Blogeinträge (themensortiert)

Thema: erziehen und ziehen lassen

Abschiede

Laut ist es in mir.
So laut, dass ich kaum Worte finde, die nach außen dringen können, um Ordnung in das Chaos zu bringen.
So viele Baustellen gleichzeitig, so viele Umstände, Zustände, Missstände... wir zerreißen uns und doch ist es nie genug.
Nie genug Zeit, nie genug Kraft, einfach nie genug...
Wir sind am Limit dessen, was wir bewältigen können.
Ich finde ein wenig Trost draußen, an der frischen Luft, bei den Tieren, an der Sonne, im Regen, im Grün des Gartens.
Das große Kind entgleitet mir und nicht so, wie ich mir das immer gewünscht habe.
Ich muss auch den letzten Rest noch loslassen und Vertrauen haben in das, was da vielleicht draus erwachsen kann.
In das, was wir gesät haben.
Die Familie verkleinert sich wieder, lange bevor ich dazu bereit gewesen wäre.
Frage mich, wo meine Schuld liegt. War ich zu streng? Zu nachsichtig? Zu... irgendwas?
Oder hat auch das alles gar nichts mit mir zu tun?
Ist das letzten Endes der Lauf der Dinge?
Meine Aufgabe ist es, bei mir zu bleiben.
Bei meinem Leben. Nicht als Mutter oder Frau. Sondern meinem ureigenen Leben als Mensch.
Das geliebte große Kind, das eigentlich noch gar nicht so groß ist, will nun selber erwachsen sein.
Ohne Rücksicht auf irgendetwas oder irgendjemanden.
Und auch hier heißt es: mein moralisches Wertesystem muss nicht Ihres sein.
Sie darf ein eigener Mensch sein. Auch einer, der lügt und betrügt.
Nur auf lange Sicht nicht mehr hier in unserem Haus.
Das ist für uns inakzeptabel.
Und das wird sie genauso akzeptieren müssen wie wir andersherum.

Jadekompendium 10.07.2018, 12.00 | (2/2) Kommentare (RSS) | PL

gescheitert

Es sind vielleicht die bittersten und zugleich erlösendsten Worte, die Eltern aussprechen können, wenn sie müssen. "Wir sind gescheitert." Gescheitert... woran? An dem Anspruch, ein Kind auf das Leben vorzubereiten. An dem Anspruch, aus einem Kind ein soziales Mitglied der Gesellschaft zu machen. An dem Anspruch, ein Kind dazu anzuleiten, sich selbst versorgen und glücklich machen zu können. Die "Krisenintervention", die hauptsächlich dazu diente, ein angeblich hochsuizidales Kind für 48 Stunden wergzusperren und uns dann mit allem wieder alleine zu lassen, hat viel in Bewegung gesetzt. In dem Kind, in uns, in der Familie. Wo vorher schon Unwohlsein war, ist jetzt offene Ablehnung. Das schale Gefühl, von einer narzisstischen 16jährigen einfach nur an der Nase herumgeführt worden zu sein, bleibt. Seit dem ist Vieles zerbrochen, von dem ich vorher nicht dachte, dass es schon angeschlagen sei. Ich habe mich geirrt. Mal wieder. Wir haben zwei Jahre lang versucht, einen psychisch anscheinend schwer gestörten Menschen in eine Familie zu integrieren, die gar nicht zusammenwachsen konnte, weil das auf mehr Ebenen sabotiert wurde als ich mir hätte vorstellen können. Jetzt sind die Fronten klar. So viel Bedauern über so viel vergeudete Lebenszeit und Energie.
Wir gehen weiter.

Jadekompendium 18.06.2018, 12.00 | PL

Von der Selbstverständlichkeit der Mithilfe

Wir machen gerade Holz und ich liebe es, mit welcher Unermüdlichkeit die Kinder ihren Beitrag leisten. Selbst der närrische kleine Tuk schnappt sich jeden Tag seine Lieblingssäge und sägt seine zwei oder drei Stücke Holz in passende Abschnitte, damit das Holz gespalten und gelagert werden kann. Und so gehen wir jeden Tag den großen Holzstapel im Garten von den Baumfällungen an und tragen ihn ein Stückweit ab. Die Großen wie die Kleinen. Diese Dinge funktionieren einfach nur gemeinsam.

Jadekompendium 09.05.2018, 12.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Übergang

Meine geliebte Giftbeere hat es nicht leicht dieser Tage.

Die Hormone machen aus der jungen Frau, die einmal mein kleines Baby war, ein unberechenbares aggressives Nervenbündel, das nur allzuleicht von himmelhochjauchzend auf Wolke 7 in die Tiefen aller menschlichen Abgründe wechselt.

