bonbonladen, das sich nicht entscheiden kann, welche Sorte es nun zuerst probieren soll. Startkapital habe ich auch diesmal keines, also schauen wir doch einfach mal, wo der Weg mich hinführt.

Jadekompendium 07.01.2020, 12.00| (4/4) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in:

Wortlos

Es gibt diese Art von Enttäuschung im Leben, für die man keine Worte findet, weil sie so tief geht, dass sie das Innerste eines Menschen berührt.

Vielleicht gibt es auch einfach Dinge, die besser unausgesprochen und unangetastet bleiben.

Jadekompendium 06.01.2020, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Vorstufe Alltag

Der Mann ist den ersten Tag wieder arbeiten und bevor wir ab morgen auch neben der Schule gleich mit massig Arztterminen in den Januaralltag starten, ist heute noch Ruhe. Die Kinder haben sich zurückgezogen und hängen ihren Gedanken nach, es ist ganz still im Haus und scheint, als würde jeder noch die letzten Ferienruhegefühle in sich aufsaugen. Ich lasse sie und starte ein wenig "Alltag light" mit Einkaufen, Hundetraining und Haushalt und vielleicht gibt es heute sogar zu einer Zeit eine Form von Essen, die dafür gesellschaftlich vorgesehen ist. Der Sport darf auch noch einen Tag länger auf mich warten.

Jadekompendium 06.01.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag

Träume und Realität

Seit einiger Zeit sind meine Träume sehr wirr, aber realitätsnah.
Nicht erschreckend oder Traumata wieder hochholend, wie ich das kenne, sondern aufarbeitend.
Lösungsorientiert.

Es scheint, als würde all das, was ich in den vergangenen Monaten gedanklich bearbeitet habe, nun an seinen vorgesehenen Platz fallen.

Das riesige Thema "Tochterkind" wird umso kleiner, je mehr ich von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter über sie erfahren habe. Viele Dinge ergeben nun endlich einen Sinn. Da sind keine diffusen Ängste mehr, manchmal scheint mir eher, dass sie sich nun an genau dem Platz befindet, der der Richtige für sie ist und wo sie hingehört.
Mit mir hat das schon lange nichts mehr zu tun.
Ihre Verhaltensweisen, die mich als Mutter verletzt haben, die ich aber immer wieder aus falsch verstandener Mutterliebe verziehen habe, sind für mich als Person untragbar geworden. Und da ich in Bezug auf sie kaum noch innerhalb meiner ehemaligen Mutterrolle agiere, muss ich auch nicht in dieser reagieren. Das ist schwer, mit dieser Abnabelung, wenn man keine Zeit zum Üben im Alltag hat, sondern nur den Bruch. Sehr schwer. Die Träume von einer reibungsintensiven Abnabelung im Alltag haben mir zu Erkenntnissen verholfen, die ich hier nicht gewinnen durfte.

Das große Zusatzkind im gleichen Alter hat seinen Platz zwar auch noch nicht gefunden, steht aber mit beiden Beinen fest im Leben und hat Sprünge gemacht, die ich noch vor einem Jahr für undenkbar gehalten hätte. Ich bewundere sie sehr für diese persönliche Weiterentwicklung. Dass wir den Schritt in die Zweitwohnung mit ihr gegangen sind, in dem unsicheren Gefühl, dass es zwar das Richtige für sie ist, aber nicht sicher, ob sie dem Alltag "begleitet alleine" gewachsen sein würde, war goldrichtig. Ein Jahr später haben wir keinerlei Bedenken mehr, dass sie einen guten Weg gehen wird. Ob der eine Beteiligung unsererseits enthalten wird, ist noch unklar, aber das wird sich finden.

Was sein wird, wird sein.

Der Zusatzsohn hat aufgrund seines Talents eine sehr begehrte Ausbildungsstelle hinterhergetragen bekommen, die bereits in trockenen Tüchern ist. Auch hier eine Sorge weniger. Autismus ist keine Kranheit, kann aber eine sehr alltagseinschränkende Behinderung darstellen, die hier in diesem Fall schon viele Türen zugeschlagen hat. Umso schöner, dass sich nun so eine Wichtige geöffnet hat.

Ich habe letztes Jahr viel Herzblut und Energie und Gedanken in Menschen investiert.
Wie in jedem Jahreszyklus ist auch hier ein Punkt erreicht, an dem das Fass einfach voll ist.
Ich spüre wieder mehr Ekel vor Menschen im Allgemeinen und brauche sehr viel Distanz und Einsamkeit, um meine Akkus wieder richtig aufladen zu können.

Der Alltag wird das Seine dazu beitragen.

Jadekompendium 05.01.2020, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Kurz vor Alltag

Wir genießen die letzten Ferientage als Familie ohne Zeitplan oder Termine, sind ganz eng und ganz dicht zusammengerückt und verbringen eine wunderbare Zeit miteinander. Mein Kalender für 2020 kam heute so spät wie noch nie aus der Druckerei - ich hatte vorher einfach keinen Druck verspürt, ihn schon fertigzumachen. Ich nehme diese geschenkten Tage vor Beginn in ein umwälzendes 2020 gerne an und sauge alles auf, um möglichst lange von diesem Ruhegefühl zehren zu können.

Dieses Jahr werden zwei Kinder volljährig, ein Weiteres beginnt eine Ausbildung, die Kleinen sind so selbständig wie nie zuvor und ich habe weitreichende Pläne für meine persönliche und berufliche Zukunft.
Alles fühlt sich gut und richtig an wie es gerade ist.
Herausfordernd - ja.
Schwierig - bestimmt.

Aber gut und richtig.

Jadekompendium 04.01.2020, 21.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Alltag

01.01.2020

Auf geht's!

Jadekompendium 01.01.2020, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Alltag



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.
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