Blogeinträge (themensortiert)

Thema: erziehen und ziehen lassen

Mein Kobold

Der Kobold wird heute 13 Jahre alt. Mein erster Sohn und das Kind, das ich als Erstes selber auf die Welt bringen durfte. Ich verfalle schon lange nicht mehr in jede Erinnerungswehmut, die mich durch die Kleinkindjahre der Kinder begleitet hat, sondern es ist Raum für etwas Neues, Größeres gewachsen.
Das ehrfürchtige Staunen, einen Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten zu dürfen. Mein großer Sohn ist ein Mensch mit unglaublich viel Humor. Einer, der mich zum Lachen bringt. Mit einem extrem feinen Sinn für Situationskomik. Ich liebe es, wenn er seine langen schlacksigen Arme um mich legt und ich mich frage, wie lange es wohl noch dauert, bis er mich an Körpergröße überholt hat. Er ist das Kind, das mir wohl am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat und dasjenige, bei dem sich die meisten meiner Grübeleien und Sorgen irgendwann einfach in Luft auflösen. Ich bemühe mich, gelassener zu sein, mehr Nachsicht zu haben und ihm vor allem mehr Zeit zu geben, weil er kein Freund von Eile ist. Es ist, als würden für ihn die Uhren immer einen Tick langsamer laufen, so wie sie für mich immer einen Tick schneller zu laufen scheinen. Das ist sehr herausfordernd.
Ich sehe in keinem anderen Kind so sehr meinen Vater als kleinen Jungen und meinen Großvater in seinen Gesichtszügen.
Ich liebe es, mit welcher Vehemenz er seine Freunde und seine Geschwister verteidigt.
Wie er im Laufe der Jahre mit wachsender Kraft und Körpergröße den Mann immer weiter mit Angriffen herausfordert und an diesem Kräftmessen wächst. Wie er gelassener wird und lernt, seine enorme Körperkraft zu zügeln. Ich bewundere sehr, dass er völlig in seiner eigenen Zeit und Realität versinken kann, aber sofort spürt, wenn es wichtig ist und er Präsenz zeigen muss.
Er hat es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt - vom zweiten Kind zum Vierten herabgestuft zu werden. Trotzdem hat er diese Situation bewältigt. Und die Rolle rückwärts - zum Ältesten in unserem Alltag - die hat er ebenfalls mit Bravour gemeistert.
Mein Baby, mein Kobold, mein wunderbarer großer Sohn.

Jadekompendium 20.05.2019, 19.54 | (0/0) Kommentare | PL

Vielleicht.

Wenn das eigene Verhalten in einer bestimmten Situation nicht dem entspricht, was Außenstehende von Einem erwarten, dann wird man innerhalb kürzester Zeit doch sehr einsam, merke ich. Es ist, als hätte ich kein Recht auf meine Gefühle.
Als wären sie ungehörig, schließlich ist doch niemand tot!
Nein, natürlich nicht.
Meine Großmutter ist vorletztes Jahr gestorben, meine Mutter, meine Ersatzmutter und meine Großtante letztes Jahr, aber die Tochter?

Nein. Die ist doch nur weg!

Du hast doch noch andere Kinder. Die brauchen dich!, höre ich.
Ich höre auch: Sie ist doch nicht verschwunden. Ihr könnt doch Kontakt halten. Das ist heute so einfach!
Gerne auch ungefragt: Sie kommt bald wieder. Sollst mal sehen. Irgendwann steht sie wieder vor der Tür!
Am schlimmsten sind Begegnungen, in denen unterschwellig Vorwurf und Neugierde gleichermaßen mitschwingen: Es hat immer ausgesehen, als hättet ihr eine so gute Beziehung? Ihr wart so eine Vorzeigefamilie.
Waren.
Natürlich.
Irgendwas muss ja dazu geführt haben, dass sie jetzt dort und nicht mehr hier ist.
Und wer könnte dafür besser verantwortlich gemacht werden als ich?
Der Geifer kocht in der puren Lust an der Sensation.
Ich kann sie nicht befriedigen, dachte ich doch selber, dass wir genau das wären, was wir schienen.
Dünne Haut.

Es fällt mir schwer, mein Kind loszulassen. Sie ist ausgerechnet zu dem Mann gegangen, vor dem ich sie immer beschützen wollte.
Ja, natürlich. Mir wurden diese Dinge angetan. Nicht ihr. Schon klar. Ich weiß. Sie ist nicht ich. Ich kenne die Argumentationskette.

Ich habe mein Kind verloren.
Eure Kinder sind nicht eure Kinder!, poltert es in meinem Kopf.
Vorwurfsvoll.
Ich hätte sie in einigen Jahren doch ohnehin gehen lassen müssen...
Auch etwas, das ich oft höre.

Ich bin all dem so überdrüssig.
Der Mann, der ihr jahrelang Gute-Nacht-Geschichten vorlas und zu dem sie Papa sagt? Egal. Geschwister? Egal. Zuhause? Freunde? Tiere? Egal. Ich? Egal.
Egalegalegal. Alles egal.

