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Thema: Autismus

Der Autismus-Spaziergang

Ich zweifle inzwischen sehr an der Tauglichkeit unseres neuen Kinderarztes. Mein liebster Lieblingskinderarzt schloss vor zwei Jahren seine Praxis und seitdem sind wir zu unserem Kardiologen gewechselt, von dem ich immer sehr begeistert war, wenn ich mit allen meinen Herzfehlerkindern einmal im Jahr dort auftauchte.
In der täglichen Praxis lerne ich ihn leider von einer ganz neuen Seite kennen. So habe ich mir im Beisein des autistischen Zusatzsohnes heute Morgen angehört, dass "sein" Autismus ja ohnehin kein "richtiger Autismus" sei, wo die "Leute so sabbern und so". Und dass er dann ja eine "Insel-Hochbegabung" hätte. Das sei doch super. Dann würde er eben später was mit Programmierung machen.

Der Zusatzsohn sah mich verstört an und ich schüttelte unmerklich den Kopf. Keine Panik hochkommen lassen, ich kenne das Kind inzwischen seit zwei Jahren und sehe, wenn sich etwas festsetzt. Womit wir dann auch noch Monate später zu kämpfen haben, wenn der liebe Herr Doktor leider nicht dabei sein kann, wenn das Kind innerlich kollabiert.
Ich habe die darauffolgende halbe Stunde Fahrzeit damit zugebracht, ihm zu erklären, dass er auf gar keinen Fall "was mit Programmierung" machen muss, sondern natürlich bei seinem Berufswunsch bleiben darf. Das hat ihn auch noch beschäftigt, als ich ihn vor der Schule abgesetzt habe. Vielen Dank.

Vielleicht lade ich unseren Arzt einfach mal ein, wenn der 14-jährige das nächste Mal einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil es zu warm oder zu kalt ist, das Kuscheltier weg ist, ich die falsche Seife gekauft habe, das Badezimmer um "seine" Duschzeit besetzt ist oder er das nächste Mal denkt, er hat einen Gehirntumor, wenn er Kopfschmerzen hat oder querschnittsgelähmt ist, wenn er sich in den Finger geschnitten hat.

Oder ich wechsle einfach den Kinderarzt.

Jadekompendium 15.05.2018, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Bedauern

Das autistische Zusatzkind verbringt die Osterferien bei Oma und Opa.
Das ist ohnehin schon ein großer Akt für das Kind und ich bin froh, dass es sich dort so wohl fühlt.
Oma und Opa können viel über die verstorbene Mutter erzählen und es ist so unglaublich wichtig, dass diese Verbindung bestehen und lebendig bleibt.

Der Aufenthalt fernab von zuhause macht verschiedene Dinge mit dem Zusatzkind. Er ist sehr anstrengend und macht, dass der Zusatzsohn funktioniert. Denn dort ist nicht zuhause, dort ist keine Sicherheit. Die Auswirkungen bekommen wir hier hinterher zu spüren und es ist Arbeit. Harte Arbeit für ihn, sich auf diese andere Situation einzustellen und für uns, ihn hinterher wieder aufzufangen.

Dass nun genau diese Situation von anderer Seite der Verwandschaft dazu genutzt wird, ihn telefonisch in die Ecke zu treiben und ihn soweit zu überreden, einer von ihm und uns bereits abgelehnten Reise doch noch zuzustimmen, ist einfach nur unter aller Sau. Wie wenig Charakter kann man besitzen, ein autistisches Kind in einer unsicheren Situation ohne Rückhalt und ohne Sicherheit zum Spielball seiner eigenen Interessen zu machen?

Ich dachte, ich könnte nicht noch weniger von diesem Teil der Zusatzkinder-Verwandschaft halten.
Ich habe mich geirrt.

Der Mann hat zum Glück ein Machtwort gesprochen und sich dazwischen gestellt, aber wie immer ist der Schaden schon angerichtet.
Und wie immer dürfen wir uns darum kümmern.

All die Schreihälse, die vor zwei Jahren gebrüllt haben, dass die Kinder auf gar keinen Fall zu uns kommen dürfen, haben sich in diesen zwei Jahren so oft freiwillig bei den Kindern gemeldet, dass ich dafür nicht mal alle Finger einer Hand brauche.

Es ist ein Armutszeugnis.

Jadekompendium 28.03.2018, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Autismus

Da haben wir es nun offiziell. Eines der Zusatzkinder ist ein Autist.

Das, was mir nach der ersten Woche Zusammenleben mit ihm einfach nur falsch vorkam und was die fast 13 Jahre zuvor anscheinend niemandem aufgefallen ist, hat nun endlich einen Namen.

Die Pauken und Trompeten, die ich mir von dieser Erkenntnis erhofft hatte, blieben aus.
Wir leben nun seit über eineinhalb Jahren mit den Zusatzkindern zusammen und es ist nach wie vor ein Kampf.
Einer, der uns psychisch und physisch an unser Ende gebracht hat.
Wir haben Unterstützung an allen Ecken und Enden, haben Psychologen, Therapeuten, Supervision und viel Eiscreme im Haus, aber wir sind einfach am Ende.
Wir können ganz allumfassend nichts mehr tragen.

Die Diagnose ist erst einmal eine Erklärung.
Für seine Verhaltensweisen.
Für seine Art.
Für seine Übergriffigkeit.
Für die Dinge, die er den anderen Kindern antut.

Aber hilft das? Hilft das wirklich im Alltag? Wird sich da Verständnis entwickeln, wo es schon an Zugewandtheit fehlt? Wo wir uns anhören müssen, dass er uns nicht mag? Wo wir jeden Tag an seiner Verweigerung scheitern?
Müssen 7 andere Familienmitglieder das mitragen können?
Muss ich von den Kleinen verlangen, dass sie das die nächsten vier Jahre noch ertragen müssen? Die Ärgernisse? Das Piesacken? Die Verachtung? Das unangemessene Verhalten, das ihre Intimsphäre verletzt? Ihr Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit? Kann ich das verlangen?
Will ich das verlangen für ein Kind, das nicht meins ist?
Das ich weder liebe noch das mir auch nur ein Geringstmaß an Sympathie entgegenbringt?

Ich weiß es nicht.

Kampflos aufgeben werde ich nicht. Das entspricht mir nicht.

Wir werden in den nächsten Wochen mit der Psychologin grundlegende neue Verhaltensweisen und neue Kommunikationsarten mit ihm einüben.
Die gesamte Familie wird das tun. Und dann werden wir sehen, ob wir diesen Weg noch weiter gehen können.
Oder ob er anderswo besser aufgehoben ist.

Jadekompendium 18.01.2018, 12.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

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