Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Vom Leben und Sterben

Töten verlernt man nicht

Das Töten ist mir nie sonderlich schwer gefallen. Es gehörte Zeit meines Lebens dazu wie das Atmen. Willst du Fleisch essen, musst du vorher ein Tier töten. So einfach war das. Das Töten selber verlernt man auch dann nicht, wenn Jahrzehnte vergehen. Es sind immer die gleichen Handgriffe. Ein sanfter Griff, eine sichere Hand.
Alles zurechtgelegt, damit es niemals hektisch wird. Die Vorbereitung war immer mein Ritual. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug werde ich ruhiger. Wenn ich alle meine Dinge beisammen habe, sind Herzschlag und Atmung vollkommen im Einklang. Alles muss ordentlich sein, alles ruhig. Es geht um Frieden in diesem grausamen Akt. Alles liegt bereit, alles nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.

Ich habe viele Tiere sterben sehen. Und hören. Viele haben grausam geschrieen, wenn sie herausgezogen wurden, an den Hinterbeinen hochgerissen, bis der Tod als Erlösung kam.

Ich war noch sehr sehr klein, als ich mir geschworen habe, dass kein Tier, das jemals durch meine Hand sterben würde, einen solchen Tod erleiden würde.

Und so kam es. 

Ich habe gegenüber meinem Vater und auch meinem Großvater früh eine Grenze gezogen, dass ihre Art des Tötens nicht die Meine sein würde. 
"Einen stillen Tod gibt es nicht, Kind!", sagte mein Großvater streng zu mir, bis er mir das erste Mal zusah. Danach haben wir nie wieder davon gesprochen

Was erst im Laufe meines Erwachsenenlebens hinzukam, ist die überwältigende Ehrfurcht.
Der Moment mit dem Tier zum Zeitpunkt seines Todes.
Die Intimität.
Die Dankbarkeit.
Demut.

[Nachtrag: Interessanterweise war der Anlass für diesen Beitrag, dass ein Tier von seinen Qualen erlöst wurde. Nicht, um es zu essen.]

Jadekompendium 16.07.2018, 18.00 | (3/3) Kommentare (RSS) | PL

Vom Hinterlassen

Wer die Lebenden zurücklässt, sollte etwas von sich hinterlassen.
Das können Traditionen sein oder Erinnerungen von Erlebnissen, von Momenten.
Und für mich von besonderer Bedeutung sind die letzten Worte.

Worte, die ein Mensch bewusst für den Fall seines Sterbens hinterlässt.
Worte an geliebte Menschen. Partner, Kinder, Eltern, Freunde.

Als mein Großvater starb, hatte er solche Worte. Für mich.
Als wir alleine waren, in seinem Zimmer, und der Mann mit den drei Kindern schon rausgegangen war, da bekam ich seinen Segen für mein Leben. Seinen Stolz, seine Anerkennung und seine Liebe. Dankbarkeit für mich.
Dieser Moment war so tief, so bewegend, so rund und seelisch so sättigend, dass ich bis heute davon zehren kann.
Ich bewahre die letzte Begegnung wie einen Schatz in meinem Inneren.
Er wusste, dass er stirbt.
Es gibt dieses letzte Foto, auf dem seine Augen mich direkt anblicken.
Fast blauweiß, wissend, voller Liebe.
Ein Abschied.
Er hat sein Leben gelebt, voller Höhen und Tiefen.
Den Krieg nie vergessen.
Als er anfing zu fallen, konnte er alleine mit Oma nicht mehr leben und im Altenheim war es für ihn grauenhaft.
Also formulierte er, dass er das nicht wollen würde, da würde er lieber sterben, als so zu leben.
Und das tat er dann auch 4 Wochen nach seinem Umzug dorthin.
Im Beisein meiner Großmutter an seinem Bett.