Ich würde so gerne verstehen.
Ich würde so gerne begreifen, wie ich von liebste Lieblingsmami zur Persona non grata wurde. Warum ich ignoriert werde.
Mein einziger Trost ist manchmal der, dass sie glücklich zu sein scheint. Dort. Ohne uns.

Ja, es ist Trauer.
Und ich arbeite mich jeden Tag durch diesen sumpfigen Morast aus Selbstvorwürfen, unbeantworteten Fragen und Verzweiflung.

Vielleicht wird sie hier eines fernen Tages nicht mehr fehlen.
Vielleicht wird es sich irgendwann nicht mehr anfühlen, als wäre mein Herz einfach kaputt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Kapitel endgültig zu schließen. Mit allen Konsequenzen.

Vielleicht.

Jadekompendium 08.04.2019, 18.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Trauer

Die Tage, die in Trauer versinken, werden weniger, aber es gibt sie noch. Tage, an denen das Aufstehen einem Kampf um Leben und Tod gleicht. Das Weitermachen, das Kümmern, das Dasein mehr eine Existenzfrage denn Alltag ist. Tage, an denen ich mein Unglück und meine Trauer laut herausbrüllen möchte und doch stumm bleibe. Weil es niemanden gibt, der versteht. Kein Kind zurückkommt, nur weil ich es rufe. Unsere Zeit vorüber ist. Die Tage, an denen alles in Frage steht und nichts eine Berechtigung zu haben scheint bis auf das rohe blutige Gefühl von Hass, Verzweiflung, Wut und Trauer um etwas, das auf ewig zu mir zu gehören schien. Die Liebe sitzt katatonisch in ihrer Ecke und ist weder Ruf noch Echo. Nichts mehr. Nur Stille.

Jadekompendium 31.03.2019, 08.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Begreifen

Was zu Ende ist, ist zu Ende.

Jadekompendium 31.12.2018, 12.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Erkenntnisse [bitter]

Ich dachte, dass ich dein Zuhause bin.

Jadekompendium 09.12.2018, 18.00 | PL

Drama, Baby!

Am Wochenende hatte die Kriegerprinzessin endlich ihren Auftritt als heimliche Geliebte des Landhausherren in ihrer English-Drama-Class. Durch das Üben in den letzten Monaten wusste ich zwar schon, worum es ging (und hätte auch den gesamten Text einfach mitsprechen können), aber sie dort zu sehen, war einfach wunderbar. Ich glaube, dass sie trotz holprigem Start gut in ihrer neuen Schule angekommen ist und freue mich auf die nächsten Jahre, die sie dort verbringt. So schön dieses Erlebnis war, so kalt erwischte mich das Wiedersehen mit vielen der Freunde des großen Tochterkindes. Die halfen nämlich an verschiedenen Orten in der Schule mit und sammelten für ihr Abitur. Der Schmerz, das Tochterkind dort nicht mehr miterleben zu dürfen, kam plötzlich und intensiv. Wie immer bleibt die Sprachlosigkeit.

Jadekompendium 03.12.2018, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Wahrheiten

Sprachlosigkeit bezieht sich manchmal nicht nur auf Worte. Sondern auch auf Gedanken. Das, was im Moment in meinem Kopf herumgeistert, schwebt, mich quält, tagaus, tagein, lässt sich weder greifen noch in Form gießen. Ich bin am Ende. Mit meinem Latein, mit meinen Nerven, mit meiner Hoffnung, und manchmal denke ich - auch mit meiner Mutterliebe. Kann ich jemanden lieben, den ich nicht kenne? Sie sind qualvoll, diese Gedanken. Sehr.

Jadekompendium 23.11.2018, 09.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Sieben

Der närrische kleine Tuk hatte Geburtstag.
Und ich merke, dass mit der Zeit die Erinnerungen an die Geburten der Kinder und die Zeiten danach nicht unwichtiger, aber deutlich leiser werden. Natürlich habe ich mich erinnert, wie wir es nicht mehr geschafft haben, die anderen Kinder zur Tagesmutter zu bringen. Natürlich weiß ich noch, wie die Frau von der Anmeldung das alte Ehepaar aus dem Fahrstuhl gezogen hat, damit wir zuerst hochfahren können.
Wie meine Hebamme in lilafarbenen Gummistiefeln und schwarzem Minirock auf uns wartete und unsere übrigen Kinder dem verdatterten Arzt in die Hand drückte, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zumachte. Und wie ich gefühlt gerade ein paar wenige Minuten im Kreissaal stand, immer noch verdattert, dass mein Körper bei seiner letzten Geburt all die Arbeit ohne Wehentropf schon ganz alleine zuhause gemacht haben sollte und dann nach Wimpernschlägen nur dieser winzige Brocken in diese Welt plumpste.
Ich weiß auch noch, wie glücklich ich dort, in diesem Moment war. Wie der Mann unsere Hebamme sanft beiseite schob und leise sagte: "Nein. Das ist meine Aufgabe."
Es war ein Moment des absoluten Glücks und des absoluten Friedens. 
Dieser Eine nur, bevor mein Körper seinen Dienst versagte und die folgenden Monate in Schmerz, Depression und Dunkelheit versanken.
Ich habe Fotos gemacht.
Jeden einzelnen Tag.
Damit ich mich trotz allem an seine Entwicklung erinnern würde, obwohl die Tage so verdammt schwarz waren.