Es ist nicht leicht, ihr dabei sowohl eine Schulter zum Anlehnen als auch ein Sparringspartner im Ring zu sein und ich stehe staunend und stolz und wehmütig und besorgt zugleich vor diesem wunderschönen Wesen, das gerade seine Flügel ausbreitet und entweder voller Grazie durch die Lüfte schwebt oder zu nah an der Sonne fliegt und verletzt und verbrannt nach Hause zurückkehrt.

Zarte unschuldige Unsicherheit gepaart mit der überheblichen Arroganz der Jugend, alles tun zu dürfen.

Jadekompendium 21.02.2018, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Dunkle Aussichten

Die Kriegerprinzessin wird dieses Jahr der großen Schwester aufs Gymnasium folgen.
Der jungen und ambitionierten Lehrerin ist das eher nicht recht - und das kommuniziert sie uns gegenüber auch so, weil das Kind in einem für sie äußerst wichtigen Punkt das Kreuzchen nicht auf "herausragend" hat. Sie kann keine Kritik annehmen und damit trifft sie sogar voll ins Schwarze.
Warum sie das bei überdurchschnittlichen Noten als eine der Besten in ihrer Stufe und bei herausragender Intelligenz für das Gymnasium disqualifiziert, weiß wohl nur der liebe Gott.

Gegen die Gymnasialempfehlung kann aber auch die Lehrerin nichts machen und so versucht sie zumindest, der Kriegerprinzessin den Besuch des Gymnasiums so madig wie möglich zu machen.

Nachdem wir nun einige Wochen mit "auf dem Gymnasium habt ihr kaum noch Freizeit" und "da bringt das Lernen keinen Spaß mehr" und "da sind alle Lehrer sehr streng" verbracht haben, gab es nun diese Woche eine Zugabe. Die zukünftigen Gymnasialschüler bekommen nun Hausaufgaben in einem Umfang, dass sie jeden Tag mehrere Stunden beschäftigt sind.

Einige Tage vor der verbindlichen Anmeldung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Kriegerprinzessin sitzt mit zusammengebissenen Zähnen hier und arbeitet sich durch seitenweise Aufgaben.
"Damit ihr schon mal sehen könnt, wie das am Gymnasium wird", sagte die Lehrerin heute.

Ich mustere meine kleine Tochter und sage nichts. Hat im Moment ohnehin keinen Sinn.
Ich spüre ihren Jähzorn. Heiß und brodelnd direkt unter der Oberfläche.

Am Abend steht sie neben der großen Schwester und schweigt lange.
"Was ist los?", fragt das große Tochterkind.
Sie wartet.
Langsam fließen die Gedanken der kleinen Tochter in Worte. "Sag mal... warum machst du eigentlich so gut wie nie Hausaufgaben, wenn du hier zuhause bist?"

Das große Tochterkind ist etwas verdutzt. "Unsere Lehrer legen alle Wert darauf, dass wir im Unterricht fokussiert sind und mitarbeiten. Wir bekommen eigentlich kaum Hausaufgaben."

Ich lächle still in mich hinein, als die Kriegerprinzessin triumphierend "Ha!" macht. "Ich wusste doch, dass da irgendwas dran nicht stimmen kann!"

Heute dürfen wir sie in der nächsten Schule anmelden und ich bin froh, wenn wir auch mit diesem Kind die Grundschule hinter uns haben.

Nur noch ein weiteres Kind, dann haben wir es geschafft.

Jadekompendium 02.02.2018, 15.00 | (0/0) Kommentare | PL

Hoffnungsschimmer

Der Mann schlägt sich seit Wochen mit diversen Ärzten und Psychologen für Zusatzkind2 herum.

Die Verhaltensauffälligkeiten, die nun in dem einen Jahr, das er bei uns ist, gefühlt täglich unerträglicher für die ganze Familie werden, machen uns langsam aber sicher kaputt.

Die großen Kinder bezeichnen das Leben hier als schrecklich und sind froh, wenn sie in die Schule oder zu Freunden dürfen, das Tochterkind hat schon Wohn-Alternativen durchdacht und die Kleinen haben einfach nur Angst.

Ich bin so dankbar, dass jedes der Kinder so offen mit uns reden kann.
Die Familiensitzungen sind hart und schmerzhaft für alle Beteiligten.

Die psychologische Abteilung des Krankenhauses hatte uns vor einem Jahr sehr unfreundlich abgewiesen, weil er noch keine Tiere oder Menschen quält und das hinterließ viel Hilflosigkeit und Spuren bei uns.