Als die Mutter der Zusatzkinder starb, hatte sie davor zweieinhalb Jahre Erkrankung Zeit, ihre Dinge zu regeln.
Und damit meine ich nicht das Chaos und den Berg von Schulden, den sie ihren Kindern hinterlassen hat.
Das sind äußere Umstände. Die Inneren meine ich.
Das, was aus ihr heraus noch hätte weitergegeben werden können.
Sie hat sich dagegen entschieden.
Als sie im Februar ins Hospiz kam, hatte sie noch Zeit für fatale letzte Worte.
Sie hat zwei Monate an ihrer Grabrede gearbeitet, die so voller Bitterkeit war, dass ich immer noch schlucken muss, wenn ich mich an die Worte erinnere.
Kein Wort hat sich an ihre Kinder gerichtet. Keines.
Sie hat ihnen nichts hinterlassen, nichts geschrieben, sich nicht verabschiedet.
Keine Anweisungen für die Zukunft, keine Wünsche für Hochzeiten, Erwachsenwerden, Kinderkriegen, Meilensteine, kein letztes "Ich liebe euch", nichts.
Diese letzten Worte voller Verbitterung und ungelöster Wut und schwärendem Hass sind das letzte, das ihre Kinder irgendwann einmal von ihr lesen werden.
Wir haben Fotos zusammengesucht, entwickeln lassen, versuchen immer noch, ihre Erinnerung aus Erzählungen lebendig zu halten, aber es gelingt nicht gut.
Es ist, als wäre sie nie dagewesen. Die Kinder suchen im Nichts nach Etwas.
Und so verschwimmen ihre Umrisse immer weiter bis zur Grenze des Fassbaren für ihre Kinder.

Als Uroma starb, da ging dem ganzen Sterben ein rapider Verfall voraus. In Absprache mit dem Arzt hat sie sich für das Sterben entschieden.
Erst mehrere Wochen Medikamentenverweigerung, dann Essensverweigerung, dann Flüssigkeitsverweigerung und dann dauerte es noch einmal lange 6 Tage, die wir hier mit dem Tod verbracht haben, bis ihr Herz das letzte Mal schlug.
Und als es absehbar war, da habe ich mir so sehr noch einen Rat gewünscht.
Etwas, das sie mir mit auf den Weg gibt.
Auch meinetwegen ein Fazit aus ihrem Leben, aber da war nur Platz für die Enttäuschung  und verschmähte Liebe für ihren eigenen Sohn, der das letzte Versprechen gebrochen hat, zu ihrem 90. Geburtstag ein letztes Mal in seinem Leben nach Deutschland zu kommen.
Sie antwortete nicht mehr und alles, was wir hörten, war die Sehnsucht nach dem Tod. "Ich will endlich sterben", war alles, was wir über Wochen hörten.
Zum Schluss noch einmal den Namen meines Vaters.
Es war hart und es war für unser Weiterleben nicht gut.
Wir haben sie begleitet, aber sie hat sich von uns, von mir und vom Leben nicht verabschiedet.
Ihr Herz war schon lange gebrochen, als sie schließlich starb.

Als meine Mutter letzten Monat starb, hatte sie zuvor drei Monate Zeit, sich auf ihren Tod vorzubereiten.
Mein Vater schrieb mir, sie hat nichts hinterlassen außer dem Wunsch, dass ich nicht benachrichtigt werden würde.
Die Erinnerung an sie wird immer die bleiben, die ich so sehr fürchten und hassen gelernt habe.

Mein Vater indes regelt seine letzten Angelegenheiten im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich habe ein umfangreiches Regelwerk zugeschickt bekommen, wie ich die Klospülung in einem fremden Haus in einem fremden Land reparieren kann, wenn er stirbt.
Ich bin die Alleinerbin, ich habe mehrere Seiten Kontaktdaten, Übersetzungshilfen und Anweisungen bekommen, wie nach seinem Tod zu verfahren ist.
Das ist jetzt nicht das, was ich mir gewünscht habe.
Da steht nichts Persönliches, nichts Versöhnliches, kein Gefühl, kein Rückblick, nichts.
Nur ein 247-Punkte-Plan, wie ich mit Wasserleitungen im Winter, der Stromabmeldung und seinen Konserven zu verfahren habe.
Welche Erinnerung soll ich daraus mit mir in mein weiteres Leben tragen? Meine Versuche, meinen Vater als Erwachsene kennen- und verstehen zu lernen und damit auch einen anderen Blickwinkel auf meine eigene Kindheit bekommen zu dürfen, sind allesamt gescheitert.