All das hat weder seine Bedeutung noch seine Berechtigung - sondern nur seine Lautstärke verloren. 

Laut sind heute nur noch die Erinnerungen an sieben prall gefüllte Jahre mit diesem besonderen Kind.
Erinnerungen an jedes Lachen, jeden Wutanfall, jede Irrung und Wirrung, die wir mit ihm gegangen sind.
Sein Charme, seine rasante Entwicklung, seit er endlich hören kann, seine unfassbar liebenswerte Art.
Unser Nesthäkchen.
Unser letztes Kind.
So viel Liebe.

Jadekompendium 08.10.2018, 12.00 | (2/2) Kommentare (RSS) | PL

Tag der Entscheidung

Heute ist es soweit. Heute ist der Tag, bis zu dem das Kind mit seiner Entscheidung Zeit hatte. Ab heute Abend gilt es. Und so, wie es im Austausch mit ihr aussieht, stehen alle Zeichen auf "Neuanfang" in der Ferne. Mir blutet das Herz. Die Umzugskartons stehen oben in ihrem Zimmer und heute Abend hat das Warten endlich ein Ende. Entweder kommt sie nach Hause zurück oder wir können endlich etwas tun - umräumen, abmelden, umstrukturieren. Es tut alles so unendlich weh. Selbst wenn ich versuche, die Entscheidung nicht "gegen" mich, sondern "für" etwas anderes zu werten - es tut einfach alles nur so schrecklich weh. Ich bin so dankbar, dass die Wartezeit heute Abend zuende ist. Dass wir dann eine Entscheidung haben. Alles ist besser als Unsicherheit. Noch 6 Stunden bis zum Telefonat mit ihr. Die Chaoskinder wollen und werden dabei sein und sind in den vergangenen Tagen darauf vorbereitet worden, dass ihre große Schwester eventuell nicht mehr hierher zurückkehrt.
Wie sehr kann so ein Herz weh tun?

Jadekompendium 15.08.2018, 12.00 | (3/1) Kommentare (RSS) | PL

Der verlorene Kater

Die Tage sind schwer. Wir warten auf die Entscheidung des großen Tochterkindes. Auf eine weitere Entscheidung... Sie hat so viele davon getroffen. Ohne unser Wissen. Oder wollten wir nicht sehen? Die Zweifel sind groß dieser Tage.

Beim Gedanken an die Dinge, die ich bislang erfahren habe, wird mir nach wie vor schlecht. Ich bin - irgendwo ganz weit hinten in meinem Gehirn - dankbar, dass ihr bei alledem nichts passiert ist.

Aber das vorherrschende Gefühl ist stumme Wut. Und weiter gedacht: Ist ihr denn wirklich nichts passiert? Wieviel Schaden haben diese Ereignisse in ihrer Seele angerichtet?
Gar keinen, könnte man meinen, wenn man diese trotzige stolze junge Frau ansieht.
Aber auch das wird nur Fassade sein.
Sie bedaure es, dass sie noch nicht 18 sei. Dass wir noch "in diese Sache mit reingezogen" werden.

Ich kenne diesen Menschen nicht.

Wie lange habe ich nur das Bild von ihr wahrgenommen, das ich hatte? Wann hat sie begonnen, sich so zu verändern? Werden wir jemals die ganze Wahrheit erfahren? Wollen wir das überhaupt? 

Ihr leiblicher Vater lockt mit seinen ewigen Versprechungen "Hier wird alles besser, hier ist alles schöner, hier kannst du neu anfangen".

Wir bleiben stumm.
Wir wollen uns nicht vermarkten.
Wir buhlen nicht.

Die Entscheidung, die sie zu treffen hat, sollte im Innersten getroffen werden. Die rosa-bunte Zuckerwattewelt, die er ihr verspricht, gibt es nicht. Das wird sie vielleicht erst dann erkennen, wenn es zu spät ist.

Bis dahin werden weiterhin Altlasten über Bord geworfen. Der Hase. Der Kater soll nun auch nicht mehr ihrer sein. Kein Interesse mehr.
Wir sind noch über. Aber auch wir passen nicht in ihr neues Leben. Sind spießige Überbleibsel der Welt, aus der sie zu fliehen versucht.

Es tut gerade alles so weh.
Die Liebe, die Enttäuschung, die Hoffnung.
Gefühle, zäh und klebrig wie Honig.

Ich habe Umzugskisten gekauft. Ich gehe davon aus, dass sie befüllt werden.

Jadekompendium 09.08.2018, 13.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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