Die Familientherapeutin, bei der wir eigentlich Supervision haben, hat sich in diesem Jahr intensiv mit ihm beschäftigt und auch sie kam nicht viel weiter.

Nun ist das Zusammenleben fast unmöglich geworden, weil all unsere Kraftreserven inzwischen aufgebraucht sind.

Also haben wir einen neuen Anlauf Richtung Psychiatrie gewagt. Und sind schon beim zweiten Psychologen fündig geworden. Sympatisch, kompetent und sie nimmt die Situation ernst. Und wir haben eindeutig eine Marschrichtung.

Alle Zeichen deuten auf eine Autismus-Diagnose hin.

Jadekompendium 06.12.2017, 15.00 | (0/0) Kommentare | PL

Vom Lieben

Es ist nicht meine Gefühlswelt, die diese Gedanken hervorbringt und doch betrifft sie mein innerstes Empfinden und Erleben.
Wenn ein Kind zum ersten Mal in die aufregende und unschuldige Achterbahnfahrt der Gefühle einsteigt, dann betrifft das nicht nur dieses Kind, sondern die ganze Familie.

Wir müssen uns als Eltern erst einmal damit auseinandersetzen, was das für uns heißt.
Wie das unser Bild verändert, wenn das gerade erst geborene Kind plötzlich auf Wolke 7 an kleinen Geschwistern vorbeischwebt und nichts im Leben mehr Relevanz besitzt außer der nächsten Nachricht, dem nächsten Treffen, dem nächsten Körperkontakt.

Und das ist zumindest für mich sehr schwer.

Ich möchte ihr all diese Glücksgefühle lassen und gleichzeitig mit dem Schwert hinter ihr stehen, sollte er auch nur eine falsche Bemerkung machen, eine falsche Bewegung, einen falschen Zug tun.
Und ich will nicht, dass sie fällt.
Hier weniger als jemals zuvor in ihrem Leben.

Nun weiß ich aber auch, dass gerade der Fall elementarer Bestandteil ihres inneren Wachstums sein wird. Und dass Schmerz dazugehört.

Noch können wir sie trösten, noch können der Mann und ich heimlich die Augen verdrehen, wenn sie völlig überdreht nach Hause kommt und jeder Satz mit seinem Namen anfängt.
Noch ist sie hier und noch dürfen wir direkt Anteil nehmen.

Es ist ein Geschenk, das wehmütig macht.

Ich bin noch nicht bereit für diesen Schritt.
Aber sie ist es.
Also gehen wir ihn.

Jadekompendium 28.10.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Brandschutzerziehung

Heute ist das große Finale der Brandschutzwoche in der Grundschule.

Seit vier Tagen wird gezündelt, geprobt, werden Fluchtwege abgegangen, wird auf dem Boden gerobbt, die Feuerwehr mit verschiedenen Telefonen (Taste, Wählscheibe, Spracheingabe) angerufen und Brandmeldungen abgesetzt.
Jedes.einzelne.Kind.

Was im Kindergarten schon sehr gut angefangen hat mit halbjährlichen Besuchen bei der Feuerwehr mit in-Brand-setzen und Löschen von verschiedenen Dingen, Fahren mit Feuerwehrautos und Rettungen von Dächern in 8 Meter Höhe und Fahren mit ausziehbaren Leitern und Ähnlichem, wird hier in aller Konsequenz fortgesetzt.

Seit vier Tagen sind es nicht die Lehrer und Lehrerinnen, die die Hauptrolle spielen, sondern Feuerwehrleute.
Alles dreht sich rund um einen Ernstfall, der auch als genau das dargestellt wird, was er ist, allerdings nicht in grauer Theorie.
Es geht um Erfahrung, ums Begreifen, ums Anfassen, um Erleben, um alles, was man Kindern nicht an einer Tafel mitteilen kann.

Und so wurde ich heute Morgen Zeuge eines spektakulären Schauspiels, auf das alle Grundschüler seit Montag hinfiebern.

Es ist 7:50 Uhr - alle Kinder spielen bereits auf dem Schulhof und warten auf das erste Klingeln - da wird der ganze Schulhof plötzlich in grell blinkendes Blaulicht gehüllt.

150 Kinder kreischen unisono auf und fangen an, Richtung Auffahrt zu rennen.

Es ist kein Chaos, aber die Luft vibriert förmlich vor Aufregung.

Ich sehe den ersten von drei Feuerwehrwagen.
Der Fahrer winkt aus dem geöffneten Fenster und mehrere Feuerwehrmänner hängen wie Popstars aus den hinteren Türen.