Ich weiß nicht, wer dieser Mensch war.
Und was ihn bewegt hat.

Auf meinem Computer und dessen Sicherungen befinden sich meine letzten Worte an den Mann und die Kinder, sollte ich plötzlich aus dem Leben gerissen werden.
Ich überarbeite sie alle zeitlang und heule dabei Rotz und Wasser.
Es ist wichtig.
Es ist mir so wichtig, dass er sie lesen kann, wenn es mir nicht mehr möglich sein sollte, sie ihm selber zu sagen.

Und als Konsequenz der Ereignisse der letzten Monate habe ich angefangen, meine Tagebücher zu ordnen und lasse sie drucken.
Sie kommen an unseren sicheren Ort, so dass sie erst nach meinem Tod gelesen werden können.
Mein gesamtes Leben, meine Erlebnisse, meine Beweggründe, meine Gedanken. Mich.

Äußerlich haben wir alles geordnet und geregelt.
Wir haben ein ausführliches Testament, wir haben Vormünder bestimmt, Eventualitäten geregelt, einen Nachlassverwalter für die Kinder, sollten sie noch unter 25 sein.

Aber das werden unsere Kinder nicht im Herzen tragen.
Ein echtes Erbe braucht ein Stück eines Selbst, das man weitergeben kann, wenn man diese Erde verlässt.

Jadekompendium 02.03.2018, 12.00 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

Schall und Rauch

Als ich den Umschlag öffne, steigt mir kalter Zigarettenrauch in die Nase.
Abgestanden.
So wie es bei uns immer roch.
So wie er immer roch.
Entweder nach Bier oder nach Zigaretten.
Ich nehme 20 computerbeschriebene Seiten aus dem Umschlag und fange an zu lesen.
Mit jeder Seite steigt meine Fassungslosigkeit.
Ich setze mich.

"Mama?"

Als ich aufblicke, blicke ich in drei Gesichter, die mich fragend ansehen.
Besorgt.
Ich schüttle den Kopf und stecke die Seiten wieder in den Umschlag.

Später.

Jadekompendium 22.02.2018, 18.00 | (0/0) Kommentare | PL

Rätsel

Er will mir etwas schicken. Und noch mehr schreiben. Der Kontakt zu meinem Vater sprengt an reiner Quantität gerade alles, was wir in den letzten 20 Jahren miteinander kommuniziert haben.
Was will er mir denn schicken? Es war der Wunsch meiner Mutter, dass ich nicht benachrichtigt werde. Drei Monate hatte sie anscheindend den Tod vor Augen und wollte mich ausdrücklich nicht informieren. Was kann jetzt noch kommen? Erbstücke, die liebevoll von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, haben wir nicht. Das würde auch schon am liebevoll scheitern. Post vom Anwalt, damit ich nicht auf meinen Pflichtteil klage? Geschenkt. Unser Anwalt bereitet bereits alles vor, damit ich jedes Erbe wirksam ausschlagen kann. Ich will nichts von ihnen. Versöhnliche Worte? Ein Brief vielleicht? Das innere Kind hüpft ein wenig auf und ab, aber - nein. Das wird es nicht sein. Alles, aber nicht das. Was dann? Eine letzte hasserfüllte Attacke aus dem Grab heraus? Das würde zumindest passen. Ich werde sehen.
Und ich hatte so sehr gehofft, dass sie beide ihren Frieden dort gefunden hätten.
Trotz allem.

Jadekompendium 19.02.2018, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Bis in den Tod

Fassungslos starre ich auf meinen Posteingang. Da. Eine Nachricht von ihm. Ich sperre innerlich mein Kind weg, atme tief durch und klicke auf "öffnen". Ich muss blinzeln, um den Sinn der Worte zu erfassen, die dort stehen. Ja, es ist wahr. Meine Mutter ist gestorben. Nicht plötzlich, nicht überraschend. Sie hatte Zeit. Sie hatte Zeit, sich vorzubereiten. Sie hätte Zeit gehabt... Für... für was? Für eine Versöhnung? Für letzte Worte? Für überhaupt ein Zeichen, dass sie irgendetwas von meinem Schmerz anerkennt? Dass sie nur ein einziges Mal die Verantwortung für den größten Verrat übernimmt, den eine Mutter begehen kann? Ich blinzle Tränen zurück. Das innere Kind spickt über die Mauer. Das soll es nicht.

Ich hatte meinen Vater nicht gefragt, warum er mir nicht Bescheid gesagt hat. Er hat mir zwischen den Zeilen trotzdem geantwortet. Er habe sich bemüht, ihre letzte Wünsche bezüglich der Benachrichtigung über ihren Tod zu erfüllen. Der Geschmack in meinem Mund wird bitter. Hatte ich gehofft? Trotz allem? Auf was? Ich will das nicht.

Hier endet es also.

Die Geschichte ist vorbei.

Jadekompendium 16.02.2018, 12.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Fragen an den Tod

Ich habe es getan. Ich habe meinem Vater eine Mail geschrieben. Mit Fragen, die das ungeliebte Kind in mir wissen will. So sehnsüchtig. Ob ich eine Antwort bekomme?
Ich weiß es nicht.
Auf meine Mails von vor drei Jahren, dass ich mir Kontakt zu ihm wünsche, hat er auch reagiert. Zwar nicht so, wie ich mir das gewünscht habe, aber reagiert hat er. Über die Verachtung im Inhalt schweige ich an dieser Stelle. Vielleicht folgt auch diesmal nur Häme. Vielleicht nur eine nüchterne Information. Vielleicht auch gar nichts.
Ich bin gewappnet.
Und muss so nicht irgendwann bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Jadekompendium 16.02.2018, 08.00 | (0/0) Kommentare | PL

Über sechs Ecken

Ein Anruf am frühen Samstag Abend.
Meine erste Schwiegermutter ist am Apparat.
Ihre Halbschwester hätte sie angerufen.

Ob wir informiert wurden, dass meine Mutter tot ist.

Es hämmert in meinem Kopf.

Sie ist tot. Meine Mutter ist tot.

Ich spüre, wie mein Herz sich weitet.
Ganz leise, ganz groß, ganz hell.

Meine Gedanken sind diffus. Warum? Wann? Wieso?
Sie ist noch viel zu jung zum Sterben.
Ich sehe die verhärmten Gesichtszüge meiner Mutter vor meinem geistigen Auge.
Den Hass, den Ekel und die Verachtung in ihren Augen.
Die Kälte, die in mir so viel zerbrochen hat.
Die Erinnerung wird hinweggeweht.
Einfach so.

Das letzte Mal, das wir sie am Telefon gehört hatten, ist ein halbes Jahr her, als Uroma starb.
Als wir meinen Vater darüber informierten, dass seine Mutter gestorben ist.

Irgendwann Ende Januar sei sie gestorben, höre ich. Das ist nun schon mindestens 14 Tage her.

Ich denke an meinen Vater. Er hat sich anscheinend entschieden, mich nicht zu informieren.
Das ist einerseits völlig nachvollziehbar, auf der anderen Seite.... ein geradezu kindischer Trotz streitet mit meiner Vernunft darum, ob ich ein Recht darauf habe, zu erfahren, ob meine eigene Mutter gestorben ist.