Die nächsten beiden Wagen kommen um die Ecke und rollen langsam auf den Schulhof.
Einige Kinder werden auf die Wagen gehoben und dürfen mitfahren.
Die Auserwählten kreischen begeistert.

Man sieht ganz gut, welche Kinder das Spektakel schon kennen - die Viertklässler ganz vorne, die Erstklässler stehen mit offenem Mund weiter hinten und können gar nicht so recht fassen, was dort geschieht.

Die drei Feuerwehrwagen sind inzwischen auf dem Schulhof aufgestellt und voll uniformierte Feuerwehrmänner heben die Kinder wieder aus den Wagen und andere hinein.
Sie baden förmlich in der Menge und man sieht, dass sie Spaß haben.

Die Kinder kennen die Männer schon aus der vergangenen Brandschutzwoche und haben keine Berührungsängste.

Ich sehe den närrischen kleinen Tuk, der mit riesengroßen Augen zwei Feuerwehrleute anhimmelt und lächle leise, als ich mich auf den Weg nach Hause mache.

Ja, so ist das gut und so sollte es sein.

Jadekompendium 20.10.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Aus der Art geschlagen

In einigen Tagen wird der närrische kleine Tuk sechs Jahre alt.
Unser Nesthäkchen, unser letztes Kind, unser Sonnenschein.
Und unser besonderes Kind mit all seinen speziellen Bedürfnissen, mit dem wir so viel durch haben.
Einschließlich Ärzte-Odyssee und Operationen.

Er ist wunschlos glücklich.
Er will nichts, er will keine Party, kein Fest, keine Gäste, keine Geschenke.

"Einen Schokokuchen, Mami. Aber bitte ohne Sahne."

Alle Kinder hier wissen, dass ich an ihren Geburtstagen die Welt für sie anhalte.
Weil mir das wichtig ist.
Das gesamte Haus mutiert auf über 200 Quadratmetern zu Spinnenhöhlen, Vampirgruften, zu Unterwasserwelten oder wird mit 5000 Luftballons gefüllt.
1000 Quadratmeter Garten verwandeln sich in die Welt von Minecraft, ich hebe Gräben aus und baue Weltraumkioske, hole Pferde, baue gigantische Drachen oder wir kämpfen als Pflanzen gegen Zombies.
Nichts ist unmöglich.
Wir verköstigen auf Geburtstagen ganze Heerscharen von Kindern, zu unseren eigenen sechs Kindern kommen normalerweise noch 2-4 Freunde von Geschwisterkindern (oft als Helfer in besonderen Rollen) und geladene Partygäste, von mindestens 6 bis hoch zu 16 weiteren Leuten.
Die Kinder haben schließlich alle unterschiedlich große Freundeskreise.

Und das kleinste Familienmitglied will ... nichts von alledem.

Das ließ mich erst einmal ratlos zurück.
Er liebt Partys und den Trubel darum, er hat Freunde und im Vergleich zu seinen Geschwistern nur wenig Spielzeug für sein Alter.

Bei genauerem Nachdenken hätte ich drauf kommen können.
Er ist hier als Kleinster mit seinen Besonderheiten so eingebettet in unsere Familie wie sonst kein Kind vor ihm.
Alle Geschwister lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab, er ist durch seine jahrelange Taubheit immer im Fokus gewesen.

Immer der Mittelpunkt, immer waren alle bemüht, ihn und seine Anliegen zu verstehen.

Er war der einzige, mit dem in Zeichensprache kommuniziert werden musste, alle großen Geschwister haben sich bei Problemen immer wie Löwenmütter vor ihn gestellt.

Egal, ob er auf dem Spielplatz von anderen Müttern oder Kindern doof angesprochen wurde oder ob die blöde Bäckereiverkäuferin meinte, bemerken zu müssen, dass er so komisch lallen würde.
Er bewohnte jahrelang nicht sein eigenes Zimmer, weil er nachts bei uns schlief und tagsüber immer in den Zimmern seiner Geschwister willkommen war.
Er braucht selber kaum Spielzeug, weil er Zugriff auf 5 weitere Kinderzimmer samt Spielzeug hat.

Er ist das Kind, das hier am meisten in sich ruht.
Das, das inzwischen auch einfach mal für Stunden im eigenen Zimmer verschwindet und die Ruhe genießt.
Das, das immer gut gelaunt ist, immer in seiner Mitte schwebt, großzügig und empathisch ist und so unglaublich viel Charisma besitzt.

Mein Baby.

Und wenn genau das sein Wunsch ist, dann werde ich den schönsten Schokokuchen ohne Sahne für ihn machen, den er sich nur vorstellen kann.

Und den Rest einfach loslassen.

Jadekompendium 05.10.2017, 15.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Chaotenkinder

Die beiden chaotischen Mittelkinder prügeln sich durch den Garten.

Natürlich erst, nachdem sie die letzten 10 Minuten damit verbracht haben, sich über die Regeln zu streiten.

Soweit ich erkennen kann, haben sie sich geeinigt und gehen nun mit vollem Körpereinsatz aufeinander los.
Ich sitze mit dem großen Tochterkind auf der Terrasse und betrachte das Schauspiel.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, liegt neben mir und fiept aufgeregt, wird aber von mir angeranzt, dass er liegenbleiben muss.
Ich weiß nur zu gut, wohin es führen würde, wenn jetzt auch noch 40 Kilogramm Muskeln mit Reißzähnen in das Geschehen eingreifen würden.

Der Kobold hat einen enormen Reichweitenvorteil durch seine langen Gliedmaßen.
Er ist untergewichtig, besteht aber nur aus Muskelmasse.
An Schnelligkeit und Wendigkeit ist er ihr weit überlegen.

Die Kriegerprinzessin ist fast so groß wie er, wiegt aber über 10 Kilogramm mehr.
Sie hat Masse und kann sie einsetzen.

An Kraft sind die beiden sich ebenbürtig.

Er kann Seine zwar besser und gezielter einsetzen, nimmt aber auch immer noch Rücksicht auf die vermeintlich kleine Schwester.
Ich habe selber schon mit ihm gerungen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn er mit voller Kraft dabei ist.
Er ist im Moment zwar noch etwas kleiner als ich, aber da muss ich langsam an den Mann abgeben, weil ich ihm kein guter Trainingspartner mehr bin.

Die Kriegerprinzessin nutzt den Vorteil, den sie durch seine Rücksicht hat, hemmungslos aus.
Ich sehe, wie sie ihn zu Boden gedrückt, ihm die Arme auf den Rücken gedreht hat und verschwitzt und mit völlig zerzausten hüftlangen Haaren lautes Triumphgeheul anstimmt.
Der Hund winselt leise vor sich hin.

Der Kobold keucht und flucht und dreht sich aus ihrer Umklammerung.
Kaum, dass er seine Arme befreit hat, stemmt er sich hoch und steht langsam auf.
Mit ihr auf dem Rücken.
Sie kreischt empört und schlägt von oben auf ihn ein.

"Motte!"
, ermahnt er sie sachte. "Keine Schläge auf Kopf oder Hals!"

Ich grinse.
Regeln sind nun mal Regeln.

Sie schäumt vor Wut, umklammert ihn und lässt sich mit ganzem Gewicht nach hinten fallen.
Beide stürzen zu Boden, beide keuchen auf.
Ein Knäuel aus Gliedmaßen und Haaren rollt über den Rasen und ab und an jault einer der beiden schmerzerfüllt.
Wir haben mal wieder einen Punkt erreicht, an dem keiner der beiden Sturköpfe nachgeben kann.

Das große Tochterkind und ich sind mit unserem Frühstück auf der Terrasse fast fertig und unterhalten uns leise.
"Da heult gleich einer!", stellt sie fachmännisch fest.
Ich nicke.

"So!", rufe ich laut, "Wer räumt mir denn jetzt mal die Geschirrspüle aus?"

Beide drehen den Kopf in meine Richtung.
Sehen sich kurz an und verdrehen die Augen.
"Muss das sein?"

Ich nicke bestimmt.

Beide humpeln murrend ins Badezimmer um sich zu waschen.
Als sie wiederkommen, haben sie sich geeinigt, dass Einer die Unter- und Einer die Oberetage ausräumt.

Die Kriegerprinzessin verkündet lautstark, wieviel Glück der Kobold hätte, dass sie jetzt die Geschirrspüle ausräumen müssten.
Sie hätte sonst bestimmt gewonnen.
Ich lächle milde.
Als sie fertig sind, schmust der Kobold kurz an mir vorbei und flüstert in mein Ohr: "Danke, dass du die Motte gerettet hast. Ich hätte sie ja sonst besiegt. Und dann hätte sie wieder geweint."
Ich muss mir mein Schmunzeln verkneifen und nicke ernsthaft.

Als die beiden lautstark zwei Etagen nach oben turnen, um irgendein neues Projekt zu starten, sieht das große Tochterkind mich grinsend an.

"Du Fuchs!"

Jadekompendium 08.08.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

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