Das ungeliebte Kind fragt sich, ob es in ihren letzten Minuten oder Stunden noch eine Rolle in ihren Gedanken gespielt hat.

War da Sehnsucht?
Oder Reue?

Und würde das Wissen darum irgendetwas ändern?

Jadekompendium 14.02.2018, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Fassungslos

Ich sehe immer noch jeden Tag auf deine Seiten.
Immer und immer wieder.
Es ist 7 Jahre her, dass wir uns voneinander gelöst haben.
Es war unschön. Sehr. Es ist viel passiert.
Das Jahr, das ich mit dir verbracht habe, war eines der intensivsten meines Lebens.
Ich habe dich so sehr geliebt. Vergöttert.
Unendlich begeistert, dass ich tatsächlich einen Gleichen gefunden hatte.
Niemals hätte ich das für möglich gehalten.

Wir haben uns gestützt. Hochgeholfen.
Und wehgetan. So furchtbar weh.
Meine Computerdateien zeugen von diesem Jahr.
Da sind nämlich keine.
Kaum Fotos, keine Blogeinträge, nur der Austausch mit dir. Das war alles, was zählte. Ich habe dir so viel zu verdanken. So.verdammt.viel.
Du warst ein Ausnahmemensch, nicht nur für mich.
Und du hast schwer an deiner Last getragen.

"Ich weiß, dass ich früh sterben werde."

Das ist ein Satz, der mich nie mehr losgelassen hat.
Ich habe ihn abgetan, ich konnte das nicht gut annehmen.
Und du hast ihn wiederholt. Eindringlicher.
 "Ich weiß, dass ich früh sterben werde."
Es war dir bitterernst.
Du hast mir von deinem Mann erzählt, der schon einmal seine Frau gehen lassen musste. Und dass du alles nur Menschenmögliche tun würdest, damit diese Geschichte sich nicht wiederholen würde.

Es ist dir nicht gelungen.

Und es lässt mich fassungslos zurück, wie das Leben so ungerecht sein kann.
Immer wieder.

Die vielleicht bitterste Erkenntnis des Lebens ist, dass nicht alle Geschichten gut enden.
Egal, woran wir glauben.
Egal, wie hart wir kämpfen.

Ich vermisse dich.
Seit 7 Jahren.
Seit fast zwei Monaten.
Schon immer.
Für immer

 Niemand nach dir, habe ich dir damals versprochen und das fällt mir leicht.
Du bist und warst einzigartig.

Jadekompendium 31.10.2017, 15.34 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Der letzte Atemzug

Es ist heute genau 14 Tage her, dass ich wie jeden Morgen in Uromas Zimmer getreten bin und gehorcht habe, ob das "Gute Nacht, Oma, schlaf gut." am Abend zuvor das Letzte gewesen war.

"Einfach einschlafen und sterben!", war immer genau das, was sie wollte.
Und wie jeden Morgen dieser Tage hoffte ich, dass sie es endlich geschafft haben würde.

Heute war der 7. Tag ohne Flüssigkeit.

Sie schnurchte vor sich hin. Wie jeden Morgen.

Ich begann meine Morgenroutine und die Kinder tropften nach und nach ins Erdgeschoss

 "Wie geht es Uroma?", fragten nacheinander 6 Kinder.

- "Unverändert.", war 6 Mal meine Antwort.

Die Tür zu Uromas Zimmer stand inzwischen immer offen, damit wir jede kleinste Äußerung von ihr auch mitbekommen würden.
Den Notfallknopf an ihrem Handgelenk konnte sie schon seit Sonntag nicht mehr drücken, den hatten wir irgendwann abgemacht.

Um 8 Uhr begann es.
Ich hatte schon viel darüber gelesen, konnte mir aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen.

Rasselatmung.

Ich ging hinein und sofort danach entsetzt wieder aus dem Zimmer, weil ich meine eigenen Körperempfindungen kaum unter Kontrolle hatte.
Ich sammelte mich.

Das Geräusch ist kaum zu ertragen. Ich hatte permanent den Drang, mich zu räuspern, zu husten oder einfach nur weit wegzulaufen.
Es war grauenhaft.
Den Kindern ging es ähnlich.
Ich erklärte ihnen, was in Uromas Körper gerade vor sich ging.

Die Kinder räusperten sich permanent und ich sah, wie unwohl den meisten von ihnen war.

Ich erkannte recht schnell, dass sich die Fähigkeit, an Uromas Seite zu bleiben, nach ihrer Empathiefähigkeit sortierte.
Der sensible Kobold, der ohnehin über viel zu viele Spiegelneuronen verfügt, flüchtete panisch aus dem Zimmer und ich hörte ihn auch zwei Stockwerke weiter oben noch krächzen und husten.

Misstrauisch verbrachte er die nächsten Stunden im ersten Obergeschoss und fragte nur noch vom Treppenabsatz aus, ob "Oma noch so komisch atmen würde".

Der egozentrische kleine Tuk dagegen piekte Oma wie immer in die Seite und befühlte Temperatur und Konsistenz ihrer Hände. "Gutn Moaaaagn, Uaoma!". krähte er und für ihn war alles wie immer.

Es war aber nicht wie immer.

Wir begleiteten nun schon seit einer Woche das Sterben.
Der Tod war schon da.
Es würde nur noch Stunden dauern, bis er sie mitnehmen würde.

Wir waren bereit.
Lange Tage schon.
Wir hatten geweint, wir hatten getrauert, geklagt, gebeten.

Meine Tränen waren versiegt.

"Heute ist Freitag, der 4. August, Oma. Morgen wird Papa 70. Morgen."

Sie schlägt die Augen auf. Wie immer, wenn ich von ihrem Sohn redete. Mir tut es weh. Ganz elementar weh. Da ist so viel Hoffnung, so viel Sehnsucht.

"Es geht ihm gut. Er wird aber nicht hierherkommen. Du darfst gehen, Oma. Du darfst ruhig gehen. Hier ist alles in Ordnung."

Ich weiß nicht, ob sie mich hört. Sie hebt die Arme.
Atmet ruckartig ein.
Und nicht wieder aus.
Ich sehe ihre Halsschlagader pochen. Schnell. Endlose Sekunden vergehen.
Dann atmet sie wieder aus. Rasselnd.
Ich muss mich zusammenreißen, um das zu ertragen.

Der Arzt ruft wieder an.
Wie jeden Tag der vergangenen Woche.
Er erkundigt sich nach ihr, fragt, ob wir ihn brauchen, ob er etwas tun kann.
Ich verneine und schildere kurz ihre Symptome.
"Sie halten sich gut.", sagt er noch zum Abschied.

Am späten Vormittg wird Oma unruhig.

Die Atmung wird unregelmäßiger und ich hole die Kinder alle wieder runter.
Dem Mann schicke ich eine Nachricht und er packt auf der Arbeit zusammen und kommt nach Hause.

"Uroma stirbt jetzt bald.", sage ich und die Kinder stehen alle an ihrem Bett.
Ich erkläre ein weiteres Mal, dass wir nicht wissen, welcher Teil des Körpers zuerst aufhören wird zu funktionieren.
Vielleicht die Atmung.
Vielleicht auch das Herz.
Wir wissen es nicht.
Die Rasselatmung wird deutlich leiser.

Stattdessen schnappt Oma nur noch sachte nach Luft und atmet dann wieder aus.

Das Herz galoppiert an ihrem Hals wie verrückt.

Die Kinder fragen noch einmal nach, ob sie Schmerzen haben könnte, das ist ihnen das Wichtigste zu wissen.
Ich verneine.

Zeige noch einmal auf die hochdosierten Fentanyl-Pflaster auf Omas Arm, erkläre, dass sie heute Morgen erst wieder ganz viel Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat und dass sie überhaupt keine Schmerzen hat.

Ich kann nur zu Gott beten, dass das auch stimmt.

Es ist 11 Uhr.
Der Mann ist endlich da.

Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich
Das große Zusatzkind weint.
Ganz schrecklich.
Ich weiß, dass sie hier gerade heilt.
Sie, die letztes Jahr von ihrer sterbenden Mutter weggehalten wurde und nun das erste Mal in ihrem Leben dem Tod in die Augen sehen darf.

Der Kobold flüstert leise: "Gute Reise, Uroma!"

Das Mottenkind bittet mich, die Fenster weit aufzumachen, damit Uromas Seele gut in den Himmel aufsteigen kann.
Ich erfülle ihr diesen Wunsch.
Wir öffnen im gesamten Erdgeschoss die Fenster und Türen.
Frische Luft weht durch das Zimmer und für einen Moment ist es ganz still.

"Tschüss, Uaomma!", kräht der kleine Tuk und streichelt ihre Hand.

Das große Zusatzkind ist erschöpft und möchte sich einen Moment zurückziehen.
Ich nicke und lächle ihr zu.
"Es ist alles gut.", flüstere ich. Sie nickt.

Die anderen Kinder ziehen sich ebenfalls stumm aus dem Zimmer zurück.
Leise gehen sie nach oben.

Nur das große Tochterkind bleibt dicht an meiner Seite.
Sie hat bislang nichts gesagt.
Keinen Ton.
Der Mann, sie und ich sitzen, stehen an Omas Seite.
Es ist gleich viertel nach 11 Uhr.

Omas Atmung setzt aus.
Wir beobachten die Halsschlagader.
Sie pulsiert.
Langsamer.
Nach einer Minute wieder Atmung.
Mir laufen die Tränen über das Gesicht.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann das alles nicht mehr ertragen.

"Wir sind hier, Oma. Wir sind hier bei dir. Es ist alles gut."
Mit letzter Kraft verlassen die Worte meinen Mund.

"Du darfst gehen, Oma.", sagt der Mann leise. "Machs gut!"

Die Atmung setzt wieder aus. Ich warte. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt.

Das Tochterkind weint leise. "Gute Reise, Uroma."

Wir blicken auf die pulsierende Halsschlagader.

Noch ein Herzschlag.

Noch einer.

Ruhe.

Ich schlinge die Arme um meine Tochter. Wir alle weinen.

Ein kräftiger Windstoß weht durch das Zimmer und die Bäume vor dem Haus rascheln.

Gute Reise, Oma.

Jadekompendium 18.08.2017, 11.00 | (2/1) Kommentare (RSS) | PL

Einäscherung mal anders

"Was meinsu mit: Der Gestatter nimmt Uroma gleich mit, Mami?"

Der närrische kleine Tuk steht wie ein Häufchen Elend vor mir und sieht mich entsetzt an.

Ich bin verwirrt.
"Der Bestatter kommt gleich mit starken Männern und dann packen sie Uroma ein und nehmen sie mit zum Krematorium.
Uroma muss ja auch beerdigt werden. Wir können sie nicht noch länger hierbehalten."


Ich sehe Unverständnis auf seinem Gesicht und merke, dass ich den Kernpunkt seiner Frage anscheinend nicht begriffen habe.

"Aber... Aber..!" Tränen stehen in seinen Augen.

"Butzemann. Was ist denn los?"

"Aber Uroma will doch verbrannt werden!", bricht es aus ihm heraus. Er schluchzt.

Ich sehe ihn verständnislos an.

"Ja. Deswegen kommt ja auch der Bestatter. Im Krematorium kann Uroma dann verbrannt werden."

Er wirft sich verzweifelt in meine Arme und weint.

"Aber... Ich dachte, das könnten wir hier im Garten machen!"

Jadekompendium 10.08.2017, 12.00 | (3/0) Kommentare (RSS) | PL